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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Kennen sie die Sorglos-Produkte? Der Markt hat da einiges zu bieten, besonders an Haushaltsgeräten. Eine Sorglos-Box gibt es für den Staubsauger. Sorglos-Strom sichert den Energiebedarf, und gleich ein ganzes Rundum-Sorglos-Paket, das sichert die Fenster und Türen vor Diebstahl.
Natürlich versteht man diese Angebote mit einem Augenzwinkern: Niemand würde auf die Idee kommen, mit einem Staubsaugerbeutel seine Lebens-Sorgen gleich mit entsorgen zu können.
Aber ist es genauso augenzwinkernd gemeint, wenn man im Neuen Testament von der Sorglosigkeit liest. „Sorgt euch nicht um euer Leben. Darum, was ihr essen und trinken werdet. Ist das Leben nicht mehr als die Nahrung?"
Ich frage mich, ob man das tatsächlich kann: Sich keine Sorgen machen. Die Sorge um etwas oder einen Menschen ist doch eine natürliche Schutzfunktion. Kein Kind könnte wohl überleben, ohne die Sorge seiner Eltern. Ohne die Sorge, wenn das Baby nicht trinkt. Wenn das kleine Kind allein auf die Straße rennt. Wenn das Kind nicht nach Hause kommt.
Die Sorge sichert das nackte Überleben. Ich glaube aber, wenn Jesus sagt: ‚Sorgt euch nicht', dann geht es um mehr, als das Überleben. Deswegen spricht er hier nicht Menschen an, die tatsächlich ums Überleben kämpfen, Menschen wie in Ost-Afrika, die hungern und für die gerade nichts anderes zählt. Jesus meint Menschen, für die die Überlebensfrage keine Rolle spielt. Menschen wie uns, in Mitteleuropa, in Deutschland. Uns gilt darum die Frage: Ist das Leben nicht mehr als die Nahrung?
Jesus will nicht, dass die Menschen nur überleben. Er will, dass sie richtig leben. Dass sie das wahre Leben nicht verpassen. Das kann viel schneller gehen, als man manchmal denkt: Es klingelt an der Tür, Freunde kommen spontan vorbei. Ich bin nicht auf Besuch vorbereitet: In der Küche stapelt sich schmutziges Geschirr, der Müll ist seit Tagen nicht runter gebracht. Der Kühlschrank ist leer. Ich bin versucht zu sagen: Es passt gerade nicht. Kommt ein anderes Mal. Dann aber merke ich, wie enttäuscht ich bin. Darüber, dass ich Freunde wegschicke - nur wegen einer unaufgeräumten Wohnung. Dass diese Äußerlichkeit so ins Gewicht fällt und mir das nimmt, was ich so schätze: Eine unbekümmerte Stunde unter Vertrauten.
Mit ein bisschen weniger Sorge um den Eindruck, den ich hinterlassen könnte, sage ich dann: Kommt rein. Im Keller steht noch eine Flasche Wein. Dann sitzen wir um den Küchentisch und plaudern. Und auf einmal fühle ich mich ganz leicht und sorglos. Dann weiß ich: Jetzt habe ich wirklich mehr, als nur überlebt.

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