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SWR2 Wort zum Tag

Alles beginnt mit der Sehnsucht, / immer ist im Herzen Raum für mehr, / für Schöneres, für Größeres...

Das sind Verse der jüdische Dichterin Nelly Sachs, die nur knapp dem Holocaust entfliehen konnte und in Schweden eine Heimat in der Sprache fand. Verwandte und Freunde kamen in Auschwitz oder den anderen Lagern der Nazis ums Leben. Als Überlebende schreibt sie:

Gärtner sind wir, blumenlos gewordene / Und stehn auf einem Stern, der strahlt / Und weinen.

Erste Gedichte von Nelly Sachs lernte ich während meiner Gymnasialzeit kennen. Die Schönheit der Sprache, der eindringliche Ton von Schmerz und Sehnsucht sind mir im Ohr geblieben. Sie passen in diese Tage von Tod und Trauer, von Buße und Einkehr.
Alles beginnt mit der Sehnsucht. Diese Wahrheit weist auf Ausstehendes hin, auf ein Noch-nicht. Nelly Sachs erinnert mich in vielen ihrer Gedichte an die Propheten Israels, an Mahner, die zur Umkehr auffordern. Im Sehnsuchtswort liegt für sie die Hoffnung, die Wirklichkeit zu verwandeln.
Solche Worte, die Kraft geben zu trösten und Hoffnung schenken, finde ich auch bei dem Propheten Jeremia. Er steht an einem Tiefpunkt der Geschichte Israels. Jerusalem ist von den Babyloniern zerstört, die Bewohner sind von den Besiegern verschleppt und leben im Exil. In diese Situation hinein sagt der Prophet:

Siehe es kommt die Zeit, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Sein Name wird sein: Der Herr unsere Gerechtigkeit. (Jer. 23, 5f.)

Auch das sind Worte, die Hoffnung wecken.  Jeremia spricht in einer Zeit, die von Ungerechtigkeit, Chaos und Elend bestimmt ist. Es kommt die Zeit. Eine neue Richtung des Denkens und Hoffens wird anbrechen. Leid, Not, Ungerechtigkeit und Unterdrückung werden nicht das Letzte sein. Jeremia malt gegen die Wirklichkeit seiner Welt Bilder, die sagen: Gerechtigkeit ist keine Phantasie, sondern ihre Zeit kommt. Alles wird neu werden, nie dagewesen. Auch wenn Jeremia selbst die Erfüllung seines Traums nicht erlebt hat, war es für seine Zeitgenossen eine Hoffnung, wie ein Licht in dunkler Zeit.
Von solcher Sehnsucht bin auch ich bestimmt, weil Leben mehr bereit hält als das, was ist.  Es ist Raum für mehr, für Schöneres, für Größeres, wie Nelly Sachs sagt, z.B. für den eigenen selbstbestimmten Weg, für die Bewahrung des Schönen, für die Ehrfurcht vor dem Leben.
Es kommt die Zeit. Dieses Wort kann Hoffnung geben, trösten, denn alles beginnt mit der Sehnsucht.

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