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Wenn man genug darüber geredet hat, sollte man gut sein lassen, was war

 Seit einiger Zeit tut Erwin etwas, an das er früher nie gedacht hätte -  er schaut sich gern die alten Fotoalben an. Und er staunt, wie mit den Fotos die Erinnerungen wieder kommen. Bei manchen Bildern wird ihm warm ums Herz. Die ersten Ausflüge mit Erika, sie beide frisch verliebt, die Hochzeit, wie sie da gestrahlt hat. Aber dann, weiter hinten, da ist eins von der Taufe des dritten Kindes, da sieht Erika richtig unglücklich aus. Unglücklich und enttäuscht. Ja, damals hatte er keine Zeit für die Familie. Und das hat er auch täglich zu hören bekommen. Beim Foto der jüngsten Tochter muss er dann trotzdem lachen, da zeigt sich doch wirklich schon etwas von dem Dickkopf, den die heute noch hat. So was hab ich früher nicht gesehen, denkt er. Da geht es dahin, das Leben, und man kriegt so vieles nicht mit. Warum habe ich die Zeit nicht bewusster genützt? Heute würde ich manches anders machen. Erika kommt dazu, wie er so da sitzt. „Ach, das Album", sagt sie. „Wir haben's doch gut gehabt miteinander." „Meistens", sagt Erwin. „Ach, und das Foto von Irene, wie sie so streng guckt, du hast immer gesagt: Den Dickkopf, den hat sie von dir!" Erwin denkt, er hört nicht recht. „Ja, die Irene, mit der hast du dich immer viel beschäftigt. Ach, du warst schon ein guter Vater." „Ich war ein guter Vater? Das sagst du?" „Na ja, viel Zeit hast du nicht gehabt, aber ich hab das immer verstanden mit der Arbeit, das war ja auch für uns." Irgendwas geht hier durcheinander, denkt er. „Ach komm", sagt sie, „guck nicht so. Ich wette, du machst dir gerade deine Erinnerungen schlecht." „Wie - ich mache meine Erinnerungen schlecht?" „Ich kenn dich doch", sagt sie. „Und ich seh dir an, dass du gerade in so einer Stimmung bist, wo du denkst, du warst kein guter Vater. Kein guter Ehemann. Aber das stimmt nicht." „Das stimmt nicht?" „Du warst nicht perfekt", sagt sie, „und ich, ich war das auch nicht. Aber jetzt sind wir alt und können es nicht mehr ändern. Und darüber geredet haben wir ja wirklich genug." „Und gestritten", sagt er. „Ich weiß", sagt sie, „und da haben wir doch gemerkt, dass uns manches leid tut. Dir und mir. Das muss dann auch mal gut sein. Die Zeit, die wir noch haben - um die geht es doch jetzt. Dass wir uns an dem freuen, was jetzt ist. So gut es geht. Und wenn es schwieriger wird, dass wir dann zusammenhalten."

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Es ist nicht so einfach mit dem einfachen Leben

Erwin und Erika sind beim Abendessen. Es gibt etwas Besonderes - die ersten Kartoffeln aus ihrem Garten. Neue Kartoffeln mit Butter, in der Schale gekocht. Ein Festessen, findet Erika. „So was Einfaches, und so gut", sagt sie zu Erwin, als sie sich an den Tisch setzt. Erwin fängt an, seine Kartoffeln zu schälen. Das bringt ihm einen kritischen Blick seiner Frau ein. Soll ich die Kartoffeln jetzt auch noch mit der Schale essen, denkt er, bloß damit ich ihr den Spaß nicht verderbe? Erika spricht weiter. „Wenn es was Seltenes wäre, so wie Trüffeln zum Beispiel, würde man viel Geld dafür bezahlen. Die einfachen Dinge im Leben, die sind es doch, auf die es ankommt. Ein Spaziergang im Wald, am Morgen nach einem Regen..." Erwin denkt, dass sie beide noch nie Trüffeln gegessen haben und dass er sich an einen Waldspaziergang mit Erika an einem Morgen nicht erinnern kann. Erika schwärmt weiter: „Wenn die Amsel am Abend auf dem Dach sitzt und singt, das ist doch schöner als jedes Konzert. Dabei ist sie so ein Allerweltsvogel." Erwin denkt daran, dass er ihr gestern Abend einen Spaziergang vorgeschlagen hat und dass sie dann doch vor dem Fernseher hängen geblieben sind. Was haben sie da eigentlich angeguckt? Er weiß es schon nicht mehr. Aber jetzt muss er auch etwas beisteuern. „Frische Steinpilze", sagt er, „selber aus dem Wald geholt, das ist was!" Erika legt kurz ihre Gabel weg und schaut ihn an. Nie würde sie selbst gesuchte Pilze essen, das weiß er doch. Woher soll sie wissen, ob das ein Steinpilz ist, was er da anbringt, oder was Giftiges? Jetzt ist sie wieder dran: „An einem Bach sitzen, wenn die Sonne scheint. Und man nur das Wasser hört." Wenn ich mich sich ins Gras setzen will, hat sie Angst vor Zecken, denkt er. Jetzt merkt sie, dass etwas nicht stimmt. „Was machst du eigentlich für ein Gesicht?", fragt sie. „Das sind doch alles Geschenke der Natur, gute Gaben vom lieben Gott. Früher hat man das noch gewusst, da hat man viel einfacher gelebt und auch viel gesünder." „Aber wir schwärmen doch nur davon", sagt er. "Was hältst du davon, wenn wir ab jetzt jeden Abend einen Spaziergang machen, egal wie das Wetter ist? Und lass uns doch tatsächlich mal am Vormittag in den Wald gehen statt zum Einkaufen. Und nur noch sonntags Fleisch essen. Warum tun wir's nicht einfach statt nur darüber zu reden?" „Aber doch nicht alles auf einmal", sagt Erika. 

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Ist der schon Weg das Ziel?

„Wann sind wir endlich da?" Erika wird ungeduldig. Sie ist mit Erwin wandern, am Rand der Schwäbischen Alb, und allmählich reicht es ihr. „Bist du sicher, dass wir noch richtig sind?" „Hier kann man sich nicht verlaufen." „Und die Burg hat auch bestimmt auf?" „Das werden wir dann ja sehen." „Wie, das werden wir sehen - wenn die zu haben, dann war's ja umsonst." „Umsonst? Dieser schöne Spaziergang?! Du kennst doch den Spruch: Der Weg ist das Ziel." „Was soll denn das jetzt heißen? Wir wollen doch zu der Burg und dort Kaffee trinken. Deshalb machen wir den Weg." „Nein", sagt er, „wichtig ist, dass wir unterwegs sind. Die frische Luft genießen, den Wald..." „Ja, ich freu mich ja am Wald, aber noch mehr freu' ich mich auf den Kaffee...  Der Weg ist das Ziel, wo kommt der eigentlich her, der Spruch?" „Weiß ich nicht, klingt irgendwie östlich, chinesisch oder so." „Hm", sagt Erika. „könnte das auch ein christlicher Satz sein? Also, wenn man das übers Leben sagt, passt das auch zum christlichen Glauben?" „Warum nicht?" „Hm, beim Ziel, da denke ich an den Himmel, an die Ewigkeit. Und unser Leben jetzt, das ist der Weg. Der Weg zum Ziel. Nicht das Ziel selber. Wichtig ist, was dann kommt." Erwin bleibt stehen. „Aber wir dürfen uns doch freuen am Leben. Sollen nicht einfach nur so durchmarschieren." Erika drängt ihn weiterzugehen. „Jetzt guck dir den Himmel an, es hat schon ganz zugezogen... Also - wenn du sagst: Der Weg ist das Ziel, dann klingt das so, als ob es das gleiche wäre. Weg und Ziel. Dass es nur auf das ankommt, was jetzt ist. Als ob es gar kein Ziel gäbe." „Mir gefällt das", sagt Erwin. „Was kommt, das weiß ich nicht, und mit dem, was jetzt ist, hab ich genug zu tun." „Ich stelle mir vor", sagt Erika, „dass wir am Ende bei Gott sind. Dass da etwas ganz Großes auf uns wartet, aber ganz anders als wir's uns vorstellen können. Oh nein, jetzt fängt's doch tatsächlich an zu regnen. Und wir müssen aus dem Wald raus." Vor ihnen öffnet sich das weite Land, und darüber steht der schönste Regenbogen, den sie je gesehen haben. So schön, dass beide erst mal ganz still sind. Und das ist schade. Denn Erika denkt: Was man auf so einem Weg nicht alles geboten bekommt! Und Erwin sagt sich: Vielleicht hat sie recht. Das ist doch jetzt wie ein Zeichen für etwas ganz Großes.

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Vertrauen gibt es nicht auf Vorrat 

Glauben und Vertrauen gibt es nicht auf Vorrat. Diese Erfahrung hat Erika gerade gemacht. Ihre Ärztin hatte bei einer Untersuchung etwas festgestellt, das nicht ganz in Ordnung war. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es harmlos ist, aber man muss weitere Untersuchungen abwarten. Und die hat Erika jetzt vor sich. Die Wartezeit in der Klinik ist schwierig. Alles ist so fremd. Aber trotzdem hat sie so ein Gefühl, als ob sie beschützt wird. Dass sie nicht allein ist. Sie wundert sich ein bisschen über sich selbst, dass sie so ruhig ist. Aber dann kommt die Angst hoch, und das gute Gefühl ist wieder weg. Was ist, wenn es nichts Harmloses ist, denkt Erika, wenn die Ärztin nachher sagt: Das sieht aber nicht gut aus. Wie werde ich dann damit fertig? Sie versucht zu beten, aber immer wenn sie an das denkt, was kommen kann, schnürt sich etwas in ihr zu. Nach ein paar Stunden hat sie es überstanden. Es ist wirklich alles in Ordnung. Aber sie ist doch sehr nachdenklich, als Erwin sie abholt. Der versteht zuerst nicht, warum sie so ernst ist - jetzt ist doch alles wieder gut. „Weißt du", sagt sie, „ich hab gemerkt, dass mein Glaube ziemlich wacklig war. Mal war er da, und dann wieder nicht. Wie ich da gewartet habe und dann bei der Untersuchung, da war ich eigentlich ruhig. Aber schlimm ist es geworden, wenn ich weiter gedacht habe, wenn ich mir überlegt habe: Was kommt noch alles? Was wird aus dir - zum Beispiel?" „Oh je", sagt Erwin, „meine Erika. Hast du dich wieder verrückt gemacht mit ungelegten Eiern? Keiner weiß, was kommt. Immer so vorausdenken, das bringt doch gar nichts." „Man tut es aber trotzdem", sagt Erika, „und warum? Ich sag dir, warum: Weil man das, was jetzt ist, nicht gelten lässt." „Das verstehe ich nicht. Was lässt du nicht gelten?" „Die Hilfe, die jetzt da ist", sagt sie, „also die in dem Augenblick da war, als ich sie gebraucht habe, die hab ich nicht gelten lassen. Ich hab's doch gespürt, dass ich nicht allein bin. Es  war etwas da wie ein Schutz um mich rum. Aber den hab ich kaputt gemacht durchs Vorausdenken. Es hat mir nicht gereicht, dass Gott jetzt da ist. Ich habe immer daran gedacht, wie es weiter geht, was noch alles kommt. Und dann hab ich nichts mehr davon gespürt, von dem Schutz. Das meine ich. Es gibt doch Hilfe. Aber die ist jetzt da, in diesem Augenblick, nicht auf Vorrat. Und später? Da wird es auch so sein. Hoffe ich."

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Wozu sind Zecken gut?

Ein vollkommener Tag! Da sind sich Erwin und Erika mal einig. Sie schauen von einem Weg am Waldrand weit ins Land. Die Luft ist klar, schon ein bisschen herbstlich. „Zwetschgenkuchenwetter", sagt Erika. Sie setzt sich ins Gras und lädt Erwin ein, sich neben sie zu setzen, so als ob sie beide ein junges Paar wären. Er lässt sich auch nieder, legt sich sogar auf den Rücken und schaut in den Himmel. Der ist tiefblau, wie es sich gehört für einen solchen Tag. „Ach, es ist schon ein Wunder, die Schöpfung", sagt Erika, „ein ganz großes Wunder. Die Äpfel werden reif, und die Walnüsse! Und guck dir den Schmetterling da an! An so einem Tag, da sieht man es doch, wie wunderbar das alles gemacht ist." Nach einer halben Stunde stehen sie auf. Erwin streckt sich, breitet die Arme aus, da sagt Erika: „Moment mal, was hast du da? Oh nein, das ist eine Zecke. Halt, nicht einfach so mit den Fingern rausziehen, dann geht der Kopf ab, warte, man darf nicht zu sehr drücken, sonst kommt das Gift rein in den Körper. Dass das jetzt sein muss!" „Das ist doch kein Gift", sagt Erwin. „Aber man kann krank werden davon. So, und jetzt zerdrück ich dich mit dem Stein, du  Mistvieh." „Das sind Bakterien, und die sind längst nicht in allen Zecken drin. Und gegen das andere, wo man Hirnhautentzündung kriegt, da bin ich geimpft." „Ach ja, und wann war das?" „Zehn Jahre können's schon sein", sagt Erwin, „aber in meinem Alter ist man gegen so was immun." „Das hättest du nur gern so", gibt sie zurück. „Immer machst du dir die Sachen so zurecht, wie du sie gern hättest." Sie gehen eine Weile schweigend, dann sagt Erika: „Was hat sich der liebe Gott nur bei den Zecken gedacht, die sind doch zu gar nichts gut." „Die Schöpfung ist doch nicht nur für uns Menschen da. Alles was lebt, hat sein eigenes Recht zu leben." „Solche Sprüche haben mir grad noch gefehlt. Und überhaupt hättest du dich schon längst mal wieder impfen lassen können. Hab ich dir's nicht ein paarmal gesagt im Frühjahr? Aber nein, auf mich hört man ja nicht." „Ach komm", sagt Erwin, „wir verstehen eben nicht alle Zusammenhänge in der Natur, für irgend etwas sind sie vielleicht doch gut, die Zecken." „Ja, damit es uns nicht zu wohl wird, dafür sind sie gut." „Vielleicht", sagt Erwin, „sind sie dafür da, um uns zu prüfen." „Bitte was?" „Ja, ob wir anfangen, uns wegen so was zu streiten." Da bleibt Erika stehen und fängt an zu lachen.

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'Da wird auch dein Herz sein', so lautet das Motto des 33. Evangelischen Kirchentags, der in dieser Woche in Dresden stattfindet.
„Was soll ich mir dabei denken?", fragt sich Erwin. „Das klingt doch sehr allgemein."
Erika findet das Thema gut. „Das ist es doch gerade", meint sie. „Bei jedem ist es was anderes. Menschen hängen ihr Herz an die verschiedensten Dinge. Und das ist dann das Wichtigste für sie. 'Woran einer sein Herz hängt, das ist sein Gott.' Hat Martin Luther gesagt."
„Sein Herz an etwas hängen...Was soll ich mir da vorstellen?"
 „Na, stell dir vor, jemand ist süchtig, spielsüchtig zum Beispiel. Tag und Nacht denkt er an nichts anderes als daran, wie er zu Geld kommt, damit er weiter spielen kann. Er hat sein Herz daran gehängt und ist nicht mehr frei."
„Das ist ja nun ein sehr extremes Beispiel", wendet Erwin ein.
„Das kommt in den besten Familien vor. Wie jede Sucht. Oder einer denkt nur noch an seine Arbeit, der macht sich irgendwann kaputt. Das ist doch auch nicht gut."
„Na ja, man kann sein Herz doch auch an etwas Gutes hängen, an die Familie zum Beispiel, an ein schönes Hobby. Oder sogar daran, dass man anderen Menschen helfen will. Darf man das auch nicht?"
Erika hat das Gefühl, er will sie aufs Glatteis führen und sagt erst mal nichts. Doch dann fällt ihr etwas ein.
„Vielleicht wird es immer dann problematisch, wenn ich denke, dass ich ohne das nicht leben kann, und alles andere wird dann unwichtig."
Erwin nickt, aber er ist noch nicht zufrieden.
„Es muss doch einen Grund geben, warum man das tut. Warum hängt man sich so sehr an die Arbeit, ans Geld, oder von mir aus auch an andere Menschen?"
„Ich weiß es nicht. Wir Menschen sind eben so."
 „Ich glaube", sagt Erwin, „man tut es, weil man sich an etwas festhalten will. An etwas, das einem eine Bedeutung gibt. Und einen spüren lässt, dass man lebt."
„Das ist ja eigentlich irgendwie menschlich" sagt Erika, „dass man eine Bedeutung haben will. Und spüren will, dass man lebt."
„Ich glaube", sagt Erwin, „am besten spürt man das, wenn man für andere da ist. Oder eine Aufgabe hat. Ohne dass man sich abhängig macht dabei."
Erika holt tief Luft. „Wie ist es dann mit Gott, also dem wirklichen, echten Gott? Dem sind wir doch wichtig, der gibt doch jedem Menschen eine Bedeutung. Der will doch, dass wir füreinander da sind. Dass unser Herz auch für andere schlägt, nicht nur für ihn."
„Wenn das so ist", sagt Erwin, „dann müsste das der richtige Gott sein."

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„Morgen ist Vatertag", sagt Erwin. „Ach, früher hab ich den immer gern gefeiert, mit den anderen losziehen, schön raus in die Natur, eine rote Wurst vom Feuer, ein, zwei Bierchen am Nachmittag..."
Erika kann sich gut daran erinnern, dass „ein, zwei Bierchen" leicht untertrieben ist. Aber weil das schon lange her ist, sagt sie dazu nichts. Widersprechen muss sie ihm trotzdem.
„Himmelfahrt ist morgen, ich finde es schade, dass da kaum noch einer dran denkt, vor lauter Vatertag."
„Himmelfahrt", sagt Erwin. „Ist doch auch so eine Art Vatertag. Jesus geht zurück zu seinem Vater, Gott hat seinen Sohn wieder, Vatertag, sag ich doch, auch für Gott und Sohn."
„Moment - Jesus geht zurück zu Gott, so stellst du dir das vor, die Himmelfahrt?"
„Ja", sagt Erwin, „er war eine Zeitlang als Mensch auf der Erde, und dann ist er wieder zurückgegangen, dorthin, wo er hergekommen ist, zu Gott, also in eine andere - Sphäre, eine andere Wirklichkeit, ach, was weiß denn ich, in den Himmel halt. Jedenfalls weit weg von hier. Denn unsere Welt hier, die ist nicht der Himmel, das ist sicher."
„Du stellst dir vor, er hat sich davon gemacht?"
„Genau, und die Menschen wieder sich selber überlassen, Gastspiel vorbei. Kann man ja auch verstehen, so wie sie ihn behandelt haben."
„Also ich stell mir das anders vor", sagt Erika. „Ich denke: gerade weil er gegangen ist, ist er da."
„Das klingt aber seltsam", sagt Erwin. „Weil er gegangen ist, ist er da?"
„Ja, jetzt ist er für alle da. Damals, da war er für die paar Menschen da, die ihn gekannt haben. Und dadurch, dass er jetzt im Himmel ist, ist er praktisch überall. Der  Himmel, der kann doch überall sein. Nicht nur droben über den Wolken. So wie Gott. Der ist auch überall."
„Du musst aber doch zugeben, dass man davon nicht viel merkt hier auf der Erde."
Was soll man dazu sagen?, denkt Erika. Wenn einer alles so negativ sehen will.
„Das weiß' ich auch", sagt sie, „dass wir keine Engel sind. Aber manchmal kann man ein Stück vom Himmel entdecken. Meinst du nicht?"
 „Ach ja", sagt er, „manchmal, dann wenn alles stimmt, wenn man mal für eine kurze Zeit vergessen kann, was einen plagt - solche Momente gibt es schon. Aber zu selten. Dürfte es viel öfter geben."
„Da hast du Recht", sagt sie. „Das wünsche ich mir auch, dass alles gut ist. Aber -   wenigstens haben wir diese Sehnsucht danach. Und die muss doch irgendwo herkommen. Ich glaube, die kommt daher, dass der Himmel eigentlich ganz nah ist."

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Erikas Enkelin Annika fährt zum Evangelischen Kirchentag. Nach Dresden, mit ihrer Jugendgruppe. Am Mittwoch geht's los. Erika freut sich mit ihr - und sie erinnert sich.
„Weißt du noch", fragt sie Erwin, „wie wir mal hingegangen sind?"
„Oh ja", sagt Erwin, „in Stuttgart damals, 1970 muss das gewesen sein, wir waren gerade verheiratet."
„Das war 1969", korrigiert ihn Erika.
„Von mir aus. Ich weiß aber noch gut, wie skeptisch ich damals war, die Leute dort wollten alle die Welt verändern, dass alles gerecht wird und friedlich, aber ich hab nie daran geglaubt, dass das so leicht geht."
„Du warst ganz begeistert damals", erinnert sich Erika. „Endlich mal sind Leute beieinander, die gemeinsame Ziele haben."
„Hm", macht Erwin, „na ja, wenn man jung ist... Geht es diesmal auch wieder um so was Politisches?"
„Das Thema heißt diesmal: 'Da wird auch dein Herz sein'.
„Aha, und was soll das bedeuten?"
„Das steht in der Bibel. Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz."
„Ja, mein Schatz", sagt Erwin, „das ist ja schön. Mein Herz ist bei dir und soll auch da bleiben, ganz klar, aber ist das nicht zu persönlich? Wo mein Schatz ist und mein Herz, das geht ja eigentlich niemand was an."
„Moment", wendet Erika ein. „Das hast du jetzt aber absichtlich falsch verstanden. Menschen können ihr Herz an alles Mögliche hängen, nicht nur an andere Menschen."
„Ja" sagt er, „ich weiß schon: mein Auto, meine Karriere, meine Frau..., ist das nicht sehr abgedroschen?"
„In der Bibel geht es um den Mammon", sagt Erika. „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon."
„Dem Mammon! Was soll ich mir darunter vorstellen? Der Mammon ist das Geld, das ist mir klar, aber was heißt das, wenn einer dem Geld dient?"
„Na ja, dann ist ihm das Geld das wichtigste, er denkt nur an die materiellen Dinge, was er kaufen kann und besitzen, und vergisst, was sonst noch wichtig ist: die Gesundheit, das Lebensglück. Das kann man nämlich nicht kaufen."
„Ja", sagt Erwin, „du hast ja Recht. Aber ohne Geld geht es auch nicht, dann denkt man die ganze Zeit daran, wie man zu etwas kommt. Unter Mammon stelle ich mir noch was anderes vor. Nämlich eine Macht, die die Welt beherrscht. Keiner kann es mehr kontrollieren, das hat man doch gesehen die letzten Jahre. Und die Menschen lassen sich bestimmen von dieser Macht. Unterwerfen sich ihr geradezu. Ob die Annika dazu etwas hört auf dem Kirchentag? Und ob sie es schon versteht? Da bin ich jetzt richtig gespannt."

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Verliebt sein ist schön. Aber Liebeskummer ist schlimm. Erwin und Erika erleben das gerade bei ihrer Enkeltochter Annika. Erika kann es kaum noch mit ansehen.
Es hat sich nicht viel daran geändert, denkt sie. Immer noch dieses Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt... Außer dass wir es damals mehr für uns behalten haben. Aber vielleicht hat man uns mehr angemerkt, als wir gedacht haben.
„Eigentlich könnte das doch so eine schöne Zeit sein", sagt sie zu Erwin." „Frisch verliebt, da lebt man doch richtig auf. Kannst du dich daran erinnern, dass wir auch mal so waren?"
„Das ist schon sehr lang her", sagt Erwin.
„Ach komm, wir waren auch mal jung, also ich weiß das noch gut, dieses Gefühl: mein Herz gehört nur dir, ich kann ohne dich nicht sein..."
„Ach ja? Und heute ist das nicht mehr so?"
„Hm", sagt Erika, „was soll ich da sagen? Manchmal bin ich ganz gern allein."
„Ach ja?"
„Ich freu mich aber auch, wenn wir dann wieder beieinander sind. Aber manchmal..."
„Manchmal will man auch für sich sein", sagt Erwin. Wir sind doch keine 15 mehr."
„Zum Glück", sagt sie, „Obwohl - schön war's schon."
„Ach, du", sagt Erwin, „dein ist mein ganzes Herz, wo du nicht bist, kann ich nicht sein... Wenn ich das sage, mal nur so probeweise - was spürst du dann?"
„Oh, das ist merkwürdig, es tut mir schon gut, aber dann denke ich: Um Himmelswillen, nein."
„Und warum?"
„Na ja, ich leb' ja nicht ewig", sagt Erika. „Und was ist, wenn...?"
„Da mag ich nicht dran denken", sagt er. „Aber - ja, dann ist es so."
„Eben. Aber nicht nur deshalb. Es hat auch mit der Freiheit zu tun. Ich bin ein freier Mensch, und du auch, und wir beide, also wir gehen unseren Weg miteinander, aber eben nicht das ganze Stück, jeder hat auch einen Teil des Wegs für sich allein. Das gibt mir ein freies Gefühl. Kannst du das verstehen?"
„Das verstehe ich sehr gut."
„Also", sagt Erika, „man soll sein Herz nicht ganz und gar an einen anderen Menschen hängen. Aber wie kann ich das der Annika beibringen?"
„Warum willst du ihr das beibringen?
„Weil sie unglücklich ist, die Annika, und die Schule vernachlässigt und man es nicht mehr mit ansehen kann."
„Liebe Frau", sagt Erwin, „behalte du dein Großmutterherz mal schön bei dir. Die Annika ist auch ein eigener Mensch, lass sie mal ihre eigenen Erfahrungen machen."

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Erwin und Erika bereiten sich auf die Konfirmation ihrer Enkelin vor. „Da gibt's doch dann auch wieder das Abendmahl?," fragt Erwin. „Wieder so drangehängt im Gottesdienst, wenn alle schon auf die Uhr schauen?"
„Nein", sagt Erika, „die wollen das am Samstag Abend machen, extra. Und es soll anders werden als wir es kennen. Auf der Konfirmandenfreizeit haben sie es schon mal ausprobiert. Und was Annika davon erzählt hat, also das hat mir gefallen."
Es war anscheinend ein richtiges Essen. Aber umrahmt von Liedern und Gebeten. Und beim Essen haben sie sich das Brot und den Saft gegenseitig gereicht.
Unser Leben ist wie ein Fest. Wir sind Gott dankbar für alles Gute, das wir bekommen, und wir wollen das weitergeben. So ungefähr hat sich angehört, was Annika davon erzählt hat.
Seither geht das Erika nicht mehr aus dem Kopf. „Mein erstes Abendmahl, das war so ganz anders", sagt sie zu Erwin. „Wir waren alle so ernst, nur eine hat gekichert, aus Nervosität halt. Und ich hab nicht gewusst, was ich jetzt empfinden soll."
„Aber es geht doch vor allem um die Sünden beim Abendmahl", sagt Erwin. „Also, dass man sich überlegt, was man falsch gemacht hat, und dass man Gott um Verzeihung bittet. Und das ist doch eine ernste Sache."
„Ich find's manchmal ein bisschen beklemmend", sagt Erika.
„Ach", sagt Erwin, „so oft gehe ich ja nicht in die Kirche, aber dieser Moment beim Abendmahl, da wo man sich überlegen soll, was nicht in Ordnung ist, den finde ich wichtig... Wann tut man das sonst? Mal ganz ehrlich über sich selber nachdenken. Ich find das gut."
„Ja", sagt Erika. „Aber ich denk manchmal: Gott kennt mich doch, er weiß, ich geb' mir Mühe, warum muss ich dann immer wieder darüber nachdenken, was falsch war."
„Weil diese Dinge, die einen belasten, da sind", sagt Erwin, „und es ist gut, dass man sie sich mal bewusst macht. Also mir tut das gut. Aber ich brauche Zeit und Ruhe dafür. Und wenn ich dann höre, dass Gott mir nichts nachträgt und dass ich neu anfangen kann - dann denke ich: Ja, das könnte ich mir nicht selber sagen, das muss man gesagt bekommen. Immer kann ich es nicht annehmen, aber manchmal schon, und das tut mir auch gut."
„Trotzdem finde ich, es dürfte dabei ein bisschen weniger ernst zugehen", sagt Erika. „Wenn es einem gut tut, dann kann man sich doch auch freuen darüber. Und die Freude zeigen. Und wenn da vom gemeinsamen Mahl gesprochen wird, und dann bekommt man nur ein Stückchen trockene Hostie, und einen kleinen Schluck Wein oder Saft - also, ein richtiges gemeinsames Essen ist was anderes, da finde ich es schön, was die Annika von ihrer Konfirmandenfreizeit erzählt hat."

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