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SWR2 Wort zum Tag

„Wirklicher Dialog hängt nicht davon ab, was ich zu sagen habe, noch davon, was der andere zu sagen hat. Dialog hängt davon ab, was sich zwischen uns ereignet. Das weiß ich weder im Voraus, noch kann ich darüber verfügen." Diese Sätze habe ich mir notiert bei einem Symposion zum Interreligiösen Dialog, an dem ich kürzlich im indischen Goa teilnehmen konnte. Die Referentin, eine italienische Psychologin, hatte ihrem Vortrag den Titel gegeben: „Der dialogische Dialog". Zunächst war ich skeptisch. Das klang für mich wie: „Schön, dass wir darüber gesprochen haben" - miteinander sprechen um seiner selbst willen. Ich spreche lieber über Inhalte und lege Wert darauf, dass ein Gespräch ergebnisorientiert ist. Aber einen Dialog zu führen heißt nicht in erster Linie, dass ich über etwas spreche, sondern dass ich mich auf das Du einlasse. Dialog ist eine Haltung: hören wollen, anerkennen, was der Andere denkt und fühlt. Offen sein für seine Welt, die ich erst kennen lerne, wenn ich mich für ihn öffne und er sich für mich. Auch offen sein dafür, was in einem solchen Dialog zwischen uns entstehen kann - Neues und Unerwartetes. Geht es mir nicht manchmal so, dass ich dann sage - positiv überrascht: Das hätte ich jetzt nicht erwartet? Und dass ich spüre, in mir selbst hat sich etwas verändert? Und vielleicht geht es meinem Gegenüber ebenso mit mir - ich hoffe es jedenfalls. Leicht ist das nicht. Wie oft gehe ich mit vorgefassten Meinungen in ein Gespräch. Wie oft geht es nur darum, die eigene Position zu verteidigen und recht zu behalten. Wie oft beanspruche ich, die Wahrheit auf meiner Seite zu haben - und dabei geht es vielleicht nur um Macht, darum, mich selbst zu behaupten. Das ist in persönlichen Beziehungen so, auch im politischen Geschehen. Ebenso im Gespräch zwischen den Religionen, dem das Symposion in Goa gewidmet war. Ich sehe das auch bei dem Dialogprozess, um den sich die Katholische Kirche zurzeit bemüht. Ein Austausch von Positionen, ein Beharren auf Positionen. Ist das Dialog? Und bewegt, verändert sich so irgendetwas? Die eigene Position ist wie eine Insel. Sie ist begrenzt, aber auch überschaubar und vertraut. Sie gibt mir Sicherheit. Am Rand der Insel aber beginnt der Ozean. Wenn ich meine Insel verlasse, wenn ich mich auf einen wirklichen Dialog einlasse, dann wird alles unsicher und voller Überraschungen. Es bedarf innerer Freiheit, um die Inseln zu verlassen und mich dem unüberschaubaren Ozean auszusetzen. Aber kann es nicht sein, dass mich dies erst weit und frei macht? Dass ich mich verändere und ebenso das Du? Dass Begegnungen möglich werden? Es lohnt sich, sich darauf einzulassen - auf einen „dialogischen Dialog".

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