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SWR2 Wort zum Tag

Der Prophet Johannes, auch genannt „der Täufer", ist ein engagierter, bisweilen auch zorniger Rufer in der Wüste. Ein Einsiedler mit einfachem Lebensstil. Ein unbequemer Kritiker - vor allem bei den Themen, über die man gewöhnlich nicht gerne spricht: zum Beispiel dem Umgang mit Geld, das einem gar nicht gehört.
Der Evangelist Lukas erzählt davon, dass einige Zöllner zu Johannes, dem Einsiedler, gekommen seien - wohl um sich taufen zu lassen. Das heißt: sie waren bereits auf dem Weg der Umkehr; sie wollten ihr Leben ändern. Doch Johannes hängt die Latte ziemlich hoch: „Fordert von den Leuten nicht mehr als das, was recht ist zu fordern!", ruft er ihnen zu. Also in heutigem Deutsch: „Bereichert euch nicht am Geld anderer!"
Die Zolleinnehmer zu Zeiten des Johannes handelten im Auftrag des Imperium Romanum. Sie hatten allerhand Steuern und Zölle einzutreiben. Ihren Verdienst haben sie dabei selbst ermessen, indem sie einfach noch aufschlugen, was ihnen gebührlich erschien. Mag es den Beruf der Zöllner in dieser Form heute nicht mehr geben - und heutige Zollbeamte mögen es nachsehen, dass die biblischen Erzählungen dieses schlechte Image widerspiegeln - eines bleibt für mich aktuell: der Umgang mit dem Geld.
Die Verführung, sich einfach und schnell zu bereichern und in die eigene Tasche zu wirtschaften, was und wo immer es sich anbietet, sitzt tief im menschlichen Herzen. Daran hat sich seit Johannes wenig geändert. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der man niemanden persönlich über den Tisch zieht, wenn man es mit dem Geld anderer nicht so eng sieht, nimmt die Verführungskraft des Geldes eher zu. Bestimmen anonyme Strukturen, zum Beispiel Grauzonen in der Steuergesetzgebung den Umgang mit dem Geld, erhält die Selbstbereicherung sogar fast noch den Anstrich besonderer Raffinesse. Sind es „nur" gesichtslose Organisationen wie Versicherungsunternehmen, die zu den Geschädigten gehören, gilt die egoistische Orientierung am Eigennutz fast als Kavaliersdelikt. Doch das Gemeinwohl nimmt daran Schaden. Das gilt auch für Devisen wie „griechify your life", die inzwischen zu Titeln von Büchern avancieren, die darüber informieren, wie man gut auf Kosten anderer lebt.
Geld hat längst eine magische Macht über die Herzen der Menschen. Es wird nicht mehr als Medium verstanden, in dem der Wert einer Sache oder einer Leistung zum Ausdruck gebracht wird. Es ist selbst Objekt der Begierde geworden, weil es scheinbar die Türen zu allem öffnet. In Wahrheit zerstört und vergiftet es Gemeinschaft. Das ist es, was Johannes im Visier hat.

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