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SWR4 Abendgedanken

Im Büro meines Bruders hängt ein faszinierendes Poster. Es zeigt den Planeten Saturn. Mit  seinen ausgeprägten Ringen erstrahlt er ganz plastisch vor dem nachtschwarzen Universum. Ich bin beeindruckt. Aber, sagt mein Bruder, das Besondere ist gar nicht der Planet Saturn. Ich schaue genauer hin. Dann entdecke ich einen winzigen hellen Fleck im Hintergrund: die Erde. Nicht größer als ein Sandkorn. Die blühenden Blumen und lachenden Kinder, alle unbeschreibliche Vielfalt an Menschen und Ländern, das ganze bunte Leben hier - nur ein winziger heller Fleck? Irgendwo in diesem riesigen Weltall? Da dreht sich unsere Erde und manchmal frage ich mich, ob der, der sie angedreht hat, von weit weg zuschaut oder ob er wirklich nahe und erfahrbar ist. Heute feiern viele katholische Christen das Fest Maria Lichtmess. Da wird eine Geschichte erzählt, bei der Gott ganz nah ist. Der alte Priester Simeon kommt in den Tempel. Er trifft auf Maria und Josef. Sie bringen ihr 40 Tage altes Baby zu ihm. Ein üblicher Brauch. Das Kind soll im Tempel gesegnet werden. Und jetzt hält es der alte Simeon in seinen Armen. Und spürt dann, auf was er sein ganzes Leben lang gewartet hat: innere Ruhe und Frieden. "Gott, meine Augen haben das Heil gesehen", bricht es aus ihm heraus.Simeon hat viel Großartiges in seinem Leben erlebt: Er hat die heiligen Schrift studiert, hat den pompösen Tempel des Herodes gesehen, und auch den unendlich tiefen Sternenhimmel in den Bergen Jerusalems. Aber jetzt rührt ihn dieses Kind an, tiefer als alles andere. Und so wie dem Simeon ging es noch vielen anderen, die Jesus begegnet sind: den Jüngern, die er anspricht, den Kranken, zu denen er geht, und schließlich dem Verurteilten am Kreuz, dessen Schicksal er teilt. Alle begegnen in diesem Menschen Jesus Gott. Für mich ist das die eigentliche Größe Gottes: menschliche Wege zu suchen und zu finden, um uns zu begegnen und nahe zu sein. An dieser Hoffnung möchte auch ich festhalten: selbst wenn unsere Erde in dem riesigen Universum aussehen mag wie ein winziges Sandkorn - Gott hält sich nicht raus. Er sucht unsere Nähe, teilt unsere Sorgen und teilt unsere Freude. Ganz sicher auch, wenn er Lichtjahre entfernt scheint.

 

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