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SWR4 Abendgedanken RP

Was Ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Schwestern und Brüder,  das habt Ihr mir getan. Hat Jesus einmal gesagt. Es war so um 1952. Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten strömten in den Westen und mussten heimisch werden in der eben gegründeten Bundesrepublik. Mein Großvater  war Pfarrer und hinter seinem Haus war eine große Scheune. So etwa einmal im Monat kam ein Lastwagen  und brachte Kisten mit Kleidern aus Care-Paketen. Christen aus Amerika hatten Kleider gespendet, damit die Flüchtlinge hier etwas Vernünftiges zum Anziehen hatten. Das Diakonische Werk verteilte zwei Mal in der Woche Kleider an Bedürftige. Wir Kinder freuten uns über die riesige Kleiderkammer. Die Tante, die für das Diakonische Werk arbeitete, sortierte die Kleider nach Größe, nach Teilen, nach Herrenkleidung, Damenkleidung. Es roch wunderbar in der großen Scheune, nach Mottenpulver, nach fremdem Parfüm, eben nach dem Wunderland Amerika, von dem wir ja auch Käse, Trockenmilch und andere Nahrungsmittel bekamen. In der Schulpause bekamen wir Haferbrei und einen Apfel täglich,  die sogenannte Quakerspeisung. Und zwei Mal in der Woche kamen sie, die Flüchtlinge, die Notleidenden, die Obdachlosen, zum Teil ausgemergelte Menschen, die kaum genug zu essen hatten, wir waren alle unterernährt damals und vielen sah man den Hunger an, traurige Gesichter mit den Spuren des Leides und der Vertreibung. Und die Kleidersammlung, das war so ein Ort, wo man wieder etwas von seiner Würde zurück bekam: warme Pullover, einen Wintermantel, eine Hose, die keine Flicken hatte, nicht unbedingt chic, aber es ging um Sauberkeit, Wärme, Schutz vor der Witterung und einfach etwas, was einen die ewigen Sorgen um das Morgen, um die Zukunft für einen Augenblick vergessen liess. Im Matthäusevangelium in der Bibel zählt Jesus sie auf, die Werke der Barmherzigkeit: Ich bin nackt gewesen und Ihr habt mich bekleidet. Und: Was Ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Schwestern und Brüder,  das habt Ihr mir getan. Um Jesus willen haben sie gespendet, die christlichen Brüder und Schwestern aus Amerika, dankbar waren die deutschen Flüchtlinge in der Not. Gelebte Nächstenliebe. Eine wunderbare Erinnerung.

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