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SWR2 Wort zum Tag

... am Ostermorgen 

„Wenn es so etwas wie Zukunftsmusik gibt, dann war sie damals, dann ist sie am Ostermorgen an der Zeit: zur Begrüßung des neuen Menschen, über den der Tod nicht mehr herrscht". Eberhard Jüngel, der evangelische Theologe aus Tübingen, lädt mit diesen Worten dazu ein, sich auf Ostern zu besinnen. „Das müsste freilich eine Musik sein" - so gibt er zu bedenken - „nicht nur für Flöten und Geigen, nicht nur für Trompeten, Orgel und Kontrabass, sondern für die ganze Schöpfung geschrieben, für jede seufzende Kreatur, so dass alle Welt einstimmen kann, und groß und klein, und sei es unter Tränen, wirklich jauchzen kann, ja so dass selbst die stummen Dinge und die groben Klötze mit summen und mit brummen müssen. Ein neuer Mensch ist da, geheimnisvoll uns allen weit voraus, aber doch eben da." (EGB, S. 213)" Österliche Zukunft - diese Musik vom neuen Menschen klingt nicht nur in den Kirchen und ihren Gottesdiensten; auch in Konzertsälen kommt sie, oft unerwartet, zum Klingen: so wie in der zweiten, der sogenannten „Auferstehungssinfonie" des Wiener Komponisten Gustav Mahler, die vor kurzem in Freiburg zu hören war. Im Brief an einen Musikkritiker gibt Mahler Auskunft über die Beweggründe und Fragen, die ihn beim Komponieren seiner Sinfonie umgetrieben haben: „Warum hast du gelebt? Warum hast du gelitten. Ist alles nur ein großer furchtbarer Spaß?  Und Mahler fährt fort: „Wir müssen diese Fragen auf irgendeine Weise lösen, wenn wir weiterleben sollen - ja sogar, wenn wir nur weiter sterben sollen! In wessen Leben dieser Ruf einmal ertönt ist - der muss eine Antwort geben; und diese Antwort gebe ich im letzten Satz." (Programm, 18.2. 2011, S. 7) Dieser letzte, fünfte Satz mündet in einen Dialog von Orchester, Chor, Sopran- und Altstimme zu Texten aus einem Gedicht von Friedrich Gottlieb Klopstock. Das ist die Botschaft, die Mahler den Hörern nahelegt: Dein ist, was du gesehnt, Dein, was du geliebt. Es geht dir nichts verloren! Du warst nicht umsonst geboren! Hast nicht umsonst gelebt, gelitten! Was entstanden ist, das muss vergehen! Was vergangen, auferstehen! Wieder aufzublühen, wirst du gesä't! Sterben wird' ich, um zu leben! Unsterblich Leben wird, der dich rief, dir geben. Ihre Kraft erhalten diese Worte durch das Ganze der großen Sinfonie, durch das reich bestückte Orchester und durch die eindringlichen Stimmen von Chor und Solisten. Eine Sprache, die nicht feststellt und behauptet. Die vielmehr Zuspruch ist, Hinweis, Einladung, der Stimme des eigenen Herzens zu trauen.

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