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SWR2 Wort zum Tag

Gedenkstätte Bernauer Straße in Berlin. Hier verlief einst die Mauer. Perversion der Geschichte und der Teilung Berlins durch die Siegermächte: die Straße selbst lag im Westen, die Hausmauern schon im Osten. Regine Hildebrandt, die leider viel zu früh verstorbene Politikerin, wohnte in einem der Häuser und hat das in ihrer schnodderigen Berliner Mundart so auf den Punkt gebracht: Wenn ich aus dem Fenster sah, war der Kopf im Westen und der Arsch im Osten." Das ist Berliner Schnauze, der es noch gelingt, dem Schrecken eine humoristische Note abzugewinnen. Die Bernauer Straße hat viel erlebt. Der Direktor der Gedenkstätte, Dr. Axel Klausmeier, führt uns über das Gelände und erzählt uns die Geschichten dieser Straße - es gibt unzählige, bewegend, traurig. Klausmeier erinnert an die erste Mauertote, eine alte Frau, die am 13. August 1961 den Sprung aus dem Fenster in den Westen nicht überlebt hat. Sie blieb nicht die einzige Mauertote. Hunderte sind gestorben. Kinder aus dem Westen sind darunter, die beim Spielen in die Spree fielen und elend ertrunken sind, weil die Grenzwärter aus dem Osten Schießbefehl hatten und sich niemand traute, die Kleinen zu retten. Alle Namen und Lebensgeschichten sind in einem Totenbuch verzeichnet, das in dem Altar der Versöhnungskirche liegt und jeden Mittag, zur Andacht, herausgeholt, aufgeschlagen und vorgelesen wird. Die neue Versöhnungskirche wurde erbaut aus den Steinen der alten Kirche, die nach dem Mauerbau mitten im Todesstreifen stand, Symbol der irrwitzigen Teilung Berlins, sie wurde in den 80er Jahren gesprengt. Die Kirche stand im Schussfeld, hätte Flüchtlingen Sichtschutz bieten können. Das eiserne Turmkreuz, das nach der Sprengung verbogen auf dem nahegelegenen Friedhof lag, das hat jemand vor der Verschrottung gerettet. Heute hat es einen Ehrenplatz auf dem Gelände der Gedenkstätte.
Die alte Versöhnungskirche war Symbol der Teilung, die neuerbaute Kirche ist Symbol der Erinnerung und - ihrem Namen gemäß - Zeichen der Versöhnung. Um die Kirche herum hat die Gemeinde ein Roggenfeld angelegt. Ich erinnere mich an das alte Prophetenwort, das zum Leitwort der Friedensbewegung wurde: Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Sicheln. Es ist ein besonderes Bild, wenn der Roggen um die Kirche wogt, ein grünes Feld, später erntet die Gemeinde und mahlt aus dem Korn Mehl, aus dem Brot gebacken wird. Brot, das die Gemeinde bei ihren Abendmahlsfeiern teilt. Eine biblische Verheißung wird greifbar, schmeckbar, leiblich erfahrbar. Schwerter zu Pflugscharen - wo jahrzehntelang Menschen aufeinander geschossen haben, wächst jetzt Getreide, wo der Todesstreifen war, gedeiht jetzt ein Lebensmittel.
Die Bernauer Straße hat viele Geschichten erlebt, die Gedenkstätte bewahrt sie, damit sie nicht vergessen werden. Wenn Dr. Klausmeier erzählt, bekommt Geschichte ein menschliches Gesicht. Ich merke, dass das auch für mein Leben wichtig ist, dass meine Lebensgeschichte mit diesen Geschichten verbunden ist. Es ist unsere deutsche Geschichte.
Nach dem Fall der Mauer und der Deutschen Einheit gab es große Auseinandersetzungen darum, ob die Mauer ganz geschleift oder zum Teil bewahrt werden sollte. Auch die betroffenen Kirchengemeinden waren sich nicht einig, die westdeutsche wollte ein Stück Erinnerung, die ostdeutsche am liebsten jede Spur dieser tödlichen Schranke ausgemerzt wissen. Beide Ansichten kann man nachvollziehen, doch ich bin dankbar dafür, dass gerade für junge Menschen wie meinen Sohn, der erst nach der Wiedervereinigung geboren wurde, Spuren und Geschichten festgehalten werden. Noch leben Menschen, die aus den Fenstern der Bernauer Straße sprangen, noch leben Angehörige der Mauertoten, noch leben auch Menschen, die damals Grenzwächter waren oder politische Verantwortung trugen. Alle können erzählen, ihre Stimmen kann man hören an den Audio-Säulen der Gedächtnisstätte. Und ich finde es gut, dass die Gedenkstätte nicht nur ein begehbares Museum ist, sondern auch - dank der Versöhnungskirche und ihrer Gemeinde - ein lebendiges Zentrum, in dem Menschen beten, sich erinnern, Friedenszeichen säen und ernten und sich versöhnen können.

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