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Was wünschen Sie sich für dieses Weihnachtsfest? Wahrscheinlich auch, was die Engel auf dem Feld von Bethlehem gesungen haben: „Frieden auf Erden!“ Es gibt wohl keinen größeren gemeinsamen Wunsch zum Weihnachtsfest als: „Frieden auf Erden!“ Auf unserer kriegsbedrohten, umweltbebeschädigten Erde mit ihren 70 Millionen Flüchtlingen und vielen kriegerischen Auseinandersetzungen.
In dieser Adventszeit 2015 ist mir ein Gebet vom Arzt und Krankenhausseelsorger Hans von Lehndorff wichtig geworden. Es beginnt so:

Komm in unsre stolze Welt, Herr mit deiner Liebe Werben.
Überwinde Macht und Geld, lass die Völker nicht verderben.
Wende Hass und Feindessinn auf den Weg des Friedens hin.

Frieden ist nur möglich, wenn wir uns nicht von Hass und Rache leiten lassen. Wenn wir uns nicht auf Feinde festlegen. Das gilt in der großen Weltpolitik, im Zusammenleben in unserer Gesellschaft und in unseren kleinen Kreisen. Friedensbemühungen braucht es auf allen Ebenen. Hans von Lehndorff betet für die stolze Welt, aber in den folgenden Strophen auch für unser reiches Land, unsere laute Stadt, unser festes Haus und unser dunkles Herz. Frieden kann nur wachsen, wenn wir, die es gut haben, denen etwas abgeben, die zu wenig zum Leben haben. Und da geschieht bereits viel Erfreuliches. An Weihnachten spenden viele für Brot für die Welt und Caritas.
Für den Frieden braucht es mehr Ausgleich zwischen den Reichen und den Armen in unserem Land. Für den Frieden ist wichtig, dass wir uns nicht abschotten hinter Mauern und Stacheldraht. Oder noch einmal mit den Worten dieses Gebets:

Komm in unser festes Haus, der du nackt und ungeborgen.
Mach ein leichtes Zelt daraus, das uns deckt kaum bis zum Morgen;
Denn wer sicher wohnt, vergisst, dass er auf dem Weg noch ist.

Wir sind alle noch unterwegs. Es macht keinen Sinn, wenn wir uns zu fest einrichten.
Das macht unbeweglich. Ich meine, wir sollten prüfen, was wir wirklich brauchen und was wir abgeben können, weil es unnötiger Ballast ist. Weihnachten erinnert, dass Jesus in großer Armut in unsere Welt hineingeboren wurde.
Mit ihm setzen wir uns für Frieden auf Erden ein und ehren Gott im Himmel wie die Engel

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Eine Million Menschen sind in diesem Jahr als Flüchtlinge zu uns nach Deutschland gekommen. Das sind viele. In unserem Dorf sind es zurzeit 130 Menschen. Die Zahl wird sich bald verdoppeln. Ich bin froh, dass wir mit 70 Ehrenamtlichen die Geflüchteten begrüßt haben und uns um viele kümmern. Kleider beschaffen und Spielsachen für die Kinder. Beim Deutsch lernen helfen. Wir begleiten sie auf Ämter und unterstützen Ehefrauen und Kinder von Geflüchteten bei der Familienzusammenführung.
Ich weiß, viele befürchten, dass wir es nicht schaffen, so viele Fremde aufzunehmen.
Aber ich habe gemerkt: Wer mit den Geflüchteten zusammen kommt, wer sich erzählen lässt, was sie zur Flucht getrieben hat, der stellt sich an ihre Seite.
Vor einigen Tagen hatten wir einen jungen Geflüchteten aus Afrika bei uns zu Besuch. Seine Mutter hat ihm kurz vor ihrem Tod ans Herz gelegt, dass er sich immer zur Kirche halten soll. Kirche ist für alle da, auch für Fremde und Flüchtlinge.
Jetzt steht Weihnachten vor der Tür. Weihnachten ist für alle. Auch für Flüchtlinge. In der Bibel wird die Geburt von Jesus erzählt und gleich danach vom Kindermord in Bethlehem. König Herodes wollte das neugeborene Jesuskind umbringen lassen. Maria und Joseph blieb keine andere Wahl. Sie mussten mit ihrem Kind nach Ägypten fliehen. Jesus war ein Flüchtlingskind. Das gehört zum Kern der
 Weihnachtsgeschichte.
Der erwachsene Jesus hat später mit einem Bild beschrieben, dass die Menschen einmal nach ihrem Verhalten zu den Fremden beurteilt werden. Wenn am Ende des Lebens alles aufgedeckt wird, dann wird er sagen: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ Und wenn dann einer fragt: „Wann bist du mir denn als Fremder begegnet?“ da wird Jesus antworten: Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.“ So hat Jesus den Menschen ins Gewissen geredet.
Ich lasse mir das auch heute sagen. 70 Millionen Menschen sind auf der Flucht, weil sie an Leib und Leben bedroht sind. Oder weil sie keine Chance mehr sehen, in ihrem Land zu überleben. Ich finde: Davor dürfen wir die Augen nicht verschließen. Christen und Christinnen schon gar nicht.

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„Sie müssen etwas zu den Obdachlosen sagen“, hat mir eine Hörerin vor einiger Zeit geschrieben. Es beelendet mich, hat sie geschrieben, wenn ich in der Stadt Obdachlose am Boden sitzen sehe. Viele Menschen gehen an ihnen vorbei. Sagen nichts. Geben nichts. Und manche beschimpfen sie sogar. Ich bin selbst arm dran, stand dann noch in der E-Mail. Aber immerhin habe ich eine warme Wohnung und ausreichend zu essen. Darum gebe ich von meinem wenigen etwas ab.
Wie halten Sie es mit den Obdachlosen? Schauen Sie lieber weg? Gehen Sie an ihnen vorbei? Vielleicht einfach, weil Sie so beschäftigt sind, wie ich auch?
In drei Tagen ist Heiligabend. Da wird in allen Gottesdiensten wieder das Weihnachtsevangelium vorgelesen. Es erzählt von einer hochschwangeren Frau mit Namen Maria und von ihrem Verlobten Joseph. Die waren nach Bethlehem gekommen, weil sie sich dort registrieren lassen mussten. Aber in Bethlehem haben sie kein Zimmer gefunden, in dem sie übernachten konnten. Nur einen Stall.
Und in diesem Stall hat Maria ihr erstes Kind geboren, Jesus. Den hat sie in Windeln gewickelt und in eine Futterkrippe gelegt. Jesus hat sein Leben in einer Notunterkunft
  begonnen. So erzählt es die Bibel. Jesus – sein Name bedeutet: Gott hilft.
Maria und Joseph mit ihrem Kind sind in dieser Nacht nicht allein geblieben. Hirten sind gekommen und haben ihnen Unglaubliches berichtet von einem Engel Gottes. Der hat ihnen zunächst einen großen Schrecken eingejagt. Er hat zu ihnen aber auch gesagt, dass sie sich nicht fürchten müssen. Gott hat seine Menschen nicht vergessen und ihnen seinen Retter geschickt. Der ist in dieser geboren worden und liegt in einer Krippe im Stall ganz in der Nähe. Das hat die Hirten in Bewegung gebracht. Sie haben das eben geborene Kind gefunden und allen davon erzählt. Sie haben begriffen: Hier ist Gott zur Welt gekommen. Er hat uns nicht vergessen, keinen. Auch die nicht, die kein eigenes Zuhause haben.
Ich denke an die Obdachlosen heute. Und ich finde: Wenn Gott selbst in Jesus zu uns gekommen ist, arm und obdachlos, dann kann ich nicht an denen achtlos vorübergehen, die arm und obdachlos sind.

 

 

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Übermorgen werden mehr Leute im Gottesdienst sein als sonst. Da ist Erntedankfest. Der Altar in der Kirche wird reichlich geschmückt sein mit Früchten und Lebensmitteln. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir genügend zum Essen und Trinken haben. Das spüren viele. Bei aller menschlichen Mühe ist es ein Geschenk, wenn wir ausreichend zum Leben haben.
Das haben Menschen schon immer so empfunden. Bereits in einem der Gebete in der Bibel heißt es:
„Aller Augen warten auf dich, Gott, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“ Jedes Jahr zum Erntedankfest wird das wieder neu gebetet.
Alles Lebendige streckt sich nach dem Leben aus, nach Luft und Licht, nach Wasser und Nahrung. Wir leben alle von dem, was wir nicht selbst geschaffen haben. Menschen und Tiere und Pflanzen unterscheiden sich hier nicht. Wir sind alle bedürftige Lebewesen. Vielen Menschen ist das bewusst. Deshalb wollen sie dem Schöpfer für das Geschenk des Lebens, für die Früchte des Ackers und der Bäume danken. Am Erntedankfest sieht man auch viele Kinder im Gottesdienst. Auch sie sollen lernen: Es ist nicht selbstverständlich, dass es uns so gut geht. Gott sorgt für uns. Gott sei Dank.
Aber längst nicht allen geht es so gut. In unserem Land gibt es Arme, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht. Es gibt Kinder, die haben in der Schule kein Vesperbrot und die Eltern haben kein Geld für den Schulausflug. Und die Flüchtlinge, die in so großer Zahl zu uns kommen, haben oft nur das, was sie am Leib tragen.
Ich finde, es ist auch eine Art, seinen Dank auszudrücken, wenn man nicht alles für sich selbst gebraucht. Dankbar Genießen und Teilen gehören zusammen wie Empfangen und Hergeben.
In vielen Kirchen wird am Erntedankfest sicher gesungen:
„Keiner kann allein Segen sich bewahren. Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen.“
In den letzten Wochen geschieht da viel Erstaunliches in Deutschland. Viel Großzügigkeit gegenüber geflüchteten Menschen, die bei uns Schutz und ein lebenswertes Leben suchen. Ich glaube: Mit Gottes Hilfe kann daraus Segen für uns alle werden.

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Erwachsene wollen gern die Größten sein. So war das auch bei den Jüngern von Jesus. Die haben ihn nämlich gefragt: „Wer ist der Größte im Himmelreich?“ Daraufhin hat Jesus ein Kind in ihre Mitte gestellt und gesagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“
Was haben Kinder Erwachsenen voraus, dass Jesus sie als Vorbild in die Mitte von Erwachsenen stellt? Was können wir von ihnen lernen?
Zum einen: Kinder gehen mit ihren Gefühlen ehrlich um. Sie äußern sie unverblümt. Sie können sich gar nicht verstellen. Und dann: Den Menschen, zu denen sie eine gute Beziehung haben, Mutter, Vater, Großeltern, Erzieherinnen, vertrauen sie und verlassen sich ganz auf sie. Der Papa fängt mich schon auf. Ein drittes: Kinder kennen nur Ja oder Nein. Sie taktieren nicht wirklich. Sie sagen es, wenn ihnen das Essen nicht schmeckt. Und wen sie lieben, den lieben sie ganz und wen sie nicht mögen, den meiden sie eben. Kinder sind direkt.
Ich finde: Bei Kindern können wir Erwachsenen in die Schule gehen. Für unser Zusammenleben ist es besser, wenn wir direkter sagen, was wir nicht gut finden, mit mehr Ehrlichkeit und weniger Taktieren. Wir können mehr zu dem stehen, was wir wirklich meinen. Das ist für andere und mich selbst manchmal unbequem, aber jedenfalls weiß der andere, was ich will und was mir wichtig ist. Wie ein Kind will ich auch versuchen anderen einen Vertrauensvorschuss zu geben. Ich will davon ausgehen, dass sie meinen, was sie sagen. Ein Leben ohne Vertrauen ist doch arm.
Zugegeben, als Erwachsener habe ich mehr Erfahrung als ein Kind. Mein Vertrauen ist auch schon  missbraucht worden. Ich weiß, was alles schief gehen kann, wenn ich es wage, etwas Neues anzufangen.
Aber damit kann man es sich auch einfach bequem machen. Unsere Zeit fordert uns heraus, Neues zu wagen, zum Beispiel für das Zusammenleben mit denen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, weil das Leben dort gefährdet oder unerträglich geworden ist.
Von Kindern will ich das Vertrauen auf Gott lernen. Der kann mir Mut und Kraft für das Neue geben.

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Haben unsere Kinder Schutzengel? Ich glaube schon. „Da hat unser Kind einen Schutzengel gehabt“ haben meine Frau und ich gesagt, als unser dreijähriger Sohn mit seinem Bobbycar abwärts, ohne zu bremsen über eine befahrene Straße gefahren ist. Gott sei Dank ist ihm nichts zugestoßen.
So hoffen das auch viele andere Eltern für ihre Kinder. Bei der Taufe suchen deshalb viele als Taufspruch ein Wort aus den Psalmen aus:
„Gott hat seinen Engel befohlen über dir, dass er dich behüte auf allen deinen Wegen.“ (Psalm 91, 11)
Das ist ein selbstverständlicher Wunsch aller Eltern, dass ihr Kind behütet bleibt vor Unglück, schwerer Krankheit und frühem Tod. Meiner Frau und mir ging das auch so bei unseren Kindern und wir hoffen es für unsere Enkel. Wir rechnen mit Schutzengeln. Doch in meiner Zeit als Gemeindepfarrer habe ich manchmal auch Kinder und Jugendliche beerdigt.
Die hat ihr Schutzengel nicht vor dem Tod bewahrt. Warum nicht? Auf diese Frage konnte ich den Eltern keine Erklärung geben. Mit ihnen habe ich überlegt, wie die nächsten Schritte aussehen können. Wir haben miteinander über die Beerdigung gesprochen. Wie soll es weitergehen ohne das geliebte Kind? Ich habe versucht sie zu bestärken, dass Gott auch ihr verstorbenes Kind in seinen Händen hält. Wenn sie es wollten, habe ich mit ihnen gebetet. Ich habe ihnen gesagt, dass ich glaube, dass Gott Ihnen seine Engel zur Seite stellt.
Martin Luther hat auch mit einem Schutzengel gerechnet und ihn  in sein Morgen- und Abendgebet aufgenommen. Beide Gebete schließt er mit den Worten: „Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.“
Das Morgen- und das Abendgebet stehen im Evangelischen Gesangbuch (S. 1202 bzw. 1218). Es ist eine gute Anleitung, um das Beten zu üben. „Denn Gott, hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“.
Wer so betet, soll dann aber auch nicht leichtsinnig mit seinem Leben umgehen. „Fahre nie schneller, als dein Schutzengel fliegen kann“, steht auf manchen Autos. Ich glaube, das gehört auch dazu.

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Heute ist Michaelistag. Am 29. September erinnert die Kirche an einen Engel. Die Bibel nennt ihn Michael und erzählt in anschaulichen Bildern wie er mit einem bösen Drachen kämpft und ihn besiegt.
Für mich ist das eine schöne Vorstellung: Gottes Engel besiegen das Böse. Es ist gut, dass der Michaelistag heute noch daran erinnert.
Das Bild vom Drachen des Bösen, der wütet und mordet, brandschatzt und zig Millionen Menschen in die Flucht treibt, das liefern uns Fernsehbilder jeden Abend ins Haus. Und Menschen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind, sind auch bei uns in vielen Orten angekommen. Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten. An vielen Orten brennt es. Das scheint keiner mehr in den Griff zu bekommen. Was in Syrien geschieht, ist nur noch entsetzlich. Der Drache des Bösen hat viele Gesichter. Diktatoren und Terroristen versetzen Menschen in Angst. Großmächte verfolgen ihre Interessen und die einfachen Leute werden zu Opfern. Und auch aus unserem Land werden Waffen an Staaten verkauft, die sie gegen die eigene Bevölkerung einsetzen.
Da denke ich: Wenn doch nur so ein Engel kommen und das Böse vertreiben würde! Aber so einfach ist es leider nicht. Damals hat Michael den Drachen vertrieben. Aber das Böse steht immer wieder auf.
Für den heutigen Michaelistag hat die Evangelische Kirche deshalb ein Wort aus dem 34. Psalm ausgesucht: „Der Engel Gottes lagert sich um die her, die ihn fürchten und hilft ihnen heraus.“ Das war und ist die Erfahrung vieler Menschen, die sich Gott anvertrauen und mit ihm rechnen. In schweren Zeiten haben sie Gottes Hilfe erfahren.
Ich weiß auch: Nicht allen kann geholfen werden. In den vergangenen Monaten sind Tausende Flüchtlinge umgekommen. Es ist schwer, darüber nicht zu verzweifeln.
Mich erinnert gerade da der Michaelistag: Wir brauchen uns nicht von dem Drachen des Bösen blenden und lähmen lassen. Wir können mit dem lebendigen Gott rechnen und mit seinen Engeln. Wir sollten uns nicht daran hindern lassen, Flüchtlingen beizustehen, so gut wir das können. Auch ich kann mithelfen, dass die Offenheit für die Geflüchteten in unserem Land anhält und die Flüchtlinge bei uns ihren Platz finden.

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Es gibt gute Mächte in unserer Welt, nicht nur das Böse, das einem zu schaffen macht. Davon bin ich überzeugt. Und Sie? Haben Sie auch schon gesagt: Da hatte ich einen Schutzengel? Das hätte böse ausgehen können. Oder, wenn sich eine verfahrene Situation ohne mein Zutun gelöst hat. Oder wenn ich eine sehr schwierige Aufgabe bewältigen konnte. Dann spüre ich, dass es mehr gibt, als ich sehen kann.
Vor 70 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager hingerichtet, weil er im Widerstand gegen Hitler gekämpft hatte. Einige Monate vor seinem Tod hat er zum Jahreswechsel ein Gedicht geschrieben. Er hat es seiner Mutter und seiner Braut gewidmet. Im Evangelischen Gesangbuch ist es vertont als Lied aufgenommen.
Die letzte Strophe gefällt mir besonders gut:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Bonhoeffer wusste nicht, ob er überhaupt noch einmal aus dem Gefängnis frei kommt oder ob man ihn umbringen wird. Da hat er an seine Familie und seine Freunde gedacht. Sein eigenes Schicksal hat er in Gottes Hände gelegt. Das drückt er mit seinem Gedicht in der ersten Strophe so aus:
„Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“
Mit den guten Mächten sind die Engel Gottes gemeint. Die größere Wirklichkeit Gottes. Die kann man nicht sehen und ich kann sie eben so wenig wie Gott selbst beweisen. Trotzdem hat Bonhoeffer sie offensichtlich gespürt, die verborgene Begleitung durch Gott. Mit 39 Jahren wurde er hingerichtet. Seine letzten Worte waren: „Da ist das Ende. Für mich ist es der Anfang.“ Das hat ein Mitgefangener später berichtet.
„Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Ich versuche, mich darauf zu verlassen. Denn dann muss ich mich nicht um mich selbst sorgen und um meine Zukunft. So kann ich mich für andere einsetzen, für meine Enkel und für Menschen, die mich brauchen.

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Manchmal ist es zum Davonlaufen. Da ist ein Streit so eskaliert, dass alles Reden umsonst scheint. Man regt sich übereinander nur noch auf. Dann ist es zum Davonlaufen.
In der Bibel gibt es dazu eine Geschichte. Zwei Anhänger von Jesus sind nach seiner Kreuzigung weggelaufen, von Jerusalem, der Stadt der Hinrichtung, nach Emmaus. Die Kreuzigung von Jesus hat sie maßlos traurig gemacht und enttäuscht. Sie hatten so große Hoffnungen in ihn gesetzt. Aber jetzt ist er hingerichtet worden. Da sind sie weggelaufen. Sie haben sich zurückgezogen.
Aber Jesus hat die beiden eingeholt. Zuerst haben sie ihn nicht erkannt. Der hat sie gefragt, über was für seltsame Dinge sie miteinander sprechen. Dann sind sie stehen geblieben. Sie haben ihm alles erzählt von den letzten Tagen von Jesus in Jerusalem, von seiner Gefangennahme und seiner Hinrichtung und seltsamen Berichten von Frauen, dass das Grab von Jesus leer ist. Sie haben dem Mann, der sie gefragt hat, ihr Herz ausgeschüttet.
Und schließlich sind sie nach Jerusalem zurückgekehrt. Wie es dazu gekommen ist? Zum einen hat der fremde Mann ihnen die Geschichte von Jesu Kreuzigung, Tod und Auferstehung gedeutet. Sein Leben ist ja auch nicht geradlinig gewesen. Es hat Brüche gehabt und ist durch Schwierigkeiten gegangen. Er ist trotzdem nicht davon gelaufen. Er hat an Gott, seinem Vater im Himmel, festgehalten. Der wird zu mir stehen. Der weiß, wie es weitergeht. Davon war Jesus überzeugt.
Und dann hat der Fremde mit den traurigen Jüngern gegessen. Wie Jesus zu seinen Lebzeiten hat er das Brot genommen, ein Dankgebet gesprochen, es gebrochen und es ihnen gegeben. In dem Augenblick haben die Jünger erkannt: Das ist Jesus. Er lebt. Darüber sind sie froh geworden. Das Leben geht weiter. Es hat eine Perspektive. Wir können uns den Herausforderungen stellen. Jesus ist unsichtbar bei uns. Das hat ihnen Kraft gegeben zum Zurückkehren und zum Bleiben. Auch wenn es immer wieder einmal zum Davonlaufen war.
Mir macht die Geschichte Mut. Sie kann mir helfen, dass ich nicht davon laufe, wenn es schwierig wird. Ich rechne damit, dass Jesus sein Versprechen hält: Ich bin bei euch alle Tage.

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Staunen Sie auch hin und wieder über große, alte Bäume? Vor kurzem bei einer Wanderung im Pfälzer Wald habe ich einige dieser Prachtexemplare wieder bewundert. Was für mächtige Stämme und welch ausladende Kronen. Und jetzt im Sommer die Blätter in saftigem Grün. Ein Baum zieht zugleich mit seinen Wurzeln, die im Verborgenen liegen, die Kraft aus der Erde und nährt sich mit dem Blattwerk der Krone von Luft und Licht.
Die großen alten Bäume erinnern mich, dass wir Menschen auch beides  brauchen: die Sehnsucht der Krone, die sich ins helle Licht streckt- und ebenso die verborgenen Wurzeln, die aus der Erde Kraft ziehen. Die geben dem Baum seinen Stand.
Mich erinnert diese Betrachtung zum Baum an das alte Sommerlied von Paul Gerhardt: „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben“. Dort wird ihm der Baum zu einem Bild für sein eigenes Leben und er hat gedichtet:
„Mach in mir deinem Geiste Raum und lass mich sein ein guter Baum,
dass ich dir Wurzel treibe.“
Der Lieddichter rechnet mit Gottes lebendigem Geist, der uns belebt und begeistert. Er öffnet sich nach oben. Er erwartet den Geist Gottes. Er bittet darum. Und gleichzeitig bittet er um die Kraft, dass er tiefe Wurzeln treibt.
Das sollen doch Eltern und Großeltern auch: ihren Kindern helfen, dass sie Wurzeln entwickeln und Sehnsucht nach Licht und Geist Raum geben. Und auch wir Erwachsenen brauchen das, was uns trägt und Halt gibt und das, was uns Freiheit schenkt und ermutigt, dass wir unser Leben wagen. Ich finde das in dem alten Sommerlied und im Betrachten von Bäumen.
Unsere Wanderung im Pfälzer Wald hat uns auch zu einer Burgruine geführt. Dort habe ich dann bei einer alten Zisterne einen sehr gewundenen und zerzausten Baum gefunden. Mit seinen Wurzeln hat er sich an den Felsen geklammert und ist durch kleine Ritzen in die Erde gedrungen. Das hat mich an Menschen erinnert, die unter schwierigen Lebensbedingungen kämpfen müssen gegen Widerstände. Aber sie halten am Leben fest. Auch sie ziehen mit ihren Wurzeln Kraft aus der Erde und strecken sich dem Licht entgegen. Unglaublich, wie manche ihr Leben meistern. Da staune ich genauso wie über manche Prachtexemplare.

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