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SWR4 Sonntagsgedanken

Ich möchte Ihnen heute Morgen von Peter erzählen. Peter ist in Kranichstein aufgewachsen, das ist ein Stadtteil von Darmstadt, wo die Hochhäuser besonders hoch sind und die Grünflächen kleiner als anderswo. Peters Mutter hat fünf weitere Kinder. Sein Vater hat die Familie verlassen, als Peter ein Jahr alt war. Danach hatte die Mutter mehrere Partner, aber keinen konnte Peter richtig liebhaben. Bei keinem hat er sich wirklich zu Hause gefühlt. Peters Mutter ist selbst in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen. Als Peter zur Schule kam, wurde seine Mutter alkoholkrank.
Bereits ganz früh musste Peter erleben, wie seine Mutter und ihre Partner ihre Auseinandersetzungen mit Gewalt zu regeln versuchten. Gewalt gehörte für ihn zum Alltag. Er hat gelernt: Wer sich nicht mit allen Kräften wehrt, geht unter. Bald wurde Peter auch selbst gewalttätig. Er demolierte die Wohnung bereits mit acht Jahren und die Mutter war nicht in der Lage, angemessen zu reagieren.
Nach der Grundschule kam Peter auf eine Schule für Lernhilfe, weil er verhaltensauffällig war, wie der Schulpsychologe sagte. Mit neun Jahren kam er in ein Kinderheim, weil das Jugendamt die Mutter für überfordert hielt. Vier Jahre später wollte er unbedingt nach Hause - zurück zur Mutter und zu den Geschwistern. Er ging wieder in eine Schule für Lernhilfe, dann berufliche Schule. Mit vierzehn Jahren wurde er wegen schwerer Körperverletzung zu einer Jugendstrafe verurteilt. Das bedeutete für ihn: Vierzig Arbeitsstunden und acht Monate Jugendarrest auf Bewährung.
So kam Peter in eine Jugendwerkstatt der Diakonie, um sich zu orientieren und um sich auf einen Ausbildungsberuf vorzubereiten. Als er einem anderen in der Jugendwerkstatt das Frühstücksbrot stahl, kam es zu einer Schlägerei. Und als er einmal in der Werkstatt durch einen Holzsplitter getroffen wurde, schlug er auf den Verursacher blindwütig ein. Aber immerhin konnte er den Hauptschulabschluss machen.
Wenn ich an Jungen wie Peter denke, kommt mir das Lied von Jürgen Werth in den Sinn: „Vergiss es nie: Dass du lebst, war keine eigene Idee" und weiter heißt es: „Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur... ganz egal, ob du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur. Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu". Und dann scheint mir: Bei Peter ist dieser geniale Gedanke Gottes noch ziemlich verschüttet. Er braucht Hilfe, dass er heraus kommen kann. Er braucht Hilfe, damit er es selber spüren kann: Ich bin ein prima Gedanke Gottes. Erst wenn er das selber begreift, scheint mir, kann er sich auch entsprechend verhalten.

Keine Frage, Peter braucht Menschen, die ihn als Person annehmen, die seine Stärken fördern, auch wenn sie sein Verhalten nicht akzeptieren können. Peter muss spüren können, dass Menschen ihn nicht beiseite schieben oder ihm gegenüber gleichgültig sind. Er muss erleben: Ich bin ein ganz besonderer Mensch. Vielleicht kann er dann auch andere in ihrer besonderen Art akzeptieren und freundlich mit ihnen umgehen.
Junge Menschen wie Peter brauchen eine Perspektive. Sie brauchen Menschen, die ihnen beistehen. Die sich für sie interessieren - nicht nur für ihre Leistung, nicht nur für ihr Fehlverhalten, wenn es zu spät ist. Das ist doch ganz klar: Peter sehnt sich nach Anerkennung, nach Gemeinschaft, die gelingt, nach Menschen, die ihm vertrauen und die ihm etwas zutrauen.
Die Geschichte des Vertrauens in junge Menschen hat einen Namen: Johann Hinrich Wichern aus Hamburg. Er ist der Vater der modernen Diakonie. Im 19. Jahrhundert sah er in den Armenvierteln von Hamburg, wie sehr junge Menschen Zuwendung und Bildung brauchen, um eine gute Zukunft zu haben. Er provozierte das fromme Bürgertum von Hamburg mit der Frage: Glaubt ihr nur an einen hölzernen Christus? Seht ihr nicht, wie die Leute mit ihren Kindern wohnen, in welchen Löchern sie hausen müssen? Und wie sie über euch lachen, wenn ihr über Gott, Volk und Vaterland daher redet?
Von Wichern können wir Christen bis heute lernen: Wenn euch Gottes Liebe so viel bedeutet, dann geht doch in die dunklen Ecken eurer Stadt. Da, wo Familien nicht weiterwissen. Wo Menschen trotz harter Arbeit arm sind. Wo Jugendliche wenig Perspektiven haben. Wo aus Kindern armer Eltern wieder arme Eltern werden. Hier seid ihr gefragt, ist euer Glaube gefragt, ob er Beine bekommt, ob er geerdet ist. Ob Liebe zum Tatwort eures Glaubens wird.
Ich wünsche mir, dass wir alle, dass unser Land hellhöriger wird, damit junge Menschen Zuwendung und Vertrauen erfahren. Nicht nur in der Familie und in der Schule, aber dort auch. Dass junge Menschen eine Ausbildung bekommen, damit sie eine Perspektive haben. Besonders Jungen wie Peter werden nur dann einen Weg zu einem friedlichen Miteinander finden, wenn sie Menschen haben, die ihnen Vertrauen schenken. Dafür, finde ich, kann man gar nicht genug tun: Da ist die Politik gefordert. Aber Sie und ich, wir müssen das unterstützen. Sonst wird nichts daraus.
Vor einiger Zeit habe ich gehört: Es ist eine gute Jugend, die sich in unserer Gesellschaft entwickeln will. Es sind ja unsere Kinder und Enkel. Und vor allem - Peter und sie alle sind Gottes gute Schöpfung.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

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