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Es gibt Sätze, die können einen ein Leben lang begleiten. Erika geht das so mit ihrem Denkspruch. Den hat sie bei ihrer Konfirmation bekommen, vor gut 50 Jahren. Immer wieder hat er ihr Mut gemacht, wenn es schwierig war in ihrem Leben. Demnächst soll nun ihre Enkelin Annika konfirmiert werden. Da macht Erika sich natürlich Gedanken und spricht mit Erwin darüber.
„Einen Denkspruch wird sie auch bekommen, die Annika, ich bin gespannt, was für einen. Sie hat ihn mir nicht verraten."
„Wie, nicht verraten?", fragt Erwin. „Den bekommt man doch, den teilt einem doch der Pfarrer zu."
„Nein", sagt Erika, „bei denen ist das anders, da haben die Konfirmanden sich ihren selber aus der Bibel ausgesucht. Eigentlich finde ich das schade. Ich finde, manche Worte müssen einem gesagt werden. Sie müssen mich finden, nicht ich sie."
„Ja, gut", sagt Erwin, „aber was ist, wenn mich der Spruch nur ärgert? Also, ich hab meinen nie gemocht. Und dass das klar ist:Bbei meiner Beerdigung soll er nicht gesagt werden. Das klingt dann immer so, als ob er einen ein Leben lang begleitet hätte."
 „Es gibt Sätze aus der Bibel, die können das", sagt Erika, „und ich hoffe sehr, dass Annika sich so einen ausgesucht hat, einen Spruch, der ihr hilft im Leben. Aber deiner - den weiß ich gar nicht, wie geht der?"
„Ach, irgendwas mit immer brav sein", sagt Erwin.
„Das kann ich mir nicht vorstellen", sagt Erika. „Dass das so in der Bibel steht."
„Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, so fängt er an", sagt Erwin. „Ach, er war mir immer zuwider. Ich hab immer gedacht, was will der Pfarrer mir damit sagen? So schlimm war ich doch gar nicht."
„Ach", sagt Erika, „vielleicht solltest du noch mal darüber nachdenken. 'Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen', das kann ja auch heißen, du sollst dich nicht nach dem richten, was die Menschen von dir wollen, sondern eben nach Gott. Und das heißt... na, zum Beispiel, dass wir unseren Nächsten lieben."
„Dagegen ist nichts zu sagen", meint Erwin, „ich hätt' halt gern was gehabt, das mir etwas mitgibt fürs Leben, etwas, wo mehr Freiheit drin steckt."
„Vielleicht geht es bei deinem Spruch genau darum", sagt Erika, „dass wir dann frei sind, wenn wir so leben, wie es Gott gefällt."
„Darüber muss ich mal nachdenken", sagt Erwin. „Wie geht denn deiner?"
„Für meine Beerdigung", sagt sie, „wenn du das meinst, da ist ein Kärtchen mit dem Spruch in meinem Gesangbuch."
„Ach komm," sagt er.
„Also", sagt sie, „meiner geht so: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit."
„Der ist gut", sagt Erwin. „Können wir nicht einfach tauschen?"

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Familienfeste sind manchmal ein Anlass zurückzudenken. Wie war das bei uns damals? Erwin und Erika geht es jedenfalls so. Ihre Enkelin Annika hat bald Konfirmation, und bei den Großeltern werden Erinnerungen wach.
„Wenn ich an meine Konfirmation denke", sagt Erwin, „dann fällt mir vor allem ein, wie ich stecken geblieben bin bei den Sprüchen, die wir aufsagen mussten. Einmal nur, aber vor der versammelten Verwandtschaft. Das hab ich dann den ganzen Tag über zu hören bekommen."
„So ist das heute nicht mehr", sagt Erika. „Annika sagt, das meiste dürfen sie ablesen, und sie haben es sowieso selber formuliert."
„Wie - selber formuliert?"
„Ja, die haben im Unterricht aufgeschrieben, was ihnen wichtig ist. Was sie glauben, und so."
„Ach", sagt Erwin, „das find' ich ja interessant. Also, sie sagen wirklich das, was sie selber glauben und nicht das, was sie glauben sollen? Kann man das mit 14?"
„Wie war das bei dir damals?", fragt Erika zurück.
„Also, ich hätte vielleicht vor allem ein paar Fragen gehabt", sagt Erwin. „Aber die hat ja  keiner hören wollen. Was ich wirklich glaube - das weiß ich doch heute als alter Mann kaum. Im besten Fall kann ich sagen: manches würde ich gerne glauben. Dass es eine Gerechtigkeit gibt zum Beispiel. Dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Solche Sachen. Aber sind das die Fragen, die für die Jungen heute wichtig sind?"
„Ach, zum Teil vielleicht schon", sagt Erika, „das werden wir ja dann hören."
„Aber bevor sie eingesegnet werden, müssen sie doch „Ja" sagen. Oder ist das heute nicht mehr so?"
„Ich denke schon", sagt Erika. „das gehört bestimmt noch dazu."
„Aber da muss doch klar sein, wozu die Ja sagen, das kann doch nicht irgendwas sein."
„Hm", sagt Erika, „wenn ich an meine Konfirmation denke... , da gings doch darum, dass Gott Ja sagt zu mir. Und dass ich gefragt werde, ob ich das annehme. Also, mein Ja soll eine Antwort sein auf Gottes Ja. Das hab ich nie vergessen."
„Das ist ja auch einfach", sagt Erwin.
„Nein", sagt Erika, „mit 14 kann das schwierig sein. Da weiß man doch noch gar nicht, wer man eigentlich ist. Aber das habe ich verstanden, dass es darum geht beim Glauben. Ja sagen  zu Gottes Ja. Und nicht um die richtigen Sätze. Und das hat mir damals sehr geholfen."
„Also", sagt Erwin, „und was du auswendig gelernt hast, das war dann für die Katz?"
„Nein", sagt Erika, „man muss doch auch Worte finden für seinen Glauben. Mich hat nicht gestört, dass das alte Worte waren und ich nicht alles verstanden habe. In manches wächst man ja auch rein."
„Bei mir war das anders", sagt Erwin, „und ich bin gespannt, welche Worte die Jungen heute finden."

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In diesen Tagen ist Erwin ein bisschen nachdenklich. Seine Enkelin Annika wird demnächst konfirmiert. Es ist nicht die erste Konfirmation in der Familie, aber dieses Mal ist es für Erwin etwas ganz Besonderes. Vielleicht liegt es daran, dass Annika das erste Kind in der Familie war, für das er wirklich Zeit gehabt hat. Er hat ihre Entwicklung von Anfang an mitverfolgt. War mit ihr spazieren, hat stundenlang vorgelesen. Und sie hat gestrahlt, wenn sie zum Opa durfte. Inzwischen kommt sie nicht mehr so oft vorbei, aber er spürt immer noch eine starke Verbindung. Und in letzter Zeit denkt er oft darüber nach, wie das wird in den nächsten Jahren, wenn sie nun bald erwachsen ist.
Wie ist das mit der Konfirmation?, überlegt er. Was bedeutet es für unsere Annika, mal abgesehen vom Familienfest und den Geschenken?
Erika kennt sich in diesen Dingen besser aus, denkt Erwin, also fragt er sie.
„Man sagt doch auch Einsegnung zur Konfirmation? Ist das immer noch so?"
„Ja", sagt sie, „die werden einzeln mit Namen aufgerufen, dann gehen sie in einer kleinen Gruppe vor den Altar und knien nieder, und der Pfarrer legt ihnen die Hände auf den Kopf und sagt ein Segenswort."
„Ja, so muss es sein", sagt Erwin. „Eigentlich ist das genial."
Erika wundert sich ein bisschen über seine Begeisterung.
„Na ja" sagt sie, "so außergewöhnlich ist es auch wieder nicht. Einen Segen gibt es auch am Schluss von jedem Gottesdienst."
„Aber das ist anders", sagt Erwin. „Bei der Konfirmation ist es etwas ganz Besonderes."
Erika ahnt, was ihn bewegt, aber sie will es noch ein bisschen deutlicher hören.
„Ach", sagt sie, „Beim Segen geht es darum, dass ich unter den Schutz Gottes gestellt werde. Der Herr segne dich und behüte dich..., und das braucht man doch in jeder Lebenslage."
„Aber in dem Alter finde ich das besonders wichtig", sagt Erwin. „Die stehen doch so dazwischen. Keine Kinder mehr, aber erwachsen auch noch nicht. Man möchte ihnen noch so viel mitgeben, aber sie sind so kritisch und lassen sich nichts sagen. Das muss wohl so sein, aber..."
„Man weiß nicht, wo ihr Weg hingeht", sagt Erika. „Meinst du das?"
„Ja", sagt er, „man muss sie ziehen lassen, und Vertrauen haben, dass es gut wird. Und da ist der Segen, den sie bekommen, eine Beruhigung. Weil es den Eltern zeigt: Die geht jetzt ihren Weg. Unter Gottes Schutz. Hoffentlich. Und die Gruppe um sie rum, das ist die Zukunft, mit denen geht sie durch ihr Leben. Wir können sie nicht mehr beschützen. Es ist ganz gut, wenn den Eltern das klar wird."
Für die Großeltern ist es auch wichtig, denkt Erika, und für einen Großvater anscheinend ganz besonders.

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Wenn Erwin seine Enkelin anschaut, ist er richtig stolz. Stolz, und ein bisschen wehmütig. Jetzt ist die Annika auch schon groß, denkt er dann, und in zwei Wochen wird sie konfirmiert.
„Eigentlich merkwürdig", sagt er zu Erika, „für mich ist sie jetzt groß, die Annika, dabei geht sie weiter zur Schule, und was sie mal beruflich machen will, das ist noch gar kein Thema. Mit der Konfirmation ändert sich nichts für sie, aber für mich, da ändert sich etwas. Ich denke dann: Jetzt ist sie auch schon konfirmiert, die Annika."
„Für mich ändert sich da nichts", sagt Erika. „So lange sie noch daheim wohnt und noch mitten in der Pubertät steckt, ist sie für mich noch nicht groß. Wenn sie groß wäre, die Annika, dann würde sie zum Beispiel mal von sich aus mithelfen. Aber man traut sich ja gar nicht, etwas von ihr zu verlangen, schon allein wegen der Schule."
„Also, das halte ich für einen Fehler", sagt Erwin. „Wenn man nichts erwartet, dann kommt auch nichts. Schule hin oder her. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir ihnen etwas zutrauen. Und auch etwas von ihnen verlangen. Es ist nicht gut, wenn wir sie zu lang als Kinder ansehen. Deshalb ist es gut, wenn uns das einmal klar gemacht wird. Und da ist die Konfirmation ein Einschnitt, wo es deutlich wird."
„Ach", sagt Erika, „ein Einschnitt, das war früher so. Weißt du, was ich bekommen habe zur Konfirmation? Aussteuer, so war das damals. Tischtücher mit Hohlsaumstickerei. Jede Menge Bettwäsche. Und Silberbesteck. Ein paar von den Löffeln hab ich noch. Und einen Waschbeutel, und Unterröcke, vier Stück, mindestens."

„Unterröcke?"
„Ja", sagt Erika, „damit die Kleider gut sitzen. Weil ich ab da als erwachsen gegolten habe, na ja, fast erwachsen. Vorher, da war ich ein Kind. Und heute? Da schminken sich die Mädchen mit 12, gehen in die Disco, sie tun ein bisschen so als wären sie erwachsen, aber der eigene Haushalt und die Selbständigkeit - das ist noch sehr weit weg."
„Man könnte meinen", sagt Erwin, „du bist ein bisschen neidisch, weil du nicht so viele Freiheiten gehabt hast."
„Ach", sagt Erika, „wenn du's genau wissen willst: ich möcht' nicht tauschen. Die Welt ist so kompliziert geworden. Manchmal denke ich, sie sollte möglichst lang daheim bleiben, die Annika."
„Tja", sagt Erwin. „Was denn nun? Soll sie nun groß werden oder lieber nicht?"
„Ich weiß", sagt Erika, „wir können sie nicht festhalten. Nicht festhalten, und nicht vor allem beschützen."
„Aber ihr was zutrauen", sagt Erwin, „das vor allem."
„Ihr - und dem lieben Gott", sagt Erika, „bei der Konfirmation kann man sich doch auch daran erinnern, dass wir zu Gott gehören. Ob wir klein sind oder groß.

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Was gehört auf jeden Fall zu einer Weihnachtskrippe? Welche Figuren müssen dabei sein?

Das Kind, Maria und Josef, die gehören auf jeden Fall dazu. Und sonst?

Also, auf die Engel und die drei Weisen aus dem Morgenland könnte ich verzichten, aber -   zwei, drei Hirten - die sollten schon dabei sein.

Ich glaube, die Hirten möchte ich dabei haben, weil sie dem Ganzen etwas  Bodenständiges geben. Den Hirten kann keiner etwas vormachen. Die Engel, die kommen aus dem Himmel, die drei Weisen sind von weither, aus dem Morgenland, irgendwie aus dem Reich der Sagen und Legenden, aber die Hirten, die sind von nebenan. Sie sind mal eben herübergekommen und schauen nach, was da los ist.

Die Geschichte von den Hirten kennen wir, von Bildern, aus Krippenspielen. Da sorgen sie sich um das Kind, dass es nicht friert in der kalten Nacht, und um die Mutter, dass sie etwas Anständiges zum Essen bekommt.

Aber war das auch so, wie wir es uns vorstellen? Wenn wir sie fragen könnten, die Hirten, was würden wir wissen wollen?

Es muss doch eine seltsame Nacht gewesen sein. Zuerst diese Aufregung - was da am Himmel los war. Also, ehrlich gesagt, kann ich mir das nicht wirklich vorstellen. War es ein besonderes Licht mitten in der Nacht? Laute Stimmen? Gesang?

Na, auf jeden Fall seid ihr losgelaufen, ihr Hirten. Habt ihr eigentlich ein paar Leute zurück gelassen? Es muss doch jemand auf die Schafe aufpassen. Die gehören ja nicht euch, und wenn eins fehlt, gibt's großen Ärger. Also ihr lauft dorthin, - der Messias soll gekommen sein, habt ihr gehört, der Heiland, der Retter der Welt, und da liegt ein Kind, ein Neugeborenes - habt ihr euch gewundert darüber? Was ist daran besonders? Gut, jedes Neugeborene hat etwas, das rührt einen schon an, aber so ein Aufwand für ein Kind?

Habt ihr euch überlegt, ihr Hirten, ob das sein kann - dieses Kind, von offensichtlich armen Leuten, nichts Besonderes, ein Kind wie jedes andere auch. Das soll der Heiland sein?

Erst wenn er groß ist, oder jetzt schon? Wahrscheinlich erst wenn er groß ist, und was tut er dann? Schmeißt er die Römer aus dem Land, sorgt er dafür, dass endlich wir kleinen Leute unser Recht bekommen? War es das, was ihr euch überlegt habt, Hirten?

Er ist einer von uns, habt ihr vielleicht gedacht. Wenn das der Heiland ist, dann ist er einer, der zu uns gehört. Kein großer Herr, keiner, der über den Dingen steht. Der steckt ja jetzt schon mittendrin. Dieser kleine Mensch.

Na, jedenfalls: Ihr Hirten habt dafür gesorgt, dass diese Geschichte bekannt wird, so steht es in der Bibel. Es muss euch also überzeugt haben, was ihr gesehen habt in dieser Nacht.

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Keine Weihnachtskrippe ohne Josef. Das ist klar. Aber wo ist sein Platz? Er könnte zum Beispiel vor dem Kind knien, hab ich beim Aufbauen der Krippe gedacht. Aber ich könnte ihm auch etwas zu tun geben. Es gibt Bilder von der Weihnachtsgeschichte, wo Josef im Hintergrund eine Suppe kocht, die Windeln wäscht - ach, am liebsten würde ich ihn immer wieder an einen anderen Platz stellen. Ein frischgebackener Vater kann nicht ruhig sitzen bleiben, da gibt es viel zu tun. Also, Josef, an die Arbeit!

Oder brauchst du noch ein bisschen Zeit? Dass du erst mal dein Kind in Ruhe anschauen kannst, das Wunder, das da zur Welt gekommen ist? Dein Kind, Josef, - ist es denn dein Kind? Ach, ich glaube, das ist dir jetzt egal. Du warst dabei, als es geboren wurde, du hast Maria die Hand gehalten, stelle ich mir vor, du hast ihr Entzücken geteilt, als es endlich da war. Wie soll es da nicht dein Kind sein!

Vielleicht solltest du dich jetzt erst mal ein bisschen ausruhen. Und allein mit deiner Familie bleiben, sag ich zu dem Josef aus meiner Weihnachtskrippe. Nachher musst du dich um die Leute kümmern, die vorbei kommen, du musst Maria versorgen und etwas zum Essen auftreiben und vielleicht tatsächlich die Windeln waschen. Da wirst du kaum noch zur Besinnung kommen. Auf einmal so eine große Verantwortung! Ein neuer Mensch. Ein Kind, das schreit und Hunger hat und gewickelt werden muss, man muss es herumgetragen und aufstoßen lassen und rechtzeitig wieder hinlegen, und in all diesen Dingen hast du keine Übung, Josef, also, aufregend ist das schon, stelle ich mir vor.

Denkst du manchmal noch daran, dass das ein besonderes Kind sein soll?

Was soll das heißen, sagt mir der Josef aus meiner Weihnachtskrippe,- natürlich ist es ein ganz besonderes Kind, schau es doch an. Kein Kind hat solche Augen, eine solche Nase, und die Ohren erst!

Ach Josef, klar ist es das schönste Kind auf der Welt, aber ich meine doch die Sache mit dem Engel. Der Engel, der bei Maria war und ihr gesagt hat, dass sie schwanger werden wird und den Heiland zur Welt bringen.

Ach das, sagt Josef. Also, zuerst wird er bei mir lernen. Ich werd' ihm alles zeigen in der Werkstatt, und später kann er dann selber mit der Säge arbeiten und dem Hammer. Wenn er groß genug ist. Und sich nicht ganz ungeschickt anstellt. Und dann wird man sehen. Lesen und schreiben wird er natürlich auch lernen, und in den heiligen Schriften werde ich mit ihm lesen und ihm alles erklären, was ich weiß.

Aber so weit denke ich noch gar nicht. Jetzt ist er erst mal ein ganz kleines Kind, und ich will alles tun, damit ihm nichts Böses geschieht. Alles andere wird man sehen.

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Eine Figur fehlt in den Weihnachtskrippen. Noch nirgends habe ich sie gesehen, auch nicht in einer der großen Krippelandschaften, wo man ja sich allerlei Volk dazu gedacht hat. Dabei kommt diese Figur in den Weihnachtsgeschichten durchaus vor, mehrfach sogar. Aber in den Krippen hat sie keinen Platz.

Herodes, der König. Im Krippenspiel taucht er manchmal auf, von da kennt man ihn als den grausamen, willkürlichen Tyrannen.

Was würde dieser Herodes sagen, wenn er wüsste, was wir heute über ihn denken?

Ja, würde er vielleicht sagen, ich bin der König, und ich passe nicht in euer friedliches Weihnachten, in eure heile Krippenwelt. Ich gehöre in die Welt der harten Tatsachen. Ich muss dafür sorgen, dass Ordnung herrscht im Land und dass jeder weiß, wo sein Platz ist.

Ja, ich geb's zu, ich bin erschrocken, als die Sterndeuter zu mir gekommen sind und nach dem neugeborenen König gefragt haben. Es ist ja nicht weit von meiner Burg bis nach Bethlehem. Da musste ich schnell handeln. Nein, es ist nicht schön, was ich dann tun musste. Und meine Leute haben das auch nicht gern getan. Kinder umbringen lassen ist schrecklich, aber es musste eben sein. Und überhaupt, wo kämen wir hin, wenn ich mich rechtfertigen müsste, ich habe die Macht, basta.

Das meiste, was über mich gesagt wird, ist sowieso nur Propaganda und üble Nachrede. Und wenn schon einer von Schuld reden will, bitte - schuld an dieser Geschichte sind diese Leute aus dem Osten, die Sterndeuter. Wenn sie mir das eine Kind genannt hätten, dann wären die anderen verschont geblieben. So hatten wir es vereinbart. Aber sie haben mich ausgetrickst. Und das kann ein König nicht mit sich machen lassen.

Ach, reden wir nicht mehr davon.

So, stelle ich mir vor, würde Herodes zu uns sprechen.

Und ich, wenn ich mir meine Weihnachtskrippe anschaue - ich überlege mir, ob er nicht doch dazu gehört, dieser machtbewusste, grausame König. Das Kind, das da liegt, ist nicht in eine heile Welt hinein geboren worden. Gewalt und Unrecht, Grausamkeit und Elend, die sind von dieser Welt, und in diese Welt ist das Kind in der Krippe gekommen.

Später wird es sich mit den Großen anlegen. Sie werden ihm noch einmal ihre Macht zeigen und ihn töten lassen.

Und wir heute - wenn wir nicht eine Ahnung davon hätten, dass dann etwas geschehen ist, das alles auf den Kopf stellt, dann würden wir ganz gewiss nicht Weihnachten feiern, denn dann wäre von diesen alten Geschichten nichts überliefert worden. Doch wir Christen glauben, dass Jesus den Tod überwunden hat. Und deshalb hoffen wir, dass Leute wie Herodes, dass Gewalt und Unrecht nicht das letzte Wort behalten.

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Überall stehen sie nun wieder an den Weihnachtskrippen: Das Jesuskind, Maria und Josef, die Hirten und die Könige. Sie stehen in den Kirchen, in den Schaufenstern und daheim unter dem Weihnachtsbaum.

Sie sind uns vertraut wie die alte Geschichte, die an Weihnachten erzählt wird.
Aber wie wäre das, wenn wir sie mal fragen würden, wie das war, damals?
Maria zum Beispiel.

Einen blauen Umhang trägt sie, darunter ein rotes Kleid. So gehört es sich. Blau für den Himmel, Rot für die Königin, denn so wird sie ja genannt: Himmelskönigin. Verehrt wird sie, angebetet, als Schutzpatronin angerufen.

Was haben sie nur aus dir gemacht, Maria?, würde ich sie gern fragen. Wie du so an der Krippe kniest, bist du doch erst mal nur ein junges Mädchen, 14, 15 vielleicht, in diesem Alter hat man euch verheiratet, vor 2000 Jahren im Orient...., doch das bist du ja gerade noch nicht, Maria, verheiratet, aber ein Kind hast du bekommen, das schon, und dein Freund war sich von Anfang an sicher, dass er jedenfalls nicht der Vater ist.

Ihr habt eine weite Reise hinter euch, das Kind hast du in eine Krippe gelegt, heißt es, weil es sonst keinen Platz gab für Leute wie euch. Also in einem Stall, oder einer Felsenhöhle, bei Ochs und Esel.

Hast du Angst gehabt, war die Geburt schwer, wer hat dir geholfen? Das würde ich dich gerne fragen, Maria, denn davon steht nichts in der Bibel.

Aber dass du dir alles gemerkt hast, heißt es, alles, was dann geschehen ist, das mit den Engeln und den Hirten, dass du das alles in deinem Herzen bewahrt hast. Das steht in der Geschichte, die noch heute auf der ganzen Welt bekannt ist. Das kann ich mir vorstellen, so etwas vergisst man nicht. Und du wirst das dann auch gebraucht haben, später, als es schwierig geworden ist mit diesem Sohn. Er ist seinen eigenen Weg gegangen. Bis ans Kreuz. Das hätte sich in dieser Nacht niemand vorstellen können.

Hast du verstanden, was da geschieht? Das würde ich dich gerne fragen, Maria. Aber vielleicht muss man ja gar nicht alles verstehen. Du hast es offenbar so hingenommen. Ach, hingenommen klingt zu schwach. Und schwach, das warst du nicht. Du hast es nicht hingenommen, du hast geschehen lassen. Mir geschehe, wie du gesagt hast - das war deine Haltung. Als der Engel das Kind angekündigt hat, und vielleicht auch später, als alles so schwierig wurde.

Du hast Gottes Willen geschehen lassen. Und deshalb konntest du so mutig sein und so stark. Und Gott? Der hat so jemanden gebraucht wie dich, Maria. Gott hat einen Menschen gebraucht für seinen Plan, eine Frau, die darauf vertraut, dass das geschieht, was er gesagt hat. Rot und blau, königliche Farben, sie passen zu dir.

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„So ein unmögliches Mädchen! Nie mehr kauf ich in dem Laden ein!" Erika ist richtig geladen. Sie war beim Einkaufen und hat sich offenbar geärgert.
Erwin schaut von der Zeitung auf. „Was ist mit dir los?"
„Ach", sagt sie, „ich hab doch diese Saftpresse gekauft, mit dem Hebel, so zum Runterdrücken, das Geschenk für deine Nichte zur Hochzeit, dieses teure Teil, das so schön aussieht, aber total unpraktisch ist. Weil der größte Teil von der Orange gar nicht ausgepresst wird, und das kann ja nicht der Sinn der Sache sein, also war ich in dem Geschäft und hab gefragt, ob es da noch einen anderen Einsatz gibt, einen größeren, aber die Verkäuferin war einfach unmöglich."
„Ja, hat sie dir keine Auskunft gegeben oder was", fragt Erwin.
„Ach, dieses junge Ding hat offenbar keine Ahnung von den Sachen, die sie da verkauft. War ganz kurz angebunden, hat ein bisschen im Katalog rumgeblättert, aber ohne genau hinzuschauen, und natürlich nichts gefunden. Und ich hab dann gefragt, ob andere Kunden sich schon beklagt hätten. Nein, hat sie gesagt, davon weiß sie nichts. Und dann hab ich gesagt, dass ich für so viel Geld etwas Besseres erwarte, und sie kichert bloß."
„Was hast du denn erwartet?", fragt Erwin.
„Ach, irgendwas halt. Dass sie sagt, dass es ihr leid tut oder dass sie die Kollegin fragt, ob die Bescheid weiß, irgendwas halt. Dass sie mich als Kundin mit meinem Ärger nicht einfach so stehen lässt."
Erika ist so sauer, dass sie daran denkt, sich zu beschweren. „So geht man mit mir als Kundin nicht um."
Jetzt wird Erwin aufmerksam. „Eine junge Verkäuferin sagst du, eine Auszubildende wahrscheinlich, die halt noch unsicher ist, und du willst dich beschweren? Das könnte ja deine Enkeltochter sein: stell dir doch mal vor, das wäre unsere Lena."
„Ach du liebe Zeit, ja, die Lena", sagt Erika, „die Lena kann genauso pampig und ungeschickt sein, das stimmt."
„Angenommen, das wär' die Lena - was würdest du zu der sagen? So dass sie es kapiert und etwas dabei lernt?"
Erika merkt, wie ihr ganzer schöner Ärger in sich zusammenfällt. Dafür spürt sie einen kleinen Zorn auf Erwin, der sie anscheinend mal wieder erziehen will.
Sie nimmt sich zusammen.
„Na ja, die Lena...: Wenn die pampig ist, dann aus Unsicherheit. Also wenn ich mir das bei der Lena vorstelle...? Ich als Kundin würde ihr vielleicht sagen, dass ich nicht zufrieden bin, aber so, dass ich ihr nicht die Schuld gebe an dem überteuerten, unpraktischen Zeug, das sie verkaufen muss."
Da hat die Kundin sich vielleicht vor allem über sich selber geärgert, weil sie so was Unpraktisches, Teures gekauft hat, will Erwin sagen, aber das lässt er lieber bleiben.

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„Nein Oma, das ess' ich doch nicht", sagt Annika. Jetzt versteht Erika gar nichts mehr. Sie hat das Lieblingsessen der Enkelin gekocht, Fleischküchle mit Kartoffelsalat. Das ist aber leider das alte Lieblingsessen. Erika hat den großen Umschwung in Annikas Leben noch nicht mitbekommen.
„Ich ess' kein Fleisch mehr, Oma, schon seit zwei Wochen, hast du das nicht gewusst?"
Nein, das hat Erika noch nicht gewusst, und jetzt weiß sie nicht, wie sie das finden soll. Sie setzt sich zu der Enkelin und schaut sie an. Dreizehn ist sie geworden und kein Kind mehr.
„Als ich in deinem Alter war", sagt Erika, „hab' ich auch eine Zeitlang kein Fleisch gegessen, weil mir die Tiere leid getan haben."
Annika schaut auf: „Das hat ja dann nicht lang gehalten, dein Mitleid, oder?"
Erika denkt, dass Annika seit neustem ziemlich schnippisch sein kann, aber sie sagt erst mal nichts.
„Ich esse kein Fleisch", sagt Annika, „weil unsere Umwelt darunter leidet. Die Tiere produzieren zu viele Abgase, und mit Getreide und Gemüse bekommt man mehr Menschen satt als wenn das erst durchs Tier hindurch zu Fleisch geworden ist - wenn du verstehst, was ich meine."
Erika denkt, dass Annika wirklich in einem schwierigen Alter ist, aber es gefällt ihr, dass sie sich so viele Gedanken macht.
„Ich denk schon lang", sagt sie, „dass wir weniger Fleisch essen sollten. Einmal in der Woche vielleicht, so wie früher? Da hat das auch gereicht. Ganz darauf verzichten will ich aber nicht, es schmeckt mir zu gut, und es sind ja auch gute Sachen drin, Eisen und so. Ich glaub, der liebe Gott hat das so eingerichtet, dass wir Menschen alles essen können."
„Was hat denn der damit zu tun?", fragt Annika.
„Ach", sagt Erika, „in der Bibel steht: 'Alles was sich regt und lebt, das sei eure Speise.'"
„Jetzt wird's aber schwierig, Oma", sagt Annika. „Da steht doch auch, dass die Menschen für die Umwelt verantwortlich sind, oder nicht?"
„Die Menschen sollen die Natur bebauen und bewahren", sagt Erika.
„Also", sagt Annika, „bewahren, und nicht ausnützen und kaputt machen. Also wär's besser, wir würden auf das Fleisch verzichten."
„Oder weniger davon essen", sagt Erika, „wärst du mit so einem Kompromiss einverstanden?"
„Wenn man es nicht anders kann", sagt Annika. „Von mir aus. Aber wenn man Bilder sieht von den Fleischfabriken, das ist doch einfach eklig und schrecklich."
„Also, das Hackfleisch für die Fleischküchle ist von unserem Metzger", sagt Erika, „und der hat das Fleisch immer vom gleichen Hof, das weiß ich genau."
„Riechen tut's ja gut", sagt Annika. „Aber, nein, so schnell werd ich nicht schwach."

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