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Gestern war Reformationstag, da erinnern sich Christen an Martin Luther. Ein eindrücklicher Film hat vor ein paar Jahren das geistliche Ringen des jungen Mönches Martin dargestellt. Wie er an einem strafenden Gott gezweifelt hat, wie er die Heilige Schrift studiert hat. Er hat den Mut gefunden Thesen zu formulieren, die sich gegen den Ablasshandel der römisch-katholischen Kirche richteten. Er wollte mit seinen 95 Thesen, angeschlagen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg, die Kirche von ihren Wurzeln her erneuern. Allein die heilige Schrift, allein der Glaube, allein Jesus Christus und allein seine Gnade, das waren und sind seine Maßstäbe, sie sind für die Menschen und ihre Lebensdeutung wichtig und nicht eine mächtige Kirche, die das Heil verwaltet, es den Menschen zuteilt oder verweigert. Luther hat in der Bibel, in den Briefen des Apostels Paulus die Lehre vom gnädigen Gott entdeckt. Darauf hat er sich ein Leben lang bezogen und den evangelischen Christen die Richtung für Glauben und Leben gewiesen.
Martin Luther wollte keine Kirche, die mit ihrer Hierarchie eine Ordnung zementiert, die durch feste Regeln, Gesetze und Vorschriften gekennzeichnet ist.
Freiheit war für ihn wichtig. Freiheit, aber nicht Willkür. Und von Luthers Anstößen zur Freiheit hat später die Entwicklung zur Demokratie ihren Lauf genommen, durch Luthers Bibelübersetzung, die sich rasch in Deutschland ausbreitete, hat die deutsche Sprache ihre heutige Gestalt gewonnen. Wäre Luther ein Bayer gewesen, würden wir heute wohl bayerisch sprechen. Luther war aber ein Thüringer und so ist die Wurzel unserer Hochsprache ein thüringisch gefärbtes Hochdeutsch, was man an vielen Worten noch merkt. Luther hat unserem Volk Zutrauen zu unserer Sprache gegeben.
Von der Reformation gingen weltweit Anstöße aus für die Freiheit des Einzelnen, aber auch für die Aufklärung, für die Freiheit der  Wissenschaften, der Philosophie, Musik, Kunst und Kultur.
Eindrücklich sind in dem Film „Martin Luther" die Entwicklungen dargestellt, die er persönlich durchgestanden hat, auch in der Zeit, als die Reformation bereits ganz Deutschland erfasst hatte.
Immer wieder hat er die Bibel befragt, sein Gewissen geprüft bis hin zu dem unerschütterlichen Bekenntnis: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen". Das war 1521 vor Kaiser und Reich in Worms, als er seine Erkenntnisse widerrufen sollte. Und kurz darauf ging es um sein Leben, als der Papst ihn für vogelfrei erklärt hatte, so dass jedermann ihn hätte töten können. Da wurde er von seinem Kurfürsten auf die Wartburg gerettet.

Heute ist nun wieder ein Gedenktag, Allerheiligen, ein Feiertag der katholischen Christen, im 8. Jahrhundert von Papst Gregor III. eingesetzt und auf den ersten November festgelegt, er wird bis heute mit Gottesdiensten gefeiert und ist für viele Christen mit dem morgen folgenden Gedenktag
„Allerseelen" auch der Anlass, sich an die verstorbenen Familienangehörigen zu erinnern. Die Gräber werden geschmückt, besinnliche Friedhofsgänge lenken den Blick zurück.
Heilig ist alles, was zu Gott gehört. Alle Christen sind also im Glauben heilig und können mit ihrem Leben auf Gottes Gnade antworten. Und Allerheiligen mahnt zu einem heiligmäßigen Leben für die, die zu Gott gehören, in der Hoffnung, dass sich durch die gelebten christlichen Überzeugungen die Welt so verändern lässt, wie es Gott gefällt.
Wie das gehen kann, haben wir eindrücklich erlebt, als wir mit der Gemeinde die Elisabethkirche in Marburg besucht haben. Die junge Frau des thüringischen Landgrafen hat sich nach dem Tod des Ehemannes intensiv um kranke und leidende Menschen gekümmert. Sie begründete damit eine christliche Liebesbewegung, die sich bis heute in Caritas und Diakonie widerspiegelt. Wir haben die schönen mittelalterlichen Glasfenster in der Kirche bewundert, die Szenen aus dem Leben der heiligen Elisabeth zeigen, zum Beispiel das Rosenwunder, kennen sie die Geschichte?
Elisabeth will vom Landgrafenschloss, von der Wartburg zu ihrem gewohnten Gang zu den Armen und Bedürftigen aufbrechen, sie trifft unterwegs ihren Gatten, der ihre Arbeit unter den Armen nicht unterstützt. Auf seine Frage, was denn in ihrem Korb sei, antwortet sie: Rosen. Der Graf schlägt das Tuch zurück und entdeckt tatsächlich: Rosen. So lässt er seine Frau ziehen, und bei den Bedürftigen haben sich dann die Rosen wieder in Brot verwandelt, die frühe Witwenschaft nach dem Tod des Gatten auf einem Kreuzzug war ihr dann umso mehr Verpflichtung, sich ganz den Armen zu widmen.
So haben es die sogenannten Heiligen beispielhaft getan. Der Feiertag heute erinnert daran.
Allerheiligen. Reformationstag: Wozu sind solche Gedenktage wichtig?
Sie helfen dazu, sich zu erinnern, eindrückliche Erfahrungen zu wiederholen, sich die Ereignisse, die unsere Geschichte bestimmt haben, einzuprägen.
Erinnern, wiederholen, gedenken, einprägen: Wir leben nicht in einer geschichtslosen Welt, sondern wir haben alle eine Geschichte, in der wir stehen. Wenn ich mich an vergangene Menschen aus Geschichte und dem persönlichen Leben erinnere, dann verstehe ich, woher ich komme. Verstorbene Eltern, Angehörige, Ehegatten haben uns geprägt, andere berühmte Menschen, auch Heilige und Märtyrer haben die Geschichte der Kirchen, die Geschichte unseres Volkes an entscheidenden Punkten mitgestaltet, haben Anstöße und Impulse gegeben, ohne die wir nicht wären, was wir sind.
Vielleicht können Sie sich ja auch heute ein wenig Bedenkzeit und Gedenkzeit gönnen mit einem Gottesdienst, guten Worten und guter Musik. Es lohnt sich.

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Wir haben eine Reise nach Armenien gemacht, eine kleine Reisegruppe, die sich das fremde Land am Kaukasus mit seinen jahrhundertealten Kirchen und Klöstern anschauen wollte. Die deutschsprachige Reiseleiterin war stolz auf ihr Land und wollte uns alle Schätze von Kunst und Kultur nahebringen, Museen und Kirchen, Landschaften und die hohen Berge mit dem über 5000m hohen Ararat, an dem die Arche Noah, wie die Bibel erzählt, nach der Sintflut gelandet sein soll. Bis heute der Berg der Sehnsucht der Armenier..
In ihrer Begeisterung für dieses Land vergass die Reiseführerin manchmal, uns rechtzeitig mit Essen zu versorgen. Wir hielten dann am Strassenrand an und kauften Wasser und Brot, manchmal aber gab es nichtmal das und wir hatten  einen gewaltigen Hunger. Es war am letzten Tag, wieder ein großes Programm und das Mittagessen war auch mal wieder ausgefallen. Zum Nachmittag sollten wir zu  Bekannten zu einem kleinen Imbiss kommen. Als wir den mächtigen 12 stöckigen Plattenbau aus den fünfziger Jahren betraten, ging der Lift nicht, die Wohnung der Bekannten war im 8. Stock. Hungrig und müde quälten wir uns  die acht Stockwerke hoch. Als wir die Wohnung betraten, roch es köstlich. Das Wasser lief uns im Munde zusammen. Wir kamen ins Wohnzimmer, hier war ein festlicher Tisch gedeckt, über und über mit Speisen vollgestellt, Wassergläser, Weingläser. Wunderbar! Das also war der kleine Imbiss, zu dem wir eingeladen waren. Wir haben miteinander gegessen, wurden mehr als satt, wir haben getrunken, Toastreden ausgebracht, wir waren so richtig vergnügt nach den anstrengenden Tagen, ein krönender Abschluss der Reise. Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben. Hat Jesus gesagt.  Was Ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Schwestern und Brüder, das habt Ihr mir getan. Wie köstlich ist es, genug zu essen zu bekommen, wenn man Hunger hat. Und jetzt, wenn Gäste aus Armenien zu uns kommen, dann laden wir ein und teilen, oder wir spenden Geld für die Diakonie oder für „Brot für die Welt".  Wir freuen uns, wenn wir teilen und helfen können. Die Reise in das fremde Land war ein Segen.

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Was Ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Schwestern und Brüder, das habt Ihr mir getan. Hat Jesus gesagt. Sie haben hier studiert, die beiden Chinesen aus Taiwan. Mühsam Deutsch gelernt und dann ihr Studium abgeschlossen und sogar ihre Doktorarbeit gemacht. Sie haben hier in Deutschland viele Freunde gefunden. Sie haben dann in Taiwan geheiratet und ihre Hochzeitsreise sollte nach Europa gehen. Aber ganz so viel Geld hatten sie auch nicht. Also wurde das Netzwerk der Freunde per e-Mail informiert und um Gastfreundschaft gebeten. Es war schon ein logistisches Meisterstück, das sich Li-Tien und Fong ausgedacht hatten, Deutschland und große Teile Europas in fünf Wochen. Frankfurt, das war der zentrale Anlaufpunkt. Drei Tage hier, fünf Tage in Estland, Lettland und Litauen, dann wieder ein paar Tage bei den Frankfurter Freunden, dann Madrid, Sevilla, Andalusien, schliesslich Berlin, Hamburg, Amsterdam, Holland, Paris, von dort mit dem Zug wieder zurück in Richtung Frankfurt. Und immer wieder landeten sie bei den Freunden, erzählten, zeigten Fotos, brachten überraschende Souveniers mit. Und immer wieder Gastfreundschaft bei den vielen Freunden. Eine Bereicherung auch für sie: Den spannenden Erzählungen lauschen, die sie von ihren Blitzreisen mitbrachten, den fremden Blick wahrnehmen, mit dem die chinesischen Freunde unsere Kultur betrachteten. Selbstverständlich gingen sie auch mit zum Gottesdienst bei uns, für sie ein Gemeinschaftserlebnis der besonderen Art, miteinander singen und beten, das ist in ihrer Heimat nicht üblich. Als Fremde, die sie während ihres Studiums waren, haben sie Freunde gefunden. Und die haben sie aufgenommen, als sie in Deutschland und Europa unterwegs waren, um so unsere Heimat kennenzulernen. Und wir als Gastgeber hier wurden hundertfach belohnt durch die originellen Erzählungen aus dem fremden Blickwinkel. Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen sagt Jesus von Nazareth: Was Ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Schwestern und Brüder, das habt Ihr mir getan. Fremde beherbergen, das macht selber innerlich reich.

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Was Ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Schwestern und Brüder, das habt Ihr mir getan, hat Jesus gesagt. Ein Mitarbeiter aus der Gemeinde besucht Gefangene in der Jugendstrafanstalt. Jedes Gespräch mit einem Gefangenen dauert fast eine Stunde.  Von schlimmen Schicksalen erfährt er da. Junge Gewalttäter zum Beispiel, die bei Einbrüchen erwischt wurden und dabei jemanden verletzt haben. Da muß man einfach sitzen und zuhören, meint er. Eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, dem anderen vermitteln: In meinen Augen bist Du trotz allem wichtig. Du kannst reden, Du kannst Dir alles von der Seele reden. Nach mehreren Gesprächen kommt den Jugendlichen manchmal die Einsicht, dass das großer Mist war, was sie da angestellt haben. Aber das Gefühl, auf Jahre hinaus eingesperrt zu sein, ist schlimm für sie. Manchmal bekommt einer den Zellenkoller, dann schlägt er mit unbändiger Kraft alles kurz und klein in seiner Zelle. Er wird für einige Tage in eine Sonderzelle gebracht, bis er sich beruhigt hat.  Bei den Besuchen ist es wichtig, ein Stück Normalität mitzubringen. Auch von draußen zu erzählen, von dem der Gefangene durch endlose Flure und Korridore getrennt ist. Wenn ich wieder zu Hause bin, erzählt der Mitarbeiter, sind mir immer noch die Geräusche im Ohr, die so ein Gefängnis durchdringen. Hallende Schritte, das Knallgeräusch beim Öffnen und Schließen der Korridor‑ und Zellentüren, laute Rufe, zum Teil auch rüde Töne von Gefangenen und Gefängnisbeamten. Oder bei der Anmeldung: Personalausweis, Durchsuchung der Taschen, Leibesvisitation, um zu verhindern, dass man dem Gefangenen etwas einschmuggelt. Gefängnis. Eine einschneidende Erfahrung auch für den Besucher. Aber Kontakte von draußen und nach draussen sind wichtig. Und ein Besuch kann helfen, an die Beziehungen  draußen wieder anzuknüpfen. Das ist lebens‑, ja überlebenswichtig. Was sagt doch Jesus: Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht: Was Ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Schwestern und Brüder, das habt Ihr mir getan. Besuche bei Gefangenen, auch ein Werk christlicher Barmherzigkeit.

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Was Ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Schwestern und Brüder, das habt Ihr mir getan. Hat Jesus gesagt. Die Mutter war über 90 Jahre alt. Langsam wurde sie gebrechlich. Sie hatte eine Gehhilfe und einen Rollstuhl, sie konnte sich aber noch selbst im eigenen Haus versorgen. Essen auf Rädern vom Diakonischen Werk, zwei Mal am Tag kam eine Krankenschwester von der Pflegestation. Die Kinder kümmerten sich liebevoll um sie, telefonierten fast täglich, machten die Abrechnungen für die Krankenkasse, regelten das Finanzielle, aber sie wohnten weit weg. Nur mit einem Sohn, da hatte es Krach gegeben, da war etwas Böses zwischen den beiden, das sich über Jahre aufgestaut hatte. Im Zorn hatte der Sohn das Haus verlassen und war seitdem nicht mehr aufgetaucht. Immer mal wieder hat sie versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen, er verweigerte sich beharrlich. Auch die übrigen Geschwister fanden zu ihm keinen Kontakt. So blieb das Schweigen über Jahre. Und dann wurde ihr Herz immer mehr angegriffen. Sie kam in die Klinik, bekam einen Schrittmacher, sie konnte nicht mehr zu Hause allein bleiben, so kam sie in die Kurzzeitpflege in ein Pflegeheim. Ihren Geburtstag feierte sie im Heim mit den beiden Kindern, deren Lebensgefährten und den Enkeln. Nur der älteste Sohn mit seiner Familie war nicht da. Nach dem Geburtstag ging es ihr schlechter und sie spürte sehr genau: es ging zu Ende. Zum Schluss wollte sie auch nichts mehr essen, nur noch trinken. Am letzten Tag sagte sie etwas Überraschendes zu ihren beiden Kindern, die bei ihr waren: „Er war da, er hat mich besucht". Die Kinder wussten, worum es ging und waren erstaunt. Nach Jahren des Schweigens plötzlich ein Besuch. Er hatte offensichtlich von ihr gewusst und hat sich Gedanken gemacht. „Er hat mir die Hand gehalten und hat mich gestreichelt." erzählte sie. „Wir haben nicht viel geredet, aber er war da." Das war das wichtigste. Am nächsten Tag starb sie, einig mit sich und der Welt: Er war da. Sie haben ihren Frieden gemacht. Nun konnte sie gehen. Ich bin krank gewesen und Ihr habt mich besucht, sagt Jesus: Was Ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Schwestern und Brüder, das habt Ihr mir getan. Manchmal ist es mit Händen zu greifen. Das Wunder der Barmherzigkeit, wie Jesus es gemeint hat.

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Was Ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Schwestern und Brüder,  das habt Ihr mir getan. Hat Jesus einmal gesagt. Es war so um 1952. Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten strömten in den Westen und mussten heimisch werden in der eben gegründeten Bundesrepublik. Mein Großvater  war Pfarrer und hinter seinem Haus war eine große Scheune. So etwa einmal im Monat kam ein Lastwagen  und brachte Kisten mit Kleidern aus Care-Paketen. Christen aus Amerika hatten Kleider gespendet, damit die Flüchtlinge hier etwas Vernünftiges zum Anziehen hatten. Das Diakonische Werk verteilte zwei Mal in der Woche Kleider an Bedürftige. Wir Kinder freuten uns über die riesige Kleiderkammer. Die Tante, die für das Diakonische Werk arbeitete, sortierte die Kleider nach Größe, nach Teilen, nach Herrenkleidung, Damenkleidung. Es roch wunderbar in der großen Scheune, nach Mottenpulver, nach fremdem Parfüm, eben nach dem Wunderland Amerika, von dem wir ja auch Käse, Trockenmilch und andere Nahrungsmittel bekamen. In der Schulpause bekamen wir Haferbrei und einen Apfel täglich,  die sogenannte Quakerspeisung. Und zwei Mal in der Woche kamen sie, die Flüchtlinge, die Notleidenden, die Obdachlosen, zum Teil ausgemergelte Menschen, die kaum genug zu essen hatten, wir waren alle unterernährt damals und vielen sah man den Hunger an, traurige Gesichter mit den Spuren des Leides und der Vertreibung. Und die Kleidersammlung, das war so ein Ort, wo man wieder etwas von seiner Würde zurück bekam: warme Pullover, einen Wintermantel, eine Hose, die keine Flicken hatte, nicht unbedingt chic, aber es ging um Sauberkeit, Wärme, Schutz vor der Witterung und einfach etwas, was einen die ewigen Sorgen um das Morgen, um die Zukunft für einen Augenblick vergessen liess. Im Matthäusevangelium in der Bibel zählt Jesus sie auf, die Werke der Barmherzigkeit: Ich bin nackt gewesen und Ihr habt mich bekleidet. Und: Was Ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Schwestern und Brüder,  das habt Ihr mir getan. Um Jesus willen haben sie gespendet, die christlichen Brüder und Schwestern aus Amerika, dankbar waren die deutschen Flüchtlinge in der Not. Gelebte Nächstenliebe. Eine wunderbare Erinnerung.

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Was tröstet einen Menschen, der plötzlich von einem Tag auf dem anderen den Boden unter den Füssen weggezogen bekommt? Ich will versuchen es ihnen zu erzählen.
Die Nachricht traf sie wie ein Schock. Ein Tumor an einer Stelle, die schwer zu operieren war. Unter Tränen hat sie es ihrem Mann gesagt, er wollte die Operation, sofort. Sie hat das zugelassen, hatte aber eigentlich kaum Hoffnung. Eine zweite Operation wurde nötig.
Nächtelang hat sie wach gelegen und mit sich gerungen. Wie Jesus in Gethsemane hat sie mit Gott verhandelt: Herr, wenn Du willst so lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Und wie Jesus war sie dabei ganz allein. Ihr Mann hat geschlafen, er hat scheinbar nichts gemerkt, er hat sich wohl nicht getraut, nachzufragen. Aber so langsam wurde ihr Glaube daran, dass Gott alles gut macht, tief erschüttert.
Dann kam eine dritte Operation.
Als ich sie wieder besuchte, war sie niedergeschlagen. „Keiner sagt mir, was ich eigentlich habe und wie es weitergeht. Der Arzt sagt nichts, die Freunde kommen und erzählen mir, dass wir bald wieder im Garten grillen werden, Kopf hoch! Und ich kann das nicht."
Dann habe ich zusammen mit ihr und dem Arzt gesprochen, sie hat ihre Fragen gestellt und der Arzt hat ihr nach bestem Wissen und Gewissen Auskunft gegeben.
Jetzt wurde sie ruhig. Sie hat mit ihrem Mann gesprochen ohne Ausflüchte, sie hat ihre letzten Dinge geregelt, mit den Freunden gesprochen, sich alle Ausreden verbeten. Vier Wochen später ist sie ruhig und weitgehend ohne Schmerzen eingeschlafen.
Es war die Wahrheit, sie hat sie frei gemacht, Abschied zu nehmen.
In einem Meer von Blumen wurde sie von der Heimatkirche aus zu Grabe geleitet.  Die ganze Gemeinde hat mit tiefer Erschütterung Anteil genommen.
So langsam kommt der Alltag zu der Familie zurück. Ein dumpfer Schmerz ist in dem Mann geblieben.
Was ihn aufrecht hält? Er hat es mir gesagt. Es ist ein Satz aus dem Johannesevangelium. Da sagt Jesus vor seinem Tod zu seinen Freunden: Jetzt seid ihr traurig. Aber ich werde Euch wiedersehen. Dann wird euer Herz voll Freude sein und diese Freude kann niemand von Euch nehmen.
Ein Blick in die Zukunft jenseits von Zeit und Welt, ein Blick in die Zukunft aus Gott.

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Wissen Sie, was das ist: Eine Millimetergeschichte?
Ein Brief erreicht mich. Der Brief einer alten Freundin. Er ist in einzelnen Buchstaben gemalt. Sie müßten den Brief einmal sehen. Mit eisernem Willen gemalte Buchstaben, insgesamt gut leserlich, aber man sieht dem Brief die Anstrengung an.
Die Freundin ist weit über siebzig, sie kann nicht mehr gut sehen, jetzt sind es nur noch 5 %, wie sie sagt. Sie bekommt auch die Zeitung vorgelesen, denn lesen kann sie nicht mehr richtig. Sie will in ihrer Wohnung bleiben, weil sie sich dort wohl fühlt, sie wird von den Angehörigen aus der näheren Umgebung und von der Diakoniestation versorgt und ist, wie es klingt, zufrieden.
Der Brief, den sie mir geschrieben hat, ist eine Millimetergeschichte: Ein kleiner winziger Schritt hin zu einem Kontakt, zu einem Gespräch, ein Schritt, der schwer fällt, aber eine Möglichkeit darstellt, nach längerer Zeit wieder mit mir ins Gespräch zu kommen.
Ein Millimeter ist eine Winzigkeit. Jedenfalls für einen Menschen, der all seine Beweglichkeit und  all seine Sinne zur Verfügung hat. Für einen Menschen, der behindert oder eingeschränkt ist, ist ein Millimeter eine gewaltige Entfernung.
Und diese Entfernung mit Disziplin und eiserner Übung zurückzulegen, ist sicher eine genau so große, wenn nicht manchmal größere Leistung als die von manchem Hochleistungssportler.
Wieder laufen und sprechen zu lernen nach einem Schlaganfall, wieder singen zu lernen nach einer schweren Schilddrüsenoperation, die auch die Stimmbänder in Mitleidenschaft gezogen hat, lernen mit einem elektrischen Rollstuhl die täglichen Besorgungen zu machen, das sind  Kämpfe um Millimeter.
Solche Millimetergeschichten hat ein Pfarrer aufgeschrieben, er arbeitet mit behinderten Menschen zusammen und ist selbst auf den Rollstuhl angewiesen. Er heißt Ulrich Bach, und sein Buch heißt: Millimetergeschichten - Texte zum Weitermachen.
Der Brief meiner Freundin war auch so eine Millimetergeschichte. Und auch, wenn ich noch gut schreiben und lesen kann, mir hat der Brief Mut gemacht. Man weiss ja nie, was kommt.. Kennen Sie auch Millimetergeschichten?
Man kann sie tatsächlich geschenkt bekommen, die Gabe, auch unter Einschränkungen und Anstrengungen Zuversicht zu behalten.

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Ich bin zufrieden, es könnte ja auch anders sein. Das sagt sie zu mir, als ich sie als Gemeindepfarrer zu ihrem Geburtstag besuche.
Ich bin zufrieden, meint sie. Sie hat eingewilligt, in das, was die Fügungen ihres Lebens waren, sie hält es für nicht lösbar, wenn immer danach gefragt wird, warum einem im Leben soviel zugemutet wurde.
85 Jahre ist sie jetzt, die alte Dame. Ein langes Leben voll Auf und Ab, voller Pläne und Schicksalsschläge, voll guter und böser Tage. Ich staune, was ein Mensch in einem langen Leben alles aushalten muss und aushalten kann.
Aufgewachsen in der Zeit des Nationalsozialismus mit falschen Idealen: „Mein Gott, was haben die mit uns gemacht", sagt sie, als sie genauer darüber nachdenkt. Sie hat den Krieg erlebt und am Ende die ausgebombten und ausgebrannten Städte. Sie ist mit Müh und Not mir ihrer Familie durchgekommen. Die Heirat im Dorf, die Kinder, die Arbeit des Mannes, er war Handwerker und hatte ein einigermassen gutes Auskommen. Sie hat im Verkauf und in der Buchhaltung mitgearbeitet, das konnte sie gut.
Aber dann persönliche Schicksalsschläge: Der Tod eines Bruders und der ihres Ehemannes.
Es bleibt eine lange Zeit von Einsamkeit und Suche nach dem, was hält und trägt. Die Nachbarn und bei uns die „Gesellschaft", eine Gruppe von Gleichaltrigen mit gleichen Interessen, sie halten die Frau aufrecht. Wöchentlich ein Romméabend, Gespräche, gegenseitige Unterstützung, zwölf Jahre hat sie im Kirchenvorstand mitgearbeitet, eine Arbeit, die sie geschätzt, aber auch belastet hat, weil es in der Kirchenvorstandsarbeit immer auch schwierige Entscheidungen zu treffen galt.
Sie hat die alte Mutter zu sich genommen, sie haben jahrelang noch einmal zusammengelebt, zum Schluss war die Mutter pflegebedürftig. Das hat sie geschafft auch mit Hilfe der Nachbarn und der „Gesellschaft".
Sie kommt regelmäßig zum Gottesdienst. Die Lebensdeutungen aus den Psalmen, den Prophetenworten, den biblischen Geschichten und den Abschnitten aus den Briefen der Apostel sprechen sie unmittelbar an. „Ich brauch das, damit ich Lebensmut behalte und bekomme", sagt sie.
„Ich bin zufrieden, es könnte ja auch anders sein", sagt sie. „Ich bin zufrieden!" Das sind ihre Worte, die sie einfach immer mal wieder im Gespräch fallen lässt. Und das, denke ich, das ist Gottes Geschenk an sie zu ihrem 85. Geburtstag.

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Manchmal weiss ich mir nicht zu helfen. Was man auch macht, es ist falsch. Dann bekomme ich Gewissensbisse und muss mit meinen Fehlern leben.
Ich bemühe mich, umweltfreundlich einzukaufen und ökologisch zu leben, für mich eine gewissensfrage. So kaufe ich, wenn möglich, fair gehandelte Produkte. Wie zum Beispiel fair gehandelten Kaffee, schaue bei Textilien auf das Produktionsland wegen illegaler Kinderarbeit, ich sortiere meinen Müll sechsfach nach Bio, gelbe Tonne, Papier, Glas,  elektrische Geräte und Restmüll. Ich kaufe möglichst Produkte aus der Region, damit keine Energie- und Transportkosten anfallen.
Kurzum: es ist ein permanenter Kreislauf von gewissenhafter Prüfung und sortieren, was noch geht, wo die Herkunft der Waren nicht mit Gewalt und Unterdrückung der Bauern verbunden ist.
Und doch frage ich mich: Reicht das?  Was kann ich als einzelner tun, um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu befördern? Kann ich, darf ich ein gutes Gewissen haben?
Martin Luther, der große Reformator, hat es ja drastisch ausgedrückt. Wir sollen unseren inneren alten Adam und natürlich auch die alte Eva täglich und stündlich ersäufen aus Dankbarkeit, weil Gott uns in seiner Gnade in der Taufe frei gemacht hat.
Aber das klappt nicht immer. Da ist die klammheimliche Freude, wenn jemand, der mich geärgert hat, selber in die Bredouille kommt.
Da entdecke ich zum Beispiel Kapstachelbeeren, die so herrlich süsssauer schmecken aus Südafrika in meinem Korb, günstig, aber 12 000 km weit geflogen, um auf meinem Küchentisch zu landen. Da finde ich im Wohnzimmer immer noch den roten Punkt am Fernseher, die Standby-Schaltung war wieder mal nicht ausgeschaltet. Ich bin einfach nicht konsequent, und so schaffe ich es nicht immer ethisch korrekt zu leben.
Ich tröste mich mit dem Lutherwort: Wir sind zugleich Sünder und Gerechte, beides ist miteinander fest verwoben. Das tröstet, und dann kann ich auch darüber die Hände falten und gerade wieder mutig anfangen, ethisch korrekt zu leben.

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