Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


„Gott hält sich immer ein paar Künstler“ hat mal jemand gesagt. Und wir freuen uns in den alten Kirchen über phantastische Fenster, Malereien, Skulpturen und Orgelmusik. Aber Gott hält sich nicht nur tote Künstler. Es gibt auch lebende, die ihre Kunst ganz bewusst von ihrem Glauben her verstehen. Heute möchte ich Sie bekanntmachen mit der christlichen Künstlergemeinschaft „DAS RAD“.

Teil 1

1979 haben wir uns zum ersten Mal zu Gesprächen getroffen,….Es gibt sehr wenig Gelegenheit für Menschen mit künstlerischen Begabungen in künstlerischen Berufen über die Spannungen zwischen ihrem Glauben und ihrer Arbeit zu reden. Wir haben uns dann in ganz informellen ersten Treffen überzeugt, dass wirklich viele Menschen in diesem Land, in Rheinland-Pfalz, aber auch darüber hinaus, dieses Bedürfnis haben, sich mit anderen, die auch aus dieser Spannung heraus arbeiten, auszutauschen.

Manfred Siebald aus Mainz war einer der Ideengeber für DAS RAD, zusammen mit dem Journalisten Erhard Diehl. 50 Künstlerinnen und Künstler waren zusammengekommen bei jenem ersten Treffen in Wetzlar. Sie wollten eine Gemeinschaft von Künstlern gründen, die ihre Begabungen und ihre Kreativität als besondere Gaben Gottes verstehen, als Geschenk. Darüber kann man sich freuen, damit kann man arbeiten, aber das macht natürlich auch Probleme und provoziert Fragen: Wie setzte ich meine Talente richtig ein? Wie gehe ich mit Misserfolg, mit Ablehnung und Arbeitslosigkeit um? Und wi mit Erfolg und Bewunderung? Diese Treffen sollten kein Klüngelverein unter Bekannten sein.

Manfred Siebald:
Wen lädt man zu solchen Treffen ein? Und in langen Gesprächen haben wir uns zu der Formulierung durchgerungen: Mitglied im RAD kann werden, wer Christ ist, und wer seinen Lebensunterhalt mit künstlerischer Arbeit verdient. Oder ihn auf Grund seiner Ausbildung oder der Qualität seiner Arbeit damit verdienen könnte.

Manfred Siebald ist selbst einer davon: christlicher Liedermacher und Schriftsteller mit zahlreichen CDs und Veröffentlichungen, auch wenn er im Hauptberuf Dozent für Amerikanistik in Mainz ist. Die Treffen wuchsen von Jahr zu Jahr, in Künstlerkreisen sprach sich herum, dass da etwas Interessantes passiert – nicht nur in Deutschland.

Eines der Vorbilder, das wir als Gründer damals vor Augen hatten, war die Arts Center Group in London, in der Cliff Richard, Nigel Goodwin und andere wirklich bekannte Künstler Großbritanniens das Ähnliche versuchten. Und diese Arbeit der Arts Center Group hat sich auch auf anderen Kontinenten, in anderen Ländern fortgepflanzt und mit denen haben wir, auch heute noch regen Austausch, machen uns gegenseitig Mut, erzählen uns gegenseitig von Schwierigkeiten, die wir haben, und auf diese Weise lassen sich manchmal Lösungen finden, die man irgendwo anders ausprobiert hat.

Teil 2

Der SWR 4 Blickpunkt Kirche heute Abend über die DAS RAD, eine Gemeinschaft von Künstlern, die Kunst und christlichen Glauben miteinander verbinden wollen.
Jedes Jahr im Februar treffen sie sich zu einer großen Jahrestagung mit über 200 Menschen aus künstlerischen Berufen. Siegmar Rehorn aus Mainz gehört zum Leitungskreis und ist damit einer der Wenigen, der die ganze kreative Fülle überblicken.

Musiker bringen ihre Instrumente mit, Maler, Bildhauer bringen zwei, drei transportable Arbeiten mit, zeigen Projekte, so dass die Tagung auch nicht nur aus Vorträgen besteht, sondern aus Ausstellungen, aus Aufführungen, Performances, Installationen und es gibt sehr viel persönlichen Kontakt untereinander: Ich zeig euch mal meine Mappe, ich lese euch mal diesen Text vor, ich zeig euch mal dieses Stück Film, das ich gedreht habe, lasst uns mal darüber diskutieren. Das Resultat ist, dass man nach diesen dreieinhalb Tagen voll ist von Eindrücken, weil man selbst sehr viel gezeigt, gegeben hat und noch mehr gesehen, gehört hat von anderen aus ihren künstlerischen Sparten.

Von diesem Austausch, persönlich und fachlich, lebt die Tagung:

Darum fährt auch Uwe Zeutzheim immer wieder zum RAD. Er ist Pianist und Dozent am Mainzer Konservatorium. Aber:
Wenn es nur Musiker wären, wäre die RAD-Tagung für mich, glaube ich, gar nicht so attraktiv, weil ich den ganzen Tag mit Musikern zu tun habe. Und diese verschiedenen Fachgruppen: Maler, Schriftsteller, Designer, Tänzer, Kleinkünstler, das ist für mich unheimlich bereichernd, der Austausch mit ihnen, deren Probleme zu hören, und für mich als Musiker auch über den Tellerrand zu schauen.

Manchmal reisen Künstlerkollegen mit ganz konkreten Fragen an, wie sich Manfred Siebald erinnert:
Da waren Schauspielerinnen, die zum Beispiel sich auf der Bühne nicht nackt ausziehen wollten, weil sie das mit ihrem Glauben nicht vereinbaren wollten und konnten, und die dann sich bei uns erkundigt haben: Darf man das als Christ?

Aber die Tagungen bieten auch Raum, Künste miteinander zu verbinden und Neues auszuprobieren. Uwe Zeutzheim:
Es wurde ein Bild aufgestellt eines RAD-Künstlers und Musiker haben sich ganz spontan zusammengesetzt und darüber improvisiert und kurz danach haben Maler über Musik improvisiert, haben spontan ein Bild gemalt, und das war unglaublich, das mitzuerleben, diese Spontaneität und dieses Übergreifende, das inspiriert mich sehr in meinem Schaffen.

Was in diesem Jahr geplant ist und welche Rolle der christliche Glaube für die Künstlerinnen und Künstler spielt, davon werde ich Ihnen nach der Musik erzählen.

Teil 3

Das ist allen wichtig: dass sie nicht nur als Künstlerinnen und Künstler zu den Jahrestagungen des RADes kommen, sondern auch als Christen. Sie sehen die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht nur als persönliche Möglichkeiten, sondern als Gottesgeschenk.

Uwe Zeutzheim, Pianist aus Rheinhessen, formuliert das so:
Ja auf dem RAD habe ich auch von einem RAD-Dichter einen Liedtext, und der geht so: Was wir so fest in Händen halten, das ist uns alles nur von Gott geliehn, wir dürfen es gestalten, wir dürfen es verwalten und geben es zurück an ihn. Und das ist so zu einem Motto in meinem persönlichen Leben, aber auch in meinem künstlerischen Leben geworden, dass wir unsere ganze Freude und Gabe und Leidenschaften wirklich ausdrücken dürfen, aber dann auch das „geben es zurück an ihn“, dass das auch Sinn macht. Meine Kunst macht Sinn, dass ich das nicht nur für mich und zu meinem eigenen Erbauen mache, sondern ich kann´s weitergeben, und das gibt mir sehr viel Sinn.

Darum sind die ersten drei Tage bei jedem Treffen zwar voll mit künstlerischen Erfahrungen und Austausch, sind aber auch eingebettet in gemeinsame Andachten, Gebete und seelsorgerliche Gespräche. Der letzte Tag ist geprägt davon, dass alles, was gedacht, gespielt, gelobt, beweint und geplant wurde, an Gott zurückgegeben wird.

Siegmar Rehorn, Papierkünstler aus Mainz und Mitglied im Leitungskreis:
Der Höhepunkt der Tagung ist für uns alle, glaube ich, für mich auf jeden Fall, der Gottesdienst am Montag, wo viele Künste eingebracht werden, wo viele Dinge erst gar nicht erklärt werden müssen, weil Künstler das verstehen, und weil es ihre Sprache ist, in der dort Gott angebetet wird, in der Gott gepriesen wird mit den verschiedensten Medien von Musik über Bild und Tanz und Schauspielerei.

In zehn Tagen ist es wieder soweit. Weil der bisherige Tagungsort zu klein geworden ist für DAS RAD, treffen sich die Künstler in einem neuen großen Zentrum in Schwäbisch-Gmünd.

Siegmar Rehorn:
Unser Thema heißt „Doppelleben“, weil viele von uns das erfahren, dass ihr Leben, auch ihr berufliches Leben oft in mehrere Teile gespalten ist, sie sind Christen und Künstler und kriegen oft – wir kriegen oft das nicht so zusammen. Eingeladen haben wir uns dazu Dr. Martin Grabe. Er ist Chefarzt, Psychiater und Psychotherapeut, und wir sind gespannt, was so ein Profi, der sich im Inneren, in der Seele des Menschen auskennt, uns Künstlern dazu sagen kann.

Bleibt mindestens noch eine Frage offen: Warum heißt die Gruppe DAS RAD?
Ganz einfach: weil Menschen, die sich bewegen, weiterentwickeln und unterwegs sein wollen, eine Mitte brauchen, um die sie sich drehen können. Diese Radnabe, diese Mitte ist für die Künstlergemeinschaft Jesus Christus. Alle Künste kommen von ihm wie Speichen eines Rades, alle weisen letztlich auf ihn hin. So wichtig der Erfolg im Leben eines Künstlers ist. Was sie verbindet als Gemeinschaft, das ist ihre besondere, etwas andere Haltung zum Erfolg. Sie freuen sich darüber, sie trösten einander, wenn er ausbleibt. Aber ihre Mitte- das, um was sich ihr Leben dreht, was sie trägt und zusammenhält, das ist ihr Glaube an Jesus Christus. https://www.kirche-im-swr.de/?m=687
Wie wir den Tag beginnen, stellt oft schon eine Weiche dafür, wie es weitergeht. Das liegt nicht so sehr daran, ob wir mit dem linken oder mit dem rechten Fuß zuerst aufstehen. Die ersten Gedanken im Kopf, die stellen die Weichen. Damit es ein guter Gedanke sei, wird seit 1728 für jeden Tag ein eigener Bibelvers ausgelost. Die so genannten Herrenhuter Losungen. Warum weltweit heute über 50 Millionen Menschen daran teilhaben, darum geht´s heute in unserem SWR 4 Blickpunkt.

Teil 1
SWR 4, Blickpunkt Kirche heute über die Herrnhuter Losungen, Bibelverse für jeden Tag und ein besonderer für das ganze Jahr.
Astrid Bräuer aus Ingelheim ist Krankenschwester auf einer Säuglingsstation. Jeden Tag begegnet sie neugeborenen Kindern, jungen Müttern und Vätern. Eine Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl verlangt.

Praxis ist für mich, da ich morgens sehr zeitig aufstehen muss: Losung lesen gehört zur Tasse Kaffee dazu, das ist für mich der Start in den Tag.

Bestimmt kennen Sie das: der Tag verläuft anders, je nachdem, wie ich morgens starte. Wenn ich in den Spiegel schaue und muffig feststelle: Kenn´ ich nicht, wasch´ ich nicht! dann wird auch der weitere Tag entsprechend. Ganz anders wenn ich mir zulächle: Nett, dich zu treffen!
Noch besser als solche Selbstgespräche ist es, wenn ich mich von jemand anderem mit einem guten Wort in den Tag schicken lasse. Das kann jemand aus meiner Familie sein, aber es kann auch einen viel weiteren Horizont haben - als gute Nachricht von Gott.

Astrid Bräuer:
Aufgewachsen bin ich im Herzen der Oberlausitz und damit in der Heimat der Herrnhuter Losungen. Da ich in einem christlichen Elternhaus geboren worden bin, gehörte das Lesen der Losungen einfach zu einer Alltäglichkeit. So bin ich damit aufgewachsen und habe die Losungen kennen- und schätzengelernt.

Dort, in Hernnhut, hat die Tradition mit den Sprüchen für jeden Tag begonnen.
Am 3. Mai 1728 hat Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, der Gründer der Brüdergemeinde in Herrnhut zum ersten Mal einen Vers für den nächsten Tag in die 32 Häuser des Ortes tragen lassen. Ganz im Sinne der Sprüche Salomos, wo es heißt: „Ein guter Mut ist ein tägliches Fest“. Aus diesem Anfang entstand 1731 das erste Losungsbuch. Seit dieser Zeit kommen einmal im Jahr die Mitglieder der Herrnhuter Gemeinde zusammen und jeder zieht wie bei einer Lotterie ein alttestamentliches Bibelwort für jeden Tag des Jahres aus einer silbernen Schale. Dazu wird ein passendes neutestamentliches Wort ausgesucht. Diese Texte werden dann in den "Herrnhuter Losungen" veröffentlicht. Ein kleines blaues Heft, das man überall in der Welt in 50 Sprachen kaufen und jeden Morgen zur Hand nehmen kann. Astrid Bräuer hat so gelernt, ihr Leben anders, eben in einem größeren Zusammenhang zu sehen:

Sehr oft hab ich erlebt, wie das Losungswort, das für den Tag gelost worden ist, genau in meine Lebenssituation passt. Bestes Beispiel ist dafür die Jahreslosung 2002: Ja, Gott ist meine Rettung, ihm will ich vertrauen und nicht verzagen. Wir waren in einer Situation, wo mein Mann und ich beide arbeitslos waren, wir wussten einfach nicht, wie es weitergeht. Im Vertrauen auf dieses Wort haben wir dann einfach Ausschau gehalten nach neuer Arbeit und haben neue Arbeit gefunden.

Ein Bibelwort zaubert keine neue Arbeitsstelle herbei, aber es kann mich verändern und die Art, wie ich suche und wie ich meine Lebenssituation bestehe.
Isabell Claßen aus Mainz hat in einer dramatischen Lebenssituation sehr viel Rückendeckung durch die Jahreslosung erlebt.

Teil 2
Der SWR 4 Blickpunkt Kirche heute abend zum Thema Losungen, Leben mit bestimmten Bibleversen für jeden Tag und für das ganze Jahr.

Die Jahreslosung 2006 ist mir sehr wichtig gewesen im letzten Jahr, das hat was damit zu tun, dass am Silvesterabend 2005 ein naher Verwandter von mir Selbstmord begangen hat und dann am Neujahrsmorgen hab ich das gehört und diese Jahreslosung dazu und die heißt: Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Ja, auf einmal passte das genau in diese Situation rein, die da an diesem Morgen war. ….

In den Schock über die Nachricht hinein sah es für Isabell Claßen so aus, als wäre die neue Jahreslosung genau für sie bestimmt. „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht“ – dieser Vers aus alttestementlicher Zeit ist ursprünglich eine Zusage an Josua, der voller Sorge und Angst auf die vor ihm liegende Zeit und das unbekannte Land schaut, in das er mit dem Volk Israel ziehen soll.
Weil Gottes Wort und Zuwendung zu uns Menschen ewig ist, gilt sie über die Jahrtausende hinweg. Und sie gilt auch, wenn wir sie nicht sehen oder spüren können. Sie gilt auch für einen Menschen, der im Tod den einzigen Weg aus seiner Lage sieht.

Ja wo dieser Mensch völlig verlassen war und sich auch völlig verlassen gefühlt hat, da zu wissen, dass es gilt, dass Gott ihn nicht verlassen hat und dass Gott ihn auch nicht hat fallen lassen, sondern dass er auch in dieser Situation und da ganz dicht und nah bei ihm war –

das hat Isabell Classen den ganzen Trauerweg anders gehen lassen als wenn sie das alles mit sich alleine hätte bewältigen müssen.

Immer dann, wenn ich mich erinnert hab wie grausam und schrecklich das war oder wie mich das auch prägt oder mir das Schmerzen zufügt, dann war auch immer ganz gleich und ganz dicht und ganz nah diese Jahreslosung, als Trost für mich selbst und als Hoffnungsschimmer auch in diese Trauer und ja in dieses Nichtwissen, wie geh ich damit um, hinein.

Schon immer gehört es zu den wichtigen Übungen unseres Glaubens, sich nicht von negativen Gedanken und schlechten Einflüsterungen beherrschen zu lassen. Nicht nur ich selbst, sondern auch die Menschen meiner Umgebung haben etwas davon, wenn ich den Tag beispielsweise mit der biblischen Losung beginne und über den Tag hinweg negativen Einflüssen mit einem positiven Satz begegne. Das macht der Rat eines Mönchs aus alter Zeit deutlich. Er sagt: „Wenn du dich vom Schlaf erhebst, dann öffne als allererstes deinen Mund zum Lob Gottes und stimme ein frohes Lied an. Denn die erste Beschäftigung, mit der sich der Geist morgens abgibt, hält an, so wie ein Mahlstein den ganzen Tag über mahlt, was ihm vorgesetzt wird, sei es nun Weizen oder Unkraut. Daher sei du immer der erste, um Weizen hineinzuwerfen, bevor dein Feind Unkraut hineinwerfen kann.“
Manfred Domrös ist Professor für Geographie in Mainz. Von seinen interessanten Erfahrungen mit den Herrnhuter Losungen werde ich Ihnen nach der Musik erzählen.

Teil 3
Blickpunkt Kirche in SWR 4 heute Abend zu den Herrnhuter Losungen, biblische Impulse für jeden Tag im Jahr.
Diese Losungen sind mehr als ein geistliches Bonbon oder als kleine Motivationshilfe am Morgen. Weil die Bibel ein durch und durch realistisches Buch ist, stehen natürlich auch kritische und unbequeme Gedanken drin.
Heute zum Beispiel. Die Losung für Mittwoch, den 10. Januar 2007, steht im Psalm 94 und lautet: „Der Herr kennt die Gedanken der Menschen: sie sind nur ein Hauch.“
Wie wahr. Wie viele Gedanken waren heutige wirklich gut und hilfreich? Wie viel war eher überflüssig? Wie viele Sorgen haben wir uns gemacht um Dinge, die wir nicht ändern können oder die im Grunde unwichtig sind? Ich finde, es tut gut und es entlastet, solche Anfragen am Morgen mitzunehmen und sich selbst gegenüber kritisch zu sein.

Manfed Domrös ist Professor für Geopgraphie in Mainz und kommt mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen zusammen. Seine Erfahrung:
Es gibt natürlich auch Worte, die mir am Morgen unbequem vorkommen. Ich denke an ein Wort, welches ich kürzlich gelesen habe: Dienet dem Herrn. Und ich dachte mir: Wer von uns dient gern? Ich ja auch nicht. Aber dann im Laufe des Tages hatte ich eine ganze Reihe von Gesprächen und Begegnungen mit Menschen und dachte: Hier, wie kannst du diesen Menschen ein gutes Wort mitgeben in ihren Tag, wie kannst du sie begleiten, wie kannst du ihnen eine Hilfestellung geben. Und dann wurde mir klar: dienet dem Herrn ist doch auch ein Wort, welches mir ganz konkret viel zu sagen hat.

Manfred Domrös beschreibt die Losungen als „Gebrauchsanleitung für den Tag“, bei der Arbeit wie im privaten Leben. Sie sind ihm Impuls und Begleiter, manchmal auch wie ein Rippenstoß. Morgens die Losung zu lesen, macht neugierig: wird dieser Satz irgendwie passen? Kann er mir helfen, mich beflügeln, beruhigen oder auf neue Ideen bringen?

Das Gute an den Losungen ist ja ganz besonders, daß es nicht meine Lieblingsworte sind, die sich dort finden, sondern es sind die Worte Gottes, die zu mir sprechen in meiner ganz besonderen Situation. Und so erlebe ich das auch eigentlich immer wieder neu, wie einzelne Worte, die ja ganz allgemein ausgedrückt sind, für Millionen von Menschen in der Losung veröffentlicht, mir persönlich für den heutigen Tag Hilfestellung und auch Anregung gegeben haben.

In Deutschland lesen mehrere Millionen Menschen täglich die Losung, weltweit
verbinden sie in 50 Sprachen Menschen unterschiedlicher Kulturen, Konfessionen und Generationen.
Über all diesen Menschen überall auf der Welt soll das eine Wort, die Losung für das Neuen Jahr 2007 stehen. Es lautet: So sagt Gott: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr´s denn nicht?“
Das wünsche ich Ihnen - dass Sie immer wieder und jeden Morgen das Neue erkennen und spüren, was Gott für Sie bereit hält. https://www.kirche-im-swr.de/?m=530
November ist der Monat der inneren Einkehr. Die Feiertage zeugen davon: Buß- und Bettag, Totengedenken. Manche sagen: da kann man ja depressiv werden. Muß man aber nicht. Man kann sich auch fragen: Was trägt uns im Leben? Worauf können wir uns verlassen? Die Taufe ist ein Fest, in dem es genau darum geht. In unserer Taufe agt Gott „Ja“ zu uns und will uns durchs Leben tragen. Darum geht´s heute in unserem SWR 4 Blickpunkt.

Teil 1
„Die heilige Taufe sei mir ein Schiff, das niemals sinkt, bis ich dein Erbarmen sehe am Tag der Auferstehung.“ So heißt es in einem altkirchlichen Totengebet. Die Taufe als Schiff, auf dem wir durch den Tod in die Arme Gottes fahren. Was für ein wunderbares Bild. Selten denken wir von dieser Seite her über die Taufe nach. Normalerweise schauen wir auf den Anfang der Geschichte. Ein Kind wird von Eltern und Paten in die Kirche gebracht. Das Kind wird mit Wasser übergossen und bekommt einen Taufspruch aus der Bibel zugesagt.
Die erste Taufe, von der wir im Evangelium hören, ist die Taufe Jesu im Jordan. Johannes der Täufer tauft ihn, und Jesus hört eine Stimme vom Himmel herab sagen: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“
Gott sagt „Ja“ zu mir – das ist das Wichtigste, was von da an auch in jeder anderen Taufe geschieht: Gott sagt „Ja“ zu mir. Gott hat dieses Leben entstehen lassen und er will es auch begleiten.
Vor drei Wochen wurde Benjamin Raff getauft. Da war zunächst die Entscheidung der Eltern. Steffen Raff, Benjamins Vater:

Meine Frau und ich, wir haben drei kleine Kinder und haben alle drei taufen lassen. Uns hat bewogen sie jetzt schon als Kinder taufen zu lassen, weil darin am besten sichtbar wird, daß Gott auf uns zukommt und wir keine Leistung bringen müssen ihm gegenüber und das wird am besten in der Kindertaufe sichtbar und die Kinder werden damit in die Gemeinde hineingetauft.

Manche Dinge müssen wir erst empfangen und erfahren, ehe wir sie selbst empfinden und weitergeben können. Bevor wir wissen, was Liebe ist oder Freundschaft, muß uns jemand liebevoll und freundschaftlich begegnen.
So ist es auch in der Taufe. Zuerst sagt Gott Ja zu uns und unserem Leben. Wenn wir das sehen und spüren, dann erkennen wir darin auch seine Einladung, selbst Ja zu einem Leben mit Gott zu sagen. Traditionell geschieht das dann in der Feier der Konfirmation. Aber um dieses Ja sagen zu können und zu wollen, müssen wir den Glauben erst einmal kennenlernen. Ich kann mich ja nur zu etwas entscheiden, was ich kenne.

Steffen Raff:
Für uns ist die Taufe kein Endpunkt, sondern der Anfangspunkt, das heißt ganz einfach, daß wir die Kinder im Glauben erziehen, und zwar daß sie selbst einen Glauben gewinnen können. Wir beten zusammen mit den Kindern, bringen ihnen biblische Geschichten bei und nehmen sie vor allen Dingen mit in unsere Gemeinde.

Nichts wirkt im Leben stärker als gute Vorbilder, als Menschen, die auch tun, was sie sagen. Stellvertretend für das Kind sagen Eltern und Paten Ja. Ja, wir wollen dieses Kind auf dem Weg zu einem eigenen Glauben begleiten. Bei Benjamins Taufe wurden aber auch alle anderen Anwesenden in der Kirche gefragt, ob sie als Gemeinde die Kinder wirklich an ihrem Leben teilhaben lassen wollen. Kinder spüren sehr deutlich, ob sie als störend oder als Bereicherung empfunden werden.

Steffen Raff:
Wir haben das schöne Glück in einer Gemeinde zu sein, in einer Kirchengemeinde, wo die Kinder sehr gut betreut werden, das fängt also beim Gottesdienst an, daß viele ältere Menschen viel Verständnis haben, wenn die Kinder weinen oder mal ein bißchen unruhig sind. Und die Kinder haben auch ihr eigenes Programm, unser Ältster ist vier Jahre, der geht schon ganz selbständig in seine Gruppe und kommt da ganz fröhlich wieder.

Manche Eltern können oder wollen die Entscheidung zur Taufe nicht treffen, so lange die Kinder klein sind. Wie der Weg für einen Menschen aussieht, der als Erwachsener die Taufe für sich entdeckt, darauf kommen wir nach der Musik.

Teil 2
Vera Meyer hat in diesem Jahr Examen gemacht und ihr Studium abgeschlossen. In dieser Zeit kam sie auch in die Mainzer Auferstehungsgemeinde mit dem Wunsch, sich taufen zu lassen.
Bei mir war es so, daß ich mich eigentlich mein Leben lang, soweit ich mich erinnern kann, immer wieder mit religiösen Themen auseinandergesetzt habe in meinen Gedanken und auch in der Literatur und schließlich ist dann der Wunsch gereift, in einer Gemeinde, irgendwie dazuzugehören.
Sie hatte in der Schule am Religionsunterricht teilgenommen, sie hat sich mit dem Glauben an Gott und an Jesus Christus beschäftigt und entdeckt, daß sie darin einen Sinn und eine Perspektive für ihr Leben findet. Als Kind war sie nicht getauft worden, als Jugendliche im Konfirmationsalter war die Entscheidung dazu noch nicht reif.
Aber jetzt war der richtige Zeitpunkt für sie gekommen.

Hat sicherlich auch mit dem Lebensabschnitt zu tun. Ich war mit dem Studium fertig und bin wirklich ins Leben getreten, habe mich auf dem Arbeitsmarkt orientiert und ich möchte irgendwo die Gemeinschaft, die Freude und auch die Stütze der Gemeinschaft spüren.

Denn die Taufe ist kein privates Ereignis. Sie ist persönliche Entscheidung, aber sie ist zugleich Aufnahme in die Gemeinde Jesu Christi. Taufe macht mich zum Teil einer Gemeinschaft. Und es ist wichtig, daß diese Gemeinschaft auch wirklich sichtbar und spürbar wird. Vera Meyer hat sie in ihrer Ortsgemeinde und noch konkreter in einem Hauskreis gefunden.

Um mich quasi an die Taufe heranzuführen, die Gemeinde besser kennenzulernen, habe ich mich einem Hauskreis angeschlossen nach der Empfehlung von unserem Pfarrer, und das war eine Runde, die mich sehr gestützt hat und unterstützt hat, die Taufe vorzubereiten.

Die Taufe selbst gehört dann natürlich in die große Gemeinde am Sonntag.

Das habe ich wirklich noch deutlich in Erinnerung, daß nicht nur die Gemeinde von ihren Stühlen alle rübergeblickt haben, sondern wirklich die kleinen Kinder auf den Stufen ganz gebannt zugeguckt haben, das war ganz toll. Mein Taufgelöbnis habe ich mir mit Hilfe von meinem Pfarrer selbst zusammengeschrieben. Es war wunderschön im Mittelpunkt der Gemeinde mal kurz zu stehen, obwohl ich eigentlich jemand bin, der nicht so gern im Mittelpunkt steht, aber in dem Rahmen war das einfach super, das war sehr schön.

Und wie geht es weiter? Die Taufe ist ja nicht nur ein Festakt, sondern ein gegenseitiges Versprechen mit Gott, miteinander durchs Leben zu gehen. Wo ist dieses „Ja“ Gottes zu mir und mein „Ja“ zu Gott im Alltag spürbar und belastbar?

Bei mir ist das so, daß ich eine sehr anstrengende Arbeit habe mit verhaltensauffälligen Jugendlichen, die sehr sehr sehr viel Geduld und Liebe beanspruchen und wenn manchmal im Alltag die guten Vorsätze und so weiter mal kurz vergessen gehen, dann hilft mir, daß der Gottesdienst einfach Kraft gibt für die nächste Woche und einfach das Bewußtsein für die Dinge, die wirklich wichtig sind im Leben.

Manche Erwachsene in der Gemeinde haben Vera Meyer um ihre Taufe beneidet. So schön es ist, als Kind getauft zu werden und damit aufzuwachsen, so attraktiv und bedeutsam kann es auch sein, das „Ja“ Gottes zu mir und die eigene Entscheidung für den Glauben bewußt auszusprechen und zu erleben.
Die Taufe wiederholen – das geht nicht, das wäre ja wie eine Mißtrauenserklärung an das „Ja“ Gottes beim ersten Mal. Aber sich an die eigene Taufe erinnern, sie bestätigen und bekräftigen – das ist eine wunderbare Möglichkeit.
Nach der Musik werde ich Ihnen mehr davon erzählen.

Teil 3
Es gab zwischendurch immer mal so Punkte, wo ich Menschen beneidet habe, die sich als Erwachsene haben taufen lassen, für die das noch mal so eine ganz neue Entscheidung war und ich ja wußte: Ich bin getauft und dann kam das als Wunsch, daß ich meine Taufe, das Ja Gottes, nochmal von meinem Leben heute bekräftigen will, ja sagen will zu dem Ja, das Gott zu mir und zu meinem Leben gesprochen hat.

Dorothea Tielker war als Kind getauft worden und ist später als Jugendliche zur Konfirmation gegangen. Doch wenn unser Glaube mit unseren Lebenserfahrungen mitwächst, dann ist der Wunsch verständlich, die Lebensentscheidung für den Glauben an Gott auch als Erwachsene noch einmal deutlich auszusprechen.
Aus diesem Wunsch ist in einer kleinen Vorbereitungsgruppe der Gemeinde eine Liturgie entstanden, die wir „Taufe leben“ genannt haben. Taufe leben – damit deutlich wird, daß Taufe nicht nur als Anfang des Glaubens gefeiert wird. Sie ist weit mehr: sie kann uns an jedem Tag Rückendeckung geben, Trost und Halt. Von Martin Luther wird das immer wieder erzählt: wenn er verzweifelt war und nicht weiter wußte in seinem Leben, dann hat er vor sich auf den Tisch geschrieben: Ich bin getauft!
Das hieß für ihn: Gott läßt mich nicht fallen, ich kann mit allem zu ihm kommen.
Warum sollen wir also nicht ähnliche Hilfe in unserer Taufe finden wie Martin Luther?
Die Erinnerung an unsere Taufe kann uns immer wieder helfen neu anzufangen und Altlasten unseres Lebens loszuwerden.

Ein ganz wesentlicher Teil für mich in dieser Vorbereitung war auch wirklich Altlasten, alte Geschichten abzugeben, das war ein sehr persönlicher Teil, und darum haben wir uns mit dem Pfarrer, mit jemandem aus der Gemeinde und mit einer anderen Frau, die mich auf diesem Weg begleitet hat, zu einem Gebet vorher getroffen, in dem ich dann ganz persönlich Dinge benannt habe, die ich abgeben wollte, die ich hinter mir lassen wollte, die ich ganz bewußt an Gott abgegeben habe, um dann auch dieses Ja Gottes, dieses Neue auch ergreifen zu können.

Am darauffolgenden Sonntag hat Dorothea Tielker dann ihre Taufkerze mitgebracht, sie hat im Gottesdienst der Gemeinde ein frei formuliertes Bekenntnis zu ihrer Taufe gesprochen, sie wurde vom Pfarrer und zwei nahen Freundinnen gesegnet. Es war keine zweite Taufe, aber alle in der Gemeinde haben gespürt: die Taufe, die vor vielen Jahren stattgefunden hat, ist in ihrem Leben frisch und lebendig.

Für mich ist diese Tauferneuerung – oder wir haben das „Taufe leben“ genannt - etwas wie ein Meilenstein auf einem Weg, es ist nicht etwas ganz Neues und dennoch wie ein ganz wichtiger Meilenstein und ich erleb es im Rückblick jetzt so wie einen Boden, der einfach immer fester wird, auf dem ich weiter gehe.

Eigentlich beginnt ja jeder Gemeindegottesdienst mit einer Taufereinnerung. Wenn die Pfarrerin oder der Pfarrer sagt: „Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, dann ist das ein Zitat aus der Taufliturgie. Den meisten Leuten wird das gar nicht bewußt sein. Darum ist es gut, wenn Menschen wie Dorothea Tielker den Mut fassen und neue Ideen in die Gemeinde bringen. So können wir alle daran teilhaben und uns selbst jeden Tag aufs Neue darüber freuen, daß Gott Ja zu uns sagt. Wir müssen nicht allein und nicht nur mit eigenen Kräften durchs Leben ziehen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=9