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SWR2 Wort zum Tag

Vor einigen Wochen habe ich mir vor einer Reise eine Kamera gekauft. Nach Jahren ohne eine Kamera wollte ich endlich wieder einmal Bilder zeigen können, wenn es hinterher ans Erzählen geht. Die Reise mit der neuen Kamera war ganz schön anstrengend. Im Zweifelsfall habe ich lieber eine Aufnahme mehr gemacht als eine zu wenig. Die Suche nach dem richtigen Motiv hat nicht nur mein Sehen beeinflusst, sondern die ganze Art und Weise, die Welt um mich herum wahrzunehmen. Natürlich bin ich jetzt für viele Aufnahmen, die ich gemacht habe, dankbar. Aber ich habe mich manchmal schon zurückgesehnt nach der Unbeschwertheit, als ich meine Umgebung einfach mit wachem Auge und aufgeweckten Sinnen wahrnehmen konnte.
Die Möglichkeiten der modernen Technik kommen vielen Menschen sehr entgegen. Eindrücke lassen sich nicht nur für den Moment festhalten. Sie lassen sich auch auf Dauer speichern. Die Gefahr liegt darin, dass am Ende zwar die Speicherkarte im Foto voll ist, der Speicher der Einübung der direkten Wahrnehmung aber häufig leer bleibt.
Manchmal denke ich: Der Umgang mit der Kamera ist ein Beispiel dafür, wie wir leben. Und ich frage mich dann schon: Lohnt es sich überhaupt, vieles von dem in den Blick zu nehmen, was sich da vor unseren Augen alles abspielt? Ist es sinnvoll, manches davon auf Dauer festhalten zu wollen? Eine Aufforderung des  Apostels Paulus kann hier weiterhelfen. „Prüfet alles! Und das Gute behaltet!" Das bedeutet doch: Ich darf mich zur Wehr setzen gegenüber der Inflation der Angebote, die tagtäglich auf mich einströmen. Ich darf auswählen. Auf Vollständigkeit kommt es ohnedies nicht an. „Prüfet alles! Und das Gute behaltet!" Ich schaue genau hin. Und wo es sich lohnt, halte ich etwas fest. Und sei es eine Erinnerung in Form von Bildern.
„Prüfte alles. Und das Gute behaltet!" Dieser Satz gilt für unser Leben überhaupt. Er stellt im Grunde eine großartige Entlastung dar. Gerade bei der stattlichen Zahl der Möglichkeiten, zwischen denen ich mich immer wieder entscheiden muss. Ich werde nicht nach der Zahl meiner Lebensprojekte bewertet. Ich muss nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Muss nicht über alles, was ist, Rechenschaft ablegen können. Das geht sowieso nicht. Häufig reicht es schon aus, danach zu fragen, was mir gut tut. Danach kann ich dann mutig entscheiden - manchmal auch gegen die Lust nach noch mehr.
Da hilft es dann schon, wenn ich erst mit offenen Augen und wachem Herzen durch's Leben gehe. Und dabei auch die Kamera ruhig auch einmal unbenutzt liegen lasse.

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