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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Ich wäre eigentlich Opernsängerin geworden", verrät mir eine Frau. Heute ist sie Klavierlehrerin. „Aber dann hatte ich eine Lungenentzündung, als ich bei der Hochschule hätte vorsingen sollen. Und ein Jahr später, als ich es noch mal probieren wollte, da war ich hoch schwanger."
Den Blick zurück an die eigenen Schaltstellen des Lebens, den kenne ich auch. Manchmal ist er hilfreich. Dann, wenn ich verstehen will, warum Dinge so geworden sind und nicht anders. Wenn ich mich zum Beispiel über meinen Beruf ärgere und überlege, warum ich nicht doch Architektin geworden bin. Dann erinnere ich mich daran, was mich geprägt hat und warum ich mich aus guten Gründen für die Theologie entschieden habe.
Manchmal ist es sogar ganz romantisch, so zurückzudenken. „Wäre ich damals einen Zug später gefahren, hätte ich Dich nie kennen gelernt." Der rückwärtsgewandte Blick ist aber auch gefährlich, denn er zeigt auch verpasste Chancen auf: „Wäre ich damals kompromissbereiter gewesen, dann hätte ich meine Beziehung retten können." Wenn man sich selbst im Rückblick die Schuld geben muss, das ist enttäuschend und macht einen verbittert und mutlos.
Dann traut man sich nichts mehr zu. Dann hat man Angst, wieder und immer wieder alles falsch zu machen.
„Wer zurückblickt, der findet nicht zu Gottes Welt." - so hat es Jesus einmal gesagt. „Wer nach hinten sieht, der findet nicht zu der Welt, wie Gott sie haben will." Ich verstehe Jesu so: Wer sich nur mit Altlasten abplagt, sieht die Chancen der Gegenwart nicht. Der traut sich nicht mehr, etwas Neues zu anzufangen. Natürlich birgt jeder neue Tag auch neue Risiken - aber auch neue Chancen. Wer diese Chancen nicht erkennt und nutzt, der bleibt zurück und verliert die Lust am Leben.
Damit Menschen Mut finden zum Leben, für das, was vor ihnen liegt, ist es nötig, das Alte loszulassen. Darum war es Jesus wichtig, zu verzeihen. Er hat den Menschen verziehen, damit sie sich selbst verzeihen können. Sich selbst und ihren Mitmenschen. Und ihrem Schicksal.
Ich habe von der Klavierlehrerin erzählt, die eigentlich Opernsängerin werden wollte. Sie hat das anscheinend gekonnt: Sie hat sich selber verziehen - so wie es Jesus empfohlen hat. Sie hadert nicht mehr und ist jetzt offensichtlich gern Klavierlehrerin.
Ihre Geschichte zeigt mir: Wer sich selbst verzeihen kann, der kann nach vorne sehen. Der hat Lust auf neue Lebenschancen und Mut für die Zukunft.

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