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SWR2 Wort zum Tag

Es war eine lange Reise gewesen, an deren Ende er jetzt stand. Sie hatte den Wanderer um ganz Deutschland herumgeführt. Am Rhein war er aufgebrochen, um dann, den Grenzen folgend, 3500 Kilometer hinter sich zu bringen.
Er hatte fast vergessene Gegenden durchstreift, war auf skurrile Typen getroffen, und hatte seine eigene Heimat fremd und entdeckenswert gefunden.
Am Ende seiner Reise steht der Schriftsteller Wolfgang Büscher wieder am Rhein und hört das Wasser ans Ufer schwappen. Als letzten Eindruck notiert er in sein Buch „Deutschland, eine Reise": „Nur der Mond auf dem Fluss. Meine Augen brannten. Ich beugte mich über das Wasser und steckte den Kopf hinein, und als ich ihn wieder herauszog, war mir, als sei ich weit weg gewesen, und alles, was sich zugetragen hatte, war in einer Sekunde geschehen."
Ein eigenartiges Gefühl, das ich auch kenne. Wie viele Vorbereitungen erfordern so eine Reise! Wie viel Vorfreude ist mit ihr verbunden, sicher auch manches klamme Gefühl, weil man nicht weiß, was unterwegs passiert. Aber dann, im Rückblick, wenn es vorbei und das Ziel erreicht ist, sieht alles so aus, als wäre es in einer Sekunde geschehen.
So ähnlich geht es mir, wenn ich das zu Ende gehende Jahr anschaue. Wie schnell ist die Zeit verflossen! Vieles ist passiert, auch vieles, was nicht zu erwarten war. Im Beruf hat sich eine gravierende Änderung ergeben. Die Familie hat Zuwachs bekommen. Die Sommertage auf einer Nordseeinsel haben unvergessene Bilder hinterlassen.
Und jetzt, im Rückblick, verdichtet sich das alles wie in einem einzigen Augenblick.
„Wir gehen dahin und wandern von einem Jahr zum anderen", heißt es in einem Lied zur Jahreswende. Ja, auch mein eigenes Leben im zurückliegenden Jahr ist eine Wanderschaft gewesen. Und ist es wert, einmal zurückzuschauen, wer meine Begleiter gewesen sind, die die eine oder andere Wegstrecke mit mir zurückgelegt haben. Was ich ihnen zu verdanken habe an guten Worten, an Aufmunterung und Ermutigung. Wer waren die Engel am Weg, die mir eine Hand reichten oder meine Schritte bewachten, wenn es schwierig wurde?
Auch wenn mir im Rückblick alles unglaublich schnell vergangen zu sein scheint: den Dank an meine stillen Begleiter möchte ich festhalten. Ihre Anwesenheit war der Proviant, der mich dorthin kommen ließ, wo ich jetzt bin. Und den ich künftig brauchen werde, wenn die weiteren Schritte gelingen sollen.

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