Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Als die heilige Theresa von Avila in die Jahre kam, spürte sie, wie sie sich veränderte. Das Reißen in der Schulter, die Müdigkeit am hellerlichten Tag, aber nicht nur das. Sie wurde immer ungeduldiger und nahm ungefragt ihren Klosterschwestern die Arbeit aus der Hand, wenn es ihr nicht schnell genug ging. Mit ihren kritischen Kommentaren - denn wer von den Jüngeren verfügte schon über ihren Erfahrungsschatz? -  hielt sie sich nicht zurück. Aber wohl war ihr dabei nicht. Und weil sie gewohnt war, alles mit Gott zu besprechen, was ihr auf dem Herzen lag, betete sie: 

„Du, o Herr, weißt besser als ich, dass ich täglich älter und eines Tages alt werde. Bewahre mich vor dem Hochmut, mich zu jeder Gelegenheit äußern zu müssen. Erlöse mich von dem Verlangen, anderer Menschen Angelegenheiten regeln zu wollen. Lehre mich gedankenvoll, aber nicht grüblerisch, hilfsbereit aber nicht bestimmend zu sein."

Auch daran erkennt man, dass man älter wird: Man hat vieles gesehen, vieles erlebt - und das Gefühl: es gibt nichts Neues unter der Sonne. Alles schon einmal da gewesen. Und weil man so viele Erfahrungen gemacht hat, glaubt man leicht: das muss doch hilfreich sein, was wir uns damals, vor dreißig, vierzig Jahren überlegt haben. Dann beginnt man zu erzählen, lange und ausführlich, denn es ist auch schön, sich zu erinnern, und sieht nicht, wie die Jüngeren etwas verlegen lächeln: Wovon redet die eigentlich?
Ach, die Zeiten haben sich geändert. Natürlich weiß das Alter manches besser als die Jugend. Natürlich hat man oft den Eindruck: nicht das Alter ist bemitleidenswert, sondern die Jugend, die ihre Lebenskatastrophen noch vor sich hat. Und doch: Man sollte mit Theresa den Herrn bitten, immer wieder daran zu erinnern, dass jede Generation die Chance haben muss, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Ihnen gehört ja die Zukunft, so, wie sie uns gehörte, als wir jung waren. Wir wollten uns ja auch von niemandem reinreden lassen und unsere Fehler selber machen.
Möge Gott uns also vor den Nachteilen des Alters bewahren. Bitten wir ihn, wie die heilige Theresa um die Weisheit des Alters, um Demut, Hilfsbereitschaft und Gedankenfülle.   

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10707