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SWR4 Sonntagsgedanken

Erika Schulze, von der ich Ihnen heute erzählen möchte, lebte ziemlich isoliert. Sie wurde zunehmend hilflos in ihrer Wohnung, in der sie alleine war. Ihren Beruf als Altenpflegerin musste sie aufgeben. Schließlich ist sie in das Wohnheim der diakonischen Werkstätten gekommen. Und dort sind Fröhlichkeit und Selbstbewusstsein langsam zurück gekehrt. Bald wurde Frau Schulze Mitglied im Heimbeirat. In der Wohngemeinschaft, die sie mit drei Mitbewohnerinnen teilt, kann sie auch ihre Freizeit weitgehend selbständig gestalten.
Ihr Tagesablauf ist überschaubar gegliedert - und das ist eine große Hilfe für sie: Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker. Erika Schulze steht auf. Ein neuer Arbeitstag beginnt. Sie arbeitet in einer Hauswirtschaftsgruppe der Diakonie. An einer Bäckerei und an einer Gärtnerei muss sie vorbei, ehe sie ihren Arbeitsplatz erreicht, die Kantine für viele Werkstätten. Hier arbeiten Menschen mit einer körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigung. Und Erika Schulze hilft in der Kantine bei der Austeilung von Frühstück und Mittagessen.
In den Werkstätten der Diakonie samt Kantine werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefördert und weitergebildet. Dadurch können sie das bewältigen, was es an Aufgaben gibt. Förderung gibt es auch von außen: Die diakonischen Werkstätten haben Aufträge von Firmen und öffentlichen Einrichtungen, zum Beispiel für die Bäckerei, die Gärtnerei und die Landschaftspflege. So können manchmal auch die eine oder der andere in den regulären Arbeitsmarkt vermittelt werden. Und jede und jeder ist sozialversicherungspflichtig - und hat später Anspruch auf eine Rente. Das heißt: Erika Schulze wird nicht alleingelassen. Sie kann nach Kräften ihr Leben eigenverantwortlich gestalten und erhält dabei Unterstützung und Zuwendung.
So bleibt dann sogar Kraft für Träume. Für Erika Schulze hat sich so ein Traum erfüllt. Sie hat sich verlobt mit einem Mitarbeiter der Gärtnerei. Sie haben sich im Kirchenchor kennengelernt. Beide werden demnächst eine kleine Wohnung beziehen. Und sie wollen sich gegenseitig unterstützen, um den Alltag zu bewältigen. Ihre Freude ist groß, und sie beflügelt die beiden für den Alltag. Wer mehr Freude am Leben hat, der tut sich leichter. Und auch die mit den großen und kleinen Schwächen können dann oft mehr, als sie selber für möglich halten.
Es versteht sich in unserem Land von selbst, dass die Menschenwürde unantastbar ist, wie es das Grundgesetz sagt. Das heißt auch: Wo Menschen nicht so können, wie sie wollen, hilft die Solidargemeinschaft. Es ist ja auch biblischer Grundsatz, dass die Starken die Schwachen schützen und stützen.

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig". So wird in der Bibel beschrieben, was geschieht, wenn Gott selbst den Menschen nahe kommt. An Jesus kann man sehen, wie das ist. Er ist in aller Schwachheit in diese Welt gekommen. An Weihnachten haben wir wieder davon erzählt, von der armseligen Geburt unter lauter Menschen, die schwach waren und Hilfe brauchten. Dort ist Gott Mensch geworden, damit wir menschlich werden. Er will bei denen sein, die schwach sind. Das ist das Gegenteil von dem, was Menschen in dieser Welt erwarten. Auch die Jünger Jesu haben das häufig nicht verstanden. Seine Nachfolger wollten lieber in den Himmel. Aber Jesus zieht sie auf die Erde. Hier ist Euer Ort, sagt er ihnen und uns. Weil Glaube und Liebe zusammengehören.
Daher gibt es heute diese wunderbaren Dienste und Werkstätten von Caritas und Diakonie und vielen anderen. Eben um sich Menschen zuzuwenden, die besondere Begleitung brauchen. Das kostet Zeit, Kraft und Geld. Viel berufliche Erfahrung und Einsatzfreude. Und vor allem Mitleidenschaft darf nicht fehlen. Der Glaube muss ja mit Lust und Liebe an's Werk gehen. So sagt es Martin Luther, der große Reformator. Und er fügt hinzu: Das Lastentragen füreinander ist Arbeit an der Welt, wie Gott sie haben will. Damit auch die Schwachen auf Gott vertrauen können, brauchen sie Helferinnen und Helfer, die ihnen seine Nähe und Begleitung erfahrbar machen.
Ich bin davon überzeugt, dass jede und jeder von uns dazu etwas tun kann - nicht nur beruflich, sondern auch im ehrenamtlichen Einsatz. Dass wir an unserem Ort aufspüren, wo wir Menschen in Not beistehen können. Wenn Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist, dann reicht es nicht, dass wir es sagen oder schreiben oder predigen. Dann muss es durch uns auf die Erde - und es muss in unsere Herzen. Ich bin sicher, dies verändert unsere Welt.
Herz und Mund und Tat und Leben muss von Christus Zeugnis geben. So hat es Johann Sebastian Bach in einem seiner Choräle besungen. Dass wir aufspüren, was unser Zusammenleben zusammenhält. Dass die Liebe nicht untergeht. Dass Leben gelingt und keine und keiner verlorengeht. Erika Schulze kann auch ein Lied davon singen - hoffnungsvoll und selbstbewusst. Liebe ist vielleicht nicht alles, aber ohne Liebe ist alles nichts. So beschreibt die Bibel die großartige Chance unseres Lebens: „Gottes Kraft - in den Schwachen mächtig". Diese Aussicht gibt Menschen wie Erika Schulze Mut und Hoffnung - sie kann auch Ihnen und mir Lebenskraft geben. Denn schwach und hilfebedürftig wird jeder einmal. Aber dann ist Gott nahe und gibt neue Kraft.

Ich wünsche Ihnen ein liebevolles und hoffnungsvolles Jahr 2012.

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