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SWR2 Wort zum Tag

Jeden Morgen der Blick in den Spiegel. Was sehe ich da? Mich, natürlich. Aber doch jeden Morgen anders. Manchmal wach, manchmal müde. Und oft sehe ich mich auch so, wie meine Stimmung, meine Gefühlslage ist.
Genau da knüpft Olafur Eliasson an. Der Isländer ist Künstler. Und er arbeitet mit Spiegeln. Vor wenigen Wochen hat er in einer Stadt große Spiegel verteilt - und dann gefilmt, was passiert, wenn sich die Stadt verdoppelt, neue Blickwinkel entstehen. Was Eliasson an Spiegeln fasziniert? Sie zeigen, dass das, was Menschen wahrnehmen, alles anders als objektiv ist. Wahrnehmung ist subjektiv, ist ein Kulturprodukt. Will heißen: Wir sehen vieles so, wie unsere Kultur und Gesellschaft es will und vormacht. Ein einfacher Spiegel mitten in der Stadt hilft dann, die eigene Welt, den eigenen Alltag einmal anders und neu zu sehen. Aus den üblichen Wahrnehmungen auszubrechen. Kunst hilft dann, kritisch zu werden. Den eigenen, eingesperrten Blick auf die Dinge zu befreien, neu zu sehen. Dass wir nur sehen, was wir sehen wollen und können, das wusste auch der Apostel Paulus. Und fast wie ein Kommentar zur Kunst des Olafur Eliasson lässt sich sein Satz deuten: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse." (1 Brief an die Korinther 13,9-12) Paulus schreibt das in einem seiner Briefe in der Bibel. Auch bei ihm ist der Spiegel ein Bild. Ein Bild dafür, dass wir eben nicht genau genug hinschauen und oftmals auch nicht hinschauen können. Wir sehen verzerrt, wie in einem Spiegel. Unscharf, weil wir eben nur unsere eigene Brille aufhaben. Unsere Weltsicht kultivieren. Paulus aber hat die Hoffnung, dass die Menschen trotzdem auch im wahrsten Sinne des Wortes ‚richtig' sehen können. Klar und deutlich. Diese neue Sicht verbindet er mit Gott. Gott ermöglicht, dass Menschen neu sehen, klarer sehen. Paulus schreibt: „Dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht." (1 Brief an die Korinther 13,9-12) Eine bis heute spannende Stelle. Für mich heißt sie: Wir Menschen haben ganz grundsätzlich die Möglichkeit, klar und deutlich zu sehen. Unsere Welt wahrzunehmen. Dafür kann es allerdings hilfreich sein, Spiegel aufzustellen oder auch morgens in den Spiegel zu sehen.

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