Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Nicht für die Schule, für´s Leben sollten wir lernen. Damals als man uns in der Grundschule „Die Grille und die Ameise" vorführte. Einen Film in Farbe mit einer Botschaft: schwarz wie die Nacht.
 Da trafen nämlich zwei Charaktere aufeinander. Ein munterer, musikalischer Geselle: die Grille. Mit einem bunten Zylinder auf dem Köpfchen. Frack und Weste am frischgrünen Leib. Die Grille sprang durch's Wiesengrün, musizierte auf ihrer Geige und erfreute Gott und die Welt. Ganz klar: ein Künstlertyp, ein origineller Einzelgänger, der nicht an morgen denkt. Selig im sommerlichen Hier und Jetzt aufgeht.
Dagegen: die Ameise. In alltagstauglichem Grau-braun gekleidet, mit flinken Beinchen  und von sprichwörtlichem Fleiß: Im Verein mit tausend anderen Ameisen schaffte sie einen Vorrat von Blättchen und Bröckchen herbei. Immer im Kopf, dass auch auf den schönsten Sommer ein kalter Winter folgt.
So geschah es denn auch. Die Blätter fielen von den Bäumen, der erste Schnee kam. Die fleißige Ameise zog sich in ihre gemütliche Höhle zurück an den gedeckten Tisch. Der Grille aber froren die Finger und ihr Magen knurrte. Kein Würmchen, kein Mückchen fand sich in ihrem Vorratsschrank. In der Hoffnung auf eine milde Gabe ging sie zur Ameise. Die aber fragte nur: „Na, was hast du denn den Sommer über getrieben? Wohl Musik gemacht? Tja, dann hast du Pech gehabt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen."
Dass es sich bei diesem Satz um ein Bibelzitat handelte, ahnten wir nicht. Aber wir hatten verstanden. Das war die Härte des Lebens. Ohne Fleiß, kein Preis. Wer nichts tut, hat nichts zu essen. Da geht es den Menschen nicht besser als jedem Tier. Denn die Natur lässt ihre Bettler sterben. Ein Reh, das nichts mehr zu essen findet, verhungert. Ein Igel kann sich lange vor den kahlen Baum stellen, er wird darum keine Äpfel produzieren. Als Naturwesen hat der Mensch ihnen nichts voraus.
Zum Glück wurde diese herbe Lektion im Religionsunterricht ergänzt. Da lernten wir, dass unter Menschen noch andere Gesetze gelten sollen als unter Grillen und Ameisen. Der Mensch soll leben, ganz gleich, wie und warum er in Not geraten ist. Und wir lernten: „Der Mensch lebt nicht von Brot allein." Er lebt auch von so etwas Schönem wie der Musik.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10706