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SWR4 Abendgedanken BW

Guten Abend. Vielleicht kennen Sie das Lied „Die Uhr" von Carl Loewe, vielleicht steht die Langspielplatte bei Ihnen daheim im Schrank. Ich habe es  erst jetzt kennengelernt, und seither lässt es mich nicht mehr los. Am liebsten höre ich es, wenn Hermann Prey es singt: 

 „Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir,
wie viel es geschlagen habe, genau seh' ich an ihr.
Es ist ein großer Meister, der künstlich ihr Werk gefügt,
wenngleich ihr Gang nicht immer dem thörichten Wunsche genügt. 

Ich wollte, sie wäre rascher gegangen an manchem Tag;
ich wollte, sie hätte manchmal verzögert den raschen Schlag.
In meinen Leiden und Freuden, in Sturm und in der Ruh',
was immer geschah im Leben, sie pochte den Takt dazu. 

Das ist ein schönes Bild, dass jeder Mensch eine eigene Zeit hat, so als hätte jeder Mensch eine eigene Uhr mit auf den Weg bekommen. Und das hat er ja auch: Unser Herz pocht uns den Takt, unser ganzes Leben lang. Manchmal freuen wir uns auf etwas, dann vergeht alles viel zu schnell, und auch unser Herz ist ganz aufgeregt. Manchmal geht alles viel zu langsam und die Zeit tropft so vor sich hin. Aber immer klingt in dem Lied die Gewissheit durch, dass unsere Zeit, unser Leben ein Geschenk ist. Von einem großen Meister ist da die Rede, der uns diese Uhr anvertraut hat und der für uns sorgt. Meine Zeit steht in Gottes Händen, das zu wissen, das gibt ein ganz eigenes Grundvertrauen. In dem Lied heißt es weiter:

Und ward sie auch manchmal träger, und drohte zu stocken ihr Lauf,
so zog der Meister immer großmütig sie wieder auf.
Doch stände sie einmal stille, dann wär's um sie geschehn,
kein andrer, als der sie fügte, bringt die zerstörte zum Geh'n. 

Dann müsst ich zum Meister wandern, der wohnt am Ende wohl weit,
wohl draußen, jenseits der Erde, dort, in der Ewigkeit!
Dann gäb ich sie ihm zurücke mit dankbar kindlichem Fleh'n:
Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben, sie blieb von selber stehn." 

Da ist es noch einmal dieses Grundvertrauen: Nicht nur meine Zeit steht in Gottes Händen, auch ich selber bin darin geborgen, gerade auch am Ende meines Weges. Dieses Lied, das schon über 150 Jahre alt ist, hat für mich etwas sehr tröstliches. Da ist einer, zu dem darf ich kommen, er hält mich in seiner Hand. Und er hat mir etwas mitgegeben, das mich immer an ihn und seine Liebe erinnert: Mein Herz.

 

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