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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Schubladen sind eigentlich wunderbar. Ich brauche ein Messer? Obere Schublade rechts. Mir fehlt ein Handtuch- mittlere Schublade links. Ein paar Schubladen, und schon ordnet sich das Chaos in der Wohnung.
Es ist verlockend, die Menschen um mich auch so einzuordnen, zu sortieren. Da sehe ich doch sofort: Wie der gekleidet ist- aha, der legt wohl Wert aufs Äußere. Und die Frau, die in der S-Bahn ohne Punkt und Komma redet - sie gehört in die Schublade: niemand hört mir zu. Einmal sortiert, und dann weiß ich doch besser, wie ich mit den Menschen um mich herum umgehen kann.
Oder auch nicht. Leider bin ich damit, mit solchem Schubladendenken, schon mehr als einmal auf die Nase gefallen. Da war diese Verkäuferin, ich dachte gleich: wie ein Feldwebel, echt zackig. Freundlich sein schien nicht ihr Ding. Dann aber kam ganz was anderes raus. So hart zu sein mache ihr viel aus, hat sie mir irgendwann erzählt. Eigentlich sie sei ganz anders - aber Mobbing und Stress haben sie so werden lassen, aus reinem Selbstschutz. Oder ein Schüler von mir. Immer war er schüchtern. Hat immer zum Fenster rausgeschaut, man konnte ihn ansprechen und er war ganz weit weg. „Ja, was, ich?"  Verträumter Blick, den Kopf auf die Arme gestützt. Bekommt einfach nichts mit. Tja, aber bei der Gruppenarbeit war er der Einzige, der alles mitbekommen hat und Ideen einbrachte, an die ich nicht im Traum gedacht habe. Der musste wohl auch beim Träumen echt mitgedacht haben.
Vorsicht mit den Schubladen! Hab ich mir da gesagt. Ich will ja auch nicht in einer Schublade landen, in die ich vielleicht gar nicht oder nur zum Teil gehöre. Schließlich haben wir alle viele Seiten, und vor allem recht viele, die eher versteckt sind.
Deswegen -  so ganz werden wir einander wohl nie gerecht. Vielleicht verstellen wir uns mit unseren Schubladen immer ein bisschen die Sicht auf einander. Mich macht es glücklich zu wissen:  Egal, was Menschen von mir denken- Gott sieht mich, wie ich bin. Oder mit den Worten der Bibel: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.

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