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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Spüren, wie die Kräfte schwinden, das ist wohl eine der größten Heraus-forderungen des Alterns. Ich ärgere mich ja jetzt schon, wenn ich merke, wie meine Augen stetig nachlassen. - Wie wird das erst, wenn die Knochen wehtun und es Mühe bereitet, die Treppe hoch zu steigen...?
„Ach, alles hat seine zwei Seiten, selbst das", erklärt mir ein Vierundachtzig-jähriger im Krankenhaus. Man sieht ihm gleich an, dass er einen ausge-wachsenen Schalk im Nacken sitzen hat, so wie seine Augen funkeln. Körperlich ist er schwer angeschlagen, Herzprobleme, Wasser in der Lunge, Arthrose... Aber sein Geist sprüht, und wie er vom Bergsteigen erzählt, und was er da so alles erlebt hat, kann ich ihn mir blendend als attraktiven jungen Mann vorstellen.
„Ja", sagt er, „das ist alles schon lange her. Jetzt komme ich kaum noch aus dem Stuhl. Aber dafür sehe ich jetzt Dinge, für die ich früher gar kein Auge hatte. Kürzlich habe ich mich zum Beispiel mit einer Fliege angefreundet.
Die kam dauernd zu mir, ganz zahm war die. Und da hab ich die auf meiner Hand beobachtet - was für zarte Flügel dieses winzige Wesen hat! Und wie eifrig die sich putzt! Und die kann Sachen, von denen kann ich nur träumen: Also, mal abgesehen vom Fliegen - das hätte ich natürlich auch schon immer gerne gekonnt - die kann auch kopfüber auf meiner Hand laufen und fällt nicht runter. Ist das nicht toll?"
Er lacht und funkelt mich mit seinen blauen Augen an.
„Und wissen Sie was?" Fährt er fort. „Wenn ich mir dieses kleine Wunderwerk so betrachte, dann muss ich einfach glauben, dass es einen Gott gibt. So wunderbar, wie das alles erschaffen ist."
Und da muss ich ihm Recht geben. Ich wäre zwar nie auf die Idee gekommen, das ausgerechnet an eine Fliege festzumachen. Aber ihm hat sich nun mal eine ganz gewöhnliche Stubenfliege auf die Hand gesetzt. Und kein wundersamer Schmetterling. Und sie hat ihm im hohen Alter zu einer tieferen Erkenntnis verholfen, als der Anblick grandioser Bergwipfel in jungen Jahren. -
Das wünsche ich mir auch für mein Älterwerden: dass ich mich auch so vergnügt arrangieren kann mit den Einschränkungen.

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