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SWR2 Wort zum Tag

Zur Zeit lese ich eine besondere Art von Liebesbriefen. Freya von Moltke und Helmuth  James von Moltke haben sie geschrieben. Von Ende September 1944 bis zum 23.Januar 1945, an dem James von Moltke hingerichtet wurde. Freya von Moltke wäre vorgestern 100 geworden. Der Briefwechsel umfasst die Zeit, die James von Moltke im Gefängnis Berlin-Tegel verbracht hat. Als zentrale Figur der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis hatte man ihn verhaftet. Seine Frau hält sich in dieser Zeit meistens in Berlin auf, um in seiner Nähe zu sein. Und dabei erleben sie etwas, das sie beide immer wieder als ein großes Glück beschreiben: Der Gefängnispfarrer darf ihn besuchen und bringt über 3 ½ Monate unter großer Gefahr für sich selbst täglich Briefe hin und her. Er nimmt mit, was James von Moltke - meistens mit gefesselten Händen - geschrieben hat, und lässt ihn den neuen Brief seiner Frau lesen, den er dann aber aus Vorsicht ebenfalls mitnimmt. Freya von Moltke genießt fast täglich die Gastfreundschaft des Pfarrerehepaars, bei dem sie einen ruhigen Platz zum Lesen und Schreiben vorfindet.
Allein, dass die täglichen Briefe unter solchen Umständen möglich sind, berührt mich. Mehr noch, was die beiden sich schreiben. Vor allem, dass da soviel steht von Dankbarkeit. Freya von Moltke schreibt des öfteren von dem Glück, das sie in diesen Wochen genießen. „Ich habe immer wieder das Gefühl, als gingen wir Hand in Hand in diesen Wochen, und ich denke mehr „wir" als ich in all den Jahren gedacht habe. Ach,... welch großes Glück, Dir so nah zu sein."[1] Am Tag vorher hatte ihr Mann geschrieben: „Dankbar genieße ich jetzt jeden Tag und jede Nacht: Sie geben mir Zeit zu denken, zu begreifen, zu erfassen, zu lernen und meine Freya lieb zu haben."[2]
Was mich beim Lesen dieses Briefwechsels immer wieder erstaunt: die dreieinhalb Monate bis zu Moltkes Hinrichtung sind nicht geprägt durch Angst, Kummer oder Verzweiflung. Sie sind geprägt von Dankbarkeit und großer Innigkeit. Die beiden bestärken sich immer wieder gegenseitig in ihrem Vertrauen auf Gott. Im Oktober 1944 schreibt Freya an ihren Mann: „Auch du, mein Geliebter, fühlst das Glück unserer Liebe, auch du spürst, wie innig wir verbunden sind...so stehen wir nebeneinander vor Gott, und er weiß, dass wir zusammengehören. Du brauchst mich, und ich brauche dich, um ein ganzer Mensch zu werden. Wir wissen es beide und auch, dass nichts uns trennen kann."[3] 


[1] Helmut James und Freya von Moltke, Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel. September 1944-Januar 1945. München 2011, 144

[2] ebda 140

[3] ebda 81

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