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SWR2 Wort zum Tag

Vor kurzem haben wir Weihnachten gefeiert. Gott ist Mensch geworden. Unfassbar ist das, auch wenn es uns seit langem vertraut erscheint. Ich habe diese Weihnachten auch mit Gedanken und Erfahrungen erlebt, die ich von einer Konferenz zum interreligiösen Dialog mitgebracht habe, an der ich Anfang Dezember im indischen Goa teilnehmen konnte. Was bedeutet Menschwerdung Gottes - nicht irgendwann einmal in vergangener Geschichte, sondern heute? Diese Frage bewegt mich. Bei der Konferenz stellte der deutsche Pfarrer Klaus Beurle, der lange in Bangladesh gewirkt hat, den bengalischen Mystiker und Wanderprediger Lalon Shah vor. Lalon Shah hat im 19. Jahrhundert gelebt, war selbst ein Hindu. Er sprach in einer neuen, die Religionen übergreifenden Sprache vom Göttlichen - mit Hindus ebenso wie mit Muslimen. Hat er auch Christen etwas zu sagen? Eine wichtige Metapher in Lalon Shahs Mystik ist der „Mensch des Herzens". Manchmal spricht er auch vom „goldenen Menschen" oder vom „unbekannten Nachbarn". Was ist gemeint? Im Menschen, in jedem Menschen, sagt Lalon Shah, ist das Göttliche selbst gegenwärtig - und zugleich verborgen und unerkannt. Wenn dies aber so ist, dann können soziale Ungleichheiten und gesellschaftliche Diskriminierungen für ihn nicht mehr hingenommen werden. Der Mystiker betont dies im Hinblick auf das indische Kastenwesen. Aber gilt das nicht über alle kulturellen und religiösen Grenzen hinweg? Könnte der „Mensch des Herzens", der „unbekannte Nachbar", nicht der unerkannte Christus sein, von dem auch das Evangelium spricht? Im Menschen, in jedem Menschen, ist der Mensch gewordene Gott gegenwärtig, sagt die Bibel. Und besonders in den Menschen, die hungrig und durstig sind, in den Heimatlosen und Gefangenen, in denen, die nackt, ihrer Würde und ihrer Rechte beraubt sind - in ihnen begegnet uns Jesus Christus. Was wir ihnen Gutes tun oder verweigern, das tun oder verweigern wir Jesus Christus selbst. Jeder von ihnen ist der „Mensch des Herzens" und der „unbekannte Nachbar", von dem der Hindu Lalon Shah spricht. Der christliche Glaube erkennt in ihnen den unerkannten Christus. Was lässt sich Größeres über die Würde des Menschen sagen? Und was könnte uns - über die Grenzen der Religionen hinweg - tiefer mit einander verbinden?

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