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SWR4 Abendgedanken BW

Vertrauen gibt es nicht auf Vorrat 

Glauben und Vertrauen gibt es nicht auf Vorrat. Diese Erfahrung hat Erika gerade gemacht. Ihre Ärztin hatte bei einer Untersuchung etwas festgestellt, das nicht ganz in Ordnung war. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es harmlos ist, aber man muss weitere Untersuchungen abwarten. Und die hat Erika jetzt vor sich. Die Wartezeit in der Klinik ist schwierig. Alles ist so fremd. Aber trotzdem hat sie so ein Gefühl, als ob sie beschützt wird. Dass sie nicht allein ist. Sie wundert sich ein bisschen über sich selbst, dass sie so ruhig ist. Aber dann kommt die Angst hoch, und das gute Gefühl ist wieder weg. Was ist, wenn es nichts Harmloses ist, denkt Erika, wenn die Ärztin nachher sagt: Das sieht aber nicht gut aus. Wie werde ich dann damit fertig? Sie versucht zu beten, aber immer wenn sie an das denkt, was kommen kann, schnürt sich etwas in ihr zu. Nach ein paar Stunden hat sie es überstanden. Es ist wirklich alles in Ordnung. Aber sie ist doch sehr nachdenklich, als Erwin sie abholt. Der versteht zuerst nicht, warum sie so ernst ist - jetzt ist doch alles wieder gut. „Weißt du", sagt sie, „ich hab gemerkt, dass mein Glaube ziemlich wacklig war. Mal war er da, und dann wieder nicht. Wie ich da gewartet habe und dann bei der Untersuchung, da war ich eigentlich ruhig. Aber schlimm ist es geworden, wenn ich weiter gedacht habe, wenn ich mir überlegt habe: Was kommt noch alles? Was wird aus dir - zum Beispiel?" „Oh je", sagt Erwin, „meine Erika. Hast du dich wieder verrückt gemacht mit ungelegten Eiern? Keiner weiß, was kommt. Immer so vorausdenken, das bringt doch gar nichts." „Man tut es aber trotzdem", sagt Erika, „und warum? Ich sag dir, warum: Weil man das, was jetzt ist, nicht gelten lässt." „Das verstehe ich nicht. Was lässt du nicht gelten?" „Die Hilfe, die jetzt da ist", sagt sie, „also die in dem Augenblick da war, als ich sie gebraucht habe, die hab ich nicht gelten lassen. Ich hab's doch gespürt, dass ich nicht allein bin. Es  war etwas da wie ein Schutz um mich rum. Aber den hab ich kaputt gemacht durchs Vorausdenken. Es hat mir nicht gereicht, dass Gott jetzt da ist. Ich habe immer daran gedacht, wie es weiter geht, was noch alles kommt. Und dann hab ich nichts mehr davon gespürt, von dem Schutz. Das meine ich. Es gibt doch Hilfe. Aber die ist jetzt da, in diesem Augenblick, nicht auf Vorrat. Und später? Da wird es auch so sein. Hoffe ich."

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