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SWR2 Wort zum Tag

Da saß sie am helllichten Tag in der Universität, im voll besetzten Hörsaal, und weinte. Nicht laut, aber doch unübersehbar. Alle anderen Studenten schauten konzentriert nach vorne. Nur sie saß da, das Gesicht rot vom Weinen. Verlegen hatte der Kommilitone zu ihr hingeschaut, aber weil sie auch noch im Tränenbad so hübsch aussah, traute er sich nicht, sie anzusprechen. Bis eine Studentin sich neben sie setzte, ihr ein Tempo in die Hand drückte und sie flüsternd fragte: „Was ist denn los? Warum weinst du so? Sollen wir mal rausgehen und reden?"
Männer und Frauen, Kinder und Greise: alle haben irgendeine Seelenwunde, die nach einem Pflaster schreit: Nach Trost, nach Streicheln, nach ein paar guten Worten, nach ein bisschen Aufmerksamkeit. Der Mensch ist und bleibt, wie Georg Simmel sagt, ein Trost suchendes Wesen. Trost ist etwas anderes als Hilfe. Hilfe meint: Fencheltee für den Magen, Eis auf die Beule, Pflaster auf's kaputte Knie, die Adresse eines Therapeuten. Das alles ist auf jeden Fall gut und hilft. Trost aber ist etwas anderes.
Es sieht so aus, als wenn Leiden eben nicht nur mit solchen handfesten Mitteln zu beschwichtigen ist. Sondern auch durch eine Teilnahme an etwas, woran man ja genauso genommen nicht wirklich teilnehmen kann. Ich habe die Schmerzen nicht, die der andere spürt. Aber gerade darum bin ich bereit, etwas von seinem Schmerzen abzunehmen, mit zu leiden. Das macht den Schmerz, den wir spüren, und vor dem wir nirgendhin flüchten können, nicht geringer. Das macht die Krankheit, an der wir leiden, nicht verschwinden. Das macht die Toten, um die wir trauern, nicht lebendig. Und doch: wenn sich jemand neben uns setzt, uns anschaut, ein paar Worte spricht, dann tröstet es uns. Denn Trost ist das merkwürdige Erlebnis, dass zwar „das Leiden bestehen lässt, aber sozusagen das Leiden am Leiden aufhebt." Der Trost „betrifft nicht das Übel selbst, sondern dessen Reflex in der tiefsten Instanz der Seele." (Georg Simmel)
Jemanden trösten heißt darum nicht: Ratschläge geben oder Lebensprobleme lösen. Jemanden trösten heißt: Partei ergreifen für den, der unglücklich ist. Sich auf seine Seite stellen.
Der Gesang der Vögel am Morgen, so hat einmal jemand gesagt, sei in der Schöpfung zum Trost aller da, die in der Nacht nicht schlafen konnten. Trost ändert nichts außer, dass er tröstet. Aber solchen Trost am frühen Morgen zu erfahren, kann wunderschön sein.

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