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SWR4 Abendgedanken RP

Ich bin zufrieden, es könnte ja auch anders sein. Das sagt sie zu mir, als ich sie als Gemeindepfarrer zu ihrem Geburtstag besuche.
Ich bin zufrieden, meint sie. Sie hat eingewilligt, in das, was die Fügungen ihres Lebens waren, sie hält es für nicht lösbar, wenn immer danach gefragt wird, warum einem im Leben soviel zugemutet wurde.
85 Jahre ist sie jetzt, die alte Dame. Ein langes Leben voll Auf und Ab, voller Pläne und Schicksalsschläge, voll guter und böser Tage. Ich staune, was ein Mensch in einem langen Leben alles aushalten muss und aushalten kann.
Aufgewachsen in der Zeit des Nationalsozialismus mit falschen Idealen: „Mein Gott, was haben die mit uns gemacht", sagt sie, als sie genauer darüber nachdenkt. Sie hat den Krieg erlebt und am Ende die ausgebombten und ausgebrannten Städte. Sie ist mit Müh und Not mir ihrer Familie durchgekommen. Die Heirat im Dorf, die Kinder, die Arbeit des Mannes, er war Handwerker und hatte ein einigermassen gutes Auskommen. Sie hat im Verkauf und in der Buchhaltung mitgearbeitet, das konnte sie gut.
Aber dann persönliche Schicksalsschläge: Der Tod eines Bruders und der ihres Ehemannes.
Es bleibt eine lange Zeit von Einsamkeit und Suche nach dem, was hält und trägt. Die Nachbarn und bei uns die „Gesellschaft", eine Gruppe von Gleichaltrigen mit gleichen Interessen, sie halten die Frau aufrecht. Wöchentlich ein Romméabend, Gespräche, gegenseitige Unterstützung, zwölf Jahre hat sie im Kirchenvorstand mitgearbeitet, eine Arbeit, die sie geschätzt, aber auch belastet hat, weil es in der Kirchenvorstandsarbeit immer auch schwierige Entscheidungen zu treffen galt.
Sie hat die alte Mutter zu sich genommen, sie haben jahrelang noch einmal zusammengelebt, zum Schluss war die Mutter pflegebedürftig. Das hat sie geschafft auch mit Hilfe der Nachbarn und der „Gesellschaft".
Sie kommt regelmäßig zum Gottesdienst. Die Lebensdeutungen aus den Psalmen, den Prophetenworten, den biblischen Geschichten und den Abschnitten aus den Briefen der Apostel sprechen sie unmittelbar an. „Ich brauch das, damit ich Lebensmut behalte und bekomme", sagt sie.
„Ich bin zufrieden, es könnte ja auch anders sein", sagt sie. „Ich bin zufrieden!" Das sind ihre Worte, die sie einfach immer mal wieder im Gespräch fallen lässt. Und das, denke ich, das ist Gottes Geschenk an sie zu ihrem 85. Geburtstag.

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