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SWR4 Sonntagsgedanken

Manchmal weiß ich einfach nicht, wie ich mit Sorgen und Problemen umgehen soll. Habe keine Kraft mehr. Fühle mich einfach nur leer. Alles in mir und um mich herum trocken und öde. Und niemand da, der mir helfen könnte. Ich fühle mich allein, allein wie in einer Wüste. Es gibt viele Menschen, die ohne Hoffnung sind, die alle Hoffnung aufgegeben haben und im wahrsten Sinne des Wortes lebens-müde sind. Wenn dann jemand kommt und einfach nur zuhört, ihnen hilft, die Probleme beim Namen zu nennen, dann ist das wie eine Stärkung mit geröstetem Brot und einem Krug Wasser. Dann kann es passieren, dass sich mitten in der Wüste eine Oase auftut. So ging es schon Elia.
Elia hat Angst vor Isebel, der Frau des Königs Ahab, die ihm nach dem Leben trachtet. Isebel verehrt den Fruchtbarkeitsgott Baal, gegen den sich Elia vehement zur Wehr setzt. Eine Riesenaufgabe ist das! Elia ganz allein mit seiner Position. Er gibt alles. Diese Geschichte steht im 1. Könige-Buch im Alten Testament. Sie erzählt, dass Elia flieht. Denn am Ende muss er feststellen, dass all seine Bemühungen keinen Erfolg hatten. Dass er nichts ausrichten kann und scheitert. Die Baalspriester hat er besiegt, aber König Ahab und seine Frau Isebel sind noch immer an der Macht. Und Elia? Elia ist verzweifelt und einsam.
Diese Verzweiflung und Einsamkeit kenne auch ich, wenn etwas einfach nicht gelingt, das ich mir vorgenommen habe und woran mein Herz hängt. Oder wenn ich das Gefühl habe, die ganze Welt hat sich gegen mich verschworen. Oder wenn Fehler, die ich gemacht habe, schlimme Folgen haben und ich die Last auf meinen Schultern spüre. Auch Elia hat Fehler gemacht. Aus Angst vor Isebel flüchtet er sich in die Wüste und wünscht zu sterben. Alles Eifern hatte keinen Erfolg. Er hat das Gefühl: Die Fehler, die er gemacht hat, die sind so groß, dass sie allein durch seinen Tod getilgt werden könnten. Auf einmal ist Elia ganz allein, er ist der einzige unter den Propheten, der noch übrig geblieben ist.
Doch dann passiert etwas, womit Elia nicht mehr gerechnet hat: Als er völlig erschöpft unter dem Wacholder liegt und sterben will, da rührt ihn ein Engel, ein Bote Gottes, an und sagt zu ihm: „Steh auf und iß!" Als Wegzehrung entdeckt Elia neben sich ein geröstetes Brot und einen Krug mit Wasser. Gott ist anscheinend noch nicht fertig mit Elia. Er hat noch einiges mit ihm vor. Aber Elia scheint noch nicht so recht begriffen zu haben, dass Gott weiterhin seine schützende Hand über ihn hält. Und so legt er sich wieder hin und schläft. Aber Brot und Wasser bleiben da liegen. Als ob sie Elia zeigen sollen: Du bist noch nicht fertig mit Gott und der Welt. Du hast noch einen weiten Weg vor dir.

Wege ins Leben

Manchmal habe ich das Gefühl, in einer ausweglosen Situation zu sein. Ich frage mich: Wie geht es weiter? Was kann ich tun? In so einer Situation braucht es viele Brote und viele Krüge mit Wasser. Es braucht immer wieder jemanden, der sagt: „Steh auf und iß!". So wie damals der Engel zu Elia. Elia bekommt Hilfe von außen, wird angesprochen von einem Gegenüber. Brot und Wasser stillen seinen Hunger und Durst. Aber erst als der Engel zum zweiten Mal Elia anrührt, macht er sich auf den Weg. Und plötzlich hat er - inmitten einer Lebenskrise - ein neues Ziel vor Augen. Elia begreift, dass er für sich selbst sorgen muss; dass es auch für ihn eine Zeit geben muss, in der er mal nicht für Gott kämpft, sondern nur auf sich selbst achtet, auf die eigenen Gefühle und die eigenen Bedürfnisse. Und so gestärkt durch Brot und Wasser und das Wort des Engels macht er sich wieder auf den Weg. Er steht auf und geht los. Elia vertraut darauf, dass Gott es gut mit ihm meint, dass der Weg, der vor ihm liegt, der richtige ist. Und so ist das für ihn eine Wüstenerfahrung, die er noch lange in Erinnerung behalten wird.
Auch ich kenne solche Wüstenerfahrungen, und viele von Ihnen sicherlich auch. Ich denke da zum Beispiel an einen Menschen, der mir viel bedeutet hat und plötzlich gestorben ist. Es ging alles viel zu schnell, um sich noch von ihm verabschieden zu können. Neben aller Trauer habe ich mich gefragt, was ich ihm schuldig geblieben bin und was ich ihm unbedingt noch hätte sagen wollen. Und ich war dankbar, dass es dann Menschen gab, die zu mir sagten: „Iss erst einmal was!" Die in einer Situation, in der ich mich allein und verlassen fühlte, für mich da waren und mir wie ein Engel zur Seite standen.
Ich denke aber auch an Situationen, in denen ich das Gefühl habe, wie gegen eine Wand zu laufen, in denen all mein Reden und Tun nicht hilft, in denen ich gerne dazu beitragen würde, ein Problem zu lösen, ich es aber nicht kann. Solche Erfahrungen wiegen schwer, gerade dann, wenn man sie sich sehr zu Herzen nimmt.
Sicher werden das nicht die letzten Wüstenerfahrungen meines Lebens gewesen sein. Ich werde sicher noch öfter in Situationen geraten, in denen ich nicht weiter weiß, die mal mehr und mal weniger bedrohlich sind. Dann werde ich wieder jemanden brauchen, der mich stärkt und der mir zur Seite steht.
Ihnen und mir ist die Verheißung gegeben, dass Gott durch alles Leid und durch alle Dunkelheiten hindurch trägt, manchmal anders, als wir es erwarten, aber immer so, dass am Ende das Leben steht. Wie Elia stärkt er mich mit dem, was ich zum Leben brauche, und stellt mich auf den Weg, den ich gehen soll.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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