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SWR4 Abendgedanken BW

Ist der schon Weg das Ziel?

„Wann sind wir endlich da?" Erika wird ungeduldig. Sie ist mit Erwin wandern, am Rand der Schwäbischen Alb, und allmählich reicht es ihr. „Bist du sicher, dass wir noch richtig sind?" „Hier kann man sich nicht verlaufen." „Und die Burg hat auch bestimmt auf?" „Das werden wir dann ja sehen." „Wie, das werden wir sehen - wenn die zu haben, dann war's ja umsonst." „Umsonst? Dieser schöne Spaziergang?! Du kennst doch den Spruch: Der Weg ist das Ziel." „Was soll denn das jetzt heißen? Wir wollen doch zu der Burg und dort Kaffee trinken. Deshalb machen wir den Weg." „Nein", sagt er, „wichtig ist, dass wir unterwegs sind. Die frische Luft genießen, den Wald..." „Ja, ich freu mich ja am Wald, aber noch mehr freu' ich mich auf den Kaffee...  Der Weg ist das Ziel, wo kommt der eigentlich her, der Spruch?" „Weiß ich nicht, klingt irgendwie östlich, chinesisch oder so." „Hm", sagt Erika. „könnte das auch ein christlicher Satz sein? Also, wenn man das übers Leben sagt, passt das auch zum christlichen Glauben?" „Warum nicht?" „Hm, beim Ziel, da denke ich an den Himmel, an die Ewigkeit. Und unser Leben jetzt, das ist der Weg. Der Weg zum Ziel. Nicht das Ziel selber. Wichtig ist, was dann kommt." Erwin bleibt stehen. „Aber wir dürfen uns doch freuen am Leben. Sollen nicht einfach nur so durchmarschieren." Erika drängt ihn weiterzugehen. „Jetzt guck dir den Himmel an, es hat schon ganz zugezogen... Also - wenn du sagst: Der Weg ist das Ziel, dann klingt das so, als ob es das gleiche wäre. Weg und Ziel. Dass es nur auf das ankommt, was jetzt ist. Als ob es gar kein Ziel gäbe." „Mir gefällt das", sagt Erwin. „Was kommt, das weiß ich nicht, und mit dem, was jetzt ist, hab ich genug zu tun." „Ich stelle mir vor", sagt Erika, „dass wir am Ende bei Gott sind. Dass da etwas ganz Großes auf uns wartet, aber ganz anders als wir's uns vorstellen können. Oh nein, jetzt fängt's doch tatsächlich an zu regnen. Und wir müssen aus dem Wald raus." Vor ihnen öffnet sich das weite Land, und darüber steht der schönste Regenbogen, den sie je gesehen haben. So schön, dass beide erst mal ganz still sind. Und das ist schade. Denn Erika denkt: Was man auf so einem Weg nicht alles geboten bekommt! Und Erwin sagt sich: Vielleicht hat sie recht. Das ist doch jetzt wie ein Zeichen für etwas ganz Großes.

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