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Es kann nur einen geben. Keine Frage. Darin sind sie sich einig - die drei großen Weltreligionen: Christentum, Islam und Judentum.
Gott ist einer. Und neben ihm gibt es keinen anderen. Man kann Gott nicht aufteilen in verschiedene Götter, die am Ende vielleicht sogar noch miteinander in Konkurrenz stehen.
Das wäre eine sehr menschliche Vorstellung von Gott. Der Glaube an eine „himmlische" Welt mit vielen Göttern gehört der Vergangenheit an.
Nein, Gott wäre nicht Gott, wenn es neben ihm noch einen anderen gäbe. Das passt nicht zu Gott. Es kann nur einen geben, der Gott ist.
Und doch bekennen wir Christen Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Wir sind getauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Und jeden Sonntagmorgen beginnen die Gottesdienste im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Also doch drei Götter, wie es manche den Christen vorwerfen? Nein, nur ein Gott ... und doch drei. Wie soll man das verstehen?
Darüber haben sich durch die Jahrhunderte Gelehrte den Kopf zerbrochen. Wirklich erklären konnten sie das auch nicht. Aber sie haben ein Wort dafür gefunden: Drei-einig-keit Das Geheimnis Gottes in einem Wort.
Und das feiern die christlichen Kirchen heute an diesem Sonntag: das Fest der Dreieinigkeit. Gott ist einer und doch hat er sich uns gezeigt als Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Drei-einig-keit. Eigentlich ein Un-Wort. Aber mir fällt auch kein besseres dafür ein.
Drei-einig-keit. Nein, wirklich verstehen kann ich das auch nicht. Drei ist nicht eins und eins ist nicht drei.
Aber muss ich ein Geheimnis mit meinem Verstand begreifen?
Ich kann ihm auf die Spur kommen, ja. Ich kann sogar Spuren entdecken, die es mir leichter machen, das Geheimnis der Dreieinigkeit zu verstehen.
Solche Spuren begegnen mir an vielen Stellen. Ein paar Beispiele sind mir eingefallen:
Ich erfahre das eine Wasser in drei verschiedenen Zuständen: als kalten, festen, gefrorenen Eisklotz, als frisches, sprudelndes Wasser oder als heißen Dampf.
Fest, flüssig oder gasförmig. Es ist dasselbe Wasser und doch sind es drei verschiedene Erscheinungsformen.
Oder: Der eine Raum, in dem ich lebe, besteht aus drei Dimensionen: Länge, Breite und Höhe. Die eine Zeit aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Drei und doch eins.
Der eine Mensch ist Körper, Seele und Geist. Zur Liebe gehört: einer, der liebt, einer, der geliebt wird, und die Liebe selbst. Und Vater, Mutter und Kind machen eine Familie. Drei und doch eins.
In der Musik gibt es den Drei-Klang: Der erste, dritte und fünfte Ton bilden den Akkord, der dann als der eine Dreiklang erklingt.
Beweise sind das keine. Aber Spuren sind es, die mir das Geheimnis des dreieinigen Gottes anschaulich machen.

Heute feiern die christlichen Kirchen das Fest der Dreieinigkeit. Sie machen sich dabei bewusst: Gott ist einer. Und er hat sich uns gezeigt als Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Zugegeben. Für die meisten spielt dieses Fest heute keine große Rolle. Weihnachten, Ostern, ... vielleicht noch Pfingsten. Ja! Damit können viele noch was anfangen. Aber das Dreieinigkeitsfest?
Wenn es dieses Fast nicht gäbe, würde da etwas fehlen? ... Ich meine: Ja, es würde etwas fehlen. Nicht nur etwas, sondern alles. Wie ich darauf komme?
Nun. An den anderen großen christlichen Festen feiern wir, was Gott getan hat.
An Weihnachten, dass er Mensch geworden ist, zu uns gekommen ist auf die Erde. In einem Stall in Bethlehem, erzählt die Bibel.
An Karfreitag und Ostern, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, dass er den Tod überwunden hat.
An Pfingsten, dass Gott Menschen mit seinem Geist bewegt und die Kirche entstanden ist.
Heute am Dreieinigkeitsfest aber feiern wir nicht die großen Taten Gottes, wir feiern Gott selbst.
Da geht es weniger um die Frage: Was hat Gott für mich getan? Vielmehr darum, wer dieser Gott ist, an den ich glaube.
Von Gott reden viele. Gott ist ein großes Wort. Es kann alles Mögliche heißen. Doch wer ist dieser Gott?
Mir hilft da das Bekenntnis zu dem einen Gott, der mir als Vater, Sohn und Heiliger Geist begegnet.
Ich glaube an Gott den Vater. Ich glaube, ich bin geschaffen, gewollt und gehalten von einer Wirklichkeit, die mehr ist als meine eigene Welt.
Deshalb muss ich den Sinn meines Lebens nicht selbst machen. Gott hat mich geschaffen, damit ich leben kann. Das ist für mich Sinn genug.
Und ich glaube an Gott den Sohn. Gott ist nicht weit weg im Himmel geblieben, sondern ist auf die Erde gekommen. Weil ich Gott nicht egal bin. Weil er sich für mich als Mensch interessiert.
In Jesus ist Gott selbst Mensch geworden. Ganz einer von uns. Mensch bis zum Äußersten, bis zum Tod.
Deshalb glaube ich, Jesus war mehr als ein vollmächtiger Prophet und mehr als ein großes Vorbild an Liebe und Gerechtigkeit. Jesus war Gott selbst.
Und heute ist und wirkt Gott in uns und für uns durch seinen Heiligen Geist.
Gottes Geist weckt in mir das Vertrauen zu Gott. Macht mir Mut, wo ich ängstlich und verzagt bin. Schenkt mir Liebe ins Herz, auch zu Menschen, die mir das Leben schwer machen. Gibt mir Geduld und Kraft für diesen Tag. All das schenkt der Heilige Geist. So erfahre ich Gott auch in meinem Alltag.
Ich glaube an den dreieinigen Gott - an Gott den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist.
Daran lasse ich mich erinnern - jeden Sonntag am Ende des Gottesdienstes: „Es segne und behüte dich, Gott der Allmächtige und Barmherzige, Vater, Sohn und Heiliger Geist."
Und darauf sag ich: „Amen - so sei es!"

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Aufgepasst. Heute ist der erste April. Und ehe du dich versiehst, wirst du in den April geschickt - mit einer gut ausgedachten Geschichte. Glaubwürdig, aber frei erfunden. Angeschmiert. Reingefallen. April! April!
Ach ja. Heute ist ja auch noch Ostern. Ostermontag. Kein Aprilscherz. Oder vielleicht doch? - Das mit der Auferstehung von Jesus. Kann man das glauben? Einfach so? Ist das vielleicht auch ein Märchen - ein gut ausgedachtes natürlich, aber nichts dran?
„Dummes Zeug", war die spontane Reaktion der Jünger. Damals am ersten Ostern.
„Märchen, was die Frauen da erzählen. Das Grab ... leer. Na ja ... aber: ‚Er ist auferstanden'? Hier und heute? Irgendwann in Zukunft - vielleicht. Aber jetzt? Heute?"
Vor drei Tagen am Karfreitag waren sie doch dabei gewesen. Da wurde der Leichnam vom Kreuz abgenommen. Sie hatten es mit eigenen Augen gesehen, wie sie ihn ins Grab gelegt haben. Kein Zweifel: Jesus war tot!
So etwas gibt es nicht. Kein Toter kehrt zurück. - Stimmt! Noch niemand ist von den Toten zurückgekehrt.
Einige wenige erzählen ja von Erfahrungen ganz nah am Tod. Aber sie waren nicht ganz tot, sondern eben nur ganz nah dran. Sie leben ja weiter für einige Jahre und sterben dann doch irgendwann.
Bei Jesus war das anders. Er war tot. Ganz tot. Und er ist nicht wieder zurückgekehrt in das alte Leben - das Leben aus Fleisch und Blut. Jesus hat nicht einfach wieder von vorne angefangen und ein paar weitere Jahre gelebt und ist dann gestorben.
Auferstehung von den Toten meint etwas ganz anderes. Meint, Jesus ist uns vorausgegangen in das neue Leben, in Gottes Zukunft.
Das bedeutet Auferstehung: Nicht Rückkehr in das alte Leben, sondern neues Leben in Gottes Welt.
Ich möchte das mit einem Bild verdeutlichen: Ich sehe vor mir ein Gefängnis mit einer hohen Mauer und einem großen Tor.
Jeder muss da hinein, früher oder später. Und keiner kommt aus dieser Gefängnistür wieder heraus. So ist das mit dem Tod. Wie eine Einbahnstraße. Da gibt es nur eine Rich­tung.
Auch Jesus ist in dieses Gefängnis hineingegangen - wie wir alle - aber er hat es in die Luft gesprengt. Die Rückwand ist eingestürzt.
Wir sehen die Vorderseite, die Fassade. Die ist stehen geblieben, wie sie war. Immer noch öffnet sich das Tor. Immer noch müssen wir Abschied nehmen. Immer noch gibt es Krankheit, Leiden und Sterben.
Aber seit Ostern hat die Rückwand ein großes Loch. Und da steht Jesus Christus und ruft die Seinen zu neuem Leben. So hat der Tod seine Gewalt verloren.
Bleibt dennoch die Frage: Wie kann ich sicher sein, dass Jesus auferstanden ist? Dass das alles nicht bloß ein Märchen ist?
Wie kann ich sicher sein, dass Christus das letzte Wort behält und nicht der Tod?

Von zwei Männern möchte ich Ihnen erzählen, die das mit Ostern nicht glauben konnten. Sie haben es nicht mehr ausgehalten in Jerusalem, sind losgelaufen - raus aus der Stadt.
„Dummes Zeug, was da erzählt wird", haben sie gesagt. Aber es hat sie nicht losgelassen. Sie haben sich weiter den Kopf darüber zerbrochen.
Immer wieder ist das Gespräch auf die Ereignisse gekommen. Gehofft hatten sie, dass Jesus ihr Land von den Feinden befreien würde. Aber jetzt war er tot. Und damit auch ihre Hoffnung.
Und dann drei Tage später war das Grab leer. Frauen wollen Engel gesehen haben und die sollen gesagt haben: Er lebt! Er ist auferstanden! Typische Frauengeschichten. Wer glaubt denn so was?
So haben sie miteinander gesprochen auf dem Weg. Da hat sich ihnen ein Fremder ange­schlossen. Der ist einfach mitgegangen, hat nachgefragt, was sie so umtreibt.
Die beiden haben ihm ihren Frust erzählt, ihre enttäuschte Hoffnung. Der Fremde hat zugehört.
Und dann hat er ihnen erklärt, dass das Gottes Plan war. Gott hatte in den Heiligen Schriften das so angekündigt: Der versprochene Retter wird leiden, sterben und dann auferstehen.
Aufmerksam hören die beiden zu, fragen nach und kommen aus dem Staunen nicht mehr raus.
Und als sie dann nahe an ihr Dorf kommen, sagen die beiden zu dem Fremden: „Bleibe bei uns. Der Tag geht zu Ende. Sei unser Gast."
Sie kehren ein, sitzen zusammen bei Tisch. Da spricht der Fremde ein Dankgebet, nimmt das Brot und bricht es und gibt es ihnen.
Bei dieser Geste fällt es den beiden wie Schuppen von den Augen: Das ist er selbst. Jesus, der Gekreuzigte!
In diesem Augenblick ist er schon nicht mehr da. Einfach verschwunden. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.
Sie waren ja schon ganz ergriffen von ihm auf dem Weg, wie er ihnen die Heilige Schrift erklärt hatte. Brannte da nicht schon ihr Herz vor Freude und Gewissheit?
Nun sind sie nicht mehr zu halten, gehen den ganzen Weg in die Stadt zurück und verkünden es den anderen: „Wir haben den Herrn gesehen. Er ist auferstanden. Es ist wahr!"
Was hat die beiden Männer überzeugt? So gewiss gemacht, dass Jesus auferstanden ist? Das Sehen alleine war es wohl nicht. Gesehen haben ihn viele, aber längst nicht alle haben an ihn geglaubt.
Als die beiden aber die Worte der Bibel erklärt bekamen, haben sie verstanden und konnten anfangen zu glauben. Und dann als Jesus mit ihnen gegessen hat. Da haben sie gespürt und gewusst: Das mit der Auferstehung ist kein Aprilscherz.
So haben sie angefangen zu glauben. Und heute? Vielleicht reden Sie mal mit Leuten über Ihre Fragen? Mit jemandem, der sich auskennt mit dem Glauben der Christen und mit der Bibel? In solchen Gesprächen kann viel passieren ...

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Wieder ist ein Jahr vorbei. Manche seufzen und denken: Eigentlich war nichts Besonderes. Es war wie all die anderen Jahre.
Aber könnte es nicht sein, dass ich vielleicht das Besondere einfach nur übersehen habe? Die schönen und kostbaren Momente in all dem Rennen und Sorgen.
Die Reporter der Zeitung „Washington Post" haben sich das auch gefragt und ein Experiment gemacht:
Vor sechs Jahren an einem kalten Wintermorgen zur Hauptverkehrszeit in der Hauptstadt Washington. Die Menschen waren auf dem Weg zur Arbeit. In einer U-Bahn-Station packte ein Mann mit Baseballmütze seine Violine aus und fing an, darauf zu spielen.
Drei Minuten hat es gedauert, bis der erste Passant den Geiger bemerkt hat. Für ein paar Sekunden hat er seinen Schritt verlangsamt. Dann aber ist er zügig weitergelaufen.
Kurz darauf hat eine Frau im Vorübergehen den ersten Dollar in den Hut des Musikers geworfen.
Ein paar Minuten später hat sich jemand an die Wand gelehnt, um zuzuhören. Ein Blick auf die Uhr aber hat ihn wenige Augenblicke später angetrieben weiterzugehen.
Die größte Aufmerksamkeit hat dem Geiger ein kleiner Junge geschenkt. Der etwa Dreijährige ist stehen geblieben und hat den Mann mit der Violine betrachtet. Doch seine Mutter hat ihn an der Hand weitergezogen. Im Gehen hat er noch mehrmals seinen Kopf zu dem Musiker umgedreht.
Fast eine dreiviertel Stunde hat der Geiger gespielt ohne Unterbrechung.  Hunderte sind in dieser Zeit an ihm vorbei geeilt. Nur sieben Personen sind stehen geblieben und haben ihm für einen kurzen Moment zugehört.
Vielleicht zwanzig haben eine Münze in den Hut geworfen. 32 Dollar sind am Ende zusammengekommen. Als der Geiger sein Spielen beendet hatte, hat kaum jemand davon Notiz genommen. Nur eine Frau hat Beifall geklatscht.
Der Mann mit der Violine war Joshua Bell, einer der besten Musiker der Welt. Er hat klassische Stücke gespielt von Johann Sebastian Bach und Franz Schubert. Die gehören zu den schwierigsten Musikstücken, die jemals komponiert wurden. Seine Violine war eine Stradivari. Sie hat einen Wert von dreieinhalb Millionen Dollar.
Zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell vor einem ausverkauften Haus in Boston das gleiche Konzert gegeben. Die Karten dafür haben durchschnittlich einhundert Dollar gekostet.
Sein Auftritt in der U-Bahn war ein Experiment. Die Zeitung „Washington Post" wollte wissen: Können Menschen Schönheit wahrnehmen, wenn sie nicht damit rechnen, ihr zu begegnen?
Wir - Sie und ich - wären wahrscheinlich auch an dem Musiker vorbeigegangen. Sich in der Routine des Alltags von kostbaren Augenblicken berühren zu lassen, dafür fehlt meist die Muße.
Aber die Frage bleibt: Welche Schönheiten und wundervollen Dinge übersehen wir in unserem Leben?

Wir haben ja gerade ein großes Fest hinter uns. Weihnachten. Für viele eine ganz besondere Zeit: Haben Sie die schönen Momente noch vor Augen und im Kopf? Oder auch hier vor allem die Aufregung und die Unruhe?
Ich stelle mir vor: Auch für Maria und Josef damals am ersten Weihnachten ist der Alltag ganz schnell wieder gekommen.
Das Kind war geboren. Die Hirten sind wieder zurückgekehrt zu ihren Herden. Aber für die jungen Eltern war damit noch nicht vorbei und erledigt, was geschehen war.
Ein paar Tage später sind Maria und Josef mit dem Kind nach Jerusalem gegangen in den Tempel. Sie haben Gott gedankt für das Geschenk des neuen Lebens, dass alles gut gegangen war mit der Geburt.
Dabei ist ihnen - mitten in dem Gewusel und Gewühl von Menschen - Simeon begegnet, ein Mann, der schon viel erlebt hat. Er war alt und vom Leben gezeichnet.
Dieser alte Mann war fast jeden Tag im Tempel. Er hat die vielen Leute kaum noch wahrgenommen. Aber an diesem Tag ist sein Blick auf die junge Familie gefallen und auf das gerade mal ein paar Tage alte Kind.
Und da hat Simeon in seinem Herzen gespürt: „Das ist es. Mit so einem Kind fängt die Welt neu an. Mit diesem Kind fängt die Welt Gottes an. Dieses Kind wird uns den Weg zeigen, den wir gehen können."
Der alte Mann hat den kleinen Jesus auf seine Arme genommen und Gott gepriesen: „Nun kann ich in Frieden sterben, denn meine Augen haben den Heiland Gottes gesehen! Es ist wahr: Gott hat sein Volk nicht vergessen!"
Mich beeindruckt diese Szene im Tempel. Simeon mag zwar äußerlich alt und gebrechlich gewesen sein, aber innerlich war er ganz wach für den besonderen Augenblick. Er hat gesehen und entdeckt und verstanden.
Er ist nicht einfach vorüber gegangen an diesem Kind wie die vielen hundert anderen Besucher im Tempel. Er hat sich von diesem Kind berühren lassen und Trost gefunden.
Ich finde: Das ist ein ganz kostbarer Moment im Leben eines Menschen, wenn er entdeckt, was Gott ihm schenken will. Wenn er in Jesus den sehen kann, der sein Leben hell macht. Wenn er in dem Kind in der Krippe den Heiland der Welt erblicken kann.
Vielleicht kann ich mir heute Zeit nehmen und zurückblicken auf dieses Jahr und nach diesen besonderen Momenten Ausschau halten: Wo hat Gott mir Fingerzeige gegeben, dass er an mich denkt? Dass ich nicht vergessen bin?
Was habe ich in diesem Jahr übersehen? Wo bin ich vielleicht an Gott  vorbeigegangen, ohne es zu merken, weil ich zu beschäftigt war mit mir, mit meinen Sorgen, mit meinen Plänen. Weil meine Gedanken ganz woanders waren.
Diese letzten Tage des Jahres sind eine Einladung, aufmerksam zurückzuschauen und die besonderen und kostbaren Augenblicke wahrzunehmen. Ich glaube: Wir begegnen ihnen öfter, als wir denken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14447

Heute Morgen möchte ich Ihnen zunächst eine Geschichte erzählen. Sie handelt von Zwillingen, die im Mutterleib heran wuchsen: Ein Mädchen und ein Junge.
„Ist es nicht schön, dass wir leben?", fragte eines Tages das Mädchen. „Wunderschön", meinte der Junge und plantschte mit seinen Händchen durch das Fruchtwasser, so dass es kleine Wellen schlug.
„Ist dir schon aufgefallen, dass wir uns verändern und immer größer werden?", fragte der Junge. - „Ich glaube, das bedeutet, dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald zu Ende sein wird", meinte das Mädchen.
„Wie meinst du das?", fragte der Junge, „Du glaubst doch nicht etwa an ein Leben nach der Geburt?"
„Doch, ich glaube daran", antwortete das Mädchen. „Ich meine: Unser Leben hier ist dazu gedacht, dass wir wachsen und uns auf das Leben nach der Geburt vorbereiten, damit wir stark genug sind für das, was uns dort erwartet."
„Blödsinn", erwiderte der Junge, „Warum machst du dir darüber Gedanken? Hier ist es doch schön. Es ist warm. Und wir haben alles, was wir brauchen.
Und außerdem haben schon viele diesen Mutterschoß verlassen. Keiner von ihnen ist zurückgekommen. Nein, ein Leben nach der Geburt gibt es nicht."
Das Mädchen gab nicht nach: „Ich meine, es muss mehr geben als diesen dunklen Ort. Es muss doch anderswo etwas geben, wo Licht ist und man sich frei bewegen kann. Vielleicht werden wir ja herumlaufen und mit dem Mund essen?"
„Herumlaufen. So ein Unsinn!", lachte der Junge, „Das geht doch gar nicht. Und mit dem Mund essen. So ein Quatsch! Es gibt doch die Nabelschnur. Die ernährt uns. Wie willst du mit der herumlaufen? Die ist doch viel zu kurz.
Ich sage dir: Wenn wir hier aus dieser schönen Welt im Bauch heraus müssen, dann ist alles aus. Wenn uns jemand die Nabelschnur durchschneidet, werden wir tot sein."
„Ich weiß ja auch nicht genau, wie das Leben nach der Geburt aussieht", sagte das Mädchen, „aber spürst du nicht auch ab und zu diesen Druck? Manchmal tut es richtig weh.
Ich glaube, dieses Wehtun bereitet uns auf einen anderen Ort vor, wo es viel schöner ist als hier, und wo wir unsere Mutter sehen werden von Angesicht zu Angesicht. Das wird bestimmt ganz aufregend sein."
„Mutter?", fragte der Junge spöttisch, „Du glaubst doch nicht etwa an die Mutter! Ich habe noch nie eine Mutter gesehen. Wo soll die denn sein?"
„Na hier, überall um uns herum. Wir sind in ihr und wir leben durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein. Manchmal, wenn du ganz still bist, kannst du sie singen hören, oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt."
„Ich glaub nur das, was ich seh", meinte der Junge trotzig.
Aber dann kam der Moment der Geburt. Die Zwillinge haben ihre Welt verlassen und die Augen geöffnet. Was sie da gesehen haben, hat ihre kühnsten Träume übertroffen.

Wie sieht das Leben nach der Geburt aus? Ein Kind im Mutterleib kann sich das nicht ausmalen.
Sie und ich, wir leben nach der Geburt. Und wir können uns nur schwer vorstellen, wie es nach dem Tod weitergehen soll. Jene Welt ist uns verschlossen.
Das spüren gerade heute viele, wenn sie auf den Friedhof gehen und an die Gräber ihrer Lieben. Mit dem Tod scheint alles vorbei. Wir stehen wie vor einer Mauer und können nicht drüber sehen.
Aber für uns Christen ist der Tod weniger das Ende als vielmehr der Beginn des neuen Lebens in Gottes Ewigkeit.
Zugegeben, der Gedanke klingt eigenartig, aber die Erde ist für uns nur ein vorüberge­hender Aufenthaltsort - extrem kurz ... verglichen mit dem, was uns danach erwartet. Das Beste kommt noch. Auf uns wartet die Ewigkeit.
Wie es dort sein wird in Gottes Ewigkeit? - Einer der ersten Christen, der Seher Jo­hannes, durfte einen Blick hinter die Mauer werfen.
Was er da gesehen hat, hat er aufgeschrieben. In der Bibel kann man es nachlesen:
Da wohnt Gott bei den Menschen. Und Gott wird alle ihre Tränenabwischen. Kein Leid wird mehr sein, kein Geschrei mehr, keine Schmerzen, kein Tod mehr. Gott hat alles neu gemacht.
Ich finde das traumhaft! Ein neues Leben, frei und unbeschwert und erfüllt nicht nur für einen Augenblick, nicht nur für einen kurzen Moment des Glücks, der mich abtauchen lässt in eine heile Welt, sondern glücklich und zufrieden und geborgen für immer, für die Ewigkeit.
Das ist Gottes neue Welt: Eine Stadt ohne Schmerzen, ohne Tränen, ohne Schreie. Traumhaft, was Johannes da gesehen hat.
Ein Bild spricht mich besonders an: Das weinende Gesicht. Ich denke an die Tränen von Menschen, die einen lieben Angehörigen verloren haben.
Oder mir kommen Gesichter in den Sinn von bedrängten Menschen - auf der Flucht, ohne Dach über dem Kopf, unschuldig in Gefängnissen sitzend. Weinende Kinder, die ihre Eltern im Krieg verloren haben.
Es gibt so viel Leid, das mir rätselhaft ist. Schicksale, die mitunter grausam sind. Tränen geweint, geschluchzt, oft heimlich. Sie sollen alle weggewischt werden.
Keinen Tränen mehr? - Ja, so hat es Johannes vernommen. Das Weinen wird aufhören. Es wird keinen Anlass mehr dafür geben.
Und jede Träne, die ich geweint habe, wird Gott abwischen - auch die heimlichen, die ich vor den anderen versteckt habe.
Gott wird sie alle abwischen: die Tränen der Trauer, die Tränen des Versagens, die Tränen der Schuld und die Tränen der Enttäuschung.
Dann werden wir sein wie die Träumenden. Gott selbst hat das den Johannes sehen lassen. Und ich glaube es fest: Gott lügt nicht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14222

Für's Beten bin ich zuständig. Sagen die Leute. Schließlich bin ich Pfarrer. Etwa als wir den letzten Waldgottesdienst vorbereitet haben. Wir hatten gründlich geplant. Viele haben beim Aufbauen mit angepackt. Es war alles gerichtet. Nun haben wir nur noch schönes Wetter gebraucht.
„Dafür sind Sie zuständig, Herr Pfarrer. Sie haben doch den guten Draht nach oben", hat einer gemeint. Und die anderen haben zustimmend genickt.
Ja, ich bete. Ich bete auch für gutes Wetter. Aber wenn ich Ihnen mal was verraten darf: Manchmal habe ich da auch meine Zweifel. Beten kann ja bestimmt nicht schaden. Aber, ob dann wirklich eintrifft, worum ich bitte?
Ich bete. Aber manchmal rechne ich gar nicht wirklich damit, dass es hilft. Dass sich durch mein Beten etwas ändern könnte an einer festgefahrenen Situation oder an einer Krankheit oder in einer Notlage. Da bete ich. Schließlich bin ich Pfarrer. Aber rechne ich dann wirklich damit, dass sich was ändert? Anderen geht es ähnlich, glaube ich. Die geben das Beten dann vielleicht einfach auf.
Ich möchte Ihnen dazu eine Geschichte erzählen - aus der Bibel. Eine Geschichte von Leuten, die anscheinend auch nicht geglaubt haben, dass ihr Beten wirklich hilft. Und eine Geschichte von Petrus. Der war einer der engsten Freunde von Jesus und hat nach Jesu Tod zum Leitungsteam der ersten Christengemeinde gehört.
Weil die Christen damals als unzuverlässige Bürger galten, wurde Petrus gefangen genommen. Das Urteil stand schon vorher fest: Tod. Wenn wir den Anführer dieser Christen ausschalten, wird man sich gedacht haben, dann wird sich die Christengemeinde bald ganz auflösen.
Petrus wurde also in den Kerker geworfen. Aber nicht einfach eingeschlossen in eine Zelle. Er wurde in Ketten gefesselt und bewacht von einer ganzen Mannschaft von Soldaten.
Und seine Freunde, die anderen Christen? Die haben dem Petrus geholfen mehr als sie ahnen. In der Bibel lesen wir an dieser Stelle: „Die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott."
Die ganze Nacht haben sie gebetet. Gefleht, dass Gott ein Wunder tun möge. Dass Gott den Petrus rettet.
In dieser Nacht hat Petrus Besuch bekommen. Im Kerker. Trotz Besuchsverbot.
Was nun passiert, hat Petrus kaum wahrgenommen. Der Besucher hat ihm aufgeholfen. Die Ketten sind abgefallen. Die Zelle hat sich geöffnet. Und von all dem haben die Wachen nichts mitbekommen.
Petrus glaubte zu träumen. Aber das eiserne Tor hat sich geöffnet. Petrus stand in einer Gasse der Stadt. Und der Retter war verschwunden. Für Petrus war klar - das muss ein Engel gewesen sein. Wie sonst wäre das möglich gewesen?
Erst jetzt ist bei ihm der Groschen gefallen: „Es ist wahr. Ich habe nicht geträumt. Gott hat mir seinen Engel geschickt. Ich bin frei!"

Petrus ist frei gekommen aus dem Gefängnis. Natürlich ist er zu einem der Häuser gegangen, in dem sich die Christen zum Beten versammelt hatten, und hat an die Tür geklopft.
Erschrocken haben sich die Christen angeschaut. Wer klopft? Mitten in der Nacht? Solda­ten? Eine Razzia? Wollen die uns holen?
Gerade eben noch haben sie gebetet, dass Petrus aus dem Gefängnis gerettet wird. Aber anscheinend hat niemand wirklich damit gerechnet, dass Gott das Gebet erhört. Mit allem haben sie gerechnet - aber nicht damit, dass Petrus vor der Tür stehen könnte.
Die Sklavin des Hauses wurde an die Tür geschickt. Sie hat Petrus gesehen. Und erschrocken hat sie ihm die Tür wieder vor der Nase zugeschlagen, ist zurück gerannt ins Haus: „Da draußen steht Petrus."
Keiner wollte ihr glauben. „Unmöglich. Das kann nicht sein. Der sitzt im Gefängnis. Du hast ein Gespenst gesehen."
Ist das nicht verrückt? Die halten es für wahrscheinlicher, dass ein Gespenst vor der Tür steht, als dass Gott ihre Gebete erhört.
Petrus musste noch mal klopfen. Energischer. Dann wurde er eingelassen. Brühwarm hat er erzählt, wie er frei gekommen ist, wie Gott das Gebet der Versammelten erhört hat.
Ich weiß ja nicht, wie Sie das sehen: Mir macht diese Geschichte Mut. Sie macht mir Mut, das Beten nicht aufzugeben - auch wenn ich mir manchmal nicht wirklich vorstellen kann, dass sich was ändern wird.
Manche sagen ja, dass Gott nur so viel tut, wie wir ihm zutrauen, wie wir von ihm erwarten. Diese Geschichte zeigt: Gott tut mehr. Viel mehr. Über unser Bitten und Verstehen.
Darum will ich weiter beten. Auch wenn ich es manchmal nicht glauben kann, dass Gott meine Gebete erhört.
Ich will konkret beten. Für das Wetter zum Beispiel. Oder dafür, dass ein Kranker gesund wird. Ich will mich nicht in Allgemeinheiten verlieren, sondern Gott mit meinen Anliegen in den Ohren liegen.
Ich gebe zu: Manchmal ist auch mein Glaube klein und rechnet nur mit dem, was uns Menschen möglich scheint. Aber die Geschichte von Petrus und seinen betenden Freunden sagt mir: Gott kann mehr.
Ja, ich weiß: Ich kann Gott nicht vorschreiben, was er tun soll. Gott ist Gott und kein himmlischer Flaschengeist, der mir meine Wünsche auf wundersame oder wunderbare Weise erfüllen muss.
Aber dieses Wissen muss mich ja nicht davon abhalten, auf Gott zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass Gott für mich sorgt, dass Gott mein Beten hört und tut, was am Ende gut für mich ist.
Eins ist auf jeden Fall klar: Trotz aller Bedenken. Trotz aller Zweifel. Wer ganz auf das Beten verzichtet, der wird auch nie die Erfahrung machen, dass Gott Gebet erhört - wenn auch vielleicht anders und oft über das hinaus, was ich mir vorstellen kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13841

Vielerorts kann man sie heute sehen: Die Prozessionen zum Fronleichnamsfest. Straßen sind mit Blumen und Fahnen prachtvoll geschmückt.
Singend und betend ziehen die Gläubigen in großen Prozessionen durch das Dorf und hinaus auf Wiesen und Felder. Musikkappellen spielen. Und unter einem großen Baldachin tragen Priester und Ministranten die Hostie, das Abendmahlsbrot.
Um das geht es heute: Um das Abendmahlsbrot. Und um Jesus, von dem die Christen glauben: Hier, in diesem geweihten Brot ist er selber bei uns. „Christi Leib für dich gegeben" - mit diesen Worten teilt der Priester oder der Pfarrer in der Kirche das Abendmahl aus.
Daher auch der Name „Fron-Leichnam": „Leib des Herrn". Da geht es nicht um eine Leiche, wie man aus dem Namen des Festes vielleicht schließen könnte. Da geht es um den Christus selber. Mit dem Abendmahlsbrot wird gewissermaßen Christus selbst in die Welt hinaus getragen.
Wir Evangelischen feiern nicht Fronleichnam. Prozessionen sind nach der Reformation aus verschiedenen Gründen nicht mehr üblich gewesen.
Und nun soll ausgerechnet ich als evangelischer Pfarrer mir dazu Gedanken machen.
„Ich weiß gar nicht, was du hast", hat meine evangelische Kollegin augenzwinkernd gesagt, „Fronleichnam ist für mich das liebste Fest im Jahr. Es ist Feiertag und ich habe frei!"
Ich muss sagen - auch wenn ich selbst noch an keiner Fronleichnamsprozession teilgenommen habe und Prozessionen überhaupt mir fremd sind - ich kann diesem Fest was abgewinnen.
Jesus aus der Kirche tragen - das finde ich gut. Von ihm auf den Straßen und Plätzen reden und singen, dort wo sich die Menschen aufhalten - das finde ich mutig. Als Christen in der Öffentlichkeit Flagge zeigen - ich finde, das geschieht viel zu wenig.
Die meisten Christen in Deutschland sehen ihren Glauben als Privatsache, als etwas rein Innerliches an. Ich gebe es ja zu: In einer Gesellschaft, die sich für den christlichen Glauben anscheinend kaum noch interessiert, erfordert das öffentliche Bekennen zu Christus einiges an Mut.
Aber Gottvertrauen und Glaube sind doch nicht nur innerhalb der Kirchenmauern wichtig oder in den eigenen vier Wänden. Jesus hat damals zwar auch in Gotteshäusern gepredigt, aber die meiste Zeit war er unterwegs mit Menschen und hat Gottes Herrschaft öffentlich bekannt gemacht - auf Dorfplätzen und auf Wiesen, auf Feldern und Bergen.
Dort hat er von Gott gesprochen. Dort sollten die Leute begreifen: Gott ist für euch da. Hier, wo ihr lebt und arbeitet, da will er euch helfen, dass das Leben gut wird.
Dass die Menschen das sehen und hören - Ehrlich gesagt: Dafür würde ich sogar als evangelischer Pfarrer bei einer katholischen Fronleichnamsprozession mitgehen.

Jesus aus der Kirche tragen. Von ihm auf den Straßen und Plätzen sprechen. Als Christen in der Öffentlichkeit Flagge zeigen. Darum geht es heute beim Fronleichnamsfest.
Viele Prozessionen bleiben nicht im Ort. Sie führen hinaus auf die Wiesen und Felder oder in die Weinberge. Dorthin, wo gerade alles in sattes Grün und leuchtendes Gelb ge­taucht ist. Dorthin, wo es kräftig wächst und blüht.
Mit Jesus ja eigentlich Gott selbst auf die Felder tragen und damit zum Ausdruck bringen: Von ihm erbitten Menschen den Segen für die Ernte. Von ihm erwarten sie, dass sie auch in diesem Jahr satt werden und jeden Tag genug zu essen haben - wie wir Christen es im Vater Unser erbitten: „Unser täglich Brot gib uns heute".
Denn dass wir alles haben, was wir zum Leben brauchen, und das meiste dazu noch im Überfluss, das ist keineswegs selbstverständlich. Das ist ein Geschenk.
Wir Menschen können zwar pflügen und säen. Wir können den Boden bereiten und die Felder düngen. Aber Wachstum und Gedeihen liegen nicht in unserer Hand. „An Gottes Segen ist alles gelegen", haben die Alten gesagt.
Dafür können einem die Prozessionen auf die Wiesen und Felder heute beim Fronleichnamsfest die Augen öffnen. Wir Menschen sind heute noch genauso abhängig von Gottes Segen wie in früheren Zeiten. Vielleicht ist ja gerade dieses Wissen der Schlüssel zu einem dankbaren und erfüllten Leben.
Das Auto, die Urlaubsreise, das Haus. Das alles habe ich mir vielleicht sauer verdient. Aber mal ehrlich: Die wirklich wichtigen Dinge in meinem Leben habe ich nicht verdient. Gar nicht verdienen können! Dass ich auf die Welt gekommen bin, dafür habe ich nichts geleistet. Das Leben wurde mir geschenkt.
Die Luft zum Atmen, die Sonne, die Kraft zum Arbeiten, meine Gesundheit. Für all das habe ich nichts getan. Alles geschenkt. Ich empfange es jeden Tag neu und nehme es doch wie selbstverständlich hin.
Erst wenn etwas fehlt, merke ich auf. Wenn etwa die Kräfte schwinden und die Gesundheit verloren ist. Dann erkenne ich, was für ein Geschenk es ist, gesund und vital zu sein.
Leben heißt empfangen. Das ist wie beim Abendmahl. Da empfange ich ja auch - Brot und Wein. Wir Christen sagen: Leib und Blut Christi. Zeichen des Lebens. Sie erinnern mich: Du kannst und brauchst dir dein Leben nicht zu verdienen. Es ist alles geschenkt von Gott.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes Fronleichnamsfest - mit oder ohne Prozession, aber auf jeden Fall mit einem dankbaren Herzen.

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„Hilf doch, Gott!" - Wie oft wurde dieses Gebet schon zum Himmel geschrien! In den Zimmern der Krankenhäuser, wenn die Ärzte mit ihrem Latein am Ende waren.
„Hilf doch, Gott!" Wie oft haben das Kinder oder Eheleute gebetet, wenn es gekriselt hat in der Beziehung - und die Ehe ist dann doch auseinander gegangen.
„Hilf doch!" Wie oft wird dieses Gebet gesprochen ... und wie oft wurden die Hoffnungen enttäuscht. Heute wie damals vor zweitausend Jahren. Der Palmsonntag heute erinnert, wie das war, damals, zurzeit Jesu:
In Jerusalem ging das Gerücht um: Er kommt in die Stadt. Der Mann aus Galiläa. Der Wunderheiler. Der Hungrige satt macht und Kranke gesund - Jesus. Der kommt zum Fest!
Und tatsächlich: Aus der Ferne kündigt sich schon sein Kommen an. Da sind die Menschen nicht mehr zu halten. Sie legen Kleider auf den Weg - wie einen roten Teppich. Sie winken mit Palmzweigen und rufen:  „Hosianna!" - zu Deutsch: „Hilf, Herr!" Übrigens kommt daher der Name „Palmsonntag".
Ich stelle mir den Einzug Jesu in Jerusalem nicht als ein heiteres Volksfest vor. Nicht wie bei einem Kirmesumzug, wo die Menschen fröhlich winken und ausgelassen feiern.
An jenem Palmsonntag in Jerusalem war die Welt nicht in Ordnung. Die Stimmung war aufgeheizt. Die Menschen hatten die Nase voll von den Römern im Land.
In diesem Ruf „Hosianna! - Hilf doch!" liegt ihre ganze Sehnsucht nach Freiheit, nach Erlösung von der römischen Besatzung. Und in dieses „Hosianna" legen sie all ihre Hoffnungen, all ihre Träume, all ihre Erwartungen.
Jetzt war es soweit. Der Tag der Erlösung war da. Jesus hatte schon so viele Wunder getan. Endlich kommt der Retter auch nach Jerusalem. In die Hauptstadt. Ins Zentrum der Macht.
Jetzt wird Jesus das größte Wunder vollbringen. Jetzt wird er die Besatzer aus dem Land werfen. Die Erlösung, die Freiheit - zum Greifen nah! „Gelobt sei der da kommt. Hosianna! - Hilf, Herr!"
Die Menschen feiern. Aber es war kein fröhlicher, kein unbeschwerter Jubel. Das „Hosianna - Hilf, Herr!" war wirklich ein Hilferuf. Sie wussten keinen anderen Weg mehr. Wer könnte ihnen noch helfen, wenn nicht er?
Die Menschen haben in Jesus den neuen König gesehen. „Hosianna! - Hilf, Herr!" Eindringlicher kann die Bitte nicht sein!
Und Jesus? Was macht Jesus? Er lässt sich nicht auf die Schultern der jubelnden Massen heben. Jesus streckt die Faust nicht in den Himmel - wie es die politischen Revolutionäre tun. Er macht kein Victory-Zeichen, keine Siegesgeste.
Jesus ergreift nicht couragiert das Wort, hält keine Kampfesrede. Er verjagt die Soldaten nicht. Es scheint, als prallt der Hilferuf ungehört an ihm ab.

Wie in einem Triumphzug reitet Jesus in Jerusalem ein. Die Menschen sehen in ihm den neuen König. Er soll ihnen Gerechtigkeit und Freiheit bringen.
Doch Jesus kommt nicht in die Stadt und wirft wie von einem Festumzugswagen Wohltaten wie Süßigkeiten unters Volk.
Er besteigt einen Esel und reitet durch das Tor - so als wollte er sagen: „Macht mich nicht zu dem, der ich nicht bin!"
Das ist die große Enttäuschung: Mit dem Einzug in Jerusalem erfüllt Jesus nicht die Wünsche des Volkes, sondern er erfüllt den Willen Gottes. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Die Menschen haben das nicht begriffen. Vielleicht auch nicht begreifen wollen. Sie waren mit ihrem „Hosianna, hilf doch!"- Geschreie so sehr mit sich selbst beschäftigt und mit ihrem Kummer, mit ihrem Leid.
Wenige Tage später haben sie dann festge­stellt: Dieser Mann bringt's nicht. Jedenfalls nicht das, was wir erhofft haben. Und da kippt die Stimmung.
Diese Enttäuschung haben sie nicht verkraftet. Und die, die eben noch geschrien haben: „Hosianna - Hilf, Herr", die schreien ein paar Tage später: „Weg mit dem. Ans Kreuz mit ihm!"
Ich muss zugeben: Bei mir ist das manchmal ganz ähnlich. Wenn ich zu Gott rufe: „Hosianna, hilf doch!" und dann feststelle: Gott geht nicht so auf meine Wünsche ein, wie ich mir das vorstelle. Das kann enttäuschend sein. Das kann auch richtig weh tun.
Und ich überlege mir: Was wäre gewesen, wenn Jesus auf die Wünsche der Leute damals eingegangen wäre?
Vielleicht hätte er die Römer wirklich aus dem Land vertrieben. Vielleicht wäre Jesus ein gerechter Herrscher gewesen. Und vielleicht hätte das Volk für ein paar Jahre Frieden und Freiheit genießen können. Jesus aber wäre eine Episode in der Geschichte Israels geblieben.
Aber Jesus ist nicht gekommen, um die Leute damals von der Herrschaft Roms zu befreien und ihnen ein paar Jahre Frieden zu schenken. Jesus ist gekommen, um uns Menschen den Weg zum Leben zu zeigen.
Und von diesem Weg hat sich Jesus nicht abbringen lassen - auch nicht durch das Leiden. Und davon „profitieren" wir noch heute. Durch seinen Tod am Kreuz hat Jesus den Weg in den Himmel frei gemacht - nicht nur für die Menschen damals, auch für uns heute.
Wenn ich es mir recht überlege: Eigentlich gut, dass Jesus nicht auf die Wünsche der Leute gehört hat, sondern den Willen Gottes getan hat. Auch wenn das für die Menschen damals zuerst eine Riesenenttäuschung war.
Wahrscheinlich auch gut, dass Gott nicht alle meine „Hosianna - so hilf doch!"- Rufe erhört, sondern dass sein Wille geschieht. Er sieht mein Leben - nicht nur das Heute, sondern auch das Morgen und Übermorgen. Er hat den Überblick und wird auch mit mir zum Ziel kommen.
Vielleicht kann es mich ja trösten, wenn ich mich von der Geschichte des Palmsonntags erinnern lasse: „Wenn nicht das geschieht, was ich will, dann geschieht dennoch das, was gut für mich ist."

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Mit dem Tod ist alles aus. Solche Gedanken kennt, wer schon mal auf dem Friedhof in ein Grab hineingeschaut hat. Der Tod setzt ein Ende - ohne Rücksicht auf unsere Gefühle. Er nimmt uns liebe Menschen und reißt uns auseinander.
Was bis jetzt nicht ausgesprochen worden ist, kann nicht mehr gesagt werden. Und was bis jetzt nicht geklärt ist, kann nicht mehr geklärt werden. Mit dem Tod bricht alles ab. Er hat etwas Endgültiges, Unumkehrbares. Das macht den Tod so grausam.
Doch wir Christen glauben: Der Tod ist kein Schlusspunkt, sondern ein Doppelpunkt. Es geht weiter nach dem Tod. - Woher wir das wissen können?
Gott hat seinen Sohn Jesus Christus auferweckt. Menschen hatten Jesus hingerichtet. Doch nach drei Tagen ist Jesus auferstanden von den Toten. Ein paar seiner Freunde sind ihm damals begegnet. Seither feiern wir Christen Ostern, und wir glauben: Der Tod hat nicht das letzte Wort über uns.
Darauf weist auch der Sonntag heute hin mit seinem Namen: „Jubilate": Jubelt, ihr Menschen, denn Gott hat den Tod besiegt. Ostern - das ist das Ende des Todes.
Steile Sätze sind das. Und die sind auch nicht ohne Weiteres einsichtig. Denn meine Erfahrung spricht eine ganz andere Sprache: Es sterben ja weiterhin Menschen. Und Leid und Tod scheinen die Welt auch nach Ostern fest im Griff zu haben. Von wegen: Tod besiegt.
Und doch: Mit Ostern hat sich etwas geändert - ganz grundlegend. Seit Ostern haben wir Christen eine Hoffnung, die über das Grab hinausreicht. Seit Ostern können wir wissen: Der Tod wird mich nicht festhalten. Denn Gott ist stärker als der Tod.
Wer das für sich weiß, für den verliert der Tod seinen Schrecken. Wer das glauben kann, der kann getröstet sein, auch wenn der Tod ihm einen lieben Menschen genommen hat.
Ich habe von einem Mann aus Afrika gehört. Er hatte seine Tochter durch den Tod verloren. Trauer hat die ganze Familie erfüllt. Aber sie waren auch getröstet durch die Hoffnung auf das ewige Leben.
Auf das Grab der Tochter hat der Vater ein schlichtes Holzkreuz gesetzt und die Worte darauf geschrieben: Der Tod hat keine Hände.
Freunde haben ihn gefragt: Was soll diese Inschrift bedeuten: „Der Tod hat keine Hände"?
Der Vater hat ihnen geantwortet: „Ich weiß, der Tod kann mir mein Kind nicht wegnehmen oder ewig festhalten. Ich werde es irgendwann in Gottes Welt wiedersehen. Seit Jesus auferstanden ist, hat der Tod keine Hände mehr."
So ist es! Seit Jesus Christus von den Toten auferstanden ist, hat der Tod keine Hände mehr! Der Tod hat verloren. Und darum habe ich auch die Hoffnung, der Tod mich nicht festhalten kann.
Ich werde zwar sterben, aber das bedeutet für mich nicht das Ende. Es geht weiter nach dem Tod.
Jesus ist den Weg vom Tod zum Leben vorausgegangen. Er lebt! Und mit ihm werde auch ich leben. Deshalb feiern wir das Osterfest.

Teil II

Mit Ostern hat sich etwas ganz grundlegend geändert in unserer Welt: Der Tod ist besiegt. Er hat keine Hände mehr. Er kann mich nicht festhalten.
Immer wieder macht es mich traurig, wenn jemand gestorben ist, den ich lieb gehabt habe. Dann scheint mir alles ganz dunkel. Und trotzdem finde ich Lebensfreude und Hoffnung.
Vielleicht ist das so, wie bei den verschütteten Minenarbeitern in Chile im letzten Herbst. Erinnern Sie sich?
Der Zufahrtsstollen war eingestürzt. Dreiunddreißig Bergleute saßen in der Tiefe fest. Mehr als zwei Monate lang waren sie lebendig begraben. Die ganze Welt hat den Atem angehalten und hat mit gebangt um das Leben der Eingeschlossenen.
Für die Rettungsmannschaften begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Endlich - nach mehreren Fehlschlägen - war es soweit. Eine Stahlkapsel wurde in die Tiefe gelassen. Und mit dieser Kapsel konnten die eingeschlossenen Bergleute befreit werden.
Der erste, der nach oben gezogen wurde, war Florencio Ávalos. Als er oben angekommen war, brach die Menschenmenge in großen Jubel aus. Der chilenische Präsident persönlich hat den geretteten Bergmann begrüßt.
Und dann kam einer nach dem anderen ans Tageslicht. Man hatte vorher eine Reihenfolge festgelegt, wer wann in die Rettungskapsel steigen darf.
Die Rettung eines Bergmanns dauerte etwa eine dreiviertel Stunde. Das heißt: Die letzten Bergleute mussten fast noch einen ganzen Tag in dem Stollen warten, bis sie endlich an die Reihe gekommen sind.
Doch sobald der erste gerettet war, hatte sich die Situation bei den Kumpels unter Tage grundlegend verändert.
Noch waren sie zwar in der Dunkelheit. Noch mussten sie die Spannung ertragen. Noch konnten sie ihre Lieben nicht in die Arme schließen.
Und trotzdem haben sie unter der Erde schon ausgelassen gefeiert und sich gefreut. Denn sie haben gewusst: Rettung ist nahe.
Der Erste ist durch. Es gibt einen Weg ans Licht. Und dieser Weg ist frei. Einer ist ihn ja schon gegangen. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch wir das Licht sehen.
Für mich ist das eine Ostergeschichte - ein Bild für das, was wir Christen an Ostern feiern. Seit Gott seinen Sohn Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, steht fest: Der Erste ist durch.
Der Tod ist keine Endstation. Es gibt einen Weg vom Tod zum Leben. Und dieser Weg ist frei. Einer ist ihn schon gegangen. Jesus Christus ist uns vorausgegangen auf dem Weg durch den Tod ins Leben. Wir werden ihm folgen.
Und so können wir uns heute freuen. Wir haben allen Grund, Jubellieder anzustimmen. Denn der Tod ist besiegt. Der Weg ins Leben ist frei.
In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen frohen Sonntag Jubilate.

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Für Gerd war in der letzten Woche ein ganz besonderer Tag. Und den hat er gefeiert. Der Tisch war liebevoll gedeckt. Es gab Frühstücksei und frische Croissants. In der Mitte auf dem Tisch stand ein Strauß bunter Blumen. Und neben Gerds Teller brannte eine große, weiße Kerze. Davor stand eine Karte mit den Worten: „Ich bin getauft“. Gerd hat seinen Tauftag gefeiert. Eigentlich ist er gar kein großer Feier-Mensch. Aber seinen Tauftag, den lässt Gerd nicht ausfallen. Der ist ihm wichtig. Und den feiert er – klein, aber fein. „Das war nicht immer so“, hat er mir erzählt. „Ich bin als Baby getauft. Daran kann ich mich natürlich nicht mehr erinnern. Und viele Jahre hat mir meine Taufe auch nichts be-deutet.“ Aber dann gab es in seinem Leben eine Zeit, die war sehr schwer: Seine Ehe war in einer Krise und auch in der Firma hatte Gerd Probleme. Er wurde entlassen und war arbeitslos. „Das alles hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, hat Gerd gesagt. Ich habe mich gefragt: Auf wen oder was kann ich mich denn überhaupt noch verlassen?“ In dieser Zeit kam sein erster Enkel zur Welt. Der wurde drei Monate später getauft in der Kirche. Von dem, was der Pfarrer damals gesagt hat, hat er nicht viel behalten, sagt Gerd. Aber – hat er mir erzählt – als das Kind über das Taufbecken gehalten wurde und der Pfarrer das Taufwasser über das Kind gegossen und es gesegnet hat – da hat es bei ihm eingeschlagen wie ein Blitz „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir.“ Das hat der Pfarrer bei der Taufe des Enkels gesagt. Und Gerd hat plötzlich daran denken müssen, dass es bei ihm genauso war. So was Ähnliches hat der Pfarrer damals bei seiner Taufe zu ihm sicher auch gesagt. Und auf einmal hat Gerd begriffen: Diese Zusage hat Gott nicht zurückgenommen. Sie gilt heute immer noch. Das hat ihm geholfen, sagt er. Für ihn war das damals der erste und der entscheidende Schritt aus dem dunklen Loch, in das er geraten war. Das liegt nun schon einige Jahre zurück, aber seit dem feiert er seinen Tauftag ganz be-wusst. Immer wieder sage er es sich vor: „Du bist getauft“. Das steht fest. Das kann ihm niemand nehmen. Und das möchte er auch seinen Patenkindern und Enkeln mitgeben. So schreibt Gerd seinen Patenkindern jedes Jahr zu ihren Tauftagen einen Brief. „In ei-nem Brief fällt mir das leichter zu sagen, als im direkten Gespräch“, meint er. Und au-ßerdem kann man so einen Brief immer wieder zur Hand nehmen und lesen. In den Briefen erzählt Gerd seinen Patenkindern, wie es war bei ihrer eigenen Taufe. Er ruft ihnen den Taufspruch in Erinnerung, den sie bekommen haben. Oder er erzählt, wa-rum ihm die Taufe so wichtig ist. „Ich wünsche mir“, sagt Gerd, „dass auch sie eines Tages ihre Taufe für sich entdecken.“ Teil II Gerd hat für sich entdeckt: Meine Taufe ist weit mehr als ein Ereignis in fernen Kinderta-gen. Darum feiert er seinen Tauftag und ruft sich in Erinnerung: „Ich bin getauft.“ „Ich trage einen berühmten Namen“, sagt Gerd mit Stolz in der Stimme. „Und dieser Name macht mich wertvoll. Dieser Name gibt mir Kraft und Selbstbewusstsein.“ Ich habe überlegt, was an dem Namen „Gerd“ so Besonderes sein soll, dass dieser Name ihn so aufbaut. Als er meine Gedanken errät, lacht er mich aus: „Es geht doch gar nicht um Gerd. Das ist mir bei der Taufe meines Enkels aufgegangen.“ Da hat der Pfarrer nicht gesagt: „Ich taufe dich auf den Namen Lukas“. Nein, der hat ge-sagt: „Lukas, ich taufe dich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. „So muss es auch bei mir gewesen sein“, hat Gerd gesagt, „damals als ich selbst getauft worden bin. Da hat mich der Pfarrer auch nicht auf meinen Rufnamen getauft, sondern auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Das ist der Clou.“ Gerd hat mir erklärt, warum ihm das so wichtig ist: „Gott hatte ich jahrelang aus dem Blick verloren, hat er gesagt, und schon fast vergessen. Und dann habe ich bei der Taufe meines Enkels gehört: Wer getauft ist, trägt ja Gottes Namen.“ Da sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen: Ich bin ja gar nicht von Gott und al-len anderen verlassen. Ich bin ja gar nicht allein. Ich bin ja gar nicht wertlos. Ich trage einen berühmten Namen. Und da ist ja noch jemand, der hat versprochen, bei mir zu sein. Gerd sagt: „Wenn ich heute darüber nachdenke, dann ist das für mich so, als ob ich bei meiner Taufe einen weiteren Namen bekommen habe – sozusagen einen zweiten Famili-ennamen. Und dieser Namen sagt mir für alle Zeit, wohin ich gehöre.“ Das gibt ihm festen Grund unter die Füße, sagt Gerd. „Wenn ich weiß, zu wem ich gehö-re, dann weiß ich auch wo ich zu Hause bin: Bei Gott. Das kann mir keiner nehmen“. „Gott“, sagt er, „ist mein Vater im Himmel. Der steht zu mir, sogar dann, wenn ich mit mir und der Welt nicht im Reinen bin“. Gerd sagt, das will er nicht mehr vergessen. Darum feiert er seinen Tauftag und erinnert sich an seine Taufe. Mich beeindruckt, wie Gerd über seine Taufe reden kann. Und ich ahne: Da schlummert ein Schatz ganz tief in jedem, der getauft ist. Dieser Schatz kann gehoben werden. Das könnte damit beginnen, dass man sich auf Spurensuche begibt. Haben Sie schon mal nachgeforscht, an welchem Tag Sie getauft wurden? Und wo, in welcher Kirche das war? Wo der Taufstein steht? Und vielleicht gibt es ja auch ein spezielles Bibelwort, das gerade Ihnen bei der Taufe zugesprochen worden ist? Die Suche nach dem verborgenen Schatz lohnt sich. Vielleicht erleben Sie ja auch, wie das einem Halt gibt, diese Erinnerung: „Ich bin getauft“.

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Gerade heute am letzten Sonntag vor dem Advent steht der Tod mit seiner Macht vielen vor Augen. In den meisten evangelischen Gottesdiensten werden noch einmal die Namen derer verlesen, die in den letzten zwölf Monaten verstorben sind.
Auch das Mädchen wird dabei sein, dessen Vater in den Grabstein seiner Tochter meißeln ließ. „Der Tod hat keine Hände." Gerade mal siebzehn Jahre war sie alt geworden. Der Schmerz war groß über ihren frühen Tod.
Freunde haben den Vater gefragt: „Was soll das bedeuten: Der Tod hat keine Hände?" Er hat ihnen geantwortet: „Der Tod hat mir mein Kind genommen. Aber er kann es nicht festhalten und kann es mir nicht für immer wegnehmen. Ich werde es im Himmel bei Gott wiedersehen. Ich weiß: Seit Ostern hat der Tod keine Hände mehr."
Ich bewundere den Glauben dieses Vaters. Denn unsere Erfahrung ist ja zunächst einmal eine ganz andere: Der Tod nimmt uns einen lieben Menschen, mit dem wir unser Leben geteilt und dem wir vieles zu verdanken haben. Da wir spüren unsere eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht.
Gerade auch heute am Totensonntag. Manche gehen auf den Friedhof an die Gräber ihrer Lieben, sprechen ein stilles Gebet, erinnern sich an die gemeinsame Zeit und an die Stunden des Abschieds, des Schmerzes und der Trauer. Für viele ist das ein schwerer Gang. Der Tod scheint so mächtig.
In meinem Kalender hat der Sonntag heute noch einen anderen Namen. Dort steht: „21. November, Ewigkeitssonntag". Das lenkt meinen Blick nicht nur zurück auf das, was uns genommen wurde. Der Ewigkeitssonntag richtet meinen Blick auch nach vorne auf das, was kommt, auf das, was über den Tod hinaus Bestand hat, auf die Ewigkeit.
Und diese Aussicht kann trösten. ... Vor einiger Zeit hatte ich einen Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion zu beerdigen. Da habe ich diese Erfahrung gemacht.
Ich bin auf den Friedhof gekommen. Schon von weitem habe ich die versammelte Gemeinde singen hören. Sie haben gesungen, was das Zeug hielt. Lieder vom Himmel, Lieder vom Trost in Not und Osterlieder von der Auferstehung Jesu.

Nachher beim Gang zum Grab wurde auch gesungen - den ganzen langen Weg. Und schließlich haben sie auch noch nach der Beerdigung am offenen Grab Lieder angestimmt. Lieder von der Hoffnung auf Gott.
Nicht, dass sie den Tod leicht genommen hätten. Nein. Da sind auch Tränen geflossen. Da wurde auch geklagt und geweint. Aber die Trauer war durchzogen und getragen von einer tiefen Hoffnung. Dass die Erde hier nicht alles ist. Dass der Tod nicht das Ende bedeutet. Auf der anderen Seite wartet Gott auf uns und nimmt uns in die Arme.
Nein, der Tod hat keine Hände. Er kann die Toten nicht für immer festhalten. Aber Gott hat starke Hände. Bei ihm sind wir Lebende und die Toten geborgen.

 

Teil II

Gott hat starke Hände. Bei ihm sind die Lebenden und die Toten geborgen.
Wie es da sein wird in der Ewigkeit Gottes? Ob ich mal einen Blick in den Himmel werfen kann schon jetzt? Nur ganz kurz wie durch ein Schlüsselloch einmal spitzeln?
Dem Seher Johannes wurde dieser Blick geschenkt. Er hat gesehen, was eigentlich kein Auge schauen kann. Im letzten Buch der Bibel - in der Offenbarung - hat er das festgehalten. Dort beschreibt er den Himmel, Gottes neue Welt:
Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. ... Vom Thron her hörte ich eine starke Stimme: »Jetzt wohnt Gott bei den Menschen! Er wird bei ihnen bleiben ... und alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei«.
Was für ein Bild! Was für eine Zukunft wird hier beschrieben! Mit dem Tod ist nicht alles aus, sondern alles anders, alles neu. Eine Welt ohne Schmerzen. Eine Welt ohne Leid, ohne Tod.
Und Gott wohnt bei den Menschen ... nicht an den Rand gedrängt. Gott ist mitten unter ihnen. Ganz nah. Und er wird sie trösten, wie nur eine Mutter einen trösten kann.
Ein starkes Bild! Wie tröstlich ist es, wenn ich die Nähe eines geliebten Menschen spüre, wenn da jemand ist, der meine Tränen abwischt. So nahe wird Gott sein.
Mich trösten diese Worte von dem neuen Himmel und der neuen Erde, wenn ich an den Tod denke. Und sie machen mich gelassen, wenn ich an mein Leben denke.
Ich muss nämlich nicht alles aus diesem Leben rausholen. Ich muss nicht jeder Mode und jedem Trend hinterher rennen. Ich brauche keine Angst zu haben, das Beste zu verpassen. Denn ich weiß: Mein Leben ist viel mehr als die paar Jahre hier auf der Erde. Und ich bin überzeugt: Das Schönste kommt noch.
Wenn ich den Himmel glauben kann, kann ich - wenn es sein muss - einen lieben Menschen auch gehen lassen. Denn ich weiß: In Gottes Händen ist er gut aufgehoben.
Ich selbst brauche auch keine Angst vor dem Tod zu haben. Ich weiß zwar nicht, was kommt. Aber ich weiß: Auf der anderen Seite des Todes steht Gott. Und der wartet auf mich und wird mich in Empfang nehmen. Er wird seine Arme ausbreiten und sagen: „Du hast es geschafft. Jetzt ist Gutsein!"
Und schließlich muss ich auch nicht resignieren, wenn ich täglich in den Nachrichten von Gewalt und Ungerechtigkeiten höre. Ich kann darauf vertrauen: Am Ende wird das Gute siegen, nicht das Böse.
Und das motiviert mich, mich schon heute für das Leben stark zu machen. Und gegen all das anzugehen, was das Leben zerstören will.
Denn ich weiß ja: Gott ist stärker als der Tod. Ich glaube nicht an die Macht des Todes. Ich glaube an Gott, der mich aus dem Tode retten wird und mir den Himmel versprochen hat.

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