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SWR3 Gedanken

Wie ist das, wenn du von jetzt auf nachher alles verlieren würdest: dein Haus, deine Wohnung, die Möbel von der Tante, die Fotos von früher, Alles einfach weg?
Ich kann es mir nicht vorstellen. Aber in Japan geht es derzeit Tausenden von Menschen so. Das verheerende Erdbeben und der gewaltige Tsunami hat Tausende von Menschen getötet und Hunderttausenden das Zuhause genommen. Vielen ist nur das nackte Leben geblieben. Jetzt streifen sie durch die zerstörten Ortschaften und wissen gar nicht, wo sie mit dem Aufbauen anfangen sollen.
Für den gläubigen Japaner ist es ganz wichtig, zuhause einen Ort zu haben, an dem er entweder die Asche seiner verstorbenen Familienmitglieder oder zumindest eine Liste mit den Namen aufbewahren kann. Und deshalb suchen die Aufräumhelfer in den Trümmern zuerst nach diesen Ahnentafeln und nach Fotos von den Verstorbenen.
Wenn Angehörige keine Spur ihrer vermissten Lieben finden können ist die Trauer noch einmal größer. Die Verstorbenen sind so etwas wie Mittler zwischen Gott und den Menschen und so etwas wie Schutzengel für das eigene Leben. Die Lebenden brauchen diesen Glauben, um wieder neu anfangen zu können. Die Verbindung zu den Vorfahren gibt ihnen die Kraft, das Unerträgliche auszuhalten.
So verbindet sich die Trauer mit der Hoffnung auf einen Neuanfang. Zum Glauben der Japaner gehört es, dass sie sich nicht von Tod und Zerstörung gefangen nehmen lassen. Sie glauben an das Leben. Diesen Glauben hätte ich auch gerne. Dann haben auch die Toten einen Platz im Leben und in der Herzen der Menschen.
Für die Lebenden und die Toten werde ich heute eine Kerze anzünden.

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