Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Jesus hatte die Gabe, mit wenigen Worten die Dinge auf den Punkt zu bringen. Auf die Frage: Wie soll ich mich Menschen gegenüber verhalten, die krank sind? Was ist in so einem Fall gut? Da sagt Jesus: „Gut ist, wenn der Kranke später mal sagen kann: Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht." Wie das Essen dem gut tut, der Hunger hat, das Trinken dem, der durstig ist, so der Besuch dem, der krank ist.
Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Hört sich einfacher an als es ist. Denn für den Gesunden heißt das: er muss sich in die Welt des Kranken begeben, die doch so ganz anders aussieht als seine eigene, anders riecht. Krankenhausgeruch eben, diese Mischung aus Desinfektionsmitteln und Urin. Und schon am Eingang mitten am Tag Menschen im Morgenmantel und in Jogginghosen, die ihre Sauerstoffflasche auf dem Rücken tragen.
Hier wird der Gesunde, ob er will oder nicht, mit der Nase draufgestoßen: Das Leben ist endlich, eine Veranstaltung, bei der einmal der Vorhang fällt und wir abtreten müssen.
Und dann am Krankenbett. Da muss der sich zusammennehmen, sich seine eigene Angst nicht anmerken lassen und wie sehr ihn vielleicht der Anblick des Kranken erschreckt. Da glaubt er, reden zu müssen. Aber worüber? Über den schönen Urlaub? Über die Arbeit? Das alles erscheint auf einmal so banal.
„Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht". Das heißt also: Ihr habt das alles ausgehalten: die Unsicherheit, den Blick auf die Endlichkeit, das Schweigen, das Traurigsein, die Angst. Ihr habt eure eigene Hilflosigkeit ausgehalten, als ihr mich da liegen saht. Ihr habt es meinetwegen ausgehalten.
Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Es ist gut, besucht zu werden. Aber manchmal will der Kranke ja nur seine Ruhe haben. Und doch geht immer wieder die Tür auf, und jeder, der da hineinkommt zeigt ihm: Das ist nicht dein Schlafzimmer. Und schwer ist es für den Kranken, wenn er spürt, wie dem Gegenüber der Gesprächsstoff ausgeht. Er selbst kann ja nur noch daliegen, und nichts mehr tun, nicht einmal mehr das, was schon die kleinen Kinder können: alleine zur Toilette gehen und sich selber waschen.
„Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht." das heißt manchmal auch: Ihr seid ganz leise ins Zimmer gekommen, als ich vor mich hindämmerte. Ihr wart da und habt nicht auf die Uhr geschaut. Ihr habt an meiner Bettkante gesessen und meine Hand gehalten. Und das war einfach gut.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11644