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SWR2 Wort zum Tag

Nachts ist der Mensch nicht gern alleine. Am Tag geht es, da ist es hell, da ist Betrieb, da gibt es Ablenkung. Aber wenn es dann Abend wird, wenn es dämmert und immer ruhiger draußen wird, fühlt es sich besser an, wenn man weiß: da ist noch jemand in der Nähe, dem ich vertrauen kann. Da ist einer, an den zu denken mir schon gut tut.
„Nun geht der Tag zu Ende, schon schweigen die vier Wände, zum Schatten wird der Baum. Lass in die Nacht uns münden/Und Herz zum Herzen finden/Auf blassen Segeln schwimmt ein Traum."
Ein Großstadtgedicht, wie viele von Mascha Kaleko. Bei ihr ruhen nicht die Wälder und Felder, bei ihr schweigen die vier Wände. Wer in der Stadt wohnt, weiß, wie das ist: am Abend durch die Hektik und den Verkehrslärm nachhause zu  kommen. Die Tür hinter sich schließen. Noch ein Blick aus dem Fenster auf den kahlen Baum vor dem Haus. Im Dunkel kann man ihn kaum noch erkennen, nur ein Schatten ist von ihm übrig geblieben. Endlich Ruhe. Das könnte gut tun, aber nur Ruhe, nur vier schweigende Wände, da fehlt etwas. Ein Mensch, mit dem man reden oder an den man wenigstens denken kann, ganz egal, wo er jetzt ist. Einer, von dem man träumen kann.
Und so heißt die zweite Strophe: „Nun spür ich deine Nähe/Dass dir kein Arg geschehe/so schlicht sei mein Gebet. Die schwarzen Nachtgedanken./Sie welkten schon, versanken,/von deinen Händen fortgeweht." Wer jemanden in seinem Leben hat, den er liebt, der betet für ihn. „Bleib noch eine Weile am Leben, bleib gesund, bleib mir erhalten. Möge dir nichts zustoßen, was dir wehtut, was dich verletzt." Es ist diese Nähe, in Wirklichkeit und in Gedanken, die uns die Nacht erträglich macht. Und die uns dabei hilft, alles Düstere in unseren eigenen Gedanken für eine Weile auf Abstand zu bringen. Angst, Sorgen, Grübeln. „Die schwarzen Nachtgedanken./Sie welkten schon, versanken,/von deinen Händen fortgeweht."
Zu spüren, dass da eine Hand ist, nach der man im Dunkeln greifen kann, zu spüren, dass da ein Mensch ist, dem man vertrauen kann, das lässt alle düsteren Nachtgedanken verschwinden.
Man kann das schöne Gedicht auch singen. Auf die Melodie des alten Kirchenlieds: "Nun sich der Tag geendet. Mein Herz sich zu dir wendet und danket inniglich...der Finsternis Geschäfte und alle bösen Kräfte, vertreibe durch dein Nahesein." Nachts ist der Mensch nicht gern allein. Er braucht einen, der ihm nahe ist. Gott oder Mensch. Am besten beide.

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