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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich habe keine Zeit", steht auf dem Schild von Steffi, 18 Jahre alt. In der Jugendgruppe wollten sie mal eine Aktion starten und mit den Leuten ins Gespräch kommen. Die meisten sind aber vorbei gelaufen, erzählt mir Steffi. Einer hat sogar Geld hingeworfen. Weil er anscheinend gelesen hat „ habe kein Geld". Nur wenige haben sich auf ein Gespräch eingelassen.
Vermutlich wäre ich vorbeigelaufen. Wenn ich mal Zeit habe zum Einkaufen, dann mit einer großen Liste und einem kleinen Zeitfenster. Bummeln geht nur, wenn ich mir das bewusst vornehme. Also selten. Vielen geht das im Beruf genau so. Die Termine sind so eng getaktet, dass nichts dazu kommen darf.  Und wenn doch, dann sagt man: Der Tag hat 24 Stunden und wenn der nicht reicht, nehmen wir noch die Nacht dazu! Will sagen: irgendwas stimmt da nicht, aber ich versuchs mal mit Humor.
Arbeitspsychologen haben herausgefunden: Bei einer Arbeitsstelle darf nur maximal 80% der Zeit fest verplant sein. Die restlichen 20% braucht man, um auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Krankheiten, technische Fehler, menschliche Fehlleistungen. Störungen.
Meine Zeit steht in Gottes Händen. Steht in der Bibel. Ich finde diese Haltung viel realistischer. Meine Zeit steht in Gottes Händen. Ich habe nicht die Kontrolle über meine Zeit. Meine Geburt habe ich nicht geplant. Und das Ende weiß ich auch nicht. Und während ich meine to-do-Liste abarbeite, hat das Leben jede Menge Störungen für mich parat. Niederlagen, Krankheiten, Abschiede. Die mein Leben auf ganz andere Bahnen lenken. Die mir ganz andere to-do-Listen in die Hand drücken. Kinder, die mir das Leben ganz neu zeigen oder Jugendliche, die mit einem Schild in der Fußgängerzone stehen und mich fragen: was machst du da eigentlich?
Meine Zeit steht in Gottes Händen. Aus seiner Ewigkeit bin ich gekommen und dorthin werde ich wieder zurückkehren. Und dazwischen habe ich ganz, ganz viel Zeit. Eine Unsumme von wunderbaren Augenblicken. Wenn der Morgenkaffee duftet. Wenn mich meine Kinder anrufen. Wenn mich jemand in den Arm nimmt. Oder mir einfach nur ein Lächeln schenkt. Augenblicke, in denen ich der Ewigkeit ganz nah sein darf.

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