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Ich hoffe, Sie sind gut reingekommen – in dieses neue Jahr. Es ist noch ganz frisch. Liegt vor uns wie ein unbeschriebenes Blatt. Wie ein Neugeborenes, dem die Zukunft offen steht.
Nochmal neu beginnen können. Das wäre schön. Ich spüre den Zauber, der in diesem Anfang liegen könnte. Aber bei Licht betrachtet: Wirklich neu ist das Jahr ja gar nicht.
Gut, im Datum hat sich die Jahreszahl geändert. Aber ich? Ich bin der Alte geblieben. Und auch an meiner Lage kann ich keine Veränderung entdecken. Mein Leben ist nicht heil.
Und wenn ich in die Welt blicke, wenn ich die Nachrichten höre, stelle ich fest: Die Themen heute Morgen sind dieselben wie gestern Abend. Die Welt ist weder vernünftiger, noch friedlicher geworden.
„Seid ihr noch ganz bei Trost“, möchte ich denen zurufen, die meinen, ihre Konflikte weiter mit Gewalt lösen zu müssen – im Kleinen wie im Großen. Die die Erde ausbeuten als gäbe es noch eine zweite. Die rücksichtslos alle anderen beiseite drängen, denen es gleichgültig ist, was um sie herum geschieht: „Seid ihr noch ganz bei Trost?“
Dabei wünsche ich mir doch gerade das so sehr: Ganz bei Trost zu sein im neuen Jahr. Nicht wahnsinnig zu werden bei all dem Wahnsinn, den ich mitbekomme. Bei Verstand zu bleiben, auch wenn die Menschen um mich herum verrücktspielen. Nicht in Panik verfallen, wenn es äußerlich drunter und drüber geht. So könnte das neue Jahr vielleicht doch anders werden als das alte.
Das Bibelwort für dieses Jahr spricht mir da Mut zu: „Ich will euch trösten“, sagt Gott, „wie einen seine Mutter tröstet.“ Wie gut es tut, das zu hören.
Ich muss an Marie denken. Meine kleine Nichte. Im Sommer haben wir im Hof Ball gespielt. Da ist sie hingefallen, hat sich das Knie aufgeschürft. Nichts Ernstes. Doch die Vierjährige hat losgebrüllt – wie von Sinnen. Alles Zureden, alle guten Worte haben nichts geholfen. So sehr war sie gefangen in ihrem Schmerz, in ihrer Wut.
Auf einmal stand die Mutter in der Tür. Sie hat Marie in den Arm genommen. Noch ein paar Schluchzer. Dann hatte sich Marie beruhigt. Sie hat ein Pflaster bekommen und die Welt war wieder in Ordnung. Nach einer Weile konnten wir sogar weiterspielen.
So verstehe ich den Zuspruch Gottes: „Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.“ Für mich ist das mehr als ein süßlich-sentimentales Gefühl.
Wenn Gott tröstet, ist der Schmerz nicht mehr übermächtig. Die Angst wird weniger. Ich muss nicht panisch reagieren, sondern kann vertrauen, kann bei Trost bleiben und besonnen handeln. Und ich kann hören, was andere mir sagen. Ich bin nicht mehr allein. …

Dabei geht es um mehr als um ein Beruhigen oder ein oberflächliches Vertrösten nach dem Motto: „Kopf hoch, wird schon wieder.“
Gottes Trost geht tiefer. Das steckt auch in unserem deutschen Wort „Trost“. Ich habe im Herkunftswörterbuch nachgeschaut. Das Wort „Trost“ wurde ganz ursprünglich für harte, feste Dinge gebraucht, etwa für einen Eichenstamm.
Übertragen meint „Trost“ also etwas Festes, etwas, was mich zuverlässig trägt. Etwas, an das ich mich halten kann und das mich festhält. Wenn ich vertrauen kann, dass Gott bei mir ist und mir tragen hilft, wenn ich es glauben kann, dass Gott die Macht hat, Situationen zu verändern – auch schwierige Situationen, auch Kummer und Angst –, dann kann ich innerlich fest sein, ganz bei Trost.
Wie macht Gott das? Wie tröstet er? In der Bibel, in der Apostelgeschichte, wird von einem Mann namens Josef erzählt. Er war so eine Art Gemeindeleiter unter den ersten Christen in Jerusalem und Syrien. Und er war einer, der trösten konnte.
Josef hat die langen Wege nicht gescheut. Ist Menschen nachgegangen. Hat ihnen Mut zugesprochen. Bei ihm haben sie sich verstanden gefühlt und getröstet. Und haben sich nicht mehr allein gefühlt.
Josef konnte Menschen zusammenbringen. Dabei ist er Konflikten nicht aus dem Weg gegangen. Im Gegenteil: Er hat sich sogar mit dem großen Apostel Paulus angelegt. Aber er hat darauf geachtet, dass es fair zugeht. Da musste sich keiner mit aller Kraft schützen. Denn keiner musste Angst haben, unter die Räder zu kommen.
Ich glaube, das ist der Grund, warum die Menschen damals Josef einen Spitznamen gegeben haben. Sie haben ihn „Barnabas“ gerufen – auf Deutsch: „Sohn des Trostes“. Er hat den Menschen gezeigt: Da ist einer, der dich hält. Auf Gott kannst du dich verlassen.
So bin auch ich schon oft getröstet worden durch Menschen, die mir ihre Anteilnahme gezeigt haben. Die mir beigestanden haben in schweren Zeiten. Sie haben das Unglück ausgehalten und sind mir nicht aus dem Weg gegangen.
Durch solche „Töchter und Söhne des Trostes“ habe ich gespürt: Ich bin nicht allein. Gott hat mich nicht vergessen. Er ist da – auch wenn ich ihn gerade nicht spüre.
Und sie haben mir in Gottes Namen auch ganz praktisch geholfen. Auf einmal gab es wieder einen Weg in der scheinbar ausweglosen Situation. Wenn falsches Selbstmitleid mich ganz verrückt gemacht hat, haben sie mir die Augen geöffnet. Da war ich dann wieder ganz bei Trost.
Dass auch Sie dies im neuen Jahr erfahren und ganz bei Trost sein können – das wünsche ich Ihnen von Herzen!

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Große Veränderungen standen bei uns an. Gerade sind wir umgezogen. Von der Westpfalz nach Mittelhessen. Aus einem kleinen Dorf in eine Universitätsstadt.
Aber – und das war für uns die größte Herausforderung: Aus einem großen Pfarrhaus in ein normales Reihenhaus.
Wir mussten uns verkleinern. Das war uns klar. Wir hatten einfach zu viel. „Das wird nicht alles in die neue Wohnung passen“, hat meine Frau gesagt, „die Möbel, die Bücher, die Pflanzen, die Wäsche.“
Also war vor dem Packen erstmal Aussortieren angesagt.
Da sind Sachen zum Vorschein gekommen. Die haben wir die letzten fünfzehn Jahre weder angeschaut noch gebraucht.
Also haben wir kistenweise Bücher verschenkt. Die Krimis, die ich in den Sommerferien gelesen habe. Die Bildbände. Wir haben Möbel an Freunde verschenkt, Kleider gespendet und säckeweise Papier fortgeworfen: alte Briefe, Kontoauszüge, Pappkartons …
Dinge, von denen ich gedacht habe: Das heb ich mal auf. Ich kann es bestimmt nochmal gebrauchen. Und dann war es versunken und vergessen in irgendeinem Winkel.
All das ist wieder zum Vorschein gekommen. Und es war für uns ein hartes Stück Arbeit, loszulassen, fortzugeben, wegzuschmeißen.
Ich kann Ihnen sagen: Leicht ist uns das Loslassen nicht gefallen. Ich habe als Pfarrer zwar immer gepredigt, dass man sein Herz nicht an irdische Dinge hängen soll.
Aber auf einmal habe ich gemerkt: Das kann richtig schwer sein, sich von Altem zu trennen, von vertrauten, liebgewonnenen Dingen.
Ich brauche sie zwar nicht mehr. Aber an diesen Dingen hängen so viele Erinnerungen. An die Schulzeit. An das Studium. An einen lieben Menschen. An einen Urlaub.
Trotzdem. Das meiste musste weg. Und dabei habe ich auf einmal gespürt: Das tut sogar gut. So frei wie in den letzten Wochen habe ich mich lange nicht mehr gefühlt.
Das Chaos auf dem Speicher und im Keller war gelichtet. In das Unaufgeräumte ist Ordnung gebracht. Wir haben unnötigen Ballast abgeworfen, uns von dem getrennt, was wir wirklich nicht mehr brauchen.
Das hat auch meiner Seele richtig gut getan. Altes aufgeben, damit was Neues beginnen kann. Das hinter mir lassen, was mich belastet, damit ich offen werde für das, was kommt. Ich habe das Gefühl, leichter zu atmen. Leichter zu leben.
So ist es auch einem Mann ergangen. Bei dem hatte sich im Laufe der Jahre ganz schön viel angesammelt an Ballast.

In der Bibel lese ich die Geschichte von einem kranken Mann. Er war gelähmt. Wir würden heute sagen: Er war in seiner Mobilität stark eingeschränkt.
Gut, dass er Freunde hatte, Nachbarn, die ich um ihn gekümmert haben. So hat er – trotz seiner Einschränkungen – am Leben im Dorf teilnehmen können.
Als Jesus in dem Dorf war, haben die Freunde dafür gesorgt, dass der ans Bett Gefesselte dabei sein konnte. Mittendrin in der Versammlung.
Und Jesus hat ihn gesehen, wie er da gelegen hat. Hat ihn angeschaut in seiner Not. Und dann hat er zu ihm gesagt: „Deine Sünden sind dir vergeben.“
Moment mal. … Da kommt ein Kranker, ein Gelähmter zu Jesus und der hat nichts Besseres zu sagen als „Deine Sünden sind dir vergeben“?
Wie kommt Jesus dazu? … Offenbar hat er mehr gesehen als nur die äußeren Zeichen der Krankheit.
Offenbar hatte sich da im Leben des Kranken noch anderes angesammelt. An Ballast. An Überholtem, längst Vergangenen, das er weiter mit sich rum geschleppt hat.
In der Bibel wird nicht erzählt, was das war. Aber ich kann mir das ganz gut vorstellen. Es ist schon erstaunlich, was sich in einem Leben so alles ansammeln kann.
Böse Worte haben mich verletzt. Oder ich habe mein Leben vergiftet mit finsteren Gedanken. Beziehungen sind zerbrochen. Die Scherben liegen auf dem Weg und man kann nicht darüber hinweg kommen.
Manches ist mir durchaus bewusst. Anderes ist abgetaucht ins Unterbewusste. Längst vergessen, aber noch da. Und ich schleppe es mit. Trage es sogar anderen nach. Vielleicht kennen Sie das.
Wie wäre es, da mal aufzuräumen, damit das Leben leichter wird? Freier.
„Deine Sünden sind dir vergeben“, hat Jesus zu dem Gelähmten gesagt. „Das, was dich belastet, soll weg geschafft werden. Gott wird dir einen neuen Anfang schenken.“
Damit hat Jesus damals den Kranken aufgerichtet. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat ins Leben zurück gefunden. Frei von dem, was ihn belastet hat, konnte das Leben für ihn noch mal neu beginnen.
„Deine Sünden sind dir vergeben. Geh in Frieden.“ Das sind Worte, die ich kann mir selbst nicht sagen. Niemand kann sich selber entschuldigen. Das muss immer ein anderer tun.
Deshalb gehe ich so gerne in den Gottesdienst. Da kann ich das hören, so wie der Kranke damals von Jesus: „Deine Sünden sind dir vergeben. Geh hin in Frieden.“
Das lässt mich aufatmen. Und so kann ich entrümpelt, befreit und ermutigt in die neue Woche starten. Und in die neue Aufgabe, die nach dem Umzug jetzt auf mich wartet. Mit einem leichtem Herzen.
Das wünsche ich auch Ihnen – heute an diesem Sonntag!

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Beten kann jedes Kind. Sagt man. Beten ist einfach. Sollte man meinen. Und doch: Ich tue mir oft schwer mit dem Beten. Geht’s Ihnen auch so?
Manchmal habe ich einfach keine Zeit zum Beten. Es passt jetzt gerade nicht. Und manchmal bin ich viel zu beschäftigt. Da nimmt mich eine Frage oder ein Problem so gefangen, dass ich es glatt vergesse, dass ich auch beten könnte.
Ein andermal meine ich: Beten brauche ich nicht. Ich schaff das auch so ganz gut alleine – ohne zu beten. Und wenn ich dann mal beten will, dann passiert es, dass mir die Worte fehlen. Dann weiß ich gar nicht genau, wie ich beten soll.
Und dann wieder frage ich mich: Interessiert sich Gott überhaupt dafür? Für meine kleinen Probleme? Hat Gott nichts Besseres zu tun, als sich um meine Anliegen zu kümmern? Ob Beten überhaupt was bringt? Was bewegt? Was ändert?
Fragen über Fragen. Aber der Sonntag heute – dem hat man den Namen „Rogate“ gegeben. Und Rogate heißt „betet“. Diese Namen kommen von den Psalmen, von den Gebeten also, die an dem jeweiligen Sonntag in der Kirche gebetet werden.
Heute also „Rogate“, „betet“. Als wollte dieser Sonntag sagen: Deine Fragen sind gut und auch berechtigt. Aber: Tu es doch einfach mal: Bete. Und du wirst sehen, wie gut das tut.
So ähnlich hat das auch Jesus gesagt: „Bittet, so wird euch gegeben. Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt. Und wer da sucht, der findet. Und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“
Wie einfach das klingt. Wie leicht. Aber wie ist das, wenn ich bitte und nichts bekomme? Wenn ich suche und nicht finde? Wenn ich anklopfe und die Tür bleibt zu? – Kennt das Jesus auch? Ich bete … und es passiert nichts. Zumindest nicht das, worum ich gebeten habe.
Klar, ich denke, wir wissen alle: Gott ist kein himmlischer Flaschengeist, der nur auf meine Anweisungen wartet, um sie dann schnellstmöglich auszuführen. Genauso wenig ist Gott eine Märchenfee, die mir meine Wünsche erfüllt. Gott lässt sich nicht vor den Karren meiner Anliegen spannen. Was wäre das auch für ein Gott?
Und doch lassen mich die unerhörten Gebete manchmal zweifeln: Bringt das mit dem Beten überhaupt etwas? Hört Gott, wenn ich rufe? Warum bekomme ich dann keine Antwort?
Auch Jesus hat solche Fragen gekannt. Auch er hat erlebt, dass Gott seine Gebete nicht erhört hat. Dass Gott nicht eingesprungen ist und geholfen hat. Aber – und das finde ich faszinierend – trotzdem hat er gebetet.
Für Jesus hat Beten zum Alltag gehört wie essen und trinken. So selbstverständlich und vertrauensvoll würde ich auch gerne beten können.

„Rogate“ – „Betet“ – daran lassen sich Christen heute erinnern. Jesus hat es vorgemacht, wie das gehen kann. Beten. Für ihn war das Beten eine gute Gewohnheit. Vielleicht ist das auch das Geheimnis seines Lebens, warum Jesus für so viele bis heute ein Vorbild ist und man sich an ihn erinnert.
Das Gebet hat Jesus geholfen, seine Sorgen abzugeben. Er konnte alles mit seinem Vater im Himmel bereden. Das hat ihn frei gemacht und hat ihm Lebensmut gegeben. Im Gespräch mit Gott konnte Jesus seine Gedanken sortieren. So hat er Kraft gewonnen und Klarheit gefunden für seinen Weg.
Im Gebet hat Jesus die Nähe zu Gott gespürt. Das hat ihm das Rückgrat gegeben, echt zu sein vor den Menschen und auch mal was Unbequemes zu tun und zu sagen.
Ich glaube, das regelmäßige Beten hat Jesus die Ausstrahlung gegeben, die er hatte. Und ich frage mich: Wie kann das Gebet für mich heute so eine gute und hilfreiche Gewohnheit werden, die mein Leben prägt?
Mir hilft da etwa, einen festen Ort zu haben zum Beten und auch eine feste Zeit. Dann eine Kerze anzuzünden, damit ich still werde und mich sammeln kann. Das holt mich raus aus dem, was ich gerade tue. Und ich kann wirklich da sein – vor Gott.
Aber es muss kein Gebetskämmerlein sein. Eine Bekannte hat mir erzählt, sie betet jeden Morgen, wenn sie mit dem Hund rausgeht. In dieser halbe Stunde legt sie Gott den Tag hin. Die Menschen. Die Situationen. „So gehe ich gut vorbereitet in den Tag“, sagt sie.
Mir helfen auch die Kirchenglocken. Bei uns im Dorf kann man sie noch hören. Die Glocken erinnern mich daran, einen Moment innezuhalten und ein kurzes Gebet zu sprechen. So ist Gott auf einmal da. Mittendrin im Alltag. Und dann geht es weiter.
Ein fester Ort. Eine feste Zeit. Beides hilft, das Beten zu einer guten Gewohnheit werden zu lassen. Ein Ruhepunkt im Alltag, der einen entlastet.
Sie könnten doch gleich damit anfangen mit dem Beten. Heute am Muttertag. Und Gott danken für Ihre Mutter, für das Leben, das sie Ihnen geschenkt hat und für all das Gute, was die Mutter getan hat.
Heute am Muttertag könnten Sie auch beten für die jungen Mütter um Kraft und Hilfe in den Fragen der richtigen Erziehung. Sie könnten beten für die Schwiegermütter um ein freundliches Verhältnis zu den Schwiegertöchtern und Schwiegersöhnen. Und Sie könnten beten für die Mütter in den Krisengebieten dieser Erde, dass sie nicht den Mut verlieren angesichts der Not und des Elends.
„Rogate“ – „Betet“ – Es gibt so viel, wofür wir beten können. Lassen wir uns nicht davon abhalten. So hat es auch Martin Luther gesehen: „Heute habe ich viel zu tun“, hat er gesagt, „also muss ich auch viel beten.“
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

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„In die Wüste? … Du?“ – Mein Gegenüber schaut mich ungläubig an. Ja, ich gehe in die Wüste.
Nächste Woche schon geht’s los. Zwölf Tage – mit Rucksack, Schlafsack und Isomatte. Kein Auto. Kein Handy. Keine Uhr.
Nicht in die Sandwüste nach Afrika, sondern nach Jordanien. Dort gibt’s auch Sand, aber vor allem Steine und Felsen.
Ich gehe in die Wüste zum Wandern. Das auch. Aber vor allem, weil ich mal rauskommen will aus der Tretmühle.
Abschalten, frei werden von all dem, was da jeden Tag auf mich einstürmt – an Bildern, an Worten, an Reizen, an Aufgaben und Verpflichtungen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich werde von all dem getrieben.
Darum gehe ich in die Wüste. Ich suche die Einsamkeit … und Gott. Dazu braucht es vor allem eins: Stille.
Ich glaube: Gott redet. Auch heute. Aber um mich herum ist es so laut. Ständig bin ich abgelenkt.
Und auch in mir ist es laut. Mein Kopf ist so voll. Und da kreisen so viele Gedanken: An das muss ich noch denken. Und das wollte ich noch besprechen. Und das andere nicht vergessen …
Da ist gar kein Platz für Gott. Keine Zeit. Rede ich mir zumindest ein.
Vor ein paar Wochen hat mir eine gute Freundin erzählt, dass sie mit anderen in die Wüste geht, um Stille zu erleben und auf Gott zu hören.
Da hab ich spontan gedacht: Das klingt gut. Da komm ich mit. Das will ich auch.
Zugegeben: Ein bisschen Abenteuerlust ist auch dabei. Aber mir geht es vor allem darum, Gott zu begegnen … in der Wüste.
Viele Geschichten in der Bibel erzählen davon, wie Menschen in der Wüste besondere Erfahrungen mit Gott gemacht haben.
Ich denke an Mose: Gott hat ihn berufen in der Wüste und hat ihm den Auftrag seines Lebens gegeben. Mose hat begriffen: Er sollte sein Volk befreien aus der Sklaverei in Ägypten.
Oder da war der Prophet Elia. Er war total am Ende – auch mit seinem Selbstvertrauen. Da ist ihm Gott begegnet in der Wüste.. in der Stille. Und diese Erfahrung hat ihm neue Kraft gegeben.  
So haben es viele erlebt, wie Gott in der Einsamkeit redet, in der Stille, wo der Kopf frei wird, weil es so wenig Ablenkung gibt und sich der Horizont weitet.
Natürlich: Nicht jeder kann in die Wüste fahren. Manchmal reichen schon ein paar ruhige Tage im Schwarzwald. Andere gehen zur Einkehr in ein Kloster und tanken auf.
Wie gut kann eine Auszeit tun, um Dinge im Kopf zu ordnen, sich auf das zu besinnen, was mir im Leben wichtig sein soll.
Jesus hat das auch gesucht: Die Stille. Er ist in die Wüste gegangen. Ist dort aber nicht Gott begegnet, sondern zunächst mal sich selbst und den Abgründen in ihm. Auch das gehört zur Wüste, zur Stille.

In der Wüste kann man Gott begegnen. Aber in der Wüste begegnet man auch sich selbst und den Abgründen in der eigenen Seele.
So ist es Jesus ergangen. Auch er war in der Wüste. Vierzig Tage.
Die Bibel erzählt: Da trat der Versucher an ihn heran. Vielleicht hat Jesus da die abgründigen Wünsche und Träume in seiner Seele gespürt.
Die sagen: „Jesus, du bist doch Gottes Sohn. Mach ein Wunder. Verwandle diese Steine in Brot. Dann müsste kein Kind mehr sterben vor Hunger. Die Menschen wären begeistert von dir.“
Jesus aber hat geantwortet: „Der Mensch braucht mehr zum Leben als Brot. Er braucht auch das Wort, das Gott zu ihm spricht.“
Dann sah Jesus sich auf einem hohen Turm. Und ganz deutlich hat er gehört: „Du vertraust doch Gott. Also spring von diesem Turm. Gott hat versprochen, dich zu beschützen. Dir wird nichts passieren.“
Aber Jesus ist nicht gesprungen: „In den Heiligen Schriften heißt es auch: Du sollst Gott nicht herausfordern“, hat er gesagt.
Dann sah er die ganze Welt vor sich. Das war vielleicht die größte Versuchung. „Über all das mache ich dich zum König. Dann kannst du die Welt in deinem Sinn regieren“, konnte er hören. „Verlass dich einfach auf mich. Verlass dich auf deine Gier.“
Aber Jesus hat diese Gedanken fortgescheucht und gesagt: „In der Bibel heißt es: Du sollst alleine Gott anbeten und ihm dienen.“
Da hatte er die Versuchung überwunden. Und die Bibel erzählt: „Engel traten zu Jesus und stärkten ihn“.
Auch das sind Wüstenerfahrungen. Jesus entlarvt die Versuchungen seines Lebens als das, was sie eigentlich sind: Lügen. Lebenslügen.
Die klingen so: Wenn Gott die Menschheitsprobleme lösen würde – oder zumindest meine eigenen Probleme, dann ich würde an ihn glauben.
Oder: Wenn Gott mich beschützt, wenn Gott mich heilt, dann würde ich auch mit Gott leben.
Oder: Mit mehr Macht und größerem Einfluss könnte ich alles zum Guten wenden.
Da belüge ich mich selbst. Macht und Wunder machen die Welt nicht besser. Und aus ihnen erwächst auch kein größeres Gottvertrauen.
In der Wüste stehen solche Träume und Gedanken schonungslos offen da. Auch bei Jesus. Aber er hat in den offenen Fragen und Zweifeln Gott nicht losgelassen.
Jesus hat Gott vertraut, auch wenn damit die Probleme nicht gelöst waren. Auch wenn er keine Beweise für Gott in der Tasche hatte. Er hat an Gott festgehalten auch dort, wo er seine Grenzen gespürt hat, die Ohnmacht und das Scheitern. So wurde die Wüstenzeit für ihn zum Segen.
Ich bin gespannt auf das, was ich in der Wüste erleben werde. Und vielleicht kann ich Ihnen beim nächsten Mal davon erzählen.
Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19169

„Blöd, wer jetzt noch wartet“, lese ich in fetten, schwarzen Buchstaben auf dem Werbe-Prospekt in meiner Zeitung. Gleich zuschlagen also und kaufen. „Ich will alles – und am besten sofort.“ Warum noch so blöd sein und warten. … Wenn ich doch alles gleich haben kann?
Dabei ist die Adventszeit doch ausdrücklich Wartezeit. Advent heißt „Ankunft“. Wir Christen erinnern uns, dass einer angekommen ist.
Gott ist angekommen. Auf der Erde. Darum gibt’s Weihnachten, weil Jesus angekommen ist bei uns. Mit ihm ist Gott bei den Menschen.
Seine Ankunft also feiern wir an Weihnachten. Und in der Adventszeit versuchen wir, zu begreifen und dem nachzuspüren, was das heißt: Gott ist angekommen.
Damals vor zweitausend Jahren – in einem Stall bei Bethlehem am Rande des großen römischen Reiches. Als kleines Kind. Die Weltöffentlichkeit damals hat davon keine Notiz genommen. So ist Gott zur Welt gekommen. Verkannt. Verletzlich. Unscheinbar.
Ich finde, da braucht es schon diese vier Adventswochen, bis ich begreife, was das für mich bedeutet. Dass Gott sich klein macht. Und dass der große, ewige Gott im Kleinen zu finden ist, im Unscheinbaren … Nicht im Rampenlicht oder in Palästen, sondern im hintersten Winkel der Welt.
Aber ich glaube: Dabei wird es nicht bleiben. Bei der ersten Ankunft. In der  Bibel heißt es: Gott wird noch einmal kommen auf die Erde. Am Ende der Zeit.
Dann nicht klein und machtlos, sondern jeder wird ihn sehen. Jeder wird ihn erkennen ohne Zweifel. Er kommt – mit großer Macht und Herrlichkeit. Und dann wird er alles neu machen. Himmel und Erde. Das wird seine zweite Ankunft sein. Sein zweiter Advent.
Ich weiß: Für viele ist das eine befremdliche Vorstellung. Das Reden vom Ende der Welt. Das wird lieber den Sekten überlassen oder der Filmindustrie in Holly­wood. Die malen den Untergang der Menschheit in düsteren Farben und erzählen ihn mit viel Dramatik.
Die Bibel ist da nüchterner. Der Apostel Petrus hat den Menschen damals geschrieben: „Wir warten auf den neuen Himmel und die neue Erde, die Gott versprochen hat– die neue Welt, in der Gerechtigkeit regiert.“ (2.Petrus 3,10)
Als Petrus das geschrieben hat, haben sie gewartet. Darauf, dass Gott wiederkommt und sein Reich aufrichtet. Wir Christen erinnern uns bis heute daran. Und wir warten darauf.

Warum ich darauf warte? – Auf die zweite Ankunft von Gott, auf den neuen Himmel und die neue Erde, die er versprochen hat?
Weil ich davon überzeugt bin, dass es Gerechtigkeit geben wird. Dass Unrecht gesühnt wird und Opfern Gerechtigkeit widerfährt.
Der Schweizer Dichter Kurt Marti hat einmal geschrieben:

Das könnte manchen Herren so passen
wenn mit dem Tode alles beglichen
die Herrschaft der Herren
die Knechtschaft der Knechte
bestätigt wäre für immer
Das könnte manchen Herren so passen
wenn sie in Ewigkeit
Herren blieben im teuren Privatgrab
und ihre Knechte
Knechte in billigen Reihengräbern
Aber es kommt eine Auferstehung
Die anders ganz anders wird als wir dachten
Es kommt eine Auferstehung die ist
der Aufstand Gottes gegen die Herren
und gegen den Herrn aller Herren: den Tod.

Ja, das könnte manchen so passen, dass alles beim Alten bleibt. Aber diese Rechnung wird nicht aufgehen. Am Ende der Zeit kommt alles auf den Tisch. Kommt alles zur Sprache. Und dann werden sich manche ganz schön wundern … Allen wird Gerechtigkeit widerfahren.
Denn Tränen, Leid, Ungerechtigkeit, Schmerzen, Gewalt und Streit haben keinen Platz in Gottes neuer Welt … und auch der Tod hat dort keinen Platz!
Wie tröstlich: So wie es gerade ist, bleibt es nicht auf ewig! Nein, es wird anders kommen: Ein neuer Himmel und eine neue Erde von Gott. Und dort wird allen Gerechtigkeit widerfahren.
Zu schön, um wahr zu sein? Ist das nicht eine billige Vertröstung auf das Jenseits? Kann sein. Aber es gibt auch das andere.
Das Wissen um den neuen Himmel Gottes hat zu allen Zeiten auch Menschen in Bewegung gesetzt. Der Philosoph Carl-Friedrich von Weizsäcker hat behauptet: Niemand sonst hat die Welt so verändert, wie die Christen, die fest mit dem Himmel gerechnet haben.
Gerade die haben sich besonders um ihre Mitmenschen gekümmert. Haben Krankenhäuser und Altenpflegeheime gebaut, haben das Rote Kreuz gegründet, haben Sterbende begleitet, haben die Sklaverei abgeschafft, sind in die Armenviertel dieser Welt gegangen und haben sich den Ärmsten der Armen zugewendet.
Warum? … Weil der Himmel sie in Bewegung gesetzt hat. Sie haben gewusst: Wir haben noch Zukunft bei Gott vor uns. Es ist für uns gesorgt. Wir werden nicht zu kurz kommen.
Wer das glauben kann, muss nicht alles aus diesem Leben rausholen, der kann loslassen, verzichten und ist frei, sich für andere einzusetzen!
Wie schön, dass es solche Menschen gibt, die auf Gottes neue Welt warten. Und die sich dann von Gott in Bewegung setzen lassen.
Ich wünsche Ihnen einen frohen zweiten Advent.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18750

Die Sommerferien sind zu Ende. Für die Kinder und Jugendlichen in Rheinland-Pfalz beginnt morgen wieder die Schule.
Bestimmt atmen einige Eltern auf: Endlich verläuft das Familienleben wieder in geregelten Bahnen. Vorbei das Ausschlafen bis mittags, den Tag vertrödeln und nichts mit sich anzufangen wissen.
Andere blicken dem neuen Schuljahr weniger erwartungsvoll entgegen, fragen sich: Wird mein Kind sich wohl fühlen in der neuen Klasse? Wie kommt es zu recht mit den Lehrern? Und kann es die Leistungen bringen, die von ihm erwartet werden?
Das letzte Schuljahr gerade so mit Ach und Krach geschafft. Froh, Abstand gewonnen zu haben – auch von dem ständigen Druck und den Konflikten in der Schule. Zeit zum Durchschnaufen und wieder Kräfte sammeln.
Schule ist ja nicht nur für Schüler eine Herausforderung. Auch Eltern und Großeltern leiden mit, wenn’s nicht so läuft, wie es laufen soll.
Mich hat da ein Bibelwort angesprochen. Ich habe es heute Morgen gelesen – ein Spruch, genau richtig für den Neubeginn.
 Er lautet: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“  (Jesaja 42,3)
Was für eine großartige Aussicht für alle, die Angst haben vor dem Morgen: Gott hat Gutes mit dir vor. Das geknickte Rohr wird nicht zerbrechen.
Das kann all denen Mut machen, die sich fragen: Schaff ich das, was da vor mir liegt? Reicht die Kraft für diesen Tag, für diese Woche … für das neue Schuljahr?
Gott wird den glimmenden Docht, das Fünkchen Hoffnung nicht auslöschen. Er schenkt einen neuen Anfang. Neue Energie.
Für mich sind das zwei starke Bilder. Die vom geknickten Rohr und von dem glimmenden Docht.
Denn eigentlich ist ein geknicktes Schilfrohr kaputt. Es ist zwar noch nicht ganz durchgebrochen. Aber stabil ist es auch nicht mehr. Man kann es nicht mehr gebrauchen – weder beim Bau noch als Angelrute.
Und der glimmende Docht ist zwar nicht ganz verloschen. Er glimmt ja noch. Aber die Flamme ist nicht mehr da. Und die wird auch nicht mehr kommen. Zumindest nicht ohne Hilfe von außen.
Da werde ich durch das Bibelwort heute Morgen an Gott erinnert. Der schreibt nicht ab, was geknickt ist. Der gibt dem fast Verloschenen neue Zukunft.
Ich finde, das macht Hoffnung, wenn das Leben einem einen Schlag versetzt hat: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen.“
Das ist die Aussicht für alle, die keine Energie mehr haben: „Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“
Auch wenn du dich kaputt fühlst oder meinst, am Ende zu sein mit deiner Kraft. Gott zerbricht nicht. Gott löscht nicht aus.
Gott lässt dich nicht allein mit den Schwierigkeiten. Im Gegenteil: Er richtet auf. Entfacht. Gibt neue Kraft, damit es weiter gehen kann – auch für dich.

Wie Gott das macht?
Ich muss da an ein Mädchen denken. Sie war in den Sommerferien mit uns auf Freizeit gefahren. Zum Abschied hat sie mir gesagt: „Diese vierzehn Tage waren die schönste Zeit meines Lebens.“
In den letzten Monaten hatte sie viel durchgemacht. War auch einige Wochen im Krankenhaus gewesen. Eine schwere Zeit. Sie hatte das Vertrauen in sich und in ihre Kraft verloren.
Trotzdem war sie mitgekommen. Und sie ist aufgeblüht in der Gemeinschaft mit den Gleichaltrigen, beim gemeinsamen Singen, Spielen und Spaß haben.
Und sie hat in den Andachten am Morgen von Gott gehört. Von dem Gott, der Leben schenkt. Von dem Gott, der sich den Schwachen zuwendet. Von dem Gott, der den glimmenden Docht nicht auslöscht.
Da hat sie neuen Mut gefasst. Was sie da von Gott gehört hat, hat ihre Lebensflamme wieder neu entzündet. Sie hat Vertrauen gefasst zu Gott und in das Leben und sich auch wieder was zugetraut.
Oder ich denke an einen Mann in unserer Gemeinde. Er geht auf den Ruhestand zu. Viele Jahre hatte er keine Kirche mehr betreten.
Doch dann war er gekommen – am Sonntagmorgen zum Gottesdienst und hat von Gott gehört, der das geknickte Rohr nicht zerbricht.
Das hat ihn angesprochen. Denn genauso hat er sich gefühlt – nach dem Tod seiner Frau: vom Leben geknickt. Alleine gelassen. Nicht in der Lage, sich selbst aufzurichten.
Aber was er von dem geknickten Rohr gehört hat, hat ihm Mut gemacht, das Leben wieder anzupacken, glauben zu können, dass es weitergehen wird – auch wenn der geliebte Mensch fehlt, mit dem er sein Leben geteilt hat.
Nur zwei Beispiele, die zeigen, wie es gehen kann. Wie Gott das macht: Aufrichten. Neu entfachen. Neuen Mut geben.
Manchmal sind es die guten Worte im Gottesdienst, die einen aufrichten. Vielleicht auch die Sonntagsgedanken im Radio.
Oft sind es auch die anderen Menschen, die mir gut tun. Die mich aufrichten. Die fröhlichen Kinder auf der Freizeit, die die Mutlose mittun lassen. Die Nachbarin, die sieht, was dem Witwer fehlt. Der Kollege, der spürt, dass ich Unterstützung brauche und nicht ärgerlich ist deswegen.
Mit solchen Erfahrungen kann ich mich den Herausforderungen stellen, die heute auf mich warten. So kann auch morgen die Schule beginnen oder die neue Woche auf der Arbeit.
So kann ich anpacken, was mir schwer fällt und Sorgen bereitet. Das geknickte Rohr wird nicht zerbrechen, und der glimmende Docht wird nicht verlöschen. Dafür steht Gott mit seinem Wort.
Und diese Erfahrung wünsche ich Ihnen in der neuen Woche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18280

Wenn man nicht allein gehen muss, fällt einem ein mühsamer Weg leichter. Und mit der richtigen Begleitung machen einem die Strapazen viel weniger aus.
Ich muss da an unsere Sommerfreizeit mit Jugendlichen in Norwegen denken. Auf dem Programm steht immer auch mindestens eine Tageswanderung in der beeindruckenden Natur.
Letztes Jahr sind wir zum Kjerag-Felsen gewandert: Dreieinhalb Stunden hin. Drei Stunden zurück.
Gleich am Anfang ging’s eine halbe Stunde lang einen steilen Berg hoch und zwischendurch mussten wir zwei Mal ein ganzes Stück runter und wieder rauf – über Felsen.
Und das alles die meiste Zeit im Nebel und bei Nieselregen. Von dem grandiosen Panorama haben wir so gut wie nichts gesehen.
Und trotzdem: Alle sind mitgegangen. Und alle haben’s gepackt und waren stolz darauf. Ich rede von Teenagern zwischen 13 und 17 Jahren.
Zu Hause habe ich das den Eltern erzählt. Die haben es mir nicht glauben wollen: „Mein Kind? Sieben Stunden gewandert? Bei schlechtem Wetter? Ohne ständiges Gemaule? Gibt’s doch nicht!“
Doch, das gibt’s. Es macht eben einen Unterschied, ob man mit den Eltern Wandern geht oder mit einer Gruppe Gleichaltriger und sich gegenseitig motiviert.
In der richtigen Gemeinschaft machen einem die Strapazen des Weges viel weniger aus. Da merkt man gar nicht, wie lang der Weg ist.
Oder ich muss an eine Szene bei einem Triathlon denken. Nach vier Kilometern Schwimmen ging es auf die Räder. 180 km warteten auf die Sportler. Da waren ganz ordentliche Berge zu bewältigen.
Einer der Fahrer hat anschließend von dem anstrengendsten Anstieg erzählt. Er sei den Berg hochgefahren. Die ganze Strecke war voller Zuschauer. Nicht nur am Straßenrand, auch auf der Straße haben sie gestanden.
Und immer kurz vor den Athleten hat sich die Menge geöffnet. Und dicht hinter den Fahrern hat sie sich wieder geschlossen.
Der Sportler sagte: „Ich habe gemeint, ich werde da hoch getragen. Den langen Anstieg und die Anstrengung habe ich kaum gespürt. So schnell war ich oben.“
Wie viel leichter lässt sich ein Berg bezwingen mit einer solchen Wolke von Fans! Was macht das für einen Unterschied, wenn da Menschen sind, die anfeuern und motivieren.
Ich finde, das gilt auch für meinen Weg durch das Leben. Für mich sind da besonders die wichtig, die mir helfen, auf Gott zu vertrauen. Gottvertrauen macht einen mutiger und zuversichtlicher. Das sagen ja viele.
Aber gerade das geht einem manchmal verloren, wenn der Weg steinig ist und steil wird. Da braucht man erst recht Leute, die einen darin bestärken: Verlass dich auf Gott! Er wird dir helfen.
In der Bibel heißt es, dass wir eine große Wolke von Zeugen um uns haben. Die wollen uns ermutigen, damit uns auf unserem Lauf durch das Leben nicht die Puste ausgeht.

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Wie viel leichter lässt sich ein Weg gehen, wenn andere mitgehen, einen anfeuern und motivieren.
Meine Erfahrung ist: Das braucht man erst recht für den Glauben, der einen trägt. Auch da braucht  man Leute, die einen motivieren und bestärken.
Genau das meint wohl auch der Christ, der in der Bibel die anderen ermutigt und sagt: „Wir sind förmlich umgeben von einer riesigen Wolke von Zeugen … So können wir mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der vor uns liegt.“ (Hebräer 12,1)
Die „Wolke der Zeugen“ – was für ein schönes Bild für die Menschen, die auf Gott vertrauen. Ich stelle mir da ein großes Stadion vor. Voll mit Menschen. Und auf der Aschen­bahn die Läufer. Zehntausende auf den Rängen feuern sie an. Was für eine großartige Kulisse!
Ich kenne einen Kollegen, der hat an der Wand seines Studierzimmers viele Bilder aufgehängt. Bilder von Christen, die für sein Leben eine Bedeutung hatten. Von ihnen hat er gelernt, wie man im Vertrauen auf Gott leben kann. Das war seine „Wolke der Zeugen“: Menschen, die ihm Vorbild und Wegbegleiter waren.
Da habe ich mir überlegt: Wie würde wohl meine Bildergalerie aussehen? Wer war für mich wichtig und für meinen Glauben prägend?
Da gab es den Leiter unserer Jugendgruppe. Der hat sich für mich viel Zeit genommen. Oft bis tief in die Nacht hinein habe ich mit ihm meine Fragen über Gott und die Welt diskutiert.
Oder ich erinnere mich an den Professor an der Universität, der nicht nur kluge Sätze gesagt hat. Dem hat man es abgespürt: Er lebt das auch, was er lehrt. – Menschen, die mich geprägt haben.
Überlegen Sie mal für einen Augenblick: Wie würde Ihre Bildergalerie aussehen? Wer war für Ihren Glauben wichtig? … Die Großmutter, der Pfarrer, die Leiterin vom Mädchenkreis, ein Freund … ?
Wir sind doch nicht die ersten, die das Leben meistern müssen. Viele sind uns voraus­gegangen. Wir sind umgeben von einer großen Wolke von Glaubenszeugen. Ohne die könnten wir gar nicht glauben. Ohne die brauchen wir auch nicht zu glauben.
Und diese „Wolke von Zeugen“ umfasst nicht nur die Gegenwart. Schon in der Bibel werden uns Menschen vorgestellt, die ihren Weg im Vertrauen auf Gott gegangen sind. Sie haben vielleicht in einer anderen Zeit gelebt, aber im Grunde hatten sie doch die gleichen Fragen an das Leben wie wir.
In manchen großen, alten Kirchen ist diese „Wolke der Zeugen“  sichtbar gemacht. Über den alten Kirchenportalen sitzen sie da in Stein gehauen: Apostel, Propheten und Märtyrer. Oder sie sind im Kirchenschiff in den bunten Fenstern dargestellt.
Die Bilder erinnern mich: Diese Menschen sind bereits am Ziel angekommen. Die haben es geschafft. Das macht mir Mut und spornt mich an. Auch von ihnen möchte ich lernen. Ihre Erfahrungen können mir helfen, meinen Lebensweg im Vertrauen auf Gott zu gehen.

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Für die einen ist es ein Skandal. Andere haben sich damit abgefunden. Winken ab. Haben resigniert.
Warum tun sich die Katholischen und die Evangelischen so schwer damit, zusammen zu kommen? Gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Haben sie nicht einen Glauben? Haben sie nicht denselben Gott?
Warum dann immer noch diese Gräben? Warum der Streit? Kann nicht einfach zusammen kommen, was zusammen gehört?
Auf der anderen Seite: Oft sind es ja gerade die kleinen Unterschiede, Äußerlichkeiten, mit denen sich viele so schwer tun. Die Lieder. Der Weihrauch. Die Feste. Daran hängt das Herz. Und man fühlt sich irgendwie doch fremd bei dem anderen. Hat vielleicht auch das Gefühl, nicht willkommen zu sein.
Ich verstehe, dass die Christen in den verschiedenen Kirchen sich damit nicht abfinden wollen. Und Außenstehende sagen: Ihr Christen redet immerzu vom dem Frieden und der Liebe. So weit her ist es damit wohl nicht. Ihr könnt ja nicht mal untereinander einig sein.
Das hat auch Jesus nicht gewollt, dass seine Kirche aufgespalten ist in verschiedene Gruppen, die nicht miteinander können – zumindest nicht Gottesdienst miteinander feiern können.
Aber was können wir Christen tun, dass sich da was ändert? Sicher, es gibt Fortschritte in der Ökumene, im Gespräch der Kirchen miteinander. Aber das geht so unendlich langsam voran. Und immer wieder gibt es Zeiten, da meint man, es geht mehr rückwärts als vorwärts.
Vielleicht sollten wir es ganz anders versuchen. Mit Beten. Gelegenheit dafür gibt die Gebetswoche für die Einheit der Christen. Die wird im Januar weltweit von allen christlichen Konfessionen begangen.
Wie wäre es, wenn wir statt zu jammern und zu klagen, anfangen zu beten? Am besten zusammen: Christen aller Konfessionen gemeinsam hier bei uns, in unserem Land und auf der ganzen Welt.
Im Gebet es Gott sagen: „Herr, wir leiden unter der Trennung der Kirchen. Wir wollen uns nicht damit abfinden. Wir wissen zwar auch nicht, wie das zusammengehen kann, was seit so vielen Jahrhunderten getrennt ist. Aber wir sehnen uns nach Einheit. Hilf uns, da Wege zu finden. Gib uns den Mut für den nächsten Schritt aufeinander zu. Wir wollen dich gemeinsam feiern.“
Was das bringen soll? – Ich denke, man könnte spüren, dass es den anderen genauso geht wie mir. Auch sie möchten, dass es anders wird. Ich glaube, das verbindet. Und die Gebete könnten zeigen: Wir geben die Hoffnung nicht auf. Wir lassen uns nicht auseinander bringen. Wir gehören zusammen als Evangelische und Katholiken.
Darin liegt für mich die große Chance dieser Gebetswoche. Denn wer miteinander betet, spürt die Gemeinsamkeit mehr als alles, was trennt. Wer die Einheit im Gebet vor Gott sucht, kann nachher nicht einfach getrennte Wege gehen.

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In Deutschland denkt man beim Stichwort Ökumene meist nur an die katholische und die evangelische Kirche. Das steht uns direkt vor Augen. Doch die Christenheit ist bunter und weitaus vielfältiger, als man auf den ersten Blick sieht.
Ich muss in diesen Tagen oft an die Christen der orthodoxen Kirchen im Orient denken. Etwa an die christlichen Gemeinden in Ägypten, in Israel und den palästinensischen Gebieten, in Syrien und im Irak.
In diesen Ländern hat das Christentum seinen Anfang genommen. Da haben Jesus und die Apostel gelebt und verkündigt. Dafür stehen diese Kirchen heute ein – vor Ort.
Von Deutschland aus betrachtet wirken ihre Gottesdienste fremd und altertümlich. Die Rituale sind auch wirklich uralt. Vieles kann man kaum verstehen. Und doch, finde ich, sind wir mit diesen Christen auf besondere Weise verbunden.
Und sie brauchen es besonders, dass wir sie unterstützen und für sie beten. Denn sie haben es schwer in einer nicht-christlichen, zunehmend radikalisierten Umwelt.
Für viele ist die Situation in den letzten Jahren lebensgefährlich geworden. Sie sind zwischen die Fronten der Kriegsparteien geraten. Etwa in Syrien.
Früher haben die meisten syrischen Christen die Assad-Regierung unterstützt. Denn da konnten sie ihre Religion frei ausüben. Heute werden sie deshalb verdächtigt, zu deren Günstlingen zu gehören.
Dabei unterstützen die Christen in Syrien keine der Bürgerkriegsparteien. Doch gerade das wird ihnen zum Verhängnis. Durch ihre Neutralität geraten sie zwischen die Fronten der islamistischen Rebellen und der Truppen des Assad-Regimes.
Auch im Irak hat die Gewalt gegen Christen deutlich zugenommen. So sind in den letzten zwanzig Jahren etwa zwei Drittel der Christen aus dem Land geflohen. Sie hatten Angst um ihr Leben und haben keine Perspektive mehr in ihrer Heimat gesehen.
Auch für diese Schwestern und Brüder im Glauben beten Christen in der Gebetswoche für die Einheit der Christen.
Ich denke, wer so für andere eintritt, der zeigt damit: Wir lassen uns nicht auseinander bringen. Wir gehören zusammen über Ländergrenzen und Kontinente hinweg. Wir stehen füreinander ein.
Und die Christen, die dort im Orient um ihr Leben fürchten, die spüren vielleicht: Wir können uns auf die Menschen im fernen Europa verlassen. Wenn wir Hilfe brauchen, werden sie für uns tun, was sie können.
Ich hoffe, dass das den Christen in Syrien, in Ägypten und im Irak Mut macht, dass sie ein Segen werden können für ihre Länder und vielleicht sogar zu Friedensstiftern zwischen den verfeindeten Parteien.
Beten für gefährdete Mitchristen. Das wenigstens will ich tun – nicht nur in diesen Tagen während der Gebetswoche. Und vielleicht zeigt sich dann auch, was noch getan werden kann, um ihnen zu helfen.

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Ich komme gerade mit einer Reisegruppe aus Israel und bin noch voller Eindrücke. Ein wunderbares und gastfreundliches Land. Reich an Sonne und Natur. Kilometerlange Strände, Bergland, Wüste und fruchtbare Ebenen.
In diesem Land hat Jesus gelebt. Auf Schritt und Tritt werden hier die biblischen Geschichten lebendig, anschaulich. Wir haben sie da gehört, wo sie damals passiert sind.
Wir haben auf dem Berg gestanden, auf dem Jesus seine Bergpredigt gehalten hat und wo seine Jünger das Vaterunser gelernt haben. Dort haben wir gebetet: „Vergib uns unsere Schuld. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.
Und dann sind wir nach Yad Vashem gekommen. Das ist die Gedenkstätte in Jerusalem für die sechs Millionen Juden, die im dritten Reich umgebracht wurden.
Bisher hatten wir uns auf Englisch verständigt und die Menschen um uns herum Hebräisch sprechen hören oder Arabisch. Und da in der Gedenkstätte hören wir auf einmal unsere Muttersprache. Aus den Lautsprechern: Deutsch. Die Propagandastimme der alten Wochenschau.
Wir lesen die deutschen Schilder: „Juden sind hier unerwünscht“. Wir sehen, wie in der Nacht zum 10. November 1938 die Synagogen gebrannt haben, die jüdischen Gotteshäuser.
Nicht nur in den großen Städten. Auch in den kleinen Dörfern auf dem Lande. Gründlich geplant, ordentlich vorbereitet. Alle haben es gesehen. So gut wie keiner hat protestiert. Das war heute vor fünfundsiebzig Jahren in Deutschland.
Auf einmal in der Gedenkstätte in Israel ist es ganz nah: Millionenfaches Unrecht, Bilder von den Konzentrationslagern und Gaskammern. Berge von Leichen.
Um mich herum haben sich jüdische Kinder gedrängelt. Schulklassen beim Geschichtsunterricht. Wie ich mich da geschämt habe! „Hoffentlich merkt keiner, dass ich Deutscher bin“, habe ich gedacht.
Mit dem Kopf war mir klar: Ich kann nichts für das unsägliche Leid und Unrecht. Ich bin viel später geboren. Und doch hat es mich bedrückt: Wie konnten meine Vorfahren nur so brutal und grausam sein?
Da ist mir meine erste Begegnung mit einem alten Juden eingefallen. Das war ein paar Jahre früher in einem Hotel bei Tel Aviv. Wir waren gerade angekommen. Zum ersten Mal in Israel. Ich stand in der Vorhalle und habe auf den Zimmerschlüssel gewartet.
Da kam ein orthodoxer Jude auf mich zu. Langer schwarzer Mantel. Schwarzer Hut. Grauer Bart. Etwas gebückt. Er war bestimmt über Siebzig und hatte die Hitlerzeit erlebt.
Er hat mich angesprochen auf Englisch und gefragt, woher ich komme. Ich war unsicher und wusste nicht, was ich sagen sollte: Was, wenn er erfährt, dass ich Deutscher bin? Schließlich habe ich auf Englisch geantwortet: „Ich komme aus Deutschland.“
Da nimmt er meine Hand und sagt auf Deutsch: „Willkommen in Israel. Schön, dass Sie da sind.“

Als mir der alte Jude im Hotel in Israel die Hand gedrückt und mich so unerwartet freundlich willkommen geheißen hat, hätte ich vor Freude heulen können.
In diesem Moment habe ich gespürt: Hier darf ich sein – auch mit meiner deutschen Geschichte. Auch mit all dem Leid und Unrecht, das meine Vorfahren den Juden angetan haben.
„So ist Versöhnung“, habe ich mir gedacht. Was gewesen ist, trennt uns voneinander. Aber Versöhnung kann stärker sein, kann ein neues Miteinander schaffen, dort wo wir uns die Hand reichen. Ich glaube: Genau das will Gott uns möglich machen.
Und es ist ja auch der Gott der Juden, von dem es in der Bibel heißt:
„Freuen dürfen sich alle, denen ihr Unrecht vergeben ist und deren Verfehlungen zugedeckt sind! Freuen dürfen sich alle, denen der Herr die Schuld nicht anrechnet und deren Gewissen nicht mehr belastet ist!“ (Psalm 32,1-2)
Menschen können darauf vertrauen, dass Gott ihnen ihre Schuld nicht anrechnet. Was gewesen ist, muss mich nicht ein Leben lang quälen. Es muss mich auch nicht trennen von dem anderen.
Und wenn Gott vergibt – sollte ich dann nicht auch vergeben, wenn andere schwere Fehler gemacht haben? Ich glaube: Der alte Jude, damals in Tel Aviv, der hat so gedacht. Deshalb konnte er mir die Hand geben.
Ein Neuanfang ist möglich vor Gott und mit Menschen. Für mich ist das eine der bedeutsamsten Aussagen der Bibel. Und die haben Christen mit den Juden gemeinsam.
Wir Christen glauben, dass Jesus genau das gezeigt hat. Gott fängt neu an mit den Menschen. Das kann uns befähigen, auch miteinander einen neuen Anfang zu wagen.
So fällt es mir leichter, mich meiner Vergangenheit zu stellen. Es auszuhalten, was da alles nicht in Ordnung war und ist und was ich auch gar nicht mehr in Ordnung bringen kann – in der Geschichte meines Volkes oder auch in meiner persönlichen Lebensgeschichte.
Ein neuer Anfang ist möglich. Das gibt mir auch die Kraft, mich zu erinnern und mich erinnern zu lassen – etwa an all die schrecklichen Dinge, die da vor fünfundsiebzig Jahren in der Reichspogromnacht geschehen sind.
Nicht um in der Vergangenheit zu bohren und die alten Geschichten immer wieder aufs Tapet zu bringen. Nicht um immer von neuem in alten Wunden zu kratzen, dass sie wieder zu bluten anfangen.
Aber ich will mich daran erinnern lassen, um aus dem, was geschehen ist, zu lernen und Verantwortung für heute zu übernehmen. Deshalb ist es gut, dass es bis heute Gedenkstätten gibt und Gedenkveranstaltungen an diesem 10. November.
Dass sich das Unrecht nicht wiederholt. Dass ich aufmerksam bin, wo Menschen heute Unrecht getan wird, oder wo ich andere ungerecht behandele.
Und die Gedenkveranstaltungen heute erinnern mich:
Was vor fünfundsiebzig Jahren in unserem Land geschehen ist, ist zwar immer noch schrecklich. Aber es muss uns nicht trennen. Gott sei Dank.

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„Jesus wäre nicht zur Wahl gegangen." Ein Bekannter hat mir das vor ein paar Tagen in einer e-Mail geschrieben.
Ich war etwas verwundert und habe zurückgefragt, wie er darauf kommt. Seine Antwort: „Ist doch egal, welche Partei ich wähle. Es ändert sich eh nichts."
Ok, ich kann seine Enttäuschung in manchen Punkten nachvollziehen. Mir gefällt auch nicht alles, was in unserem Land entschieden wird.
Da werden immer wieder auch Gesetze erlassen, die mir gegen den Strich gehen, weil sie meiner Lebenseinstellung und meiner Weltsicht widersprechen.
Gesetze, die sich nur schwer oder gar nicht mit Gottes Geboten vereinbaren lassen. Darüber bin ich enttäuscht, und es ärgert mich. Aber deshalb nicht wählen gehen?
Nein, das kommt für mich nicht in Frage. Ich bin dankbar, dass ich in einer Demokratie lebe und nicht in einer Diktatur oder in einer Ein-Parteien-Regierung - wie fast die Hälfte der Weltbevölkerung.
Ich bin dankbar, dass ich mitbestimmen darf, wer bei uns den Ton angibt. Dafür haben Generationen vor uns gestritten und gekämpft, dass sie frei wählen dürfen. Das lass ich mir doch nicht nehmen. Darum gehe ich heute zur Wahl. Aus Überzeugung.
Und ich denke: Auch Jesus hätte die Wahl nicht boykottiert. Auch Jesus wäre wählen gegangen. Wie ich darauf komme?
Jesus wurde einmal gefragt, wie er zur Regierung steht. Da hat er gesagt: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser zusteht, und Gott, was Gott zusteht!"
Das heißt doch für uns heute: Gebt der Demokratie, was der Demokratie zusteht. Also nehmt Euer Wahlrecht wahr.
Ich gebe ja gerne zu: Wer die Wahl hat, hat auch die Qual. Die ideale Partei gibt es wohl nicht.
So ist das eben in einer Demokratie. Da muss die Politik den Kompromiss suchen. Da geht es um Mehrheiten - und das ist nicht immer das, was ich richtig finde.
Aber wenn ich schon keine ideale Regierung wählen kann, dann will ich doch wenigstens das „kleinere Übel" wählen. Auf jeden Fall will ich die Entscheidung darüber, wer uns regiert, nicht den anderen überlassen.
Nein, da will ich meine Stimme schon mit in die Waagschale werfen, will mitbestimmen, wer in den nächsten vier Jahren den Kurs bestimmt.
Nicht wählen gehen ist in meinen Augen keine gute Alternative. Niemand kann seine Hände in Unschuld waschen, nur weil er sich nicht an der Wahl beteiligt. Wer keine Stimme abgibt, wählt auch.
Eine Demokratie spiegelt wider, was das Volk denkt und was ihm wichtig ist. Darum will ich mein Wahlrecht nutzen.
Ich will dem Kaiser geben, was dem Kaiser zusteht. Oder besser gesagt: Ich will der Demokratie geben, wovon die Demokratie lebt: Meine Stimme. Ich finde: Das bin ich ihr schuldig.

Ich gehe heute zur Bundestagswahl. Das bin ich als Bürger unserem Land schuldig. Und noch etwas will ich tun. Ich will für unsere Politiker beten.
Ich will dafür beten, dass die Regierenden gute und richtige Entscheidungen treffen zum Wohl der Menschen und in der Verantwortung vor Gott.
Politik ist ein kompliziertes Geschäft. Wer weiß denn immer, was die richtige Entscheidung wäre?
Was ist denn wirklich gut für unser Land? Was würde denn den Menschen in Europa wirklich helfen? Oder was müsste man tun, damit es in unserer Welt gerechter und friedlicher zugeht?
Das alles ist so kompliziert und die Interessen sind oft ganz gegensätzlich. Wenn ich ehrlich bin: Was wirklich gut für uns ist und was uns weiterbringen könnte in unserem Land, das weiß ich oft gar nicht. Wissen Sie es?
Und ich denke, es geht den Mächtigen in unserem Land manchmal ganz ähnlich. Ich bezweifle, dass sie die Tragweite ihrer Entscheidungen immer abschätzen können.
„Da hilft nur noch beten", sagen viele, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Aber was heißt hier „nur noch". Da hilft beten. Davon bin ich überzeugt.
„Das Gebet ersetzt zwar keine Tat. Aber das Gebet ist eine Tat, die durch nichts ersetzt werden kann", hat ein früherer Landesbischof gesagt.
Ich muss da etwa an die Zeit denken, als Deutschland noch ein geteiltes Land war. Die Menschen im Osten sind immer unzufriedener geworden mit ihrer Lage.
Da haben sich einige getroffen zum Gebet - montags in der Leipziger Nikolaikirche und auch anderswo. Im Laufe der Zeit sind es immer mehr geworden.
In den Kirchen haben sie gebetet für Frieden und Freiheit. Und dann sind sie auf die Straßen gegangen und haben mit Kerzen friedlich demonstriert, dass sich was ändert in ihrem Land.
Mich hat das beeindruckt. Denn da haben Christen ihre Verantwortung für die Gesellschaft wahrgenommen. Sie haben gebetet und gehandelt.
Das war der Anfang. Und dann ist geschehen, was viele für nicht mehr möglich gehalten haben: die Mauer, die Deutschland fast dreißig Jahre geteilt hat, ist gefallen.
Und nicht nur ich bin davon überzeugt: Letztlich waren es die Gebete der vielen Menschen: Die haben die innerdeutsche Mauer zu Fall gebracht.
Mir macht diese Geschichte Mut. Und sie fordert mich heraus, noch öfter für unsere Politiker zu beten, dass sie ihre Macht und ihren Einfluss nutzen - nicht zum eigenen Vorteil, sondern zum Nutzen aller.
Dafür will ich beten, dass sich die Gesetzgeber ihrer Verantwortung vor Gott bewusst sind und sich an die Gottes Gebote halten, dass sie das Leben und seine Würde unter allen Umständen schützen.
Ich will dafür beten, dass die, die heute gewählt werden, ihr Amt recht ausfüllen.
Ich finde, das sind wir unseren Politikern schuldig. Finden Sie nicht auch?

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