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SWR2 Wort zum Tag

Leibfeindlichkeit ist ja ein Standardvorwurf, den man dem Christentum macht. Da ist was dran. „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Pflegt nicht das Fleisch zur Erregung eurer Lüste."  Wer Paulus und Augustinus folgt, der kommt nicht auf die Idee, das Fleisch,  den Körper, für etwas Gutes zu halten.
Auf der anderen Seite: Luther. Der hat zumindest schon einmal darauf hingewiesen, dass Gott uns mit Leib und Seele geschaffen hat. Dass wir nicht als Gespenster herumlaufen, Leibfrei, sondern dass wir Hände und Füße, Augen und Ohren haben, einen Körper.
Mit 16 Jahren hielt ich es eindeutig mehr mit Paulus und Augustinus. Da war ich wirklich leibfeindlich. Und wenn ich eines in der Schulzeit gehasst habe, dann war das die Sportstunde: der muffige Geruch in der Umkleidekabine, das Gemisch aus Schweiß, Staub und Gummimatten. Die Übungen am Stufenbarren, wo man immer Gefahr lief, mit dem Rückgrat auf den unteren Holm zu schlagen. Oder der Besuch im Schwimmbad morgens um acht, eiskalt das Wasser damals noch. Alles eine Qual. Warum das Ganze? Wie froh war ich, als ich keinem Stundenplan mehr folgen musste, der mich zu zwei Stunden Sport in Chlorgeruch und Kälte verdammte.
Wenn ich eines lieben gelernt habe im Laufe der Jahre, dann den Sport. Das Schwimmen im Sommer und das Laufen, das Fahrradfahren, das Hantelschwingen und den Muskelkater danach. Je älter ich wurde, das begann so ab Mitte dreißig, sah ich den Sport nicht mehr als eine Beschäftigung für Menschen, die sonst nichts zu tun haben. Ich sah ihn mehr als etwas, wofür man dankbar sein kann. Eine wunderbare Art, sich selbst zu spüren, zu fühlen, dass man lebt.  Ein Segen, wenn der Körper tut, was wir gerade von ihm wollen, dass er es tut. Aber dazu sollte man ihn auch als einen Segen betrachten, dankbar sein und ihn gut behandeln.
Leibfeindlich erscheint von daher eher, wer seinen Leib behandelt, als ob er sich nur an ihm rächen müssten: mit zu viel Essen und Rumsitzen. Und das Leben behandelt als etwas Unangenehmes, über das man nur durch Rauchen und Trinken hinwegkommen kann.
Wir leben nun mal mit ihm, unserem Leib. Vom ersten bis zum letzten Atemzug. Wir leben in ihm und können uns nicht von unserem Leib trennen. Wir können uns nicht mal denken ohne ihn. Seien Sie also ihrem Körper nicht gram. Und pflegen Sie ihn, so gut es geht und so lange es geht. Der Leib ist nicht alles, aber ohne ihn sind wir nichts.

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