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SWR4 Abendgedanken BW

Vor fast dreihundert Jahren wurden die ersten Blitzableiter entwickelt und an den Häusern installiert. Der gelehrte Philosoph und Schriftsteller Georg Friedrich Lichtenberg ließ damals an seinem Gartenhaus auch so ein „Blitzschutzgerät" anbringen. Er nannte es aber anders. Für ihn war es ein „Furchtableiter". Also ein Gerät, das alles, was Menschen Angst macht, auf sich zieht und dann ableitet in die Erde. Dort kann es, wie der Blitz kein Unheil mehr anrichten.
Ein Furchtableiter, das ist ein Gerät, das man öfter gebrauchen könnte. So wie Kinder, wenn sie Angst haben, sich an einen erwachsenen Menschen klammern, damit er das Unheil abhält. Dass der Blitz einschlägt, dass das Böse sich über mir zusammen braut, kann ich nicht verhindern. Aber ich will es ableiten, es soll weggelenkt werden von mir. So etwas wie ein Furchtableiter ist für manchen das Kruzifix oder das Rosenkranzkettchen im Auto, oder ein Talisman, ein Stein oder ein alter Ring. Man weiß ja nie, ob es nicht doch nützt, das haben schon die Vorfahren getragen. So könnte man Furchtableiter heute beschreiben.
Ich kenne einen Furchtableiter, den ich seit früher Kindheit immer wieder eingesetzt habe: das ist Musik. Ein Lied, das wir gesungen haben als Kinder, eine Melodie, die ich gepfiffen habe. Ein Wanderlied, wenn ich allein war, weil es mich erinnert hat an die Gemeinschaft mit Freunden. Oder den River - Kwai - Marsch aus dem berühmten amerikanischen Film nach dem Krieg. Manchmal kann es auch ein Gebet sein .Denn wenn ich bete, wende ich mich weg von mir und zu Gott und ich glaube, dass ich dann nicht allein bin mit dem, was mir Angst macht oder Furcht einflößt. Manchmal ist die Angst aber trotzdem stärker als mein Gottvertrauen.
Dann hilft auch ein Psalmlied, das für mich zum Furchtableiter wird. Etwa wenn es in einem Psalm heißt: der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Das war mein Konfirmationsspruch, und wenn er mir ins Gedächtnis kommt, macht er mich ruhig und erinnert mich daran, dass ich nicht allein bin. Vertrauen zu Gott, auch Vertrauen zu anderen Menschen, das ist so etwas wie ein Furchtableiter, den ich immer wieder brauche.

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