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„Wo war ich, bevor ich geboren wurde?" Ein Kollege erzählte, seine Enkeltochter hätte diese Frage gestellt und sie sich dann auch selbst beantwortet: Ich war in Gott versteckt!" Ich halte das für eine kluge Antwort. Denn die nahe liegende Antwort: Du warst im Bauch deiner Mutter! lässt sich ja sofort wieder hinterfragen: Und wo war ich davor? „Ich war in Gott versteckt!  Das hat mich an die alte Hebamme erinnert. Sie glaubte wirklich nicht an den Klapperstorch, aber sie wusste, in den alten Geschichten steckt mehr Weisheit als in manchen Bildern, die uns Vorgänge zeigen, die bisher unseren Blicken verborgen waren. Zum Beispiel, wie sich Eizelle und Samenzelle verschmelzen.Sie sagte: Mit der Menschwerdung ist es geheimnisvoller. Früher sagte man: der Klapperstorch greift mit dem Schnabel in einen Teich, holt ein Kind heraus und bringt es der Mutter, die es dann austrägt und zur Welt bringt. Das sollte doch heißen: ein Kind kommt von weiter her als von seiner Mutter, ein Kind ist mehr als nur das Werk seiner Eltern, es ist durch seine Eltern hindurch ein originales Geschöpf Gottes. Jeder Mensch kommt unmittelbar aus einem schöpferischen Gedanken Gottes. Aus der Tiefe sozusagen, aus einem unergründlichen Geheimnis und aus einem großen Versprechen.

Im Psalm 139 heißt es:

Mein Gebein war dir, Gott, nicht verborgen,

als ich im Dunnkeln gemacht wurde,

kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde.

Noch bevor ich geboren war, sahen mich deine Augen.

Wer so betet, staunt darüber, dass sich Gott dem Menschen zuwendet und dass er das  menschliche Leben umschließt. Geheimnisvoll bleibt, wann diese Zuwendung Gottes beginnt. Aber dass sie nicht mit unserem Tod endet, das ist mir gewiss. Jemand hat das die ‚Unbestimmtheit des Anfangs' genannt, und er wirbt dafür, dies als ein Geheimnis zu respektieren. Mir leuchtet das ein. Wenn es um Beziehungen geht, um Beziehungen zwischen Menschen oder die Beziehung zu Gott, kann man nicht immer einen Zeitpunkt nennen, an dem alles angefangen hat, wohl aber einen Zeitraum, in dem die Beziehung entstanden und gewachsen ist. Es gab deutlich eine Zeit davor, wo sich zum Beispiel die Liebenden noch nicht kannten, und dann gibt es ebenso deutlich die Zeit, in der ‚alles anders' ist - und von der man hofft, sie wird nie enden. Wo war ich, bevor ich geboren wurde? Ich war in Gott versteckt. Wo werde ich sein, wenn ich gestorben bin? Ich bleibe in Gott geborgen.

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Liegt die Vergangenheit vor uns oder hinter uns? Und wo liegt dann die Zukunft? Ich bin unsicher geworden, ob ich die richtige Vorstellung von der Zeit habe und die richtige Einstellung zur Zukunft. Bisher war für mich klar, die Vergangenheit liegt hinter uns und die Zukunft vor uns. So sagen wir ja zum Beispiel: Das Beste liegt noch vor uns! oder: Wir haben das Schlimmste schon hinter uns. Im hebräischen Denken, wie es uns im Alten Testament begegnet, gibt es auch die andere Vorstellung, das nämlich die Vergangenheit vor uns liegt, vor unseren Augen, und die Zukunft hinter uns, in unserem Rücken, unseren Blicken eher verborgen. Und es spricht ja auch einiges dafür. Die Vergangenheit liegt vor uns. Wir können sie betrachen, sie immer wieder lebendig werden lassen und uns mit ihr auseinandersetzen. Vor uns liegt, was uns unsere Vorfahren hinterlassen haben: die Äcker und Felder, die Häuser, die Kultur, die Staatsordnung. Manches sind vollendete Tatsachen, manches wartet darauf, dass wir es weiterführen und an unsere Nachkommen weitergeben. Und was die Zukunft angeht, da haben wir in letzter Zeit ja oft von den Experten hören können: Wir waren überrascht. Diese Entwicklung haben wir nicht kommen sehen! Zukunft ist eben nicht nur das, was wir planen und was mit einer gewissen Zwangsläufigkeit aus der Vergangenheit und Gegenwart ensteht. Hinter der Vorstellung, dass die Zukunft hinter unserm Rücken liegt, unseren Blicken weitgehend verborgen ist, steckt die Überzeugung: Gott ist der Herr der Zukunft. Und wie er handelt, ist oft unseren Blicken entzogen. Und er kann wirklich Neues schaffen. Mir sagt das: wir sollten einerseits bescheidener und vorsichtiger sein, wenn wir die Zukunft in den Griff nehme wollen oder wo wir sie belasten mit unseren Problemen und Hinterlassenschaften. Wir müssen die Zukunft vor unserem Zugriff schützen. Wir sind nicht ihre Herren. Aber andrerseits können wir auch erwartungsvoller sein und auf das Neue hoffen, das Gott hinter unserem Rücken schaffen wird. In der Vergangenheit, die vor uns liegt, gibt es dafür bereits einige Hinweise, welche Zukunft Gott uns zugedacht hat. Für mich wird es am deutlichsten, wenn ich die Taten und Worte Jesu bedenke: Zum Beispiel die Seligpreisungen: die Leidtragenden sollen getröstet werden, den Sanftmütigen wird die Erde gehören und alle, die hungern und dürsten nach Frieden und Gerechtigkeit, sollen satt werden.

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Johannes Reuchlin - ein Kämpfer für Toleranz.
Hat es für Sie irgendeine Bedeutung, wie die Straße heißt, in der Sie wohnen?
Für mich eigentlich schon. Als unsere Straße jetzt umbenannt wurde, da war ich froh darüber, auch wenn das viel Arbeit macht.
Es war nämlich wieder ins öffentliche Bewusstsein gekommen, dass der bisherige Namensgeber den Antisemitismus der Nazis sehr unterstützt hatte.
Jetzt ist also unsere Straße nach Johannes-Reuchlin benannt. Und das ist gut so.
Johannes Reuchlin könnte man den ersten deutschen Humanisten nennen und einen Kämpfer für Toleranz. Seine Botschaft ist auch nach 500 Jahren noch aktuell: Verachtet nichts, nur weil es fremd und anders ist. Lernt es vielmehr kennen!
Johannes Reuchlin wurde 1455 in Pforzheim geboren, er studierte in Freiburg und Paris, wurde ein Kenner der alten Sprachen, Latein sowieso, aber auch Griechisch und vor allem: Als erster Nichtjude lernte er intensiv Hebräisch und gab bald auch eine Einführung in diese Sprache der Bibel heraus. Hebräisch, das war für ihn die heilige Sprache, die Sprache, die Gott selbst gesprochen hat.
Nachdem Reuchlin in Tübingen zum Doktor der Rechte promoviert wurde, trat er in den Dienst der württembergischen Herzöge und wurde ein angesehener Rechtsberater.
1511 wurde er dann - eher gegen seinen Willen - zum Mittelpunkt einer heftigen europaweiten öffentlichen Diskussion. Ein Medienereignis, würden wir heute sagen. Durch die Erfindung des Buchdrucks war es möglich geworden, schnell viele Leute zu erreichen.
Es ging um die Frage, dürfen jüdische Schriften enteignet und verbrannt werden?
Kaiser Maximilian hatte deshalb sieben Gelehrte, darunter eben auch Reuchlin, beauftragt, dazu ein Gutachten zu erstellen. Und Reuchlin war der einzige, der deutlich und entschieden Nein sagte und das vor allem juristisch begründete. Er schrieb:
„Meine Gegner sind entsetzt, weil ich Bürgerrechte für die Juden fordere - doch ich sage, die Juden sind nicht nur unsere Mitbürger, sondern sogar unsere Brüder. Sie und ihr Eigentum haben Anspruch auf Schutz durch das kaiserliche Recht!"
Und er schärfte ein: Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt. Lernt es vielmehr kennen und studiert es. Und wenn ihr gute Argumente habt, könnt ihr es ja widerlegen.
Es gab einen langen, heftigen Streit. Seine Gegner hätten Reuchlin gerne als Ketzer verurteilt und verbrannt. Das konnte zwar verhindert werden, aber ihm wurde Stillschweigen auferlegt.
Wenn man heute mit einigem Recht von unserer christlich-jüdischen Tradition sprechen kann, dann hat Johannes Reuchlin entscheidenden Anteil daran.
Und wenn er heute leben würde, dann würde er wahrscheinlich dafür eintreten, dass wir die Schriften des Islam besser kennenlernen.

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...dass du meiner gedenkst...
Dass mir das auf meine alten Tage noch passieren muss! Er war auf eine Anzeige hereingefallen. Angepriesen wurde eine - natürlich preiswerte - Neuheit, mit der man alte Schwarz-Weiß-Fotos in prachtvolle, lebensechte Farbbilder verwandeln könne.
Das versprochene Wunderding erwies sich dann als ein Bastelsatz mit zwei kleinen Pinseln und ein paar bunten Plättchen mit Farben, die immerhin auch auf Fotopapier haften blieben.
Er sollte also selber die alten Fotos mit den Pinselchen bunt anmalen.
Er fühlte sich natürlich betrogen und war wütend. Und er schämte wegen der eigenen Dummheit.
Aber irgendwann machte er sich doch ans Werk. Und als sein Bruder mal wieder zu Besuch kam, konnte er es ihm mit einem Lachen erzählen und er zeigte ihm auch ein paar Bilder, die er für gelungen hielt, auch eines von der Konfirmation.
Also ich hab' das anders in Erinnerung! Wir waren doch nicht so bunt angezogen!" Es wurde schnell klar, dass sein Bruder nicht nur andere Farbtöne vor Augen hatte, sondern dass er der Erinnerung überhaupt misstraute.
Erinnerung und Wahrheit nehmen oft verschiedene Wege!, hatte sein Bruder gesagt, Unser Gedächtnis ist doch kein Schuhkarton mit alten Fotos, in denen wir rumsuchen können, erst recht kein Archiv, in dem alles sorgfältig dokumentiert ist und wir es nur abrufen müssten. Wenn wir uns erinnern, dann ist immer irgendeine Absicht dabei. Unser Gedächtnis belügt uns.
Ja klar
, hatte er geantwortet, da hast du sicher recht, aber wir brauchen das doch, dass wir uns erinnern. Damit unser Leben einen Zusammenhang hat, nicht in Einzelteile zerfällt.
Damit wir wissen, wer wir waren und wer wir sind.
Du kennst doch auch Leute, bei denen das nicht mehr klappt mit dem Erinnern. Die wissen nicht mehr, wer sie einmal waren und wer sie jetzt sind.
Ja eben, hatte sein Bruder gesagt, und was dann?
Er musste nachdenken, und nach einer Weile sagte er: Dann...dann wäre ich  froh,
wenn es noch Menschen gibt, die mich kennen und die wissen, wie ich früher war, die sich an mich erinnern und mich in ihren Erzählungen aufleben lassen. Du zum Beispiel. Und da kommt mir auch mein Konfirmationsspruch in den Sinn: Was ist der Mensch, dass du, Gott, seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?! Das hat doch was Tröstliches, dass Gott an uns denkt. Und ich bin sicher, er hat ein gutes Gedächtnis.

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Mein Leben, das sind die Geschichten, die ich erzähle.
Wenn sich alte Kollegen treffen und beieinander sitzen, kann es passieren, dass einer sagt:
„Hab' ich das eigentlich schon erzählt? Das hab ich Euch doch sicher schon erzählt!"
Kurzes Schweigen, Blick in die Runde, Schulterzucken. Die anderen wissen ja auch noch nicht, worum es geht. Und einer von ihnen denkt: „Gute Geschichten kann man zweimal hören, und vielleicht haben wir sie ja auch schon wieder vergessen", und sagt dann: „Egal, macht nichts. Erzähl schon!"
So hab' ich es vor ein paar Wochen erlebt. Und irgendwann dachte ich: „Mein Leben - das sind eigentlich die Geschichten, die ich erzählen kann - und natürlich auch die, die ich erzählen könnte, aber nicht erzählen will, jetzt nicht, hier nicht oder vielleicht überhaupt nicht."
Ja, es gibt Geschichten, die kann man immer wieder erzählen und auch immer wieder hören und zu manchen Treffen und Festen gehören sie einfach dazu. Sie können durchaus auch von Gefahren und Gefährdungen, von Schicksalsschlägen und schweren Zeiten berichten. Und wie wir ihnen entronnen sind und sie überwunden haben. Geschichten, in denen - trotz allem - eine gute Vergangenheit steckt und Ermutigung für die Zukunft.
Manche Geschichten hat man so oft gehört, dass man irgendwann überzeugt ist, man habe sie selbst erlebt. Und dann erzählt man sie weiter und sie werden zum Teil des eigenen Lebens.
Bei den Geschichten, die unsere früheste Kindheit betreffen, ist das ganz deutlich. Da haben wir noch keine eigenen dauerhaften Erinnerungen, aber was uns die Eltern und Geschwister über die ersten beiden Jahre erzählen, prägt sich so ein, dass wir es für selbst erlebt halten.
Und wenn man so beieinander sitzt und zuhört, kann man mit Erstaunen oder auch Erschrecken merken: in manchen Geschichten, die die anderen erzählen, komme ich auch vor, spiele ich eine Rolle. Ich bin Teil ihrer Erinnerungen und Erfahrungen. Ich gehöre zu ihrem Leben.
Mein Leben ist also noch mehr als die Summe der Geschichten, die ich erzählen könnte. Ich gehöre mit meinen persönlichen Geschichten zu einem größeren Zusammenhang. Wir alle gehören- mit unseren persönlichen Geschichten - zu einer größeren gemeinsamen Geschichte.
Der Apostel Paulus sagt es so: Keiner von uns lebt für sich allein, und keiner stirbt für sich allein.
Für mich heißt das: wer an Gott glaubt, der glaubt an diesen großen Zusammenhang. Meine kleinen Geschichten gehören hinein in die große Geschichte Gottes mit uns Menschen, mit seiner Schöpfung.
Und das ist, davon bin ich überzeugt, eine Heils-Geschichte, eine Geschichte mit einem guten Ende, einer guten Zukunft.

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und die Waschmaschine

„Da war wohl der Heilige Geist am Werk!" Wenn das einer sagt, woran würden Sie denken?
Dass jemand getröstet wurde, vielleicht, oder dass ein Streit ein versöhnliches Ende fand?
Oder dass einer, der allen Lebensmut verloren hatte, wieder beginnt, sich auf morgen zu freuen?

Ja, da könnte man sagen: Da war wohl der Heilige Geist am Werk!
In einem Buch mit dem Titel „Göttliche Geistesblitze" wird der Heilige Geist mit Dingen in Verbindung gebracht, an die man nicht sofort denkt. Es erzählt nämlich von Erfindungen und Entdeckungen, die von Pfarrern und Priestern gemacht wurden.
Einige wurden weltbekannt wie Sebastian Kneipp mit seinen heilsamen Wasserkuren.
Andere sind zu Unrecht in Vergessenheit geraten wie zum Beispiel Jacob Christian Schäffer, der als der Erfinder der Waschmaschine gilt.
War da der Heilige Geist am Werk?
Jacob Christian Schäffer wurde 1718 als Sohn eines Pfarrers geboren. Er hat Theologie studiert, aber nach zwei Jahren das Studium abgebrochen. In Regensburg fand er dann eine Stelle als Hauslehrer und half gelegentlich beim Predigen aus - mit so großem Erfolg, dass ihm eine Predigerstelle angeboten wurde. Wie sein Vater hat er Bücher zur Unterweisung der Jugend geschrieben, und er war ein hervorragender Botaniker und Zoologe. Er wurde berühmt und geehrt als „Doktor der Gottesgelehrsamkeit und der Weltweisheit".
Die Idee für die Waschmaschine kam ihm, als er darüber nachdachte, wie man die Papierherstellung verbessern könnte.
Nach einigen Versuchen hat er dann 1766 in einem kleinen Büchlein dem Fürsten und der Öffentlichkeit seine Erfindung vorgestellt: Ein Eichenbottich, in dem ein kräftiger Quirl dafür sorgt, dass Wäsche und Wasser durcheinander gewirbelt werden.
Und was hat das mit dem Heiligen Geist zu tun? Es war nicht nur die gute Idee. Schäffer machte sich auch Gedanken über die Folgen seiner Erfindung.
Wird nicht die Waschmaschine zu einer Gefahr für die Wäscherinnen, die sich bisher vom Waschen ernährt haben und die vielleicht keine andere Möglichkeit finden, ihr Brot zu verdienen?
Schäffer ist überzeugt: die Wäscherinnen werden durch die neue Maschine nichts verlieren. Im Gegenteil. Sie gewinnen in jeder Hinsicht. Jetzt können sie nicht nur für einen Haushalt pro Tag waschen, sondern für zwei. Und vor allem, die Waschmaschine wird sie vor den schlimmen Folgen des bisherigen Waschens bewahren, nämlich an Händen und Füßen steif und lahm oder krank zu werden.
Heute nennt man das Technikfolgenabschätzung.
Eine schwierige Aufgabe, für die wir die Unterstützung durch den Heiligen Geist durchaus brauchen können.

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Es ist fast sprichwörtlich geworden: Der Geist weht, wo er will.
Das kann man bedauernd sagen, wenn bei einer Veranstaltung der Funke nicht übergesprungen ist. „Tja, der Geist weht eben, wo er will!"
Man kann es voll Freude sagen, wenn Menschen sich gegen geistlose Zustände wehren und wenn sich viele davon anstecken lassen. „Zum Glück weht der Geist, wo er will. Zum Glück lässt er sich nicht einsperren. Er ist wie der Wind."
Aber was will der Geist, wenn er weht?
Wenn Gottes Geist gemeint ist, der Heilige Geist, dann will er eines auf alle Fälle:
Verstehen und Gemeinschaft.
Im Neuen Testament, am Anfang der Apostelgeschichte wird erzählt, dass die ersten Christen zu Pfingsten erleben: wir können in aller Öffentlichkeit darüber reden, was an Ostern geschehen ist, dass Gott nämlich gezeigt hat, Jesus hatte recht. Jesus hat im Namen, im Auftrag Gottes geredet und gehandelt. Wenn man die Worte und Taten Jesu und sein Leiden und Sterben bedenkt, kann man Gott am deutlichsten kennen lernen.
Und die Menschen, die den ersten Christen zuhörten, Menschen aus aller Herren Länder, merkten mit Erstaunen: Wir können sie verstehen über alle Sprachgrenzen hinweg.
Die weitere Geschichte hat dann leider gezeigt, dieses Pfingstwunder, das Verstehen über alle Grenzen hinweg, war nicht von Dauer.
Es kamen Zeiten, da hat man vor allem auf die Unterschiede geachtet und sich voneinander abgegrenzt und sich gegenseitig bekämpft.
Und manche haben dann das Wehen des Geistes schmerzhaft vermisst.
Denn sie wussten ja von der Erfahrung von Pfingsten: Wo der Heilige Geist ist, da können wir einander verstehen.
Zum Glück oder „Gott sei Dank" gibt es solche Erfahrungen immer wieder.
Wenn ich als Klinikseelsorger Menschen anderer Religionen besucht habe, überkam mich oft ein Gefühl von Nähe.
Ist nicht das, was der andere in seinem Glauben erfährt, dem nahe, was ich in meinem Glauben erfahre? Es muss nicht Übereinstimmung sein, aber doch Nähe oder so etwas wie Nachbarschaft. Gute Nachbarschaft: Man kennt sich, respektiert sich, hilft sich gegenseitig und gelegentlich feiert man auch zusammen.
Der Geist weht, wo er will. Wir können nicht über ihn verfügen. Aber man kann ihm die Tür öffnen oder die Fenster. Man kann sein Herz öffnen für die Geschichten, die er uns erzählen will und für die Menschen, die uns begegnen.
Und manchmal denkt man dann staunend: Der Geist weht ja nicht nur in unserer Kirche, nicht nur in unserer Religion! Er weht, wo er will.

 

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Um es gleich vorweg zu sagen: meine Erfahrungen mit dem Heiligen Geist sind nicht spektakulär. Vor ein paar Tagen haben wir Pfingsten gefeiert, das Fest des Heiligen Geistes.
Da habe ich mich gefragt: wie sind denn meine Erfahrungen mit dem Heiligen Geist?
Ich kann von keiner Ekstase oder Verzückung berichten. Mir hat keine Stimme vom Himmel einen besonderen Auftrag gegeben. Aber ich vermisse das auch nicht.
Ich kenne das Ergriffensein nur in gedämpfter Form. In kleinem Maßstab. Und das reicht mir.
Denn ich kenne Erfahrungen tiefer Geborgenheit und das Gefühl: jetzt werde ich berührt von einer anderen Welt.
Ich kenne die Erfahrung, dass mir plötzlich mein Weg klar wird, weil mir ein Licht aufgeht und ich weiß, was zu tun ist.
Ich erlebe bei mir und anderen die tiefverwurzelte Fähigkeit, zu hoffen.
Ich kenne die unerschütterliche Überzeugung, dass es Taten gibt, die sind unmenschlich und die muss man aufs schärfsten verurteilen.
Und ich kenne die gegenteilige ebenso feste Überzeugung, dass manche Taten einfach gut und richtig sind und tiefer Menschlichkeit entsprechen.
Ich kenne die atemberaubende Erfahrung von Schönheit - in der Natur oder in Kunstwerken, die von Menschen erschaffen wurden.
Und vor allem: Es sind immer wieder Worte der Bibel und die Geschichten von Jesus, die mich ansprechen, packen, bewegen und verändern. die mich überzeugen: Das ist wahr! So ist es richtig!
Natürlich kann immer jemand kommen und diese Erfahrungen in Frage stellen und bezweifeln, ob da der Heilige Geist am Werk ist.
Ich kann das ja nicht beweisen. Ich kann auch solche Erfahrungen nicht produzieren.
Aber sie gehören zu mir und ich vertraue ihnen - trotz der Zweifel, die ich ja auch manchmal habe.
Ich erlebe es deshalb immer wieder als ein Wunder und als ein Werk des Heiligen Geistes, dass ich glaube, dass ich darauf vertraue, dass Gott es gut mit mir meint. dass ich von den Worten und Taten Jesu, von seinem Tod und seiner Auferstehung so ergriffen und bewegt bin, dass ich weiß, in ihm spricht mich Gott an.
Es ist ein Wunder. Ich habe es nicht in der Hand, ich kann nicht darüber verfügen, aber ich doch ganz daran beteiligt.
Am besten kann man es mit der Liebe vergleichen. Auch sie ergreift mich, bewegt mich, verändert mich. Sie ist nicht mein Werk, ich habe sie nicht im Griff, aber ich bin ganz daran beteiligt.

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Wenn Weltmeister oder Olympiasieger kurz nach ihrem Sieg interviewt werden, sagen sie oft: Ich kann's noch nicht fassen. Ich glaub', ich brauche noch ein paar Tage, bis ich begreife, was passiert ist.
Den ersten Christen ging es so ähnlich. Sie brauchten aber nicht nur ein paar Tage, um zu begreifen, was zu Ostern geschehen war. Sie brauchten ein paar Wochen. Davon möchte ich Ihnen erzählen.
Wie sie es als Juden gewohnt waren, haben die ersten Christen fünfzig Tage nach dem jüdischen Osterfest das Wochenfest Schawuot gefeiert.
Dieses Fest erinnert daran, dass Gott das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreite und es dann zum Berg Sinai führte, um ihm die Zehn Gebote zu geben.
Und man erzählt sich: Gott habe seine Gebote allen Völkern angeboten, aber die hätten alle abgelehnt, nachdem sie den Inhalt der Gebote gehört hätten. Nur Israel hätte gesagt: Wir werden tun und hören!
Und so erhielt Mose am Sinai die steinernen Tafeln mit den zehn Geboten.
Allerdings zeigte sich schon bald, dass Israel damit überfordert war.
Die Gebote zu bekommen, ist das eine, sie zu erfüllen, etwas anderes.
Damit dieser schmerzhafte Zwiespalt überwunden werden kann, ließ Gott schließlich dem Volk Israel durch einen Profeten ankündigen:
Ich will ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben.
Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen,
die meine Gebote halten und meinen Willen tun.
Ihr sollt mein Volk sein und ich will euer Gott sein.
Und genau dies haben die ersten Christen am 1. Pfingstfest erlebt:
Gottes Geist ergreift sie und in aller Öffentlichkeit reden sie von Jesus, der in einzigartiger Weise gezeigt hat, was Gott will.
Und sie erleben: Menschen aus aller Herren Länder hören ihnen zu und verstehen sie.
Da wird ihnen klar: Das ist der neue Geist, den Gott unseren Vorfahren versprochen hat.
Und ich fange an zu begreifen: seitdem hat etwas Neues begonnen.
Wo dieser neue Geist ist, da sind Gottes Gebote den Menschen ins Herz geschrieben.

Da gibt es die Hoffnung, dass der Zwiespalt überwunden werden kann zwischen dem, was Gott will, und dem, was ich will. Dann muss es auch keinen Gegensatz mehr geben zwischen der freien Entfaltung des Einzelnen und dem, was der Gemeinschaft dient. Dann gibt es die Hoffnung, dass meine Freiheit die Freiheit des anderen nicht einschränkt, sondern fördert.
In der Liebe kann man dies ja schon dann und wann erleben.
Und dort, wo Menschen bitten: Komm, Heiliger Geist, gib uns ein neues Herz.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10879

Immer wenn Christen Abendmahl feiern, erinnern sie sich an die letzte Mahlzeit Jesu mit seinen Jünger. Aber am heutigen Gründonnerstag ist diese Erinnerung besonderes intensiv.
Wie war das damals in Jerusalem?
Wie fast immer in den Tagen des Passahfestes quoll die Stadt über von Pilgern. In den Herbergen und Unterkünften musste man zusammenrücken.
Das geht auch für die Nacht, aber jede Pilgergruppe braucht auch einen Raum für das Passahmahl. Deshalb öffnen die Leute von Jerusalem ihre Häuser und stellen Räume für diese Feiern zur Verfügung.
Als Jesus von seinen Jünger gefragt wird: Wo sollen wir das Passahmahl für dich vorbereiten? sagt er: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt ihm: Der Meister lässt dir sagen: bei dir will ich mit meinen Jüngern das Passahmahl feiern.
Mich wundert, dass der Name des Hausbesitzers in der Bibel nicht genannt wird.
Denn in dem Raum, den er zur Verfügung stellte, geschah ja etwas, das grundlegend geworden ist für den christlichen Glauben.
Und es soll auch der Raum gewesen sein, in dem sich die Jünger nach der Kreuzigung einschlossen und in dem ihnen dann der Auferstandene begegnete.
Auf der Suche nach einem Raum - das erinnert an Joseph und die hochschwangere Maria, die keinen Raum in der Herberge fanden und in den Stall mit der Krippe ausweichen mussten.
Diesmal scheint es kein Problem zu sein. Jesus und seine Jünger finden einen Raum.
Keinen Festsaal, aber er reicht aus. Es ist kein Diener da, um ihnen die Füße zu waschen, nachdem sie den ganzen Tag in offenen Sandalen durch den Schmutz der Straßen gegangen sind. Aber überraschenderweise übernimmt Jesus diese Aufgabe. Der Meister macht sich zum Diener.
Es wird ein schlichtes Mahl, aber Wein ist da und Brot. Und sie sind noch einmal alle beieinander, auch Judas mit seinen dunklen Plänen.
Jesus als Gast in einem fremden Haus und als Diener und als Mittelpunkt der Tischgemeinschaft.
Wir sind gewohnt zu sagen, Jesus sei der Gastgeber beim Abendmahl. Das muss man auch betonen, wenn darüber gestritten wird, wer eingeladen ist und wer das zu bestimmen hat.
Aber es gibt auch die andere Wahrheit: Jesus bittet um Raum und Einlass und um unsere Gastfreundschaft. So heißt es im Buch der Offenbarung:
„Siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer auf meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich einkehren und das Mahl mit ihm halten und er mit mir."
Wieder einmal wird alles auf den Kopf gestellt: wir drinnen und er draußen. Er klopft an, bittet uns um Einlass und möchte sich mit uns an einen Tisch setzen.

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