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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Und führe uns nicht in Versuchung" - bete ich mit einer kleinen Trauergemeinde an einem offenen Grab.
„Versuchung- was meint das hier?", denke ich.
Später gehe ich über den Friedhof zurück.
Da fällt mir ein Grab auf. Es ist über und über mit frischen Blumen bedeckt. Ganz viele Kerzen sind auf dem Boden verteilt. Und ein Stuhl steht da, als ob der, der dieses Grab besucht, Stunden hier verbringt.
Verwundert entziffere ich die Lebensdaten der Verstorbenen: vor 10 Jahren wurde sie hier beerdigt!
Auf einmal begreife ich.
Der Tod kann einen Menschen so tief verwunden, dass die Narbe einfach nicht heilen will. Die Trauer ist so groß, dass sie scheinbar nie zu Ende geht.
Und dann ist die Versuchung da.
Die Versuchung besteht darin, sich in etwas hineinziehen zu lassen. Etwas zuzulassen, was immer weiter vom Leben entfernt.
Genauso kann Trauer werden. Sicher, jede Trauer braucht Zeit. Manchmal viel Zeit. Aber es gibt Menschen, die trauern so sehr um ihren Verstorbenen, dass sie das Leben um sich herum nicht mehr wahrnehmen wollen. Sie werden regelrecht böse, wenn Freunde oder Verwandte ihnen dieses Leben wieder erschließen wollen. „Lasst mich in meiner Trauer!", hören diese dann. Vielleicht reagieren Menschen so, weil sie Angst haben, neu leben zu lernen. Jahre mögen sie mit ihrem Verstorbenen geteilt haben. Und es ist schwer jetzt anders zu leben ohne ihn. Einfacher ist es da, seine Tage mit Trauern zu verbringen.
Aber Gott will das nicht. Er will nicht, dass wir uns in unserer Trauer eingraben. Er hält immer noch Leben für uns bereit.
So ist es wichtig am Grab zu bitten:
„Und führe uns nicht in Versuchung"! Wir meinen damit:
Hilf uns durch die Trauer durch zu kommen. So dass wir nicht zu tief hineingleiten. Dass wir das Leben um uns herum noch wahrnehmen. Gib uns Menschen an die Seite, die da sind für unsere Trauer aber auch für unsere Freude. Gib uns Freunde, die zuhören und mittragen.
Gott wird uns hören, wenn wir so beten. Darauf zu vertrauen hilft, der Versuchung zu widerstehen.

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