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SWR4 Abendgedanken BW

Wenn man genug darüber geredet hat, sollte man gut sein lassen, was war

 Seit einiger Zeit tut Erwin etwas, an das er früher nie gedacht hätte -  er schaut sich gern die alten Fotoalben an. Und er staunt, wie mit den Fotos die Erinnerungen wieder kommen. Bei manchen Bildern wird ihm warm ums Herz. Die ersten Ausflüge mit Erika, sie beide frisch verliebt, die Hochzeit, wie sie da gestrahlt hat. Aber dann, weiter hinten, da ist eins von der Taufe des dritten Kindes, da sieht Erika richtig unglücklich aus. Unglücklich und enttäuscht. Ja, damals hatte er keine Zeit für die Familie. Und das hat er auch täglich zu hören bekommen. Beim Foto der jüngsten Tochter muss er dann trotzdem lachen, da zeigt sich doch wirklich schon etwas von dem Dickkopf, den die heute noch hat. So was hab ich früher nicht gesehen, denkt er. Da geht es dahin, das Leben, und man kriegt so vieles nicht mit. Warum habe ich die Zeit nicht bewusster genützt? Heute würde ich manches anders machen. Erika kommt dazu, wie er so da sitzt. „Ach, das Album", sagt sie. „Wir haben's doch gut gehabt miteinander." „Meistens", sagt Erwin. „Ach, und das Foto von Irene, wie sie so streng guckt, du hast immer gesagt: Den Dickkopf, den hat sie von dir!" Erwin denkt, er hört nicht recht. „Ja, die Irene, mit der hast du dich immer viel beschäftigt. Ach, du warst schon ein guter Vater." „Ich war ein guter Vater? Das sagst du?" „Na ja, viel Zeit hast du nicht gehabt, aber ich hab das immer verstanden mit der Arbeit, das war ja auch für uns." Irgendwas geht hier durcheinander, denkt er. „Ach komm", sagt sie, „guck nicht so. Ich wette, du machst dir gerade deine Erinnerungen schlecht." „Wie - ich mache meine Erinnerungen schlecht?" „Ich kenn dich doch", sagt sie. „Und ich seh dir an, dass du gerade in so einer Stimmung bist, wo du denkst, du warst kein guter Vater. Kein guter Ehemann. Aber das stimmt nicht." „Das stimmt nicht?" „Du warst nicht perfekt", sagt sie, „und ich, ich war das auch nicht. Aber jetzt sind wir alt und können es nicht mehr ändern. Und darüber geredet haben wir ja wirklich genug." „Und gestritten", sagt er. „Ich weiß", sagt sie, „und da haben wir doch gemerkt, dass uns manches leid tut. Dir und mir. Das muss dann auch mal gut sein. Die Zeit, die wir noch haben - um die geht es doch jetzt. Dass wir uns an dem freuen, was jetzt ist. So gut es geht. Und wenn es schwieriger wird, dass wir dann zusammenhalten."

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