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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ich bin mit mir sehr zufrieden. Das ist die Überschrift auf einer Postkarte, die mir eine Freundin geschenkt hat. Darauf ein Hochgebirge, schneebedeckte Gipfel und Täler. Und im Vordergrund eine steile Felswand. An einem Seil hängt ein Bergsteiger. Frei schwebend überm Abgrund. Überschrift: Ich bin mit mir sehr zufrieden.
Wenn ich mir vorstelle, ich würde an so einem Seil hängen, ich würde die Panik kriegen. Halt dich bloß fest, würde ich denken. Sonst stürzt du ab und das ist dann das Ende. Und hoffentlich hält das Seil. Ist es auch dick genug? Bloß nicht bewegen.
Haben Sie auch manchmal das Gefühl, Sie hängen an einem Seil? Vielleicht sogar über dem Abgrund? So fühlt es sich ja an, wenn man ein Bewerbungsgespräch hat und weiß, jetzt hängt alles davon ab, dass man nur nichts Falsches sagt. Oder wenn der Partner oder das Kind krank ist und man weiß nicht, wie man das alles schaffen soll.
Mir hilft in solchen Zeiten die Karte mit dem Bergsteiger. Wie er so am Seil hängt und winkt. Ich bin mit mir sehr zufrieden!
Was für ein toller Typ! Er schafft das, sich festzuhalten, vielleicht sogar noch gegen Wind und Wetter. Er lässt einfach nicht locker bis er wieder Boden unter den Füßen hat. Und er geht einfach mal davon aus, dass das Seil hält. Und macht dabei die Erfahrung: Mensch, ich bin ja gehalten, toll. Ich lebe. Und mal ganz nebenbei gesagt: Die Aussicht hier überm Abgrund ist grandios. Und dann dieses Gefühl, frei zu sein wie ein Vogel. Kurzum:
„Ich bin mit mir sehr zufrieden."
Warum sind manche Menschen so unzufrieden, obwohl sie alles haben, was sie sich erträumt haben? Dabei gibt's andere, die haben wenig, sitzen vielleicht noch im Rollstuhl und sagen trotzdem: „Ich bin sehr zufrieden mit mir"?
Ich glaube, dass man das nur kann, wenn man fest am Seil hängt. Wenn es da eine ganz enge und tiefe Verbindung nach oben gibt. Wenn möglich bis in den Himmel.
Diese Freiheit, die gibt's, wenn ich weiß: Gott hält mich über dem Abgrund. Und er fängt mich auf, wenn ich falle. Hier in der Felswand überm Abgrund bin ich nicht allein. Ich bin gehalten. Also tue ich, was ich tun kann.
Und darf ich mich ruhig auch mal selber loben und sagen: ich bin sehr mit mir zufrieden.

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