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SWR2 Wort zum Tag

Verfolgungen von Christen gibt es bis heute, habe ich im Konfirmandenunterricht erzählt und ein Konfirmand ist dabei richtig zusammengeschreckt. „Echt, man kann verfolgt werden, nur weil man Christ ist?" Ja, klar, in Indien, in China, da kann es sehr gefährlich, ja tödlich sein, Christ zu sein. In vielen islamischen Ländern dürfen Kirchen nach außen hin nicht sichtbar sein, offiziell keine Bibeln verkauft werden. „Die Sache ist mir zu heiß" entschied der Konfirmand spontan und kam in der Tat fortan nicht mehr. Das ist natürlich auch ein Weg, übrigens ein historischer, denn schon für die ersten Christen war ihr Glaube lebensbedrohlich - das hat nicht jeder ausgehalten.
Hier in Deutschland ist es heute nicht gefährlich, Christ zu sein. Doch es ist noch nicht einmal 70 Jahre her, dass Christen wegen ihrer Glaubensüberzeugung in Konflikt mit dem Staat kamen. Viele Christen sind im Dritten Reich verfolgt worden, weil sie die menschenverachtenden Gesetze nicht mittragen wollten, weil sie sich nicht einschüchtern ließen. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer wurde noch in den letzten Monaten des Naziterrors hingerichtet, ein Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Auch in der DDR wurden Christen wegen ihres Glaubens diskriminiert. Wer sich konfirmieren ließ, hatte Nachteile zu befürchten, wurde bespitzelt. Leicht war es nicht, überzeugter Christ zu sein.
Und heute: Bedroht werden Christen nicht. Leicht ist es trotzdem nicht unbedingt. Denn Christen werden häufig kritisch angefragt: Warum glaubst du? Warum engagierst du dich in einer Kirchengemeinde? Da braucht es schon ein bestimmtes Quantum Mut, um Rede und Antwort zu stehen.
Wir haben in diesem Jahr fast 70 junge Menschen in unserer Kirchengemeinde konfirmiert. Frohe, aufgeregte Gesichter, das schöne Gefühl: Da sind viele, die sich neugierig auf den Weg des Glaubens machen. An Christenverfolgung hat an diesem festlichen Tag sicher niemand gedacht. Beim Konfirmationsversprechen waren aber alle ganz ernst und gesammelt. „Willst du dem Gott der dich frei macht vertrauen und selbst niemanden beherrschen wollen?" lautete eine Frage. „Ja, mit Gottes Hilfe" antworteten die jungen Leute. Ein anspruchsvolles Lebensprogramm.
Manchmal begegne ich meinem entlaufenen Konfirmanden auf der Straße. Ich wünsche ihm, dass er für sich eine Orientierungshilfe findet und den Mut zu eigenen Entscheidungen behält. Ich fände es wunderbar, wenn er sich später - gemeinsam mit anderen Menschen guten Willens - für die Meinungsfreiheit und Glaubensfreiheit in dieser Welt einsetzt. Glaubensfreiheit ist ein Menschenrecht. Und damit eine Aufgabe für alle Menschen - ob sie nun glauben oder nicht.

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