Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Erika Schulze, von der ich Ihnen heute erzählen möchte, lebte ziemlich isoliert. Sie wurde zunehmend hilflos in ihrer Wohnung, in der sie alleine war. Ihren Beruf als Altenpflegerin musste sie aufgeben. Schließlich ist sie in das Wohnheim der diakonischen Werkstätten gekommen. Und dort sind Fröhlichkeit und Selbstbewusstsein langsam zurück gekehrt. Bald wurde Frau Schulze Mitglied im Heimbeirat. In der Wohngemeinschaft, die sie mit drei Mitbewohnerinnen teilt, kann sie auch ihre Freizeit weitgehend selbständig gestalten.
Ihr Tagesablauf ist überschaubar gegliedert - und das ist eine große Hilfe für sie: Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker. Erika Schulze steht auf. Ein neuer Arbeitstag beginnt. Sie arbeitet in einer Hauswirtschaftsgruppe der Diakonie. An einer Bäckerei und an einer Gärtnerei muss sie vorbei, ehe sie ihren Arbeitsplatz erreicht, die Kantine für viele Werkstätten. Hier arbeiten Menschen mit einer körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigung. Und Erika Schulze hilft in der Kantine bei der Austeilung von Frühstück und Mittagessen.
In den Werkstätten der Diakonie samt Kantine werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefördert und weitergebildet. Dadurch können sie das bewältigen, was es an Aufgaben gibt. Förderung gibt es auch von außen: Die diakonischen Werkstätten haben Aufträge von Firmen und öffentlichen Einrichtungen, zum Beispiel für die Bäckerei, die Gärtnerei und die Landschaftspflege. So können manchmal auch die eine oder der andere in den regulären Arbeitsmarkt vermittelt werden. Und jede und jeder ist sozialversicherungspflichtig - und hat später Anspruch auf eine Rente. Das heißt: Erika Schulze wird nicht alleingelassen. Sie kann nach Kräften ihr Leben eigenverantwortlich gestalten und erhält dabei Unterstützung und Zuwendung.
So bleibt dann sogar Kraft für Träume. Für Erika Schulze hat sich so ein Traum erfüllt. Sie hat sich verlobt mit einem Mitarbeiter der Gärtnerei. Sie haben sich im Kirchenchor kennengelernt. Beide werden demnächst eine kleine Wohnung beziehen. Und sie wollen sich gegenseitig unterstützen, um den Alltag zu bewältigen. Ihre Freude ist groß, und sie beflügelt die beiden für den Alltag. Wer mehr Freude am Leben hat, der tut sich leichter. Und auch die mit den großen und kleinen Schwächen können dann oft mehr, als sie selber für möglich halten.
Es versteht sich in unserem Land von selbst, dass die Menschenwürde unantastbar ist, wie es das Grundgesetz sagt. Das heißt auch: Wo Menschen nicht so können, wie sie wollen, hilft die Solidargemeinschaft. Es ist ja auch biblischer Grundsatz, dass die Starken die Schwachen schützen und stützen.

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig". So wird in der Bibel beschrieben, was geschieht, wenn Gott selbst den Menschen nahe kommt. An Jesus kann man sehen, wie das ist. Er ist in aller Schwachheit in diese Welt gekommen. An Weihnachten haben wir wieder davon erzählt, von der armseligen Geburt unter lauter Menschen, die schwach waren und Hilfe brauchten. Dort ist Gott Mensch geworden, damit wir menschlich werden. Er will bei denen sein, die schwach sind. Das ist das Gegenteil von dem, was Menschen in dieser Welt erwarten. Auch die Jünger Jesu haben das häufig nicht verstanden. Seine Nachfolger wollten lieber in den Himmel. Aber Jesus zieht sie auf die Erde. Hier ist Euer Ort, sagt er ihnen und uns. Weil Glaube und Liebe zusammengehören.
Daher gibt es heute diese wunderbaren Dienste und Werkstätten von Caritas und Diakonie und vielen anderen. Eben um sich Menschen zuzuwenden, die besondere Begleitung brauchen. Das kostet Zeit, Kraft und Geld. Viel berufliche Erfahrung und Einsatzfreude. Und vor allem Mitleidenschaft darf nicht fehlen. Der Glaube muss ja mit Lust und Liebe an's Werk gehen. So sagt es Martin Luther, der große Reformator. Und er fügt hinzu: Das Lastentragen füreinander ist Arbeit an der Welt, wie Gott sie haben will. Damit auch die Schwachen auf Gott vertrauen können, brauchen sie Helferinnen und Helfer, die ihnen seine Nähe und Begleitung erfahrbar machen.
Ich bin davon überzeugt, dass jede und jeder von uns dazu etwas tun kann - nicht nur beruflich, sondern auch im ehrenamtlichen Einsatz. Dass wir an unserem Ort aufspüren, wo wir Menschen in Not beistehen können. Wenn Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist, dann reicht es nicht, dass wir es sagen oder schreiben oder predigen. Dann muss es durch uns auf die Erde - und es muss in unsere Herzen. Ich bin sicher, dies verändert unsere Welt.
Herz und Mund und Tat und Leben muss von Christus Zeugnis geben. So hat es Johann Sebastian Bach in einem seiner Choräle besungen. Dass wir aufspüren, was unser Zusammenleben zusammenhält. Dass die Liebe nicht untergeht. Dass Leben gelingt und keine und keiner verlorengeht. Erika Schulze kann auch ein Lied davon singen - hoffnungsvoll und selbstbewusst. Liebe ist vielleicht nicht alles, aber ohne Liebe ist alles nichts. So beschreibt die Bibel die großartige Chance unseres Lebens: „Gottes Kraft - in den Schwachen mächtig". Diese Aussicht gibt Menschen wie Erika Schulze Mut und Hoffnung - sie kann auch Ihnen und mir Lebenskraft geben. Denn schwach und hilfebedürftig wird jeder einmal. Aber dann ist Gott nahe und gibt neue Kraft.

Ich wünsche Ihnen ein liebevolles und hoffnungsvolles Jahr 2012.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12147

Ich möchte Ihnen heute Morgen von Peter erzählen. Peter ist in Kranichstein aufgewachsen, das ist ein Stadtteil von Darmstadt, wo die Hochhäuser besonders hoch sind und die Grünflächen kleiner als anderswo. Peters Mutter hat fünf weitere Kinder. Sein Vater hat die Familie verlassen, als Peter ein Jahr alt war. Danach hatte die Mutter mehrere Partner, aber keinen konnte Peter richtig liebhaben. Bei keinem hat er sich wirklich zu Hause gefühlt. Peters Mutter ist selbst in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen. Als Peter zur Schule kam, wurde seine Mutter alkoholkrank.
Bereits ganz früh musste Peter erleben, wie seine Mutter und ihre Partner ihre Auseinandersetzungen mit Gewalt zu regeln versuchten. Gewalt gehörte für ihn zum Alltag. Er hat gelernt: Wer sich nicht mit allen Kräften wehrt, geht unter. Bald wurde Peter auch selbst gewalttätig. Er demolierte die Wohnung bereits mit acht Jahren und die Mutter war nicht in der Lage, angemessen zu reagieren.
Nach der Grundschule kam Peter auf eine Schule für Lernhilfe, weil er verhaltensauffällig war, wie der Schulpsychologe sagte. Mit neun Jahren kam er in ein Kinderheim, weil das Jugendamt die Mutter für überfordert hielt. Vier Jahre später wollte er unbedingt nach Hause - zurück zur Mutter und zu den Geschwistern. Er ging wieder in eine Schule für Lernhilfe, dann berufliche Schule. Mit vierzehn Jahren wurde er wegen schwerer Körperverletzung zu einer Jugendstrafe verurteilt. Das bedeutete für ihn: Vierzig Arbeitsstunden und acht Monate Jugendarrest auf Bewährung.
So kam Peter in eine Jugendwerkstatt der Diakonie, um sich zu orientieren und um sich auf einen Ausbildungsberuf vorzubereiten. Als er einem anderen in der Jugendwerkstatt das Frühstücksbrot stahl, kam es zu einer Schlägerei. Und als er einmal in der Werkstatt durch einen Holzsplitter getroffen wurde, schlug er auf den Verursacher blindwütig ein. Aber immerhin konnte er den Hauptschulabschluss machen.
Wenn ich an Jungen wie Peter denke, kommt mir das Lied von Jürgen Werth in den Sinn: „Vergiss es nie: Dass du lebst, war keine eigene Idee" und weiter heißt es: „Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur... ganz egal, ob du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur. Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu". Und dann scheint mir: Bei Peter ist dieser geniale Gedanke Gottes noch ziemlich verschüttet. Er braucht Hilfe, dass er heraus kommen kann. Er braucht Hilfe, damit er es selber spüren kann: Ich bin ein prima Gedanke Gottes. Erst wenn er das selber begreift, scheint mir, kann er sich auch entsprechend verhalten.

Keine Frage, Peter braucht Menschen, die ihn als Person annehmen, die seine Stärken fördern, auch wenn sie sein Verhalten nicht akzeptieren können. Peter muss spüren können, dass Menschen ihn nicht beiseite schieben oder ihm gegenüber gleichgültig sind. Er muss erleben: Ich bin ein ganz besonderer Mensch. Vielleicht kann er dann auch andere in ihrer besonderen Art akzeptieren und freundlich mit ihnen umgehen.
Junge Menschen wie Peter brauchen eine Perspektive. Sie brauchen Menschen, die ihnen beistehen. Die sich für sie interessieren - nicht nur für ihre Leistung, nicht nur für ihr Fehlverhalten, wenn es zu spät ist. Das ist doch ganz klar: Peter sehnt sich nach Anerkennung, nach Gemeinschaft, die gelingt, nach Menschen, die ihm vertrauen und die ihm etwas zutrauen.
Die Geschichte des Vertrauens in junge Menschen hat einen Namen: Johann Hinrich Wichern aus Hamburg. Er ist der Vater der modernen Diakonie. Im 19. Jahrhundert sah er in den Armenvierteln von Hamburg, wie sehr junge Menschen Zuwendung und Bildung brauchen, um eine gute Zukunft zu haben. Er provozierte das fromme Bürgertum von Hamburg mit der Frage: Glaubt ihr nur an einen hölzernen Christus? Seht ihr nicht, wie die Leute mit ihren Kindern wohnen, in welchen Löchern sie hausen müssen? Und wie sie über euch lachen, wenn ihr über Gott, Volk und Vaterland daher redet?
Von Wichern können wir Christen bis heute lernen: Wenn euch Gottes Liebe so viel bedeutet, dann geht doch in die dunklen Ecken eurer Stadt. Da, wo Familien nicht weiterwissen. Wo Menschen trotz harter Arbeit arm sind. Wo Jugendliche wenig Perspektiven haben. Wo aus Kindern armer Eltern wieder arme Eltern werden. Hier seid ihr gefragt, ist euer Glaube gefragt, ob er Beine bekommt, ob er geerdet ist. Ob Liebe zum Tatwort eures Glaubens wird.
Ich wünsche mir, dass wir alle, dass unser Land hellhöriger wird, damit junge Menschen Zuwendung und Vertrauen erfahren. Nicht nur in der Familie und in der Schule, aber dort auch. Dass junge Menschen eine Ausbildung bekommen, damit sie eine Perspektive haben. Besonders Jungen wie Peter werden nur dann einen Weg zu einem friedlichen Miteinander finden, wenn sie Menschen haben, die ihnen Vertrauen schenken. Dafür, finde ich, kann man gar nicht genug tun: Da ist die Politik gefordert. Aber Sie und ich, wir müssen das unterstützen. Sonst wird nichts daraus.
Vor einiger Zeit habe ich gehört: Es ist eine gute Jugend, die sich in unserer Gesellschaft entwickeln will. Es sind ja unsere Kinder und Enkel. Und vor allem - Peter und sie alle sind Gottes gute Schöpfung.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10849

Die Welt hat sich in den ersten Monaten dieses Jahres so sehr verändert, wie kaum zuvor in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Hoffen und Bangen liegen dicht beieinander, sowohl im Nahen Osten wie auch in Japan.

Teil I
Ich kann mich noch gut entsinnen: Vor Jahrzehnten saß ich in einem Passagierflugzeug von Phnom Penh nach Saigon, den Hauptstädten Kambodschas und Südvietnams. Es war 1974, als der Vietnamkrieg dem allzu langsamen Ende zuging. Ich war seinerzeit Flüchtlingshelfer im Kriegsgebiet. Plötzlich gab es einen lauten Knall im Flugzeug. Unsere Maschine wackelte. Die Passagiere bekamen Angst: Rosenkränze wurden herausgeholt. Es wurde laut gebetet - in allen Sprachen und Religionen. Manche hielten die Hände nach oben. Andere weinten und hielten sich bei der Hand. Ein junges Mädchen versuchte die Mutter zu trösten. Mir selbst fiel ein die Zeile aus dem Psalm, der mein Kindergebet war: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück".
Es dauerte nur wenige Minuten, da kam der chinesische Copilot von vorne und sagte zu uns Passagieren: „Ja, es war ein Raketensplitter, der unser Flugzeug berührt hat. Wir werden die Maschine sicher landen. Bitte haben Sie keine Angst". Der Copilot versuchte, uns zu beruhigen. Aber wir alle im Flugzeug, inzwischen eine Gemeinschaft zwischen Hoffen und Bangen, waren trotzdem sehr ängstlich. Heute weiß ich nur: ich durfte weiterleben. Seit dieser Zeit ist das Leben für mich ein ganz großes Geschenk, wie ich es vorher nie empfunden hatte.
Wenn ich auf die letzten Wochen schaue, dann denke ich wieder an damals. Die Welt hat sich binnen kurzer Zeit gewandelt. Nichts ist so wie vorher. Ich glaube, wir erleben eine Zeitenwende. Mein Erleben damals im Flugzeug war ja geprägt davon, dass ich aufatmen konnte: Gott sei Dank, ich lebe noch. Geblieben ist mir seit damals die Erfahrung, dass es hilft, in Angst und Not zusammenzurücken. Und dass es gut ist, im Gebet Gottes Nähe zu erfahren. So geht es mir auch, wenn ich den Aufbruch im Nahen Osten vor Augen habe. Ich bin ganz gewiss, dass Gott die Welt und unser Leben in seinen Händen hält. Ehrlich gesagt, kaum jemand wollte sich vor kurzem so viel hoffnungsvolle Demokratiebewegung mitten in der islamischen Welt vorstellen. Ich hoffe und bete, dass die Menschen dort einen guten Neuanfang finden.
So eine Zeitenwende ist dazu da, innezuhalten und danach zu fragen: Was kann ich tun, um mein Leben neu zu gestalten? Wie kann ich dazu beitragen, Lebenswichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden? Zum Beispiel: Wie kann es auch durch mich geschehen, dass unsere Welt und unser Zusammenleben friedlicher wird? Dass Feindschaften abgebaut und Vorurteile überwunden werden? Wie kann ich selbst als manchmal ziemlich tiefgekühlter Christ mich auftauen lassen zu leidenschaftlicher Liebe, die auch meine Umgebung spürt und verändert? Ansporn und Ermutigung ist mir dabei die Losung für diesen Passionssonntag aus Psalm 127. Sie lautet: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen".

Teil II
„Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen". Anscheinend hat auch der Psalmbeter Erfahrungen gemacht, die ihn skeptisch machen. Und seine Erkenntnis ist: Gott muss dabei sein, bei dem, was Menschen tun. Sonst läuft alles aus dem Ruder. Sonst gerät alles außer Kontrolle.
Dabei hält der Beter eine tröstliche Doppelbotschaft für uns bereit: Gott allein schafft und erhält unser Leben. All mein Mühen und Sorgen, mein Eifern und mein Ehrgeiz sind vergeblich, wenn es ohne Gott geschieht. Aber Gott lässt uns auch dann nicht allein, wenn - mit dem Psalm zu sprechen - das Haus gebaut ist, seine Schöpfung vollendet ist. Denn weiter heißt es im Psalm: „Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, wacht der Wächter umsonst".
Deswegen ist es aber auch höchste Zeit, nach Gottes Willen zu fragen: ob unser Hausbau stimmt und ob wir einander so behüten, wie der Hüter unseres Lebens es gewollt hat. Die Erfahrungen in Fukushima sind eine bittere Lehre für die ganze Menschheit. Mir kommt es so vor, als ob Gott selber zu uns sagt: Kehrt um. Die Erde gehört Euch nicht. Sie ist nicht Euer Besitz. Sie ist Euch auf Zeit anvertraut, damit sie bewohnbar bleibt. Euer Drang nach Mehr und Billiger und Größer zieht Euch den Boden unter den Füßen weg. Die Technik ist außer Kontrolle. Sie wird zu einer tödlichen Falle. Die Natur wehrt sich. Die Welt gerät aus den Fugen.
Und mir kommt es so vor, dass dies die eigentliche Zeitenwende ist: dass ich das Geschenk meines Lebens neu ausrichte an Gott, dem guten Schöpfer und Hüter meines Lebens. Dass ich auch all das, was ich derzeit nicht verstehe, in seine Hand lege. Weil ich darauf vertraue, dass er alles und auch das Dunkle in Segen wandelt.
An Jesu Leben kann ich ablesen, wie der Segen für mich gemeint ist: Er heilt Kranke, er besucht Verlassene, er tröstet die Verzweifelten, er sättigt die Hungrigen, er bringt Verrückte zur Einsicht. Und selbst ein Wahnsinniger lässt ab von seiner Gewalt. Das ist die neue Welt, die mit Jesus anbricht, die neue Zeit, die mit ihm kommt: Das Grauen, das mich jetzt bedrückt, ist Morgengrauen. Die Verirrten werden behütet. Die Verzweifelten können wieder hoffen. Wer sich selbst aufgegeben hatte, fällt in seine liebenden Hände. Ja, die wunderbare Botschaft der Bibel in dieser Zeit zwischen Hoffen und Bangen lässt mich nicht los: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen, und kein Leid wird mehr sein und kein Geschrei" (Offenbarung 21,4).
Ich wünsche mir, dass ich mich in die werdende Welt Gottes hinein ziehen lasse. Dass ich diese Zeitenwende erfahre als Gottes neue Zeit mit uns und für uns. Dass ich seine Gnade spüre und seine Güte erlebe. Dass ich in den Stürmen der Zeit fest daran glaube: Du, Gott, gibst mich nicht auf. Du verwandelst das Dunkel in Licht. Du lässt mich die Welt sehen, wie sie in deinen Augen gemeint ist - unendlich liebevoll und hoffnungsvoll. Und in der Not einander tröstend und voller Barmherzigkeit. Ja, der uns behütet, schläft nicht.
Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10375

Vor einhundert Jahren, im Sommer 1910, starb Florence Nightingale, die Pionierin der modernen Krankenpflege

 

Teil I
Oft hört man, ein einzelner könne doch gar nichts machen, gegen das Elend in der Welt, gegen Unglück, Hunger und Leid. Eine junge Engländerin hat im 19. Jahrhundert das Gegenteil bewiesen. Von ihr möchte ich heute Morgen erzählen.
Florence Nightingale wurde 1820 in Florenz geboren und wuchs als Tochter einer wohlhabenden Familie in der Nähe von London auf. Für ein Mädchen ihrer Zeit genoss sie eine ungewöhnlich breite Bildung - vom Studium fremder Sprachen bis zur künstlerischen Erziehung. Aber in der Nachbarschaft des familiären Landsitzes wurde sie auch mit den unwürdigen Lebensbedingungen der Arbeiter und Kleinbauern konfrontiert. Im Zuge der Industrialisierung war viel Elend und Ungerechtigkeit entstanden.
Das wurde für die junge Frau zum Anstoß. Sie wollte, sie musste etwas tun: Gegen das Elend und für diese armen Menschen. Florence Nightingale kümmerte sich um hilfsbedürftige und kranke Menschen unter den Ärmsten. Gegen den Widerstand ihrer Eltern erlernte sie Krankenpflege. Die Krankenpflege galt bis dahin als niedrige Tätigkeit, die von Frauen aus der Unterschicht ausgeübt wurde. Aber Florence ließ sich nicht beirren. Sie hatte erkannt, dass man die Pflege verbessern musste, wenn man den Menschen helfen wollte. Man erlaubte ihr schließlich, bei Theodor Fliedner in der Kaiserswerther Diakonie bei Düsseldorf eine mehrmonatige Ausbildung zu machen. Dort erwarb sie sich viel Fachwissen über Struktur und Arbeitsprozesse in den Krankenhäusern.
Ihre große Bewährungsprobe war der Krimkrieg in den Jahren 1853 - 1856. Die Briten unterhielten in einer alten Kaserne in Skutari bei Istanbul ein Lazarett, in dem die Verwundeten und Cholerakranken auf schmutzigem Boden lagen. Sie hatten nicht einmal das Nötigste, weder Trinkwasser noch Medikamente noch Verbandsstoffe noch Decken und Betten. Operationen wurden ohne Betäubung durchgeführt. Die Presse alarmierte die britische Öffentlichkeit.
Florence Nightingale ging mit 38 Pflegerinnen in das Kriegsgebiet und organisierte die Pflege - von der Sauberkeit an den Krankenbetten bis zur Hygiene am Operationstisch. Bei ihren nächtlichen Runden durch die Krankenzimmer trug sie eine kleine Lampe bei sich. Dies machte sie berühmt als „Lady with the lamp".
Nicht nur der Krankenpflege durch dafür gut ausgebildete Frauen verhalf sie zum Durchbruch. Auch die Gründung des Roten Kreuzes durch Henri Dunant geht auf ihre Anregung zurück. Und seit dieser Zeit, genau seit 1864, gibt es auch die Genfer Konventionen, um Verletzte in Kriegsgebieten verlässlich zu versorgen. Dies alles hat eine einzelne junge Frau angestoßen - weil sie sich nicht beirren ließ und helfen wollte. Es ist nicht wahr, dass ein einzelner nichts tun kann. Und immer fängt es klein an. Ein Kranker, der Beistand findet, ein Armer, den ich unterstütze: das ist viel und macht die Welt ein bisschen heller. Wie die Lady mit der Lampe es tat.

Teil II
Es gehört zu den Grundlagen christlichen Glaubens, dass Krankheit und Leiden nicht abgeschoben und ausgegrenzt werden, dass der Schmerz keine Privatangelegenheit der Betroffenen bleibt. Sondern - „wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit" (1. Kor. 12,26). Krankenpflege gehört daher von Anbeginn zur christlichen Gemeinde dazu. Solidarisches Mitleiden ist praktisches Kennzeichen des christlichen Glaubens.
Florence Nightingale hat aus ihrem Glauben heraus beides auf den Weg gebracht: die Organisation von Verwaltung und Pflege in den Krankenhäusern und die öffentliche Anerkennung von Ausbildung, Tätigkeit und Besoldung der Krankenschwester. Darin war sie schließlich sogar eine Wegbereiterin der Berufstätigkeit von Frauen.
Seit damals gibt es keine Missionsstation in der Dritten Welt, in der nicht zumindest eine Krankenstation vorhanden gewesen wäre. Sich vom Schmerz der Kranken berühren lassen und helfen und lindern, wie Jesus es getan hat - das gilt bis heute weit über die christlichen Kirchen hinaus, von Amerika bis Pakistan.
Aber auch Angehörige und Nachbarn helfen einander. Es ist ein nicht zu unterschätzendes Wunder in unserem Land, dass 75 Prozent der Pflegebedürftigen zuhause gepflegt werden. Viele Angehörige und Nachbarn opfern sich dabei auf - und wieder sind es zuerst die Frauen, die dabei für die ganze Gesellschaft vorbildlich sind.
Dass es heute gemeindenahe und ambulante Krankenversorgung durch Diakonie- und Sozialstationen gibt, dass in Krankenhäusern Pflege, heilendes Handeln und Seelsorge zum Standard gehören, dass die Pflegeberufe trotz schwieriger Arbeitsbedingungen ein sehr hohes Ansehen haben - das geht auf Persönlichkeiten wie Florence Nightingale zurück, die Lady with the lamp. Heute tun viele voller Aufopferung diesen Dienst - in Pflegeeinrichtungen, in Diakonie- und Sozialstationen und in Krankenhäusern. Sie kennen keinen Sonntag, sie tun Dienst Tag und Nacht, sie sind zur Stelle, wenn sie gebraucht werden. Wie wäre es um die Menschlichkeit unserer Gesellschaft bestellt, wenn es sie nicht gäbe - die Krankenschwestern, Pflegerinnen und Pfleger, eben zu 80 Prozent Frauen.
Wir haben allen Grund dankbar zu sein - für die Lady with the lamp und allen, die es ihr gleichtun. Männer und Frauen, die sich einsetzen, damit unsere Welt ein menschenfreundliches Gesicht behält.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8983
Teil I
Heute ist die Abschlussfeier der Olympischen Spiele in Vancouver. Zweieinhalb Wochen lang konnten wir die Leistungen der Spitzenathleten bewundern. Mit ihren Rekorden kön-nen sich viele identifizieren. Ich kenne viele, die bei ihnen ihren eigenen ersehnten oder auch verpassten Möglichkeiten nachträumen. Die olympischen Tugenden des „immer schneller, weiter und höher“ wecken die Wünsche vieler Zuschauer, immer neue Grenzen zu überschreiten. Sie nähren die Träume nach der besten aller Welten. Doch auch dies-mal war es wieder zu erleben: Diese olympische Leistungsschau hat ihren Preis, sie for-dert ihre Opfer. Der Kampf gegen das Doping wird immer dringlicher und komplizierter. Überzogene Wettkampfbedingungen haben sogar ein Todesopfer gefordert. Zahllose Sportinvaliden lassen es nicht länger zu, die Risiken dieser „Kämpfe“ nur zu diskutieren. Mehr Sicherheit im Leistungssport wird deshalb zur Losung dieser Tage.

Viele nennen unsere Gesellschaft im ganzen eine „Leistungsgesellschaft“ und sind stolz darauf. Aber gerade bei den Erfahrungen aus dem Bereich des Sports sollen wir aufmer-ken und uns erinnern: Mit dem Leistungsgedanken ist in der Geschichte Europas das Ver-sprechen von Freiheit und Würde verbunden. Denn als es noch Kaiser und Könige gab, waren politische Stellung und gesellschaftliche Macht an Geburt und Stand gebunden. Wer niedrig geboren war, blieb unten. Da war nichts zu machen. Erst im Bürgertum der Neuzeit wurde es möglich, sich mit persönlicher Leistung einen eigenen Platz zu erarbei-ten. Die Stellung in der Gesellschaft war nicht länger an ererbte Güter gebunden. Nein, sie konnte durch eigene Anstrengung und Arbeit geschaffen werden. In diesem Sinne hat Leistung in unserer Kultur dazu beigetragen, dass jeder Mensch sich nach seinen Fähig-keiten und Begabungen entfalten kann.

Aber diese Geschichte hat auch eine dunkle Seite. Wo Leistung zum Gesetz erklärt wird, scheint sich diese Befreiungsgeschichte in ihr Gegenteil zu verkehren. Ungezügelter Wettbewerb führt zur Konkurrenz aller gegen alle. Er lässt die Leistungsstärkeren siegen, und die Leistungsschwächeren bleiben auf der Strecke. Und was am gravierendsten er-scheint: Inzwischen durchdringt der Leistungszwang alle Lebensbereiche. Nur die Starken können sich behaupten. Für die Schwächeren bleibt kein Platz mehr.

Glücklicherweise gibt es noch eine andere Botschaft. Die ist sehr viel stärker und tragfä-higer als jedes Leistungsprinzip. Diese Botschaft lautet: Das Leben ist dir und mir ge-schenkt. Und das musst du dir nicht verdienen. Unabhängig von unseren Leistungen ha-ben wir das Recht zu leben. Gut und erfüllt zu leben. Kein Erfolg und keine Niederlage kann daran etwas ändern.

Teil II
In der Bibel finden wir zum Thema Leistung zwei scheinbar gegensätzliche Geschichten: Jesus kritisiert jenen Tagelöhner, der seine Talente vergräbt, weil er Angst hat, zu versa-gen – anstatt auf Risiko zu gehen und mit seinen Begabungen zu wuchern so gut er kann. Aber Jesus nennt den reichen Kornbauern, der es geschafft und alles erreicht hat, auch einen Narren – warum? Weil der seinen Reichtum nicht zu teilen bereit ist. Seinen Reichtum, den er durch viele Leistungen und womöglich auch manchen Betrug erwirt-schaftet hat. Beide Geschichten helfen mir im Umgang mit meinen Leistungen. Sie lassen mich danach fragen, woher meine Leistungen kommen, was sie kosten, mich und die Menschen, mit denen ich zusammen lebe. Und sie muten mir die Frage zu, wozu meine Leistungen dienen, was ich mit meinen Leistungen erreichen will.

Die Geschichten, die Jesus erzählt hat, erinnern daran, dass unsere Leistungen den Men-schen dienen sollen, denen, die mir nahe stehen und denen, die anderswo Hilfe brauchen auch. Doch auch wir selbst müssen immer wieder daran erinnert werden: Vermutlich je-de Familie kennt die Auswirkungen des „burn-out“, wenn berufliche Anforderungen über den Kopf wachsen. In einer Gesellschaft, die so auf Leistung setzt, ist dies die Kehrseite. Deshalb gilt es zu erinnern: Nur wer die Ruhepausen kennt und feiert, bleibt verschont von den Kräften der Selbstzerstörung, in die uns gerade unsere guten Leistungen treiben können.

Ich finde es deshalb gut, dass den Olympischen Spielen die „Paralympics“ folgen, die Wettkämpfe der Behinderten. Sie stehen weniger unter Rekordzwang. Nicht das „schnel-ler, weiter, höher“ steht im Mittelpunkt dieser Wettkämpfe, sondern das Mitmachen, das sich Begegnen, das gemeinsame Feiern. Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Paralympics ins Zentrum der Öffentlichkeit treten, dann erinnern sie uns daran: Es gibt eine Würde des Menschen, die unabhängig ist von unseren Leistungen. Für mich sind die Paralympics ein Beispiel für jene Tugenden des „langsamer, näher, tiefer“. Sie sind ein Beispiel für gelungene menschliche Begegnungen, ohne die unsere Leistungsgesellschaft zu erkalten und zu zerbrechen droht.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7805
Gesund und leistungsstark wollen wir sein. Was aber ist, wenn wir nicht mehr so können, wie wir wollen. Wenn nicht nur die Kräfte schwinden, sondern auch die Wahrnehmung nachlässt und sich Desorientierung einstellt?

Teil I

Meine Mutter wurde fast 87 Jahre alt. Als sie – ein paar Jahre vor ihrem Tod – in ein Se-niorenheim gezogen war, rief ich sie an. „Sag mal, wie geht es dir da?“ fragte ich sie. „Ach gut, nur Wolfram hat mich nicht angerufen“. Wolfram, das ist ihr Mann, mein Vater, der damals schon fast zwanzig Jahre tot war. So sagte ich: „Mutti, du erinnerst dich, der lebt doch schon lange nicht mehr“. Darauf antwortete sie: „Ja, ich weiß, aber wenigstens anrufen hätte er können“. Irgendwie hat meine Mutter schließlich gemerkt, was los ist, und dann haben wir beide herzhaft gelacht. Am Anfang dachte sie: „Hoffentlich merkt es keiner“. Am Schluss sehen es nur noch die anderen: Wahrnehmungsstörungen, Desorien-tierung und Persönlichkeitsveränderungen. Viele von Ihnen werden das auch schon erlebt haben – bei der Mutter, beim Vater, vielleicht sogar beim Ehepartner: wenn die Erinne-rung sich langsam auflöst und nach und nach die Orientierung verloren geht.

Demenz ist ein schleichender Prozess, der mit kleinen Gedächtnisstörungen beginnt – und in der Folge kommt es erst zu geistigem und dann zu körperlichem Abbau. Voraus-sichtlich jeder Zehnte über 65 Jahre wird irgendwann an Demenz erkranken. Heute sind es in Deutschland etwa eine Million Menschen. Häufig leisten Familien großartige Betreu-ungsarbeit – voller Aufopferung, nicht selten überfordert.

Immer ist man selbst mit betroffen, wenn in der Familie jemand an Demenz erkrankt ist. Es ist schwer, sich abzufinden mit der wachsenden Desorientierung, mit den Persönlich-keitsveränderungen, mit der Hinfälligkeit, vielleicht auch mit den Aggressionsschüben. Das alles tut unendlich weh. Die Würde des Betroffenen zu achten, das ist dann manch-mal nicht einfach. Bisweilen scheint einem der vertraute Mensch ganz fremd.

Ich finde, hier gewinnt das vierte Gebot ungeahnte, ja auch dramatische Aktualität: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden“. Das bedeutet: Du bist verantwortlich. Flüchte nicht, sondern halte stand, auch wenn es weh tut. Dieser Mensch ist und bleibt deine Mutter – oder dein Vater, oder dein Mann, oder deine Frau. Du kennst seine Geschichte.

Dableiben und Standhalten kostet viel Kraft. Deswegen ist Fürsorge so wichtig, nicht nur für die Betroffenen, auch für die Angehörigen. Dabei denke ich an die Kirchengemeinden und die Altenpflegeeinrichtungen, die in Fürsorge, Beratung und Begleitung vorbildlich sind. Es gibt immer mehr Einrichtungen, wo Demenzkranke über Tag betreut werden. Hier wird zum Beispiel das Langzeitgedächtnis trainiert: durch Schwarzweißfotografien von früher, durch Küchenutensilien aus alter Zeit oder durch Musik, die Erinnerungen weckt. Oft blühen die Kranken dadurch richtiggehend auf. Und sie fühlen sich angenom-men und aufgehoben.

Teil II

„An ihrer Seite“ heißt ein Film, der sehr einfühlsam das Schicksal einer Demenzkranken beschreibt. Er erzählt von der 63-jährigen Fiona Andersson, die an Alzheimer erkrankt ist. 44 Jahre ist sie mit ihrem Mann verheiratet – was aber bleibt von der Liebe, wenn die Erinnerung daran schwindet? Fiona Andersson sagt: „Mich plagt das Gefühl, irgendetwas Wichtiges vergessen zu haben, aber ich kann mich nicht erinnern. So verbringe ich halbe Tage damit herauszufinden, was so wichtig gewesen ist“. Genau das ist das Quälende an dieser Krankheit. Man spürt, dass etwas verloren geht – möglicherweise gerade das, was man am anderen so geschätzt hat. Das macht die Betroffenen so traurig und hilflos. Um-so mehr gehört Humor dazu, um alles zu tragen und zu ertragen.

Hollywood nimmt sich mit dem Film „An ihrer Seite“ eines Themas an, das aus der Tabu-zone heraus muss. Wir wissen ja aus vielen persönlichen Begegnungen, dass es hochak-tuell ist: die verwirrte Mutter, die vergessliche Tante, der mürrische Großvater – und die vielen, die es vielleicht noch nicht wahrhaben wollen. Der Film zeigt auch: In Wut und Trauer brauchen wir Halt.

Christlicher Glaube hat es von Anbeginn zu tun mit Schmerz und Leiden. Darin ist unser Glaube sehr realistisch, weil er deutlich macht, dass wir das Leiden nicht entsorgen kön-nen. Und dass es ein Leben ohne Schmerz und Leiden nicht gibt. Aber darin sind wir nicht allein. Die Bibel berichtet uns: Gott wird Mensch und kommt in die Welt ohnmächtig und schwach. Und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns. Gott kommt in aller Schwachheit, um bei uns zu sein in unserer Schwachheit. Er hat die Schwachen und Kranken nicht abgeschrieben, sondern ist ihnen ganz nahe. Ja, sie sind seine Lieblinge, hat einer mal gesagt. Sie wollen durch uns spüren, dass Gott sie nicht aufgibt, sondern dass sie in seiner Liebe geborgen sind.

Schwach sein und Schwäche zeigen – das kratzt natürlich an unseren Lebensvorstellun-gen. Jung und unabhängig wollen wir sein, autonom, selbstbestimmt, selbstverantwort-lich und vor allem erfolgreich und leistungsstark. So beurteilen wir gerne auch die ande-ren. Häufig sind wir verliebt in die eigene Allmacht. Was aber ist, wenn wir nicht mehr so können, wie wir wollen? Wenn wir uns mit Verlust und der eigenen Endlichkeit auseinan-dersetzen müssen, mit der eigenen Grenze und wachsender Abhängigkeit? Vielleicht müssen wir wieder begreifen, dass weder die Welt noch unser Leben unser Besitz sind.

„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ – damit wird im Kern die Aufgabe be-schrieben, Werden und Vergehen, also beides in unser Leben zu einzubeziehen. Denn wir leben ja aus der Gewissheit: Wir können nicht tiefer fallen als in die Hände des uns lie-benden Gottes. Keine Krankheit und keine Demenz kann uns davon trennen. Von Gottes Liebe sind wir umstellt und getragen, so oder so, im Leben und im Sterben. Und diese Liebe ist auch tragfähig über den Tod hinaus – weil wir glauben, dass der Tod nicht das letzte Wort hat und wir auch dann von Gottes Liebe getragen sind.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7118
Teil I
Heute ist Pfingsten und wir feiern Geburtstag. Den Geburtstag der Kirche. Nicht allein die Kirche bei Ihnen Zuhause und nicht allein die Kirche in Deutschland ist gemeint. Nein, an Pfingsten hat die weltweite Kirche Geburtstag. Die Kirche als Gemeinschaft aller Men-schen in allen Nationen und Kulturen, die an den auferstandenen Jesus Christus glauben. Vor vielen Jahrhunderten ist sie entstanden und das feiern wir heute. Damals war es gar nicht sicher, dass es die Kirche je geben würde. Die Freundinnen und Freunde Jesu hat-ten nämlich große Angst. Jesus, dem sie vertraut hatten, war als Staatsfeind hingerichtet worden. Deshalb verkrochen sie sich in ihre Häuser. Sie hatten Angst, dass man sie auch verhaften und einsperren würde. Doch auf einmal kam Gottes Geist über sie. Die Sorge war plötzlich weg und die Hoffnung groß. Wenn sie weiter im Geist Jesu miteinander le-ben würden – dann könnte das Leben neu werden. Dann könnte jeder das haben, was er zum Leben braucht.

Von diesem Gedanken beflügelt gingen sie mutig hinaus auf die Straßen und Plätze. Sie erzählten von Jesus, was sie mit ihm erlebt hatten. Und da geschah es. Viele der Men-schen, die sie hörten, lachten sie nicht etwa aus. Im Gegenteil: Sie ließen sich taufen und kamen zur Gemeinde. Und so war dieses Pfingsten vor knapp 2000 Jahren der Entste-hungstag der Kirche.

In der Kirche ist seitdem viel passiert. Aufopferungsvoll wurden Kranke gepflegt und Sterbende begleitet. Furchtlos wurde versucht, Verfolgte zu schützen und gegen jede Verzweiflung Frieden zu stiften. Millionen haben Gottes frohe Botschaft der Liebe und Jesu Geschichten vom gelingenden Leben gehört.

Nun muss man aber auch sagen, dass es dunkle Zeiten in den vielen Jahren gab. Men-schen haben die Kirche missbraucht, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Man-chen ging es um Macht und Geld. Sie haben so getan, als wären sie Gott. Sie haben be-hauptet, alle anderen Religionen seien zu verdammen. Im Namen der Kirche wurde ge-mordet und verfolgt. Aber es gibt sie trotzdem noch. Weil Gottes Geist immer wieder Menschen beflügelt hat, zu ihm zurück zu finden. Viel Schaden wurde angerichtet. Aber die Liebe, das Vergeben, die Hilfe, sie waren stärker. Deswegen gibt es die Kirche noch heute. Beflügelt von Gottes Geist, offen füreinander, getragen von Gottes Frieden – der höher ist als alle Gewalt. Deswegen können wir heute beschwingt ihren Geburtstag fei-ern.

Teil II
Wenn ich mir die Kirche, unser Geburtstagskind, genauer ansehe, entdecke ich auch, dass die trotz ihres hohen Alters wahrlich nicht von gestern ist. Viele Jugendliche auf der ganzen Welt singen ihre Lieder. Tausende setzen sich auch in unserem Land für ihre Kir-chengemeinden ein. Und für andere Menschen. Aus ihrem Glauben schöpfen sie die Kraft, in Situationen zu gehen, in denen es Menschen schlecht geht. Sie hören zu und packen mit an. Sie helfen, teilen Freude und Leid. Sie wissen: Jesus sprach nicht von Honig und Marmelade, sondern vom Salz der Erde und vom Licht der Welt. Ihr seid es, hatte er ge-sagt. Das wirkt jung und kraftvoll. Gottes Geist ist auch heute noch am Werke, gibt Men-schen Kraft und Hoffnung, verlockt sie zu einem Leben mit Gott.

Ich finde, so ein Rückblick gibt Mut und Zuversicht für das was kommt. Das gilt nicht nur für die Kirche. Das gilt auch für jede einzelne Lebensgeschichte. Und man muss auch nicht Geburtstag haben, um zurück zu blicken. Ich möchte Sie heute morgen dazu einla-den. Wahrscheinlich wird es in Ihrem Leben nicht ganz so extrem zugegangen sein wie in den 2000 Jahren der Kirche. Aber ich bin mir sicher, auch Ihnen fallen manche Geschich-ten ein. Geschichten von Freude und Leid. Von Glück und Schmerz. Vielleicht fallen Ihnen sogar Situationen ein, in denen Gottes Geist erkennbar mitgewirkt hat. Ich denke da an Situationen, in denen Undenkbares geschah – jemand wurde plötzlich gesund oder be-kam frische Kraft, jemand konnte einen neuen Weg gehen oder einem anderen verzei-hen.

So ein Rückblick kann einem neuen Mut geben. Viele schauen in diesem Jahr mit großen Sorgen in die Zukunft. Sie haben Angst und wissen nicht was kommt. Überall ist von Kri-se und von düsteren Aussichten die Rede. Ich lade Sie ein: Schauen Sie zurück und erin-nern Sie sich, wie gut so vieles gelungen ist. Das kann auch Kraft für die Probleme heute geben. So wie wir damals, als alle fast nichts hatten, miteinander geteilt haben – so kön-nen wir auch jetzt denen geben, die weniger haben. So wie für mich damals, als ich krank war, die Nachbarin eingekauft hat – so kann auch ich jetzt jemandem helfen. So wie wir als Familie schon manches miteinander durchgemacht haben – so können wir auch jetzt einander unterstützen.

Gott lässt uns nicht allein. Nicht am Geburtstag und nicht in Krisenzeiten. Er hat die Kir-che in ihrer langen Geschichte nicht verlassen, auch wenn sie manchmal von allen guten Geistern verlassen schien. Sein guter Geist wird auch Sie und mich begleiten in allem, was kommt. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6105
Teil 1
Manche Jahrestage sind fröhlich und ein Grund zum Feiern. Andere stimmen eher nach-denklich.

Vielleicht haben Sie den oscarprämierten Film „Das Leben der Anderen“ gesehen. Er erzählt die Geschichte, wie ein Paar systematisch überwacht und bespitzelt wird. Der Ge-heimdienstmann hört alles, auch wenn sie im Bett liegen. Ein anderer verfolgt sie sofort, wenn sie aus dem Haus gehen. Briefe werden geöffnet, Telefongespräche abgehört. Je länger der Film läuft, desto mehr spürt man eine bedrohlich-beklemmende Atmosphäre. Niemand wird verschleppt oder gefoltert, aber Menschen werden mürbe gemacht. Der eine verzweifelt immer mehr. Die andere tut unter Druck Dinge, für die sie sich später schrecklich schämt. Eine Beziehung wird zerstört. Ein Mensch stirbt.

Heute vor 59 Jahren, am 8. Februar 1950, wurde in der DDR das Ministerium für Staats-sicherheit, kurz: die Stasi, gegründet. Dieser Geheimdienst sorgte vor allem im eigenen Land für Angst und Schrecken. Dort arbeiteten über 100.000 verdeckte Stasi-Mitarbeiter. Der eine schnüffelte im Kollegenkreis, der andere verriet Freunde, ein dritter machte sich in der Schule Notizen. Sie schufen ein Klima des Misstrauens und der Angst. Sie beein-flussten Biographien und brachten Menschen ins Gefängnis. Als Westberliner Kind berühr-ten mich die Schicksale der Verwandtschaft von der anderen Seite der Mauer besonders tief.
Der Film gibt keine Antwort auf die Frage, wie die Stasi-Männer zu ihrer Tätigkeit ge-kommen sind. Manche waren sicher mit gutem Gewissen von ihrer Arbeit überzeugt. Sie wollten in der DDR eine bessere Welt verwirklichen. Andere haben die Macht des Geheimdienstes geschickt genutzt, um eigene Interessen durchzusetzen. Wieder andere wurden erpresst und mit unfairen Mitteln dazu gebracht, für die Stasi zu spitzeln. Die damals Schuld auf sich geladen haben, das waren Menschen wie Sie und ich. Aus Überzeugung oder aus Schwäche, weil sie da hineingeraten sind oder weil sie sich einen Vorteil sichern wollten. So kann es gehen. Mir scheint: Niemand kann sagen, das könnte mir nie passieren.

In Schuld verstrickt zu sein ist das eine, noch wichtiger aber ist: Wie geht man damit um? Viele der ehemaligen Agenten verschwanden nach dem Ende der DDR kleinlaut von der Bühne. Sie wollten nicht darüber nachdenken, ob sie vielleicht etwas falsch gemacht hatten. Sie schoben die Verantwortung ab und sagten: „Wir hatten eben keine andere Wahl.“ Manche hielten ihre Schuld oder die neue Zeit nicht aus und nahmen sich das Leben. Nur sehr wenige traten nach 1989 ihren Opfern oder der Öffentlichkeit gegenüber und baten um Entschuldigung.

Teil 2

Die Stasi-Machenschaften haben Gott sei Dank ihr Ende gefunden. Aber der Frage von Schuld und Verantwortung kann keiner entrinnen. Ich denke, das ist eine Frage, die jedem von uns gut vertraut ist. Wir alle kennen Schuld. Manchmal sind wir Opfer geworden, manchmal waren wir schuldig. Der eine handelt unüberlegt. Die andere voll Berechnung und mit Plan. Wir alle sind in schuldhafte Beziehungen verstrickt. Wir kennen Betrug, manchmal sogar Gewalt. Wir wissen, wie sie zu benutzen sind: Worte, die verletzen. Taten, die wehtun. Gegenüber Fremden und Bekannten, selbst gegenüber dem eigenen Ehepartner oder den Kindern. Es ist meist sehr schwer, sich selbst einzugestehen: Ich bin schuldig geworden. Noch schwerer ist es, darüber zu sprechen. So oft hört man: „Ich war’s doch gar nicht.“ Oder: „Das ist halt so passiert.“ Aber was man verschweigt, ist ja trotzdem da und liegt einem auf der Seele. Wenn man darüber reden könnte, würde es vielleicht leichter.

Eine Möglichkeit, mit dem Ehrlichsein zu beginnen, ist das Gebet. Vor Gott kann ich alles Falsche und Misslungene aussprechen. Schon dadurch wird manches leichter. Ich kann Gott bitten und hoffen, dass er in Segen verwandelt, was mir die Kehle zuschnürt. Und dann spüre ich, dass ich mich mit seiner Hilfe verändern kann und nicht der Alte bleiben muss. Ich glaube: Wenn wir den Mut haben, Fehler einzugestehen, können wir gut zu-sammen leben. Wenn wir ein großes Herz haben und bereit sind, anderen zu vergeben! Wir gemeinsam können auf Gottes große Barmherzigkeit vertrauen und dürfen selber barmherzig sein.

In dem Film „Das Leben der Anderen“ erfahren wir, dass Versöhnung möglich ist, auch über große Schuld hinweg: Der Stasi-Mann kann in dem Film irgendwann nicht mehr weiter. Statt das Paar pflichtgemäß zu überwachen, fälscht er die Abhörprotokolle und schützt sie. Er hat nicht den Mut, direkt auf seine Opfer zuzugehen und sie um Verge-bung zu bitten. Aber mit seinem Tun kehrt er um und zeigt Reue. Das hilft dem bespitzelten Schriftsteller, seine Verzweiflung zu überwinden. Vorher war er wie gelähmt und konnte nicht mehr schreiben. Doch nun ist der Damm gebrochen. Er weiß nun: Da war in aller Schuld einer, der sich verändert hat. Der Schriftsteller widmet sein neues Buch dem unbekannten Stasi-Mann. Damit ist nicht auf einmal alles gut. Beide Männer tragen wei-ter an dem Unrecht und der Schuld der Vergangenheit. Aber es ist ein Zeichen der Ver-söhnung, und sie können leben.

Ich meine, solche Zeichen können auch wir setzen. Die Tochter anrufen: „Du, was ich dir immer schon mal sagen wollte...“ Dem ehemaligen Kollegen einen Brief schreiben: „Ich war unfair dir gegenüber...“ Den Ehepartner um Verzeihung bitten. Das kann, so schwer es ist, wirklich eine Erleichterung sein. Und denen, die es hören, denen tut es gut. Nicht immer wird es zu Vergebung und Versöhnung kommen. Aber die Schuld – sie wiegt leich-ter, wenn sie einmal ausgesprochen wurde. Und dass Menschen einander verzeihen – das gibt es wahrlich nicht nur im Film! https://www.kirche-im-swr.de/?m=5384
„Kinder sind auf der Welt, um glücklich zu sein.“ Wer möchte diesem Wunsch nicht zustimmen? Doch die Realität ist oft nicht so, wie wir sie Kindern wünschen.

Teil I

Kinder sind ein Schatz. Manchmal anstrengend. Oft ansteckend fröhlich. Mit ihrem Schreien und Lachen, Weinen und Rufen. Es macht Spaß, gemeinsam mit ihnen die Welt neu zu entdecken. Sarah sagt über ihren kleinen Bruder, der noch im Wagen liegt: „Er hat noch so unabgelaufene Füße.“ Ja, so sehen sie tatsächlich aus, diese kleinen Fußsohlen. Noch ganz unbenutzt. Wer weiß, auf welchem Boden sie im Laufe der Jahre stehen werden. Welche Wege werden diese Füße noch alles zurücklegen! Natürlich wünschen wir dem kleinen Menschen alles Glück der Welt. Doch wir müssen auch erkennen, dass unsere Gesellschaft nicht gerade kinderfreundlich ist. Sie werden Beispiele dafür kennen, genau wie ich. Manche Paare wollen deshalb gar keine Kinder mehr aufziehen. Sie meinen: „Das ist zu schwierig in unserem Land. Kinder sind hier nicht erwünscht.“ Schade!

Eigentlich ist es nicht so schwer, Kinder glücklich zu machen. Wenn man sie fragt, oder ein Bild malen lässt, dann erzählen sie von einem Spielplatz voller Kinder. Sie malen ein Haus mit rauchendem Schornstein, mit Garten, in dem Blumen blühen. Im Garten spielen sie mit Vater und Mutter und ihren Geschwistern. Sie möchten nicht allein sein, heißt das. Sie wünschen sich andere Kinder und Erwachsene, die mit ihnen leben.

Natürlich ist es manchmal anstrengend mit diesen lauten, quirligen kleinen Wesen. Aber sie und ihre Eltern brauchen unsere Unterstützung. Zum Beispiel ein freundliches Lächeln, wenn im Bus einer schreit als würde die Welt untergehen. Oder eine große Portion Verständnis, wenn auf dem Gehweg ein Kind mit dem Roller angesaust kommt und wir ausweichen müssen.

Außerdem gibt es wirtschaftliche Bedingungen in unserer Gesellschaft, die das Leben für Familien schwer machen. Auch da müssen wir hinschauen und Veränderungen anmahnen. Schon zu biblischen Zeiten waren die Lebensbedingungen für Kinder nicht immer gut. In den Klage-liedern heißt es: „Dem Säugling klebt vor Durst die Zunge an seinem Gaumen; die kleinen Kinder verlangen nach Brot und niemand ist da, der’s ihnen gibt.“ Ich will gar nicht an solche furchtbaren Situationen denken, in denen es tatsächlich so schlimm ist. Mir reicht der Blick auf Olaf, der nie ein Frühstück dabei hat. Mir reicht es zu wissen, das Johannas Mutter jeden Monat nicht weiß, wie sie über die Runden kom-men soll. Mir reicht, dass in Deutschland nur ganz wenige arme Kinder später eine Universität besuchen werden. Hier muss sich konkret etwas ändern. Und wir wollen in diese dunklen Situationen Hoffnung tragen!

Kinder sind auf unsere Hilfe und Unterstützung angewiesen. Vor allem brauchen sie aber Bedingungen, in denen sie sich frei entfalten und fröhlich wachsen können. Dazu muss unser Staat den nötigen Rahmen schaffen, gerade auch für arme Familien. Und dazu können wir alle in unserem privaten Umfeld beitragen! Wenn wir wollen, dass Kinder glücklich sind, müssen wir freundlich mit ihnen umgehen!

Teil II
Sie und ich, was können wir tun, damit Kinder in unseren Städten und Dörfern glücklich leben können? Ich finde drei Schritte besonders wichtig:
Mein erster Schritt heißt: Kinder brauchen Zeit, um glücklich zu sein.
Wer hat schon Zeit für Kinder? Politikerinnen, Väter, Lehrerinnen – Du und ich: haben wir Zeit für Kinder? Oder sagen wir: „Ich habe gerade Wichtigeres zu tun.“? Unser Sohn schob mir einmal, als er noch klein war, ein Blatt unter der Tür hindurch ins Arbeitszimmer. Ich hatte die Tür verschlossen, weil ich eben Wichtiges zu tun hatte. Als ich seine Malerei auf dem Blatt Papier sah, musste ich schmunzeln. Und heute lachen wir gemeinsam über diese Geschichte.

Kinder haben oft ihren eigenen Rhythmus. Und der passt selten in unsere vollen Kalender. Vielleicht können wir ja von den Kindern lernen, dass sich nicht alles um Termine dreht. Wie wäre es, spontan etwas ausfallen zu lassen und dafür gemeinsam Fußball zu spielen? Oder am Wochenende wirklich gemeinsam etwas zu unternehmen, statt dass jeder seins macht?

Mein zweiter Schritt heißt: Kinder brauchen Raum, um glücklich zu sein.
Nur in Freiräumen können sich Kinder entfalten. Sie alle haben ihre ganz eigene Persönlichkeit. Ihre je eigenen Gaben und Wünsche. Ihre Ängste und Möglichkeiten. Manchmal ist es anstrengend, Kinder als Personen ernst zu nehmen. Denn Sarah hat einen ausgeprägten Dickkopf. Und Olaf kann ziemlich ruppig sein. Aber wo wir Kinder einzwängen oder unter eine Norm stellen, verhindern wir ihre Entwicklung.

Zu den Freiräume, die Kinder brauchen, gehören auch ganz konkrete Orte. Im sozialen Brennpunkt einer Stadt tun sich Rentner zusammen und reparieren den Spielplatz. In einem Dorf werden Menschen gesucht, die ehrenamtlich bei der Hausaufgabenhilfe mitarbeiten. Manche Kirchengemeinde fragt sich, wie sie noch mehr für Kinder tun kann. Glück kann sich am besten entfalten, wo wir dafür Orte schaffen.

Mein dritter Schritt heißt: Kinder brauchen Zuwendung, um glücklich zu sein. Jeder Mensch wird dadurch geprägt, wie andere mit ihm umgehen. Kinder erfahren die Welt so, wie wir ihnen begegnen. Mit Wärme und Zuneigung. Oder schroff, wenn wir ihnen die kalte Schulter zeigen. Kinder spüren, dass sie willkommen sind, wenn ich mit ihnen lache oder sie in den Arm nehme. Fast noch wichtiger ist, sie dann zu stützen, wenn sie Schwierigkeiten haben.

Wenn wir ihnen Raum geben, sich zu entwickeln. Und Zuwendung, damit sie unsere Erde als Ort der Geborgenheit erleben. Wenn wir uns für sie Zeit nehmen. Dann wird die Zuversicht und das Selbstvertrauen unserer Kinder gestärkt. Dann können sie sich froh auf den Weg in die Zukunft machen. Wir wissen nicht, wohin sie auf ihren noch ganz unabgelaufenen Sohlen gehen werden. Aber wir wissen, dass sie auf jeden Fall unsere Unterstützung brauchen. Denn Kinder sind auf der Welt, um glücklich zu sein. Auf dass sie alle erfahren: Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben! (Psalm 36,8)

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag – mit Zuversicht für Sie selbst und für die Kinder, die Ihnen begegnen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4702
Teil 1
Wenn ich 65 Jahre alt sein werde, wird man mir sagen: „Hey, du wirst alt!“ Das sagte mir unser Sohn zwar schon, als ich noch Anfang vierzig war. Da habe ich noch gelacht. Inzwischen Mitte fünfzig denke ich: Langsam wird es ernst. Deshalb schaue ich inzwischen genauer hin – und frage mich: Wie geht es denen, die älter werden? Und ich erfahre: Schon heute sind weit über zwanzig Prozent der Menschen in Deutschland über 65 Jahre alt. Im Jahr 2030 werden es 36 Prozent sein, zu denen auch ich gehören werde.

Auch beobachte ich: Die Älteren von heute sind kreativer, aktiver und selbstbewusster, als es die Generationen meiner Eltern und Großeltern waren. Sie haben mehr Spielraum für die Familie, mehr Zeit für Spaziergänge und Konzertbesuche, mehr Möglichkeiten zum Reisen. Davon träume ich schon heute. Viele Alte wollen nicht betreut werden, sondern sich vielmehr auch ehrenamtlich einsetzen für andere. Kaum eine Verabschiedung in den Ruhestand, wo das nicht gesagt wird. Hausaufgabenhilfe für Kinder ausländischer Herkunft, Besuchsdienst im Krankenhaus, Besorgungen für die Nachbarn – ich kenne viele, die das im Alter tun. Und das ist gut so. Mir scheint, das Altwerden ist zuerst ein Geschenk, das ich teilen kann. Altwerden ist nicht eine Bedrohung, die ich verdrängen müsste. Ich kann dankbar sein, dass ich älter werden darf – und ich kann diesen Dank andere spüren lassen. Und bekanntlich ist Alter etwas Relatives und muss nicht altern bedeuten.

Die Geschichten der Bibel sind in dieser Hinsicht reich an Bildern: Hohes Alter ist Geschenk Gottes. Die Bibel rechnet damit, dass man im Alter noch einmal neu aufbrechen kann. Das wird im Alten Testament von Abraham und Sara, Isaak und Jakob erzählt. Die Mütter und Väter im Glauben waren alles andere als verzweifelte Menschen, sondern wurden auch und gerade im Alter immer wieder zu lebenshungrigen, neugierigen und sehnsüchtigen Zeitgenossen. Der Jugend wird im Vierten Gebot mitgegeben, die Alten zu ehren, „auf dass du selbst lange lebest auf Erden“. Und alte Menschen dürfen sich bis heute auf Gottes Zusage verlassen: „Ich will euch tragen, bis ihr grau werdet“ (Jesaja 46, 4). Ich finde es erstaunlich, dass in anderen Kulturen, etwa in Afrika und Asien, das Alter mehr beachtet wird als bei uns in Europa. Die Ältesten verdienen Respekt und Hochachtung, ja man vermutet sie sogar näher bei Gott.

Die biblischen Geschichten verstärken ebenso den Sinn für Gemeinschaft und menschlichen Respekt. Sie machen mir Mut zum Älterwerden. Ich hoffe, dass mir das gelingt, auch als alter Mensch meine neugewonnene Freiheit auszukosten. Dass ich meine Erfahrung als liebevolle Weisheit einbringen kann – und nicht als griesgrämige Besserwisserei. Dass ich rechtzeitig Einfluss und Macht abgeben kann – und nicht denen, die nachkommen, im Wege stehe. Vielleicht geht es am besten, wenn ich mir sage: Ich muss im Alter das Ganze nicht mehr tragen, die Welt geht nicht unter ohne mich. Ich trage das bei, wozu ich noch in der Lage bin und worauf ich Lust habe. Und vor allem finde ich inneren Frieden – Frieden auch mit allem, was ich gerne anders gehabt oder anders gemacht hätte.

Teil 2
Ich schaue mit viel Hoffnung auf das Alter – und ich bin sehr gespannt: Das kann noch einmal viele Möglichkeiten bringen. Aber ich kenne natürlich auch die andere Seite des Alters – das Alter, wenn es schwer wird. Vielleicht werde ich Hilfe brauchen oder gar pflegebedürftig werden. Ich möchte auch dem zuversichtlich entgegensehen können. Deshalb hoffe ich, dass ich meine Autonomie, meine Würde, mein Selbstbewusstsein nicht verliere. Ich möchte selber entscheiden können, was ich brauche und wie ich mich wohlfühle. Auch und gerade dann, wenn ich auf fremde Unterstützung angewiesen bin, möchte ich selbst entscheiden, ob, wie und wann mir geholfen wird. Ich hoffe sehr, dass meine Würde nicht gebeugt wird, wenn ich Hilfe, Fürsorge und Pflege beanspruchen muss.

Wie gut, dass es engagierte Pflegerinnen und Pfleger gibt, die um die Würde des einzelnen Menschen wissen. Aber was wir brauchen, ist mit Geld und Pflegepersonal allein nicht zu machen. Wir brauchen Phantasie und Einfühlungsvermögen. Ich denke an Mehrgenerationenhäuser, wo sich Alt und Jung gemeinsam treffen und einander stützen; kirchliche Gemeindehäuser, in denen demenzkranke Menschen über Tag betreut werden, wie es schon vereinzelt geschieht; mehr Unterstützung für pflegende Angehörige, denn 75 Prozent pflegebedürftiger Menschen werden zu Hause gepflegt. Wie gut, dass sie in den eigenen vier Wänden bleiben können, auch wenn das für die Angehörigen nicht einfach ist.

Ich finde es bewundernswert, dass viele es voll Überzeugung leben und wissen, dass Liebe und Lastentragen zusammengehören. Gewiss, Gott ist die Liebe. Aber vor allem gibt er Kraft, dass wir einander behüten und begleiten können. Das darf nicht zu einer lästigen Nebensache werden. Das ist mein Gebot, sagt Jesus, dass ihr euch untereinander liebt, gleichwie ich euch liebe. Dieses Gebot hört nicht auf, auch nicht, wenn ich älter werde.

Gerade die Älteren haben oft ihre ganz alten Eltern oder sehr alte Verwandte zu betreuen. Sie machen das oft mit viel Liebe und Geduld. Und sie haben auch mehr Zeit dafür als die Jüngeren, die noch für ihre Kinder zu sorgen haben. Viele Senioren stellen sich außerdem zur Verfügung für Besuchsdienste, für Nachbarschaftshilfe und für ehrenamtliche Aufgaben in Kirchengemeinden und Vereinen. Sie singen mit in Chören oder schreiben historische Berichte für ihren Heimatort. Sie sorgen dafür, dass Büchereien funktionieren und einsame Menschen Besuch erhalten.

Das Lieben und das Lastentragen füreinander gehören untrennbar zusammen. Wo es Menschen gibt, die das nicht nur verstehen, sondern auch leben - und dabei in Bewegung bleiben, da muss uns um die Zukunft unseres Miteinanders nicht bange sein. Und plötzlich spüre ich dabei: Wenn ich einmal älter werden darf, kann ich mich daran beteiligen.

Am Ende lebt die Liebe, sie zählt einzig und allein. Sie rechnet sich mehr als alles andere. Von Herzen wünsche ich Ihnen diese Erfahrung. Und mir auch, wenn ich wirklich alt werde. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3536