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SWR4 Abendgedanken

In der Hochschulgemeinde, in der ich arbeite, ist ein Kommen und Gehen. An einem meiner ersten Arbeitstage habe ich einen Studenten beobachtet, der sich voll beladen die Treppe hochquält - und dann im Vorübergehen sein Zelt in der Hauskapelle ablegt. Ich bin doch ziemlich irritiert. Eigentlich hat  da ein verpacktes Zelt nichts zu suchen. Ich gucke um die Ecke und fast trifft mich der Schlag: in der Kapelle steht ein Wäscheständer mit Wäsche drauf, und ein Bügelbrett, außerdem ein Regal mit allem Möglichen, von Gesangbüchern bis hin zu Blumentöpfen. Die Kapelle sieht aus wie ein Abstellraum. Ärger steigt in mir hoch, aber zum Glück bremse ich mich. Denn in den letzten Wochen gab es keine Leitung im Haus und da haben die Studenten den Raum als den einzigen Raum im Haus entdeckt, der nicht voll ist. Hier ist Platz - für die Dinge, die nicht ins eigene Zimmer passen und für die Dinge, die im Weg stehen und hinderlich sind - wie das Zelt zum Beispiel. Die Botschaft, die bei mir ankam war klar: in der Kapelle kannst du abladen!
Eigentlich eine starke Botschaft, denke ich und muss schmunzeln, denn in gewisser Weise geht es mir ganz ähnlich: Manchmal setze ich mich in eine Kirche oder Kapelle - und lade ab: meine Unruhe, wenn ich mit der Arbeit nicht nachkomme, meine Fragen, die Dinge, die ich nicht verstehe, und auch meine Dankbarkeit, für mein Leben, meine Familie, für viele kleine und große Sachen. So wie ich, machen es viele Menschen. Sie finden in Kirchen und Kapellen Platz zum Abladen und oft sehe ich dort abends noch Kerzen brennen, die während des Tages angezündet wurden - vielleicht als Zeichen für eine zurück gelassene Sorge, oder ein Gebet, für das im Alltag kein Platz war. Mittlerweile gibt es auch in unserer Hauskapelle in der Hochschulgemeinde wieder Platz: Wäscheständer und Bügeleisen mussten ebenso weichen wie das Regal und einige andere Dinge. Jetzt kommt das große Relief an der Wand wieder voll zur Geltung: es zeigt Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl. Alle sind eng miteinander verbunden und doch blickt Jesus den Betrachter aufmerksam und offen an. Mir wird klar: Jesus teilt Brot und Wein nicht nur mit seinen Jüngern. An seiner Seite ist Platz - auch für mich, mit meinem Leben.

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