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SWR2 Wort zum Tag

Wie kann die Kirche „barmherziger" sein - zu Menschen, die gescheitert sind, Brüche in ihrer Lebensgeschichte zu verkraften haben? Dieser Frage will sich die katholische Kirche in nächster Zeit besonders annehmen, das haben die Bischöfe in der letzten Woche verabredet. Konkret geht es darum, wie die Kirche mit den so genannten „wiederverheirateten Geschiedenen" umgeht. Denn wer nach einer Scheidung eine zweite Ehe eingeht, ist von den Sakramenten ausgeschlossen, darf keine heilige Kommunion oder Krankensalbung empfangen. Viele von ihnen fühlen sich damit aber nicht nur von den Sakramenten ausgeschlossen, sondern aus dem ganzen kirchlichen Leben. Und immer mehr Gläubige, ob sie nun betroffen sind oder nicht, erleben die Kirche deshalb als „unbarmherzige Institution". Sind der Kirche Lebensschicksale etwa gleichgültig? Wie kann sie ausgerechnet die enttäuschen, die ihre Hilfe am dringendsten brauchen, die Verletzten, die unter Schuldgefühlen und Versagensängsten leiden. Es ist fatal für das Image und das Selbstverständnis der Kirche, dass ein solches Bild einer „unbarmherzigen Kirche" überhaupt entstehen kann. Denn sie verkündet doch einen Gott, der sich in Jesus Christus besonders den gescheiterten Menschen zugewandt hat, den Sünderinnen und Zöllnern. Jesus wurde einmal von einem jungen Mann gefragt: „Wer ist denn mein Nächster, den ich so lieben soll, wie ich Gott liebe?" Und Jesus hat mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter geantwortet - dem  wohl bekannteste Bibeltext zum Thema Barmherzigkeit. Dieser Samariter, selbst ein Ausgeschlossener, ein Fremder im Lande Juda, hat einen anderen Menschen sich „nahe kommen" lassen, ihn sich zum Nächsten werden lassen. Der war von Räubern überfallen worden und lag halb tot am Wegesrand. Der Samariter hat ihm geholfen, sich um ihn gekümmert, ohne jeden Vorbehalt. Er hat sich von dessen Not anrühren, berühren lassen. Ich glaube, dieses Gleichnis vom barmherzigen Samariter sollte auch der Kirche die Spur weisen: Wie sie barmherziger umgehen kann mit all denen, die sich gleichfalls „in Not" befinden, weil sie versagt haben, gescheitert oder schuldig geworden sind. Es geht nicht um billige Toleranz, um ein augenzwinkerndes „wir lassen mal Fünfe gerade sein". Es geht auch nicht darum, herablassend Gnade vor Recht walten zu lassen. Eine barmherzige Kirche ist vor allem die Gemeinschaft derer, die sich gegenseitig verstehen, trösten und ermutigen können, die sich vergeben und versöhnen, in der jeder und jede zu seinem eigenen Scheitern stehen kann. Die Menschen einer solchen Gemeinschaft sind einander barmherzig, weil Gott ihnen barmherzig ist, weil Gott sie in ihrem Scheitern und in ihrer Schuld angenommen hat.

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