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SWR2 Wort zum Tag

Es gibt die Scheu vor der Freude. Bei Mörike etwa, dem großen Dichter: Wollest mit Freuden mich nicht überschütten...  Lieber erst gar nicht das Herz zum Himmel schwingen lassen. Der Absturz aus der Höhe tut allemal weh, mit schmelzenden Flügeln fallen, wenn ich dem Himmel so nah war... oder schon mitten drin, als ich meine Fragen vergessen hatte, weil es nichts zu fragen gab, weil alles fraglos schön und richtig war... Wollest mit Freuden mich nicht überschütten... So kann man es halten, keinen Blick in den Himmel wagen, dem Himmel ausweichen, um ihn nicht aushalten zu müssen, den Schmerz des Abschieds. Möglicherweise steckt auch ein gutes Pfund Aberglaube dahinter. Es könnte noch schlimmer werden, mit so viel Freude. Die Götter könnten neidisch werden. Ich fürchte: So lebe ich am Leben vorbei. Am Himmel und an der Welt vorbei.
Dabei sind sie doch sowieso schon kostbar selten, die Augenblicke der Freude. Oft genug lebt sich das Leben mit erdschweren Flügeln, denen manche Wunden geschlagen sind. Ich habe Federn gelassen und weiß es. Mein Lob läßt Leichtigkeit vermissen, meine Klage ist schwer von Tränen, meine Freude kommt mutlos daher, ohne Zutrauen.
Dabei möchte ich mutig sein, mutig, mich zu freuen, auch wenn die Angst in mir ihr Maul aufreißt. Möchte mein Herz jubilierend in die Höhe schwingen lassen, so wie es im schönen Sommerlied die Lerche hält: Die Lerche schwingt sich in die Luft. Geh aus mein Herz und Suche Freud, schwing dich auf, auch mit Flügeln, die erdenschwer sind. Beschneide dir selbst nicht die Flügel, bevor du das Fliegen versucht hast. In der Mitte liegt holdes Bescheiden..., wendet der Dichter Mörike ein. So mittig hold will ich gar nicht sein, zumindest nicht in Sachen Freude. Jesus selbst hat das doch seinen Freunden versprochen: „Euer Herz soll sich freuen und diese Freude soll niemand von euch nehmen.
Sicher - ich ahne, diese Freude könnte mich mehr verändern, als es mir vielleicht lieb wäre. Hold bescheiden lebt es sich auch unauffällig, da kommt mir keiner zu nahe. Doch Freude will geteilt sein, das gehört einfach dazu, geteilte Freude ist die schönste Freude, da fliegt man nicht lange alleine. Freude strahlt aus.
Ich finde, es ist eine gute Idee, ganz unbescheiden und mutig die Freude zu wagen, in diesem Sommer, einfach mal mehr als die holde Mitte zu riskieren. Und - meinetwegen nur für wenige, kostbare Augenblicke - zu spüren, wie schön Lerchenfreude ist.

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