Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Den Anwesenden verschlägt es den Atem. Der Bundeskanzler kniet nieder und bittet um Vergebung. Heute vor 41 Jahren war das. Da kniet Willy Brandt in Polen nieder. Vor dem Mahnmal für die ermordeten Juden im Warschauer Ghetto verharrt der deutsche Bundeskanzler 30 Sekunden kniend, mit tief gesenktem Haupt. Ob diese Geste etwa geplant war? „Nein, das war sie nicht.", sagt Willy Brandt Jahre später.
Ein Politiker, der offen Schuld eingesteht, die Schuld eines ganzen Volkes auf seinen Schultern spürt und niederkniet. Das hat die Welt bewegt.
Ich war damals 11 Jahre alt. Wusste noch nicht viel über das Warschauer Ghetto, über den gescheiterten Aufstand der Juden und den unsäglichen Judenmord.
Aber das Bild prägt mich bis heute: Niederknien, weil man nicht fassen kann, was passiert ist. Weil Schuld einem normalen Miteinander im Wege steht und Vergebung nicht in Sicht ist.
Wie oft wünsche auch ich mir einen Neuanfang. Mit Menschen, die ich enttäuscht oder verletzt habe. Wie oft möchte ich neu anfangen und weiß nicht wie es geht.
„Willy wählen" hieß der Sticker, der dann im nächsten Wahlkampf verteilt wurde. Auch ich habe diesen Anstecker stolz an meiner Jacke getragen. Von Politik hab ich noch nicht viel verstanden, aber ich habe gespürt: Vergebung öffnet Menschen füreinander. Schuld eingestehen öffnet Türen und Zukunft.
Heute wissen wir: Brandts Warschau-Reise, dieser Kniefall war der Wendepunkt. Polens erster Botschafter im wiedervereinigten Deutschland, Janusz Reiter würdigt später den Kniefall von Warschau und sagt: "Wir neigen heute stark dazu, das Jahr 1989 als den Beginn der europäischen Entwicklung zu betrachten..., das stimmt auch. Aber... wenn man den Blick etwas weiter öffnet, dann war das Jahr 1970 die Wende..."
Auf die Knie gehen, gar nicht so einfach. Mir hilft da meine Religion. Vor Gott kann ich das leichter, die eigene Schuld eingestehen. Und ich spüre, wie sehr das befreit.
Mit Gott als Stütze traue ich meinem Nächsten zu, menschlich mit meiner Schuld umzugehen. Das befreit und führt zu einem guten Ende. Im Kleinen wie im Großen.
Sogar zu unserer Wiedervereinigung in Deutschland, zu einem Europa ohne Krieg seit nunmehr fast 70 Jahren.
Jesus schaut auf uns und bittet so: Vater, vergib uns unsere Schuld, weil auch wir vergeben unseren Schuldigern.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12054