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SWR4 Sonntagsgedanken

„Zusammen ist man weniger allein". Wir Menschen brauchen die Gemeinschaft mit anderen Menschen. Damit unser Leben reich und erfüllt wird. Nächste Woche auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden ist wieder eine wunderbare Gelegenheit, das zu erleben. Über 100.000 Teilnehmer werden erwartet. Aus der ganzen Welt reisen sie an, in Sonderzügen, mit Rucksäcken und Isomatte.
Viele junge Menschen sind dabei und viele, die ihre Großeltern sein könnten. Sie nehmen ein paar Tage Unbequemlichkeiten in Kauf, verzichten auf Komfort und erholsame Nachtruhe, um zu erleben: Ich bin als Christ nicht allein.
Da gibt es viele andere, die auch wissen wollen, wie sie heute ihr Christsein leben können.
Mit allen Fragen, die da sind. Ob nachhaltige Energiewirtschaft, Leben schaffen im Reagenzglas, würdiges Sterben oder soziale Gerechtigkeit. Kirchentage geben Orientierung in bedrängenden Fragen. Christen beziehen Position bei Themen, die unsere Welt und unser Zusammenleben betreffen.
Aber es sind nicht allein die theologischen und politischen Debatten, die den Kirchentag prägen.
Die Bibelarbeiten, die Gottesdienste, das Singen und Beten in einer riesigen Menge von Menschen ist etwas Erhebendes und Unvergessliches.
Alles das zusammen macht den Reiz des Kirchentages aus. Deshalb kommen so viele Leute und gehen restlos erfüllt wieder nach Hause. Motiviert für  die oft mühselige Arbeit in der Ortsgemeinde oder einfach mit einem ersten Anstoß, als Christ zu leben.
Das Gemeinschaftserlebnis eines Kirchentages lässt sich kaum toppen.
Reicht es nicht aus, alle zwei Jahre intensiv Kirche zu erleben? Und ansonsten Kirche Kirche sein lassen? Ich glaube nicht. Ganz ohne die Gemeinschaft mit anderen Christen ist es schwer, sein Christsein zu leben. Eigentlich geht es gar nicht. Denn durch die Taufe ist jeder Christ hineingenommen in eine Gemeinschaft, die bereits längst vor ihm da war, eben die Gemeinschaft der Getauften. Das ist ein echtes Geschenk, das Gott einem Menschen da macht. Ganz besonders bei jedem Taufgottesdienst, aber auch bei jedem anderen Treffen von Menschen in der Kirche kommt dieses Angebot Gottes zum Ausdruck:
Du musst nicht allein leben. Du bist hineingeboren in die Gemeinschaft deiner Familie. Und dann gibt es da noch eine viele größere Gemeinschaft, zu der du gehörst. Die Familie Gottes, in der du deinen Platz hast, die dich braucht mit deiner Persönlichkeit und deinen Talenten. Und die du brauchst, weil eine große Gemeinschaft dich trägt und stärkt im Leben. Eine solch große Gemeinschaft ist der ideale Energiespender. Gemeinsam lässt sich viel mehr ausrichten als wenn einer allein sich abmüht.

 

Nächste Woche ist Evangelischer Kirchentag. Ein Gemeinschaftserlebnis, das vielen Menschen so wichtig ist, dass sie Gedrängel und Massenquartiere gerne in Kauf nehmen. Es ist schon überwältigend, mit vielen Tausenden zu singen oder gebannt einer Diskussion zu zuhören. Der Glaube braucht die erhebenden Momente, in denen er sich der Stärke der Gemeinschaft vergewissern kann. Allein sein Christsein leben ist auf die Dauer zermürbend. Und manchmal versiegt die Glaubenskraft dann auch.
Deshalb ist es für die Kirche unverzichtbar, Erfahrungen der Gemeinschaft anzubieten.
Gerade für die, die nicht eingebettet leben in einer familiären Gemeinschaft. Weil die Kinder weggezogen sind mit ihren Familien. Oder weil der Partner gestorben ist. Weil der Freundeskreis immer kleiner wird. Und weil sie sich nicht so leicht tun mit neuen Kontakten.
Für mich ist es eine ganz schöne Aufgabe, solche Menschen miteinander bekannt zu machen und ihnen Gemeinschaftserlebnisse zu ermöglichen. Im Juni werde ich deshalb wieder eine Reisegruppe begleiten. 35 Senioren fahren für eine Woche nach Tirol. Besonders für die Älteren, die alleine leben, ist es eine kostbare Zeit. Eine Woche lang mit Menschen reden können, gemeinsam am Tisch sitzen und das gute Essen genießen, den Tag als Gruppe mit einer kleinen Feier beginnen, täglich gemeinsam das VaterUnser sprechen. Abends das Nachtgebet miteinander singen. Alles das kann ich auch allein, aber in der größeren Gemeinschaft entfaltet sich ein besonderer Geist.
Ich kann es auch umdrehen: Der Geist entfaltet erst die Gemeinschaft. Damit wird mir deutlich. Erlebnisse der Gemeinschaft können gut vorbereitet werden mit dem bestmöglichen Einsatz von Technik, Musik und Ideen. Aber stiften kann niemand die Gemeinschaft. Letztlich ist und bleibt sie ein Geschenk. Für mich ist das der Geist Gottes, der da wirkt.
Ich kann aber vieles dazu beitragen, dass Gemeinschaftserlebnisse gelingen. Durch meine Offenheit für andere Menschen, durch meine innere Beweglichkeit und manchmal auch, wenn ich nachsichtig mit mir und anderen bin. Gewiss gibt es auch die schlechten Erfahrungen. Dass eine Gemeinschaft sich nicht gegenseitig stärkt und motiviert. Sondern eher runterzieht und kränkt. Beide Erfahrungen hat es in der Kirche von Beginn an gegeben. Aber Alleinbleiben aus Enttäuschung ist kein guter Weg. Gemeinschaft ist immer auch darauf angewiesen, sich zu erneuern und zu verändern. Dazu braucht es alle Leute, die dazugehören. Die Starken und die Wortführer genauso wie die Verletzten und Hilfsbedürftigen. Denn zusammen ist man weniger allein.
Füreinander da sein und einander brauchen dürfen. Wenn ich das immer wieder übe, finde ich mein Lebensglück.

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